Es gehört zu den bemerkenswertesten Eigenheiten westlicher Institutionen des frühen 21. Jahrhunderts, dass sie selbst dort politische Neutralität reklamieren, wo sie längst politische Akteure geworden sind. Die Entwicklung vollzieht sich selten in Form großer Revolutionen. Keine Barrikaden werden errichtet, keine Fahnen gehisst, keine Verfassungen verbrannt. Stattdessen entstehen Arbeitsgruppen, Leitlinien, Sensibilisierungspapiere und Diversity-Strategien. Die Sprache der Macht hat ihre Uniform abgelegt und trägt nun das freundliche Namensschild des Inklusionsmanagements. Gerade deshalb wird sie oft übersehen. Was früher als ideologische Einflussnahme gegolten hätte, erscheint heute als Verwaltungsvorgang, als Expertise, als professionelles Bemühen um gesellschaftliche Harmonie. Der moderne Funktionär glaubt nicht mehr, eine Weltanschauung durchzusetzen. Er glaubt, Missverständnisse zu beseitigen. Und doch hinterlässt er eine Weltanschauung, wo immer er tätig wird.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Veröffentlichung eines Papiers durch eine muslimische Polizeivereinigung in Großbritannien weniger wie ein Ausrutscher als vielmehr wie die logische Fortsetzung einer Entwicklung, die seit Jahren zu beobachten ist. Besonders aufschlussreich ist dabei nicht irgendeine Randbemerkung oder eine unglücklich formulierte Fußnote, sondern der ideologische Kern der Argumentation selbst. In dem Papier wird der Zionismus als „eine der Erscheinungsformen des antimuslimischen Hasses“ bezeichnet. Allein dieser Satz verdient einen Ehrenplatz im Museum der politischen Begriffsverwirrung. Die nationale Selbstbestimmungsbewegung des jüdischen Volkes wird nicht etwa kritisiert, hinterfragt oder politisch bekämpft, sondern kurzerhand in eine Erscheinungsform der Islamfeindlichkeit umdefiniert. Es handelt sich um eine intellektuelle Akrobatik, die nur deshalb nicht olympisch wird, weil sie jede Verbindung zur Schwerkraft der historischen Tatsachen verloren hat. Nach dieser Logik wäre die Existenz eines jüdischen Staates bereits ein Akt der Diskriminierung gegen Muslime. Der Zionismus wird damit nicht mehr als politische Bewegung beschrieben, sondern als moralisches Vergehen. Der bemerkenswerte Gedanke besitzt dabei eine gewisse Eleganz, sofern Eleganz als die Fähigkeit verstanden wird, historische, politische und begriffliche Kategorien in einem einzigen Satz vollständig durcheinanderzubringen. Er gleicht dem Versuch, die Französische Revolution als Sonderform der norwegischen Fischereipolitik zu beschreiben. Kühn ist diese These vor allem deshalb, weil sie sich von jeder erkennbaren Beziehung zur Realität emanzipiert hat.
Die Kunst des Begriffsersatzes
Jede Epoche besitzt ihre bevorzugten politischen Werkzeuge. Das 19. Jahrhundert liebte Kanonen. Das 20. Jahrhundert liebte Propaganda. Das 21. Jahrhundert liebt Definitionen. Wer die Begriffe kontrolliert, kontrolliert die moralische Landkarte. Aus diesem Grund wird heute weniger um Tatsachen gestritten als um Vokabeln. Nicht das Ereignis steht im Mittelpunkt, sondern seine sprachliche Verpackung. Das eigentliche Schlachtfeld ist das Wörterbuch.
So entsteht die eigentümliche Vorstellung, dass der Begriff „islamistischer Terrorismus“ problematisch sei, weil er religiös motivierte Hassverbrechen begünstigen könnte. Diese Logik besitzt eine verblüffende Konsequenz. Sie ähnelt dem Vorschlag, künftig auf den Begriff „Mafia“ zu verzichten, weil sich dadurch Sizilianer beleidigt fühlen könnten, oder den Ausdruck „kommunistische Diktatur“ abzuschaffen, um Vorurteile gegen Briefmarkensammler aus der ehemaligen DDR zu vermeiden. Der Gedanke, dass die Benennung eines Phänomens dessen Existenz beschreibt und nicht dessen Ursache erzeugt, scheint dabei gelegentlich verloren zu gehen.
In einer bemerkenswerten Wendung wird die Sprache selbst zum eigentlichen Schuldigen erklärt. Nicht mehr die Ideologie, die Gewalt legitimiert, gilt als Problem, sondern die Bezeichnung dieser Ideologie. Die politische Debatte ähnelt dadurch zunehmend einem Krankenhaus, dessen Verwaltung beschlossen hat, den Begriff „Krebs“ zu verbieten, um die Zahl der Krebspatienten statistisch zu reduzieren. Das Leiden verschwindet nicht, aber die Akten sehen freundlicher aus.
Die Institutionalisierung der Empfindlichkeit
Besonders faszinierend ist die Tatsache, dass solche Positionen nicht mehr ausschließlich von Aktivistengruppen an Universitäten oder in den endlosen Echokammern sozialer Medien vertreten werden. Sie finden ihren Weg in Organisationen, die unmittelbar mit staatlicher Autorität verbunden sind. Dort erhalten sie eine Aura offizieller Legitimität. Aus einer Meinung wird eine Empfehlung. Aus einer Empfehlung wird eine Richtlinie. Aus einer Richtlinie wird ein Fortbildungsmodul. Und ehe sich jemand versieht, wird aus einem politischen Narrativ eine administrative Selbstverständlichkeit.
Die moderne Bürokratie besitzt nämlich eine Eigenschaft, die bereits Karl Kraus mit düsterem Vergnügen beobachtet hätte: Sie kann jede Absurdität in einen Aktenvorgang verwandeln. Was gestern noch wie ein exzentrischer Gedanke erschien, tritt heute in Formularsprache auf und wirkt dadurch plötzlich seriös. Der Stempel ersetzt das Argument. Die Dienstanweisung ersetzt die Debatte. Die Fußnote ersetzt die Vernunft. Dabei entsteht eine eigentümliche Form institutioneller Feigheit. Niemand möchte widersprechen, weil jeder fürchtet, mit dem falschen Etikett versehen zu werden. Das Risiko, als intolerant zu gelten, erscheint größer als das Risiko, Unsinn zu akzeptieren. Die Folge ist eine Kultur der stillen Zustimmung, in der immer mehr Menschen den Kopf schütteln, aber immer weniger den Mund öffnen.
Die Umkehrung aller Begriffe
Noch bemerkenswerter wird die Konstruktion dort, wo die israelische Armee als „zionistische Terroristengruppe“ bezeichnet wird. Hier wird nicht bloß kritisiert, sondern die gesamte semantische Ordnung auf den Kopf gestellt. Die regulären Streitkräfte eines demokratischen Staates werden sprachlich in dieselbe Kategorie eingeordnet wie Organisationen, deren Existenz gerade auf der bewussten Anwendung terroristischer Gewalt gegen Zivilisten beruht. Der Begriff „Terrorismus“ verliert damit jede analytische Bedeutung und verwandelt sich in ein politisches Schimpfwort. Wenn jede militärische Handlung Israels automatisch Terrorismus ist, wird Terrorismus zu einer Frage der Identität statt der Methode. Die Sprache wird nicht mehr zur Beschreibung der Wirklichkeit verwendet, sondern zu deren ideologischer Umgestaltung.
Den eigentlichen Höhepunkt erreicht diese gedankliche Architektur jedoch dort, wo Berichte über die Gräueltaten des 7. Oktober relativiert, bestritten oder in Schutz genommen werden. An diesem Punkt verlässt die Debatte endgültig den Bereich politischer Interpretation und betritt das Reich der apologetischen Geschichtspolitik. Die Massaker, Entführungen, Folterungen und Übergriffe verschwinden nicht vollständig; sie werden lediglich in einen Nebel aus Relativierungen, Zweifeln und Kontextualisierungen gehüllt. Es ist die alte Kunst der moralischen Nebelwerfer: Was nicht geleugnet werden kann, wird problematisiert. Was nicht widerlegt werden kann, wird umgedeutet. Was nicht verschwindet, wird mit ausreichend vielen Fußnoten unsichtbar gemacht.
Die moderne Ideologie zeichnet sich dabei nicht dadurch aus, dass sie Tatsachen ignoriert. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie Tatsachen nach ihrer politischen Nützlichkeit sortiert. Opfer werden bewertet wie Börsenwerte. Manche steigen im Kurs, andere fallen. Manche verdienen Mitgefühl, andere gelten als störende Komplikationen innerhalb einer bevorzugten Erzählung. Das Mitgefühl wird nicht abgeschafft; es wird rationiert. Es folgt nicht mehr universellen Prinzipien, sondern politischen Präferenzen. Das Ergebnis ist eine moralische Buchhaltung, in der Leid nicht nach seinem Ausmaß bewertet wird, sondern nach seiner ideologischen Verwertbarkeit.
Die eigentliche Pointe liegt dabei in einer bitteren Ironie. Während westliche Institutionen unermüdlich Programme gegen Hass, Vorurteile und Diskriminierung entwickeln, entstehen innerhalb ihrer eigenen Strukturen Narrative, die ausgerechnet die nationale Befreiungsbewegung der Juden zur Form des Hasses erklären, die Armee eines jüdischen Staates als Terrororganisation bezeichnen und terroristische Verbrechen mit bemerkenswerter Großzügigkeit relativieren. Es ist jene eigentümliche Form moralischer Verkehrung, die George Orwell sofort erkannt hätte: Nicht die Tatsachen werden bestritten, sondern die Bedeutung der Worte wird verändert, bis die Tatsachen ihre Orientierung verlieren. Am Ende steht eine Welt, in der die Begriffe noch dieselben sind, aber alles, was sie einst bezeichnet haben, verschwunden ist.
Die Republik der therapeutischen Begriffe
Die eigentliche Tragik liegt jedoch tiefer. Hinter all diesen Debatten steht eine Gesellschaft, die zunehmend davon überzeugt ist, Konflikte durch Sprachmanagement lösen zu können. Begriffe werden behandelt wie Arzneimittel. Wird das richtige Wort gefunden, so die Hoffnung, verschwinden auch die zugrunde liegenden Probleme. Die Realität zeigt sich leider wenig kooperativ. Terrorismus bleibt Terrorismus, unabhängig davon, welche semantische Verpackung gewählt wird. Antisemitismus verschwindet nicht dadurch, dass er umbenannt wird. Politischer Extremismus verliert seine Gefährlichkeit nicht, weil seine Bezeichnung als verletzend empfunden wird.
So entsteht das Bild einer Zivilisation, die sich in einer bemerkenswerten historischen Situation befindet. Noch nie verfügten Institutionen über so viele Kommunikationsabteilungen, Diversity-Beauftragte, Sensibilisierungsexperten und Leitlinienredakteure. Und noch nie schienen sie gleichzeitig so große Schwierigkeiten zu haben, offensichtliche Tatsachen klar zu benennen. Die Sprache wird immer komplizierter, während die Wirklichkeit immer deutlicher wird.
Vielleicht ist dies die eigentliche Ironie der Gegenwart. Ausgerechnet jene Institutionen, die geschaffen wurden, um Ordnung in die Welt zu bringen, geraten zunehmend in Versuchung, die Welt den Bedürfnissen ihrer Begriffe anzupassen. Die Realität erscheint dabei als störender Verwaltungsfehler. Doch die Geschichte besitzt die unangenehme Angewohnheit, sich nicht dauerhaft in Formulare eintragen zu lassen. Irgendwann kehrt sie zurück, klopft an die Tür des Sitzungsraums und erinnert daran, dass Tatsachen eine längere Lebensdauer besitzen als Leitlinien.