Wenn ein Land größer ist als seine Erklärer

Es gibt jene seltenen Abende, an denen sich ein Gemeinwesen daran erinnert, dass es existiert – nicht als Schlagzeile, nicht als dramaturgisch geordnetes Studioprodukt, sondern als Summe von Entscheidungen, die weder vorformuliert noch nachträglich korrigiert werden wollen. Es sind Abende, an denen die Urnen sprechen, und die Sprache ist unerquicklich schlicht: Ja oder Nein, Zustimmung oder Ablehnung, Hoffnung oder Abrechnung. Die demokratische Praxis, sonst gerne in wohltemperierten Sonntagsreden beschworen, tritt dann aus ihrer Vitrine und verlangt nichts weiter als Respekt. Gerade in diesem Moment zeigt sich jedoch ein eigentümliches Unbehagen jener Instanzen, die sich selbst als Vermittler des Politischen begreifen. Wenn das Ergebnis nicht der Erwartung folgt, beginnt die Deutung, und mit ihr jene feine Verschiebung von Berichterstattung zu Belehrung, die sich wie ein kaum wahrnehmbarer Riss durch das Gewebe der Öffentlichkeit zieht.

Das Missverständnis der Rolle

Es gehört zu den paradoxen Erscheinungen der Gegenwart, dass ausgerechnet jene, die sich auf Neutralität berufen, am schwersten mit der Neutralität des Ergebnisses zurechtkommen. Die Kamera läuft, das Licht ist gesetzt, die Fragen sind vorbereitet – doch die Antworten, die aus dem Souverän kommen, halten sich nicht an das Drehbuch. Was folgt, ist kein offener Konflikt, sondern eine subtilere Form der Korrektur: das Ins-Wort-Fallen, das Nachschärfen, das insistierende Einordnen, bis aus einer Aussage ein pädagogischer Anlass wird. Moderation verwandelt sich in Moderieren im eigentlichen Sinne, nämlich im Dämpfen dessen, was als zu laut, zu deutlich, zu unpassend empfunden wird. Der Wahlsieger erscheint nicht mehr als Ergebnis eines Prozesses, sondern als Problem, das erklärt, relativiert, eingehegt werden muss. Man hat fast den Eindruck, als müsse sich der Erfolg rechtfertigen, als sei das Votum ein Missverständnis, das im Studio behutsam korrigiert werden kann.

Die stille Hybris der Einordnung

In diesem Gestus liegt weniger Bosheit als Gewissheit – eine Gewissheit, die sich selbst nicht mehr als solche erkennt. Wer einordnet, nimmt für sich in Anspruch, über den Dingen zu stehen; wer bewertet, erhebt sich unmerklich über das, was er beschreibt. Die Grenze zwischen Analyse und Urteil ist dabei fließend, und sie wird umso leichter überschritten, je stärker der Glaube an die eigene Notwendigkeit ist. Der öffentliche Raum wird nicht mehr als Ort des Streits begriffen, sondern als Raum der richtigen Einordnung. Stimmen werden nicht widerlegt, sondern sortiert: in verständliche, in erklärungsbedürftige, in solche, die man gelten lässt, und solche, die man mit einem vorsichtigen Stirnrunzeln versieht. Das ist kein offener Angriff auf die Demokratie, sondern eine leise Umdeutung ihrer Spielregeln, bei der das Ergebnis nicht mehr nur berichtet, sondern moralisch gewichtet wird.

Zwischen Hochrechnung und Moralpredigt

Die Geschwindigkeit, mit der an solchen Abenden Zahlen in Narrative verwandelt werden, ist bemerkenswert. Kaum liegt eine Hochrechnung vor, folgt die Einordnung, kaum die Einordnung, folgt die Bewertung. Zwischen dem nüchternen Ergebnis und der moralischen Interpretation bleibt kein Atemzug, keine Pause, kein Raum für das bloße Dasein einer Entscheidung. Es ist, als könne ein Resultat nicht für sich stehen, als bedürfe es stets eines Kommentars, der ihm den richtigen Platz zuweist. Dabei entsteht jene eigentümliche Doppelbewegung: Einerseits wird das hohe Gut der Wahlbeteiligung beschworen, andererseits wird das konkrete Ergebnis mit sichtlicher Skepsis betrachtet, sofern es nicht den impliziten Erwartungen entspricht. Die Demokratie wird gefeiert – solange sie sich benimmt.

Der Souverän als pädagogischer Fall

Besonders irritierend ist die Tendenz, das Votum nachträglich zu psychologisieren. Der Wähler erscheint nicht mehr als handelndes Subjekt, sondern als Objekt der Erklärung: verunsichert, fehlgeleitet, emotional, anfällig. Diese Perspektive mag gut gemeint sein, sie trägt jedoch einen Preis. Wer erklärt, warum jemand so gewählt hat, wie er gewählt hat, verschiebt die Verantwortung von der Entscheidung auf deren vermeintliche Ursachen. Das Ergebnis wird damit entwertet, ohne dass es offen infrage gestellt werden müsste. Die Bürger werden nicht widersprochen, sondern verstanden – eine Form der Entmündigung, die sich höflich gibt und gerade deshalb schwer zu greifen ist. Demokratie wird so zur Angelegenheit der Interpretation, nicht mehr der Entscheidung.

Die Ökonomie der Kränkung

Hinter dieser Dynamik verbirgt sich nicht selten ein institutionelles Interesse, das selten offen benannt wird. Ein Mediensystem, das sich als unverzichtbarer Vermittler versteht, reagiert empfindlich auf jede Form von Kontrollverlust. Wenn die Realität sich nicht in die vertrauten Raster fügt, entsteht eine leise Kränkung, die sich in gesteigerter Deutungslust äußert. Das Geschehen wird nicht mehr nur beobachtet, sondern kommentierend begleitet, als müsse man sich selbst versichern, noch Teil des Prozesses zu sein. Der Blick richtet sich weniger auf das Land als auf die eigene Rolle darin. Was als Analyse erscheint, ist mitunter Selbstvergewisserung.

Die verkehrte Hierarchie

Dabei gerät eine grundlegende Ordnung ins Wanken. In einer funktionierenden Demokratie steht das Votum am Anfang und die Interpretation am Ende. Wird diese Reihenfolge umgekehrt, entsteht ein schiefes Bild: Die Deutung eilt dem Ergebnis voraus, das Ergebnis muss sich in die Deutung einfügen. Die Hierarchie verschiebt sich, ohne dass sie offen infrage gestellt würde. Wer nach der Wahl richtet, stellt sich über den Akt des Wählens; wer das Ergebnis pädagogisch einordnet, erhebt sich über jene, die es hervorgebracht haben. Es ist ein feiner, aber folgenreicher Unterschied, ob man berichtet, was ist, oder erklärt, was davon zu halten ist.

Die eigentliche Niederlage

Am Ende solcher Abende bleibt ein eigentümlicher Eindruck zurück. Nicht das Ergebnis wirkt problematisch, sondern der Umgang damit. Die Bürger haben entschieden, die Politik wird reagieren müssen – das ist der einfache, robuste Kern der Demokratie. Was darüber hinausgeht, ist Deutung, und Deutung ist legitim, solange sie sich ihrer eigenen Grenzen bewusst bleibt. Wird sie jedoch zur dominierenden Perspektive, verwandelt sich der große Moment der Selbstbestimmung in einen Fall für die mediale Nachbearbeitung. Die eigentliche Niederlage liegt dann nicht im Ausgang der Wahl, sondern im Unvermögen, ihn stehen zu lassen.

Ein leiser Vorschlag

Vielleicht wäre weniger an solchen Abenden tatsächlich mehr. Weniger Einordnung, mehr Darstellung; weniger Urteil, mehr Zuhören; weniger Drang zur Korrektur, mehr Bereitschaft zur Irritation. Die Demokratie braucht keine Dolmetscher, die ihr erklären, was sie gesagt hat. Sie spricht eine klare Sprache, gerade dann, wenn sie unbequem wird. Wer diese Sprache ernst nimmt, wird sie nicht sofort übersetzen wollen. Und wer ihr vertraut, wird es aushalten, dass sie nicht immer gefällt. In diesem Aushalten liegt eine Form von Respekt, die weder laut noch spektakulär ist, aber umso notwendiger.

Schluss ohne Pointe

So bleibt am Ende kein großes Pathos, sondern eine schlichte Feststellung: Ein Land ist größer als seine Sender. Es ist widersprüchlicher, unberechenbarer, gelegentlich auch unbequemer. Es passt nicht in jedes Raster, und es braucht keine Erlaubnis, so zu sein. Wer darüber berichtet, hat die Aufgabe, dies sichtbar zu machen – nicht es zu ordnen. Alles andere mag klug klingen, doch es verfehlt den Kern. Und dieser Kern ist erstaunlich robust: Menschen gehen wählen, treffen Entscheidungen und erwarten, dass diese gelten. Was ist daran verwerflich. Vielleicht nichts. Vielleicht genau das, was eine Demokratie ausmacht.

Hat die Linke hat ein Antisemitismusproblem?

Nein, sie hat kein Problem mit Antisemitismus.

Hat die Linke ein Antisemitismusproblem? Die Frage selbst verrät bereits eine fundamentale Fehlannahme, denn sie unterstellt, es handele sich um eine Störung, um einen Fremdkörper, um etwas, das man diagnostizieren, behandeln oder gar beseitigen müsste. Weit gefehlt. Die Linke hat kein Problem mit Antisemitismus – sie hat ihn vielmehr so gründlich assimiliert, so kunstvoll in den eigenen ideologischen Haushalt eingegliedert, dass er längst zur selbstverständlichen Grundausstattung gehört, vergleichbar dem moralischen Zeigefinger oder dem unerschütterlichen Glauben an die eigene Überlegenheit. Was Außenstehende als Problem wahrnehmen, erscheint den Eingeweihten als konsequente Haltung, als notwendige Konsequenz aus der Analyse von Imperialismus, Kolonialismus und kapitalistischer Unterdrückung. Der Jude, einst der ewige Sündenbock der Rechten, ist hier zum Symbol des Unterdrückers mutiert, zum Agenten eines Systems, das man bekämpft, und Israel zur Projektionsfläche aller Übel der Welt. Wer hier von einem Problem spricht, verkennt die Eleganz, mit der der alte Hass in den neuen Sprachgebrauch übersetzt wurde: aus „Juden raus“ wurde „From the river to the sea“, aus dem offenen Pogromruf die feinsinnige Kritik am Zionismus, aus dem Rassenhass die antirassistische Pflichtübung. Die Linke hat kein Antisemitismusproblem – sie hat den Antisemitismus zum Teil ihrer Identität gemacht und genießt die moralische Überlegenheit, die sich daraus speist

.Die kunstvolle Verleugnung als höchste Form der Bejahung

Wer genauer hinsieht, entdeckt in dieser Haltung eine fast schon bewundernswerte Konsequenz. Während andere politische Lager sich noch mit peinlichen Abgrenzungen und resoluten Verurteilungen abplagen, hat die Linke den Schritt zur totalen Integration vollzogen. Antisemitische Ausfälle auf Demonstrationen, die Verherrlichung von Terrororganisationen, die systematische Gleichsetzung israelischer Selbstverteidigung mit Genozid – all das wird nicht als Makel empfunden, sondern als Ausdruck authentischer Solidarität mit den Unterdrückten. Die Partei, die in Berlin soeben die Wahlen gewann und sich als parlamentarische Vertretung eben jener Straßenproteste versteht, die mit „Yallah-Intifada“-Rufen und israelischen Fahnenverbrennungen die Hauptstadt bereichern, sieht darin kein Problem, sondern eine Stärke. Wer den Antisemitismus problematisiert, wird selbst zum Problem erklärt: zum Agenten imperialistischer Interessen, zum Verteidiger kolonialer Strukturen, zum Verräter an der gerechten Sache. Die Ironie erreicht hier eine literarische Höhe, die kaum zu überbieten ist. Denn während man sich als antifaschistisch und weltoffen geriert, pflegt man einen Judenhass, der in seiner Unverfrorenheit den alten Mustern in nichts nachsteht – nur dass er diesmal im Gewand der Menschenrechte und der internationalen Solidarität daherkommt. Die Linke hat kein Problem mit Antisemitismus, weil sie den Antisemitismus längst nicht mehr als solchen erkennt. Er ist Teil des Programms, Teil der Identität, Teil jener moralischen Selbstgewissheit, die jede Kritik als rechten Angriff abtut.

Der Triumph der selektiven Blindheit

Besonders erhellend wird diese Haltung, wenn man die selektive Blindheit betrachtet, mit der hier operiert wird. Gegen Rechtsextremismus und offenen Rassismus formiert man sich blitzschnell, mobilisiert die Straße, fordert Verbote und Beobachtungen durch den Verfassungsschutz. Doch sobald der Hass aus den eigenen Reihen kommt, aus den Milieus der Migranten und der wohlstandsverwahrlosten Akademikerkinder, die den Israelhass als Lifestyle pflegen, verstummt die Empörung und weicht dem verständnisvollen Nicken. Judenfeindlichkeit wird dann zur „Kritik an der israelischen Politik“ umetikettiert, die Auslöschungsfantasien zum legitimen Widerstand, die Terrorverherrlichung zur emotionalen Überreaktion der Opfer. Die Linke hat kein Antisemitismusproblem – sie hat ein Wahrnehmungsproblem, das so gründlich trainiert wurde, dass es bereits zur zweiten Natur geworden ist. In Berlin, wo die Partei als stärkste Kraft hervorging, und in den Universitätsaudits, wo israelische Dozenten und jüdische Studierende systematisch ausgegrenzt werden, zeigt sich diese Haltung in Reinkultur: Man hat den Antisemitismus nicht etwa überwunden, man hat ihn nur umbenannt und damit salonfähig gemacht. Wer hier noch von einem Problem spricht, offenbart lediglich, dass er die Regeln des neuen Diskurses nicht verstanden hat. Die Linke hat den Judenhass so geschickt in ihre Erzählung vom Kampf gegen Unterdrückung eingefügt, dass er nun als emanzipatorischer Akt erscheint – und wer das anzweifelt, steht selbst unter Verdacht.

Die selbstgerechte Gelassenheit der Unbelehrbaren

Am Ende enthüllt sich in dieser Haltung eine Form der Selbstgerechtigkeit, die beinahe schon humoristisch anmutet, wäre sie nicht so konsequent und so gefährlich. Die Linke hat kein Antisemitismusproblem, weil sie den Antisemitismus als notwendiges Übel im Kampf um eine bessere Welt akzeptiert hat – oder genauer: weil sie ihn gar nicht mehr als Übel empfindet. Er ist Teil jener größeren Erzählung, in der Israel der ewige Aggressor ist, die Juden die privilegierten Täter und der eigene Hass die moralische Pflicht. Während man sich als Hüter der Menschenwürde geriert, toleriert man die systematische Delegitimierung des jüdischen Staates und die Einschüchterung jüdischer Bürger im eigenen Land. Die Satire schreibt sich hier beinahe von selbst: Eine politische Strömung, die den Faschismus bekämpft und zugleich dessen Judenhass in modernisierter Form pflegt, die die Geschichte beschwört und gleichzeitig deren Lektionen ignoriert, die „Nie wieder“ skandiert und zugleich die Bedingungen für ein erneutes „Wieder“ schafft. Die Linke hat kein Problem mit Antisemitismus – und genau das ist das Problem. Denn wer den alten Hass so gründlich normalisiert hat, dass er nicht einmal mehr als solcher erkannt wird, der hat nicht nur die Moral, sondern auch den letzten Rest an intellektueller Redlichkeit preisgegeben. Und während draußen die Straßen von den alten Rufen in neuem Gewand widerhallen, bleibt die Linke bei ihrer ruhigen Gewissheit: Ein Problem? Keineswegs. Man hat den Antisemitismus endlich dorthin gebracht, wo er hingehört – mitten ins eigene Herz.

Der unsterbliche Trainer im ewigen Abstiegskampf

In der gnadenlosen Welt des Fußballs würde ein Trainer namens Fritze mit Ergebnissen wie jenen, die die CDU soeben in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin eingefahren hat, längst der Vergangenheit angehören. Ein historisches Ausscheiden aus dem Landesparlament hier, eine krachende Niederlage gegen die Linke dort – das wären in der Bundesliga die klassischen Signale für die berüchtigte Trainerentlassung am Montagmorgen, begleitet von den üblichen Phrasen über mangelnde Identifikation der Mannschaft, fehlende Antworten auf die Fragen des Gegners und die Notwendigkeit eines frischen Kurses. Doch in der erhabenen Sphäre der Bundespolitik gilt ein anderes Regelwerk: Hier darf der Trainer weiter agieren, die Pressekonferenz abhalten, die eigene Unfähigkeit diagnostizieren und zugleich verkünden, man werde nun intensiv beraten, wie man wieder zu alter Stärke zurückfinde. Fritze Merz, der Kanzler, der soeben zugegeben hat, die Bevölkerung nicht mehr zu erreichen und auf zu viele Fragen keine zufriedenstellenden Antworten mehr zu haben, genießt den Luxus einer Atempause, die keinem Fußballcoach jemals gewährt würde. Während draußen die Fans – vulgo: die Wähler – bereits in Scharen zu den radikalen Rivalen abwandern und die Tribünen der Mitte leerer werden, bleibt der Trainer auf der Bank sitzen, gestützt von einer Vereinsführung, die beteuert, man stehe hinter ihm, und von der tröstlichen Erkenntnis, dass ein geeigneter Nachfolger ohnehin noch nicht in Sicht sei.

Die Kunst, Niederlagen als historische Aufgabe zu verkaufen

Ein Fußballtrainer Fritze wäre mit diesen Ergebnissen längst Geschichte – und zwar nicht etwa, weil man ihm persönliche Fehler vorwürfe, sondern weil die Bilanz unerbittlich spricht. In Mecklenburg-Vorpommern flog die stolze Mannschaft erstmals aus dem Wettbewerb, in Berlin wurde sie von einem Gegner überholt, den man jahrelang als ideologischen Abschaum behandelt hatte. Doch statt der unvermeidlichen Konsequenz folgt die große Kraftanstrengung: Man müsse und werde wieder zusammenfinden, die Koalition arbeite weiter, es sei die historische Aufgabe, das Land fit für die Zukunft zu machen. Man habe schon gute Sachen erreicht, aber das reiche noch nicht. Stabilität und ein klarer Kurs seien wichtig, doch unzureichend. Grundsätzliche und langfristige Fragen stünden an, intensive Beratungen würden folgen. Eine Volkspartei sei man nur noch in Teilen – und genau diese Teile wolle man nun retten, als handle es sich um eine lädierte Abwehrkette, die mit ein paar taktischen Umstellungen wieder standfest werde. Die Ironie erreicht hier Höhen, die selbst den gewieftesten Stadionsprechern die Sprache verschlagen würden: Der Trainer gibt öffentlich zu, dass seine Strategien nicht mehr greifen, dass die Mannschaft den Anschluss verloren hat, und kündigt dennoch an, man werde den Kurs korrigieren, ohne die Bank zu verlassen. Internationale Beobachter sprechen bereits von düsterer Symbolkraft und einem äußerst unbeliebten Chef, der um sein Überleben kämpft; im Paralleluniversum der deutschen Politik hingegen wird die nächste Pressekonferenz vorbereitet, bei der man die Schande des Antisemitismus beklagt, während man selbst mit administrativer Geste Juden zu Ausländern erklärt und damit die moralische Glaubwürdigkeit weiter erodiert.

Die Schande auf dem Platz und die Tränen auf der Bank

Besonders pikant wird die Szenerie, wenn der Trainer zum Schluss noch über die Zustände in der Hauptstadt spricht und den radikalen Antisemitismus geißelt, der dort teilweise mit Beifall begrüßt werde. Das verstöre ihn zutiefst, die Unsicherheit der Juden sei die schwerste Hypothek, was auf den Straßen passiere, sei eine Schande für Deutschland. Gesprochen von einem Mann, der soeben Juden zu Ausländern erklärt hat, entfalten diese Worte eine Zynismusdichte, die jeden Fußballfan vor Neid erblassen ließe. Denn während man auf dem Platz die eigenen Niederlagen kassiert und die Fans den Rivalen zulaufen, nimmt sich der Trainer die Freiheit, moralische Tränen zu vergießen – und übersieht geflissentlich, dass er selbst mit bürokratischer Kaltschnäuzigkeit jene Grenze neu gezogen hat, die den Boden für Ausgrenzung bereitet. Ein Fußballtrainer Fritze wäre mit diesen Ergebnissen längst Geschichte, doch hier darf er weiterregieren, gestützt von der Parteispitze, die von Rücktrittsforderungen nichts wissen will, und von der tröstlichen Tatsache, dass Wüst und Söder sich untereinander nicht besonders gut verstehen. Die Basis mag murren, erste Stimmen fordern den Abgang, weil der Mann weder Exekutive noch Kommunikation beherrsche – doch die Vereinsführung hält die Stellung, das Kabinett sei handlungsfähig, und man habe immerhin noch ein halbes Jahr Zeit, bevor die nächsten entscheidenden Spiele in Saarland, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Bremen und Niedersachsen anstehen.

Die Atempause des Unabsetzbaren

Was derzeit für den Verbleib des Trainers spricht, ist eben jene Atempause, in der er Vertrauen zurückgewinnen und das Reformpaket gegen innere Widerstände durchsetzen müsse. Daran werde man ihn messen. Sollte es schiefgehen, würde die Trainerfrage erneut gestellt – und dann möglicherweise anders beantwortet. In diesem Szenario entfaltet sich die ganze Tragikomödie der politischen Bundesliga: Ein Trainer, der zugibt, keine Antworten mehr zu haben, kündigt konkrete Vorschläge an, wie die Mannschaft wieder Volkspartei werde; eine Führung, die soeben die tiefste Demütigung ihrer Geschichte erlitten hat, versichert, hinter ihm zu stehen; und ein Chef, der den Antisemitismus als Schande geißelt, während er selbst Juden zu Ausländern erklärt und damit die eigene Entrüstung ad absurdum führt. Die Satire schreibt sich beinahe von selbst. Denn während man im Paralleluniversum intensiv berät und Kraftanstrengungen beschwört, erodiert draußen weiter jene Mitte, die man angeblich retten will, und die Glaubwürdigkeit eines Mannes, der mit der einen Hand Zugehörigkeit abspricht und mit der anderen Unsicherheit beklagt, zerfällt zu einem Lehrstück über die Kunst der politischen Selbstentlarvung. Ein Fußballtrainer Fritze wäre mit diesen Ergebnissen längst Geschichte – in der Politik hingegen darf er weiter auf der Bank sitzen, die nächste Niederlage abwarten und dem Publikum erklären, man werde nun endlich den Kurs korrigieren. Die Fans haben bereits abgestimmt, die Rivalen jubeln, und auf der Bank bleibt es still, bis auf das leise Murmeln der Selbstbeschwörungen und die feierliche Ankündigung, man sei noch lange nicht am Ende.

Die Metropolen und ihre Versuchungen

„First we take Manhattan, then we take Berlin“, sang einst Leonard Cohen, und fügte, mit jener trockenen Ironie, die ihm eigen war, hinzu, es handle sich um ein „Terroristen-Lied“. Gemeint war weniger ein Aufruf als eine Diagnose: die eigentümliche Faszination, die von kompromisslosen, radikalen Haltungen ausgeht, von jener ästhetisierten Entschiedenheit, die in Zeiten der Unübersichtlichkeit wie ein Versprechen wirkt. Es ist die Sehnsucht nach Klarheit in einer Welt, die sich in Grautönen verliert – eine Sehnsucht, die sich, kaum bemerkt, in die politischen Kulturen der großen Metropolen eingeschlichen hat. Manhattan und Berlin, jene urbanen Bühnen der Selbstvergewisserung des Westens, erscheinen plötzlich weniger als Orte der liberalen Selbstgewissheit denn als Resonanzräume für Narrative, die einst als randständig galten und nun mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit den Ton angeben.

Die Ästhetik der Radikalität

Radikalität besitzt, bei aller inhaltlichen Fragwürdigkeit, einen unbestreitbaren ästhetischen Reiz. Sie ist klar, sie ist laut, sie kennt keine Zweifel – Eigenschaften, die in einer politischen Landschaft, die sich gern in differenzierten Abwägungen verliert, wie ein Kontrastmittel wirken. Postkoloniale Diskurse, die ursprünglich als kritische Reflexion historischer Machtverhältnisse entstanden, haben sich in Teilen zu einer Rhetorik verdichtet, die weniger analysiert als moralisch auflädt. Aus der notwendigen Kritik wird eine Pose, aus der differenzierten Betrachtung ein moralisches Schwarz-Weiß-Gemälde. In diesem Prozess entsteht eine bemerkenswerte Verschiebung: Nicht mehr die Komplexität der Realität steht im Zentrum, sondern die Klarheit der Haltung. Dass diese Haltung gelegentlich in eine seltsame Nachsicht gegenüber extremistischen Positionen umschlägt, wird dabei selten als Widerspruch wahrgenommen, sondern eher als Ausdruck konsequenter Parteinahme.

Die Metropole als Bühne

Metropolen haben schon immer eine besondere Affinität zu solchen Verschiebungen gehabt. Sie sind Verdichtungsräume von Ideen, Experimentierfelder für soziale und politische Konzepte, aber auch Bühnen, auf denen sich intellektuelle Moden mit erstaunlicher Geschwindigkeit verbreiten. Manhattan und Berlin sind in diesem Sinne weniger geografische Orte als symbolische Räume, in denen sich gesellschaftliche Trends exemplarisch verdichten. Hier wird ausprobiert, was anderswo noch undenkbar erscheint, hier werden Begriffe neu definiert und Grenzen verschoben. Dass dabei gelegentlich auch Positionen salonfähig werden, die einst als extrem galten, gehört zur Logik dieser Dynamik. Die Metropole testet die Grenzen – und verschiebt sie, wenn sie sich als dehnbar erweisen.

Die Dialektik der Parteinahme

Besonders auffällig ist die Dialektik, die sich aus der moralischen Aufladung politischer Debatten ergibt. Wer sich als Anwalt der Unterdrückten versteht, gerät leicht in die Versuchung, jede Opposition gegen vermeintliche Machtstrukturen reflexhaft zu unterstützen – unabhängig von deren eigener ideologischer Verfasstheit. In dieser Logik wird der Gegner des Gegners zum Verbündeten, selbst wenn dessen Positionen mit den eigenen Grundwerten schwer vereinbar sind. Es ist eine alte dialektische Falle, die bereits in anderen historischen Kontexten zu beobachten war, nun jedoch in neuem Gewand auftritt. Die Rhetorik der Befreiung verbindet sich mit einer erstaunlichen Blindheit gegenüber den Implikationen der eigenen Allianzen.

Die Sprache als Schlachtfeld

Ein zentraler Schauplatz dieser Entwicklung ist die Sprache. Begriffe werden neu besetzt, Bedeutungen verschoben, Konnotationen umgedeutet. Was früher eindeutig war, wird plötzlich relativiert; was einst als extrem galt, erscheint nun im Licht einer differenzierten Kontextualisierung. Diese semantische Verschiebung ist kein Zufall, sondern Teil eines umfassenderen kulturellen Prozesses, in dem Deutungshoheit zur entscheidenden Ressource wird. Wer die Begriffe definiert, bestimmt den Rahmen der Debatte. In diesem Rahmen kann selbst das Paradoxe plausibel erscheinen, solange es sprachlich geschickt verpackt ist.

Die Ironie der Selbstgewissheit

Die vielleicht größte Ironie dieser Entwicklung liegt in der Selbstgewissheit, mit der sie vorgetragen wird. Die Metropolen inszenieren sich weiterhin als Bastionen der Aufklärung, der Toleranz und der offenen Gesellschaft, während sich gleichzeitig Diskurse etablieren, die diese Werte auf eine harte Probe stellen. Es ist eine Form der kognitiven Dissonanz, die erstaunlich stabil wirkt: Man hält an den eigenen Idealen fest, während man sie in der Praxis relativiert. Der Widerspruch wird nicht aufgelöst, sondern integriert – als Teil einer komplexen, vielschichtigen Realität, die sich einfachen Kategorien entzieht.

Ein augenzwinkerndes Nachspiel

So bleibt am Ende ein Bild, das ebenso faszinierend wie irritierend ist: Metropolen, die sich selbst als Avantgarde verstehen, experimentieren mit Ideen, deren Konsequenzen sie nur teilweise überblicken. Der alte Song klingt im Hintergrund wie ein ironischer Kommentar zu einer Entwicklung, die weniger zielgerichtet als vielmehr emergent erscheint. Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe: dass die großen Bewegungen der Gegenwart nicht durch klare Strategien entstehen, sondern durch eine Vielzahl kleiner Verschiebungen, die sich erst im Zusammenspiel zu einem erkennbaren Muster fügen. Und dieses Muster hat, bei aller Ernsthaftigkeit, eine gewisse tragikomische Note – als hätte die Geschichte beschlossen, ihre Lektionen nicht als klare Botschaften, sondern als feinsinnige Satire zu präsentieren.

Die erhabene Isolation des Kanzlers im eigenen Echo

In den erlauchten Sphären jenes Paralleluniversums, in dem Friedrich Merz regiert, scheint die Wirklichkeit nur als lästiges Hintergrundrauschen wahrgenommen zu werden, das man gelegentlich mit zerknirschter Miene zur Kenntnis nimmt, bevor man eilends zur Tagesordnung übergeht. Nach dem historischen Debakel in Mecklenburg-Vorpommern, wo die stolze CDU erstmals aus einem Landesparlament flog, und der krachenden Niederlage in Berlin, wo ausgerechnet die Linke den ersten Platz eroberte, trat der Kanzler vor die Kameras und verkündete mit jener Miene, die man sonst bei den großen Tragödiendarstellern der Antike bewundert, eine radikale Kurskorrektur. „Wir erreichen die Bevölkerung nicht mehr, die CDU hat auf viele Fragen keine zufriedenstellenden Antworten mehr“, gab er zu – eine Einsicht von geradezu epochaler Klarheit, die allerdings den Beigeschmack einer verspäteten Selbstanklage trägt. Denn was hier als Offenbarung verkauft wird, ist nichts anderes als die längst überfällige Bestandsaufnahme eines Schiffes, das schon seit Jahren mit lecken Planken und zerfetzten Segeln durch den Sturm der Zeiten driftet, während der Kapitän beharrlich behauptet, der Kurs sei stabil und die Mannschaft bestens motiviert. Die Bundespolitik habe eine große Rolle gespielt, auch seine Person, räumte Merz ein, doch die Gründe reichten weit darüber hinaus: große Verschiebungen in Deutschland und der Welt, das Erstarken radikaler Kräfte. Man könnte fast meinen, der Mann spreche von einer Naturkatastrophe, die plötzlich über das Land hereingebrochen sei, und nicht von einer Politik, die jahrelang die eigenen Grundlagen erodieren ließ, während man sich mit Reformrhetorik und moralischen Appellen über Wasser hielt.

Die große Kraftanstrengung der Unbelehrbaren

Vor der schwarz-roten Regierung liege nun eine sehr große Kraftanstrengung, betonte der Kanzler, und man müsse und werde wieder zusammenfinden in Bund und Ländern. Es sei die historische Aufgabe dieser Koalition, das Land fit für die Zukunft zu machen. Man habe schon gute Sachen erreicht, aber das reiche noch nicht. Klar sei, dass die Koalition weiterarbeite – nur wie, das bleibe vorerst im Ungefähren. Stabilität und ein klarer Kurs seien wichtig, aber eben nicht ausreichend. Für die CDU stellten sich grundsätzliche und langfristige Fragen, über die man intensiv beraten wolle. Man könne nicht da bleiben, wo man gerade aufgestellt sei. Eine Volkspartei sei eine Volkspartei, wenn sie alle Gruppen einer Gesellschaft erreiche und das im ganzen Land. Das sei man noch in Teilen, aber eben nur in Teilen. Man werde nun intensiv beraten, wie man wieder erreiche, was man einmal war. Diese Sätze, vorgetragen mit der feierlichen Ernsthaftigkeit eines Mannes, der soeben entdeckt hat, dass das Wasser nass ist, entfalten eine satirische Kraft, die kaum zu überbieten ist. Denn während draußen die Wähler in Scharen zu den Rändern strömen und die CDU in Berlin von der SED-Nachfolgepartei überholt wird, diskutiert man im Paralleluniversum des Kanzlers über die Wiederherstellung einer Volkspartei, als handele es sich um eine handwerkliche Reparatur, die mit etwas gutem Willen und ein paar internen Klausuren zu bewerkstelligen sei. Die internationalen Medien, die von düsterer Symbolkraft und einem äußerst unbeliebten Merz sprechen, der um sein politisches Überleben kämpft, und die prophezeien, niemand glaube, dass er sich bis zum Ende seiner Amtszeit halten könne, werden in diesem Kosmos höchstens als störendes Rauschen wahrgenommen. Kanzler Deutschlands zu sein, komme derzeit einem angekündigten Selbstmord gleich, heißt es da – und im Merz’schen Paralleluniversum nickt man verständnisvoll, bevor man zur nächsten Pressekonferenz übergeht.

Die Schande, die man betrauert, während man sie selbst befördert

Zum Schluss seiner Ausführungen kam der Kanzler noch auf Berlin zu sprechen und beklagte den radikalen Antisemitismus, der dort – und nicht nur dort – teilweise mit Beifall begrüßt werde. Das verstöre ihn zutiefst, auch dass dies in Teilen der Gesellschaft unwidersprochen bleibe. Dass Juden in Deutschland nicht mehr sicher seien, sei die schwerste Hypothek überhaupt. Was auf den Straßen passiere, sei eine Schande für Deutschland. Diese Worte, gesprochen von einem Mann, der soeben Juden zu Ausländern erklärt hat, entfalten eine Ironie von geradezu literarischer Dichte und einer Zynismusdichte, die selbst die gewieftesten Satiriker erblassen ließe. Denn während man im Paralleluniversum die Schande beklagt und Tränen der moralischen Entrüstung vergießt, hat derselbe Kanzler in einem Akt bürokratischer Kaltschnäuzigkeit just jene Gruppe, deren Sicherheit er nun so pathetisch beschwört, aus dem Kreis der selbstverständlichen Zugehörigkeit hinausdefiniert – als wären Jahrhunderte deutscher Geschichte, als wären die Opfer und die Überlebenden, als wäre das „Nie wieder“ nichts weiter als eine Fußnote, die man bei Bedarf umschreibt. Merz, ein Mann, der gerade Juden zu Ausländern erklärt hat, nimmt sich die Freiheit, den Antisemitismus auf den Straßen zu geißeln, während er selbst mit administrativer Geste die Grenze zwischen „wir“ und „die anderen“ neu zieht und damit jenen Kräften in die Hände spielt, die er vorgeblich bekämpft. Die tiefste Demütigung in der 81-jährigen Geschichte der CDU – das Ausscheiden in Mecklenburg-Vorpommern und die Niederlage gegen die Linke in Berlin – wird hier nicht als Konsequenz einer Politik analysiert, die den Bürgern zu lange erzählt hat, man habe auf alles eine Antwort, sondern als bedauerlicher Zwischenfall, der mit einer Kurskorrektur und intensiven Beratungen zu beheben sei. Erste Rücktrittsforderungen von der Basis, etwa aus den Reihen der Mittelstandsunion, die dem Kanzler attestieren, er könne weder Exekutive noch Kommunikation, werden mit dem Hinweis pariert, die Parteispitze stehe hinter ihm. Und während man betont, das Kabinett sei handlungsfähig, und darauf verweist, dass es an einem Nachfolger mangele, hinter dem sich alle versammeln könnten – die Namen Wüst und Söder kursieren, die sich untereinander nicht besonders gut verstehen –, bleibt die eigentliche Frage ungestellt: Wie lange kann ein Paralleluniversum bestehen, in dem man die eigene Irrelevanz diagnostiziert, den Antisemitismus bejammert und zugleich Juden zu Ausländern erklärt, als sei dies der selbstverständlichste Verwaltungsakt der Welt?

Die Atempause vor dem nächsten Absturz

Was derzeit für den Verbleib von Merz spricht, ist die Atempause von gut einem halben Jahr, bevor die nächsten wichtigen Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Bremen und Niedersachsen anstehen. In dieser Zeit müsse er Vertrauen zurückgewinnen und das beschlossene Reformpaket gegen Widerstände aus der SPD durchsetzen. Daran werde man ihn messen. Sollte das schiefgehen, würde die K-Frage erneut gestellt – und dann möglicherweise anders beantwortet. In diesem Szenario entfaltet sich die ganze Tragikomödie des Merz’schen Paralleluniversums: Ein Kanzler, der zugibt, keine zufriedenstellenden Antworten mehr zu haben, kündigt an, konkrete Vorschläge zu machen, wie die CDU wieder Volkspartei werde; eine Partei, die soeben ihre tiefste Demütigung erlitten hat, versichert, hinter ihrem Vorsitzenden zu stehen; und ein Regierungschef, der den radikalen Antisemitismus als Schande geißelt, während er selbst Juden zu Ausländern erklärt und damit die moralische Grundlage seiner eigenen Entrüstung untergräbt. Die Satire schreibt sich hier beinahe von selbst. Denn während man im Paralleluniversum intensiv berät und Kraftanstrengungen beschwört, erodiert draußen weiter jene Mitte, die man angeblich retten will, und die Glaubwürdigkeit eines Mannes, der mit der einen Hand den Juden die Zugehörigkeit abspricht und mit der anderen deren Unsicherheit beklagt, zerfällt zu einem Lehrstück über die Kunst der politischen Selbstentlarvung. Die Nachrichten aus diesem Kosmos sind klar: Man hat die Bevölkerung verloren, man hat keine Antworten mehr, man ist nur noch in Teilen eine Volkspartei – und dennoch wird man weitermachen, als sei nichts geschehen, während draußen die Schande, die man so beredt betrauert, weiter gedeiht.

Die große europäische Idiotenparade

In den endlosen Korridoren Brüssels, wo der Teppichboden den Geruch von Kompromissen und kalter Kaffee-Maschine atmet, thront eine versammelte Schar von Gestalten, die man in jeder anderen Epoche der Geschichte bestenfalls als Hofnarren geduldet hätte – und selbst da nur, weil man sie nicht ernst nahm. Heute jedoch regieren sie. Europa, dieser müde Kontinent, der einst mit Dampfmaschinen und Aufklärung die Welt wachrüttelte, liegt nun in den Händen von Menschen, deren geistige Leistungsfähigkeit gerade noch ausreicht, um ein Formular für Subventionen korrekt auszufüllen – und selbst dabei unterlaufen ihnen regelmäßig Fehler, die man mit einem Taschenrechner und etwas gesundem Menschenverstand hätte vermeiden können. Die Idioten sind nicht die, die laut schreien und mit Fäusten drohen; nein, die gefährlicheren sitzen in Anzügen, die teurer sind als das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Landwirts, und sprechen in Sätzen, die so sorgfältig leergefegt wurden, dass nicht einmal ein Staubkorn an Bedeutung zurückbleibt. Sie versprechen Nachhaltigkeit, während sie Flughäfen ausbauen, predigen Vielfalt, während sie die eigene Kultur in Museen einsperren, und verkünden Solidarität, indem sie Schuldenberge aufschichten, die zukünftige Generationen wie Sisyphos-Steine den Berg hinaufrollen werden – nur dass der Berg hier aus Paragraphen besteht und der Stein aus Euro-Zeichen.

Der Kult der regulierten Dummheit

Man stelle sich einen Kontinent vor, der einst Denker hervorbrachte, deren Namen noch heute in Bibliotheken widerhallen, und der nun von Bürokraten verwaltet wird, deren größte intellektuelle Leistung darin besteht, eine Richtlinie über die Krümmung von Gurken zu verfassen und anschließend stolz darauf zu sein. Die Idioten haben das Regieren in eine Kunstform der Vermeidung verwandelt: Vermeidung von Entscheidungen, Vermeidung von Verantwortung, Vermeidung von Realität. Wenn die Welt draußen brennt – metaphorisch und manchmal auch wörtlich –, versammeln sie sich zu Gipfeltreffen, bei denen das wichtigste Ergebnis eine gemeinsame Pressemitteilung ist, die so ausgewogen formuliert wurde, dass sie niemanden beleidigt und gleichzeitig niemandem hilft. Man hört sie von „europäischen Werten“ sprechen, als handle es sich um eine Marke, die man auf Joghurtbecher drucken kann, während sie gleichzeitig zusehen, wie dieselben Werte in den Straßen ihrer Hauptstädte von denen mit Füßen getreten werden, die man einst als Gäste begrüßte und nun als unantastbare Minderheiten behandelt. Der Zynismus liegt nicht darin, dass sie dumm sind – Dummheit wäre entschuldbar, ein biologisches Versehen –, sondern darin, dass sie ihre Dummheit mit der Aura der Expertise ummanteln. Sie zitieren Studien, die sie nicht gelesen haben, berufen sich auf Experten, die sie selbst bezahlen, und erklären jede Kritik zum Populismus, als sei das Wort ein Zauberfluch, der den Spiegel zerbricht, in dem man die eigene Unfähigkeit erkennen müsste.

Die große Theateraufführung der Machtlosigkeit

Es gibt etwas unendlich Komisches daran, wie diese Figuren sich selbst ernst nehmen. Man sieht sie auf Podien stehen, mit ernster Miene und sorgfältig choreografierten Gesten, und verkünden Maßnahmen, deren Wirkung etwa so durchschlagend ist wie ein nasser Schwamm gegen einen Waldbrand. Energiekrisen werden mit Windrädern bekämpft, die bei Flaute stehen und bei Sturm abgeschaltet werden müssen; Migrationsströme werden mit Appellen an die Menschlichkeit gesteuert, als könne man damit Grenzen ersetzen; und wirtschaftliche Stagnation wird mit immer neuen Fonds und Programmen kaschiert, deren Namen so lang sind, dass man sie kaum aussprechen kann, ohne außer Atem zu geraten. Die Idioten haben das Prinzip der Subsidiarität so gründlich missverstanden, dass sie mittlerweile selbst die Farbe der Briefkästen regulieren möchten, während sie bei den wirklich großen Fragen – Sicherheit, Demografie, Wettbewerbsfähigkeit – hilflos mit den Schultern zucken und auf „europäische Lösungen“ verweisen, die niemand kennt und die, falls sie existieren, in irgendwelchen Schubladen vergilben. Der Humor liegt in der Wiederholung: Jede Krise wird mit denselben Phrasen begrüßt, jede Niederlage als „Chance“ umgedeutet, jedes Scheitern als „Lernprozess“ gefeiert. Man könnte glauben, sie hätten ein Drehbuch, in dem der Protagonist immer denselben Fehler macht und das Publikum trotzdem applaudiert, weil der Applaus subventioniert wird.

Der kontinentale Selbstbetrug als Lebensform

Was Europa besonders qualifiziert, in den Händen von Idioten zu liegen, ist die hartnäckige Weigerung, den eigenen Niedergang beim Namen zu nennen. Man blickt auf Statistiken, die schrumpfen, auf Industrien, die abwandern, auf Jugendliche, die auswandern, und auf Gesellschaften, die sich in parallel verlaufende Welten aufspalten – und erklärt das Ganze zum Zeichen von Fortschritt. Die Idioten haben die Kunst perfektioniert, Fakten als Meinungen zu behandeln und Meinungen als Fakten. Sie bauen Türme aus Papier, nennen sie Strategien und wundern sich, wenn der Wind der Realität sie umbläst. Dabei fehlt es nicht an Warnungen; es fehlt an der Fähigkeit, sie zu hören. Der Kontinent, der einst Kolonien verwaltete und Revolutionen auslöste, verwaltet nun vor allem seine eigene Trägheit. Und während draußen die Welt sich neu ordnet – mit Mächten, die weniger zögern und mehr handeln –, sitzen Europas Lenker in klimatisierten Räumen und diskutieren über Gendersternchen und CO₂-Zertifikate, als sei das die entscheidende Schlacht des Jahrhunderts. Der satirische Glanz dieser Szene liegt in ihrer Vollkommenheit: Es ist, als hätte jemand ein Stück geschrieben, in dem die Narren die Könige spielen und das Publikum so lange klatscht, bis die Kulissen einstürzen. Europa liegt nicht bloß in den Händen von Idioten – es scheint sie geradezu zu genießen, solange der Applaus nicht verstummt und die Subventionen fließen.

Der Triumph der ewigen Wiedergänger

Berlin hat gewählt, und das Ergebnis gleicht einem Spiegel, der der Stadt und ihren Bewohnern unerbittlich das eigene Antlitz vorhält: nicht das idealisierte Bild einer weltoffenen, kulturell pulsierenden Metropole, sondern das verzerrte Grinsen einer Gesellschaft, die sich selbstgenügsam in den Sumpf der ideologischen Selbsttäuschung gesenkt hat. Mit 24,8 Prozent der Stimmen hat die Partei Die Linke, diese parlamentarische Hinterlassenschaft einer untergegangenen Diktatur, die Wahlen in der Hauptstadt gewonnen – ein Erdrutschsieg, der weniger überraschend kommt als vielmehr als logische Konsequenz jahrzehntelanger Verwahrlosung. Kein Beobachter mag behaupten, die Wähler hätten nicht gewusst, was sie da favorisierten: eine Formation, deren Landesverbände regelmäßig den Argwohn des Verfassungsschutzes erregen, weil sie extremistische Tendenzen pflegen, und die ebenjenen Geheimdienst am liebsten abschaffen würde, um ungestört ihren Geschäften nachzugehen. Eine Partei, die die Ukraine lieber heute als morgen dem Kreml preisgeben möchte, als hätte der kalte Atem des Ostens nichts von jenem historischen Horror, den man sonst so gerne beschwört. Eine Partei, durchsetzt von Stimmen, die den Judenhass und den Israelhass wie eine kostbare Reliquie hüten, während die letzten Vertreter mit einem Rest an Anstand und moralischem Kompass schon vor Jahren die Flucht ergriffen haben. Und nein, hier ist nicht die Rede von jener rechtsextremen Alternative, die man so gerne als alleinigen Sündenbock stilisiert; hier ist die Rede von der linksextremen SED-Nachfolgepartei, die nun als stärkste Kraft aus dem Urnengang hervorgeht und die CDU um fast fünf Prozentpunkte hinter sich lässt.

Die neue alte Volksfront der Empörten

Was sich da Bahn gebrochen hat, ist nichts weniger als die parlamentarische Institutionalisierung jenes Antizionismus, der in den Straßen Berlins seit Jahren tobt: die lautstarke Vertretung arabischer Migrantenmilieus und wohlstandsverwahrloster deutscher Bürgerkinder, die mit ihren Schlachtrufen von der „Yallah-Intifada“ und der Verherrlichung von Terror die Gehwege fluten, als wäre die Geschichte ein unendliches Kostümfest der Selbstgerechtigkeit. Mehr als ein Viertel der Wähler hat dieser Formation den Vorzug gegeben – und damit einer Politik, die Israel die Existenzberechtigung abspricht, während sie gleichzeitig den eigenen Wohlstand und die eigene Sicherheit als selbstverständliche Errungenschaften betrachtet, die man getrost riskieren darf. Die Parallelen zur Vergangenheit drängen sich auf, ohne dass man sie herbeizwingen müsste: Wo einst die Groß- und Urgroßeltern der biodeutschen Linken-Wähler „Kauft nicht bei Juden“ und „Juden ab nach Palästina“ skandierten und den Juden als Totengräber des deutschen Volkes diffamierten, da rufen ihre Nachfahren heute, nur minimal variiert, zum Boykott israelischer Produkte, zur Vertreibung der Juden aus Israel und zum Ende des angeblichen „Genozids“ in Palästina. Der Ton mag sich verfeinert haben, die Melodie bleibt dieselbe – und die Stadt, die sich einst als Zufluchtsort und Bollwerk gegen den alten Hass verstand, applaudiert nun dem neuen. Hier ist etwas zu Bruch gegangen, nicht nur für die jüdischen Berliner, sondern für jeden, der den demokratischen Grundkonsens noch für mehr hält als eine rhetorische Floskel, die man bei Festreden hervorholt.

Die moralische Bankrotterklärung der vermeintlichen Demokraten

Rechnerisch stünde Schwarz-Rot-Grün eine Mehrheit zur Verfügung, und es obliegt nun den Parteichefs von SPD und Grünen in Berlin, der Linkspartei angesichts ihrer extremistischen Ausrichtung den gebührenden Korb zu geben und statt dessen mit der CDU in Gespräche zu treten. Doch die Versuchung ist groß, und die Geschichte der jüngeren Vergangenheit lehrt, dass moralische Scrupel oft den koalitionären Vorteilen weichen. Sollten Sozialdemokraten und Grüne sich dennoch für Die Linke entscheiden, so verlieren sie jeden Anspruch darauf, Parteien mit demokratischem und moralischem Gewissen zu sein. Dann können sie nicht länger jenes „Nie wieder!“ wie eine Monstranz vor sich hertragen, das sie sonst so eifrig bemühen, wenn es gilt, den Rechtsextremismus zu geißeln. Denn wenn die AfD in ihren Augen für jede Regierungsverantwortung disqualifiziert ist – warum sollte der Antisemitismus unter Linken weniger schwer wiegen? Warum sollte die Verachtung für den jüdischen Staat, die Verharmlosung russischer Aggression und die systematische Unterhöhlung rechtsstaatlicher Institutionen plötzlich akzeptabler erscheinen, nur weil sie unter dem Banner der sozialen Gerechtigkeit und des Antifaschismus daherkommen? Die Antwort liegt nicht in der Logik, sondern in der Bequemlichkeit: Berlin hat gewählt, was es verdient, und nun steht die Probe darauf aus, ob die etablierten Kräfte den Mut aufbringen, dem Volk den Spiegel vorzuhalten – oder ob sie sich in die Koalition der Selbstzerstörung flüchten, um wenigstens noch ein Stück vom Kuchen zu behalten.

Der Abgesang auf eine lebenswerte Illusion

Was ist nur aus dieser Stadt geworden, die einst als Inbegriff urbaner Lebensfreude und intellektueller Vielfalt galt, mit ihren liebenswerten Eigenheiten und ihrer Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten? Das Wahlergebnis offenbart einen Bruch, der tiefer geht als bloße Prozentzahlen: Es ist der Triumph derer, die die Freiheit als Last empfinden und die Verantwortung als Zumutung, die den eigenen Wohlstand als Geburtsrecht betrachten und gleichzeitig jene Institutionen aushöhlen, die ihn erst ermöglichen. Die Linke, diese ewige Wiedergängerin der autoritären Versuchung, hat den Nerv getroffen – nicht trotz, sondern wegen ihrer extremistischen Haltung. Und während die Straßen weiter von den Rufen der Intifada widerhallen und die jüdische Gemeinde sich fragen muss, ob sie hier noch sicher ist, feiert die Stadt ihren Erdrutschsieg, als wäre nichts geschehen. Berlin hat bekommen, was es verdient: eine Politik, die den eigenen Untergang als Fortschritt verkauft, und eine Wählerschaft, die begeistert applaudiert. Die Frage bleibt, wie lange dieser Applaus anhält, bevor der Applaus selbst verstummt und nur noch das Echo der eigenen Verblendung zurückbleibt.

Wahlintifada: Die Revolution als Stimmzettel

Es gibt politische Begriffe, die wie Sprengkörper wirken, selbst dann, wenn sie in den scheinbar harmlosen Kontext demokratischer Prozesse eingebettet werden. „Wahlintifada“ gehört zweifellos in diese Kategorie – ein Wort, das zugleich Pathos, Geschichte und Gewalt evoziert und sich dennoch mit erstaunlicher Leichtigkeit in die Sphäre des Wahlkampfs einschreibt. Hier entfaltet sich eine eigentümliche semantische Gymnastik: Ein Begriff, der historisch mit Aufständen, Straßenkämpfen und tödlichen Eskalationen verbunden ist, wird in die Wahlkabine überführt, als handle es sich um eine kreative Metapher, eine Art politisches Marketing-Upgrade für die Generation Instagram. Die Revolution, so scheint es, hat inzwischen gelernt, pünktlich zur Briefwahl zu erscheinen.

Die Ästhetik des Aufrufs

Die moderne politische Kommunikation liebt das Dramatische, das Zuspitzende, das moralisch Aufgeladene. In dieser Logik erscheint der Aufruf zur „Wahlintifada“ weniger als Entgleisung denn als konsequente Fortsetzung einer Sprache, die längst auf maximale Erregung optimiert ist. Worte müssen nicht mehr nur beschreiben, sie sollen mobilisieren, identitätsstiftend wirken, Emotionen bündeln und in politisches Verhalten übersetzen. Dass dabei historische Bedeutungen verwischen oder bewusst instrumentalisiert werden, gilt nicht als Problem, sondern als Kollateralschaden einer Rhetorik, die sich vor allem an ihrer Wirkung misst. „Erobert die Wahlurne zurück“, heißt es dann – eine Formulierung, die den demokratischen Akt in eine Art symbolische Rückeroberung verwandelt, als sei die Stimmabgabe weniger Ausdruck von Teilhabe als vielmehr ein Akt der Befreiung aus fremder Herrschaft.

Zwischen Empörung und Dankbarkeit

Besonders aufschlussreich ist die Reaktion der politischen Akteure selbst. Empörung und Distanzierung bleiben oft erstaunlich verhalten, während an anderer Stelle sogar Dankbarkeit durchscheint – ein höfliches Nicken in Richtung jener, die mit maximaler rhetorischer Wucht zur Unterstützung aufrufen. Hier offenbart sich eine der subtileren Ironien der Gegenwartspolitik: Man ist sich der Problematik bewusst, möchte aber den Rückenwind nicht verlieren. Die Grenze zwischen unerwünschter Radikalität und willkommenem Engagement wird dabei nicht anhand klarer Prinzipien gezogen, sondern entlang der Frage, ob sie nützt oder schadet. Moralische Klarheit wird so zur variablen Größe, abhängig vom politischen Kontext und der jeweiligen Zielgruppe.

Die Dialektik der Solidarität

In diesem Spannungsfeld entfaltet sich eine neue Form der Solidarität, die weniger durch Inhalte als durch gemeinsame Feindbilder definiert ist. Der politische Diskurs wird zu einem Feld, auf dem sich unterschiedliche Narrative überlagern: Antirassismus, Antiimperialismus, soziale Gerechtigkeit – alles wird miteinander verknüpft, manchmal sinnvoll, oft jedoch eher assoziativ. Die Forderung nach „kompromisslosen Vertretern“ wirkt dabei wie ein Echo vergangener Revolutionsrhetorik, übertragen in die Verwaltungsrealität eines Berliner Bezirks. Es ist eine bemerkenswerte Verschiebung: Die großen Begriffe bleiben, doch ihr Anwendungsfeld schrumpft – von der Weltgeschichte zur Bezirksverordnetenversammlung.

Die Sprache als Symptom

Die eigentliche Pointe liegt jedoch nicht in einzelnen Akteuren oder konkreten Aufrufen, sondern in der Sprache selbst. Sie ist zum Symptom geworden, zum Indikator einer politischen Kultur, die sich zunehmend in symbolischen Überhöhungen erschöpft. Begriffe wie „Genozid“, „Unterdrückung“ oder „Repression“ werden mit einer Selbstverständlichkeit verwendet, die ihre ursprüngliche Bedeutung zugleich verstärkt und entwertet. Alles wird zum Ausnahmezustand, jede Wahl zur historischen Wegmarke, jede Entscheidung zur moralischen Prüfung. In dieser Logik ist die „Wahlintifada“ nur der nächste Schritt – eine rhetorische Eskalation, die weniger über die Realität aussagt als über den Zustand des Diskurses.

Das Theater der Haltung

Politik erscheint hier weniger als Auseinandersetzung mit konkreten Problemen denn als Inszenierung von Haltung. Die Bühne ist digital, das Publikum fragmentiert, die Dramaturgie folgt den Gesetzen der Aufmerksamkeit. Wer gesehen werden will, muss übertreiben, zuspitzen, provozieren. Die Folge ist ein permanenter Wettbewerb um die schärfste Formulierung, die klarste Position, die unmissverständlichste Botschaft. Differenzierung wirkt in diesem Kontext fast schon wie ein Mangel an Überzeugung, während Ambivalenz als Schwäche gilt. So entsteht ein Diskurs, in dem die Lautstärke oft wichtiger ist als der Inhalt und die Pose mehr zählt als die politische Substanz.

Die stille Verschiebung

Währenddessen vollzieht sich im Hintergrund eine leise, aber nachhaltige Verschiebung: Die Grenzen des Sagbaren werden erweitert, nicht durch offene Debatten, sondern durch schrittweise Gewöhnung. Was gestern noch als unangemessen galt, erscheint heute als zugespitzte, aber legitime Meinungsäußerung. Die „Wahlintifada“ ist in diesem Sinne weniger ein Ausreißer als ein Symptom dieser Entwicklung – ein Ausdruck dafür, wie weit sich politische Sprache bereits von ihren ursprünglichen Bedeutungen entfernt hat.

Ein augenzwinkerndes Finale

So bleibt am Ende ein Bild von eigentümlicher Widersprüchlichkeit: eine Demokratie, die sich ihrer Verfahren sicher ist, aber mit ihrer Sprache zunehmend experimentiert; ein politischer Diskurs, der sich moralisch überhöht, während er gleichzeitig an Präzision verliert. Die Revolution hat den Stimmzettel entdeckt, die Rhetorik den Algorithmus, und irgendwo dazwischen entsteht ein neues politisches Vokabular, das zugleich ernst gemeint und unfreiwillig komisch wirkt. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Satire: dass die großen Worte bleiben, während ihre Bedeutung leise davonzieht – und am Ende nur noch ein Echo übrig bleibt, das laut genug ist, um gehört zu werden, aber zu unklar, um wirklich verstanden zu werden.

Die Frage als Geständnis

Was ist das für eine Sozialhilfe, die nicht Armut bekämpfen will? Die Frage klingt naiv, als hätte jemand endlich den Beipackzettel gelesen und entdeckt, dass das Medikament die Krankheit nicht heilt, sondern bloß den Fieberzettel führt. In Wahrheit ist sie ein Geständnis. Denn die Sozialhilfe, dieses letzte Netz, das halten soll, wenn alles andere reißt, ist seit ihrer Erfindung weniger ein Instrument der Abschaffung als ein Apparat der Einhegung. Sie sortiert, bemisst, belehrt, kürzt, bewilligt, widerspricht, mahnt und zahlt aus. Sie erzeugt Akten, Termine, Widerspruchsfristen, Bezahlkarten und statistische Beruhigung. Was sie selten erzeugt, ist das Verschwinden der Armut. Christoph Butterwegge hat den Satz formuliert, der hier wie ein Stein im Getriebe liegt: Sozial sei nicht alles, was Arbeit schaffe; sozial sei vielmehr nur, was Armut abschafft. Die Sozialhilfe tut das Erstere allenfalls beiläufig und das Letztere so gut wie nie. Sie verwaltet die Armut, wie ein Friedhofsgärtner das Unkraut verwaltet: nicht, damit es verschwindet, sondern damit es in ordentlichen Reihen steht und niemanden mehr stört, der vorübergeht.

Ein System das die Not pflegt

Armut bekämpfen hieße, die Bedingungen zu zerstören, unter denen Menschen dauerhaft unterhalb jener Schwelle leben, die man höflich Armutsgefährdung nennt. Es hieße Löhne, die zum Leben reichen; Wohnraum, der nicht die Hälfte eines Einkommens frisst; Bildung, die nicht schon im Kindergarten über Herkunft entscheidet; Gesundheit, die nicht vom Kontostand abhängt. Die Sozialhilfe hingegen beginnt dort, wo diese Bedingungen bereits versagt haben, und endet dort, wo sie weiter versagen dürfen. Sie ersetzt den fehlenden Lohn durch einen Regelsatz, der so berechnet ist, dass er das Überleben ermöglicht und den Aufstieg verhindert. Sie ersetzt die fehlende Wohnung durch Kosten der Unterkunft, die in vielen Städten schon lange nicht mehr die reale Miete decken. Sie ersetzt Würde durch Mitwirkungspflichten. Das ist keine Bekämpfung. Das ist ein Thermostat. Die Temperatur der Not wird so eingestellt, dass sie weder zum Aufruhr noch zur sichtbaren Verelendung reicht, die das gute Gewissen der Wohlgeordneten belästigen würde. Die Armut bleibt, nur wird sie bürokratisch klimatisiert. Und weil sie bleibt, bleibt auch der Apparat, der sie betreut. Ein System, das seine Klientel abschaffen würde, schaffte sich selbst ab. Welche Behörde, welcher Träger, welche Jobcenter-Abteilung träumt ernsthaft von der eigenen Überflüssigkeit?

Die Moralökonomie der würdigen Armen

Seit Jahrhunderten unterscheidet die Armenpflege zwischen den Würdigen und den Unwürdigen, zwischen dem kranken Greis und dem angeblich arbeitsscheuen Faulenzer, zwischen der alleinerziehenden Mutter und demjenigen, der einen Termin versäumt hat. Die moderne Sozialhilfe hat diese Unterscheidung nicht abgeschafft, sie hat sie digitalisiert. Sanktionen, Vermittlungsvorrang, Bezahlkarten mit Sperrfunktion für Genussmittel, Datenabgleiche und Aktionspläne gegen Missbrauch sind die zeitgemäßen Formen jener alten Moralökonomie. Sie inszenieren den Eindruck, das eigentliche Problem sei nicht die Armut, sondern der Charakter der Armen. Während die Armutsquote hartnäckig um die fünfzehn, sechzehn Prozent kreist und Millionen trotz Transferleistungen materiell depriviert bleiben, richtet sich der öffentliche Furor auf den einen Prozentpunkt der Sanktionierten, auf den Einzelfall des Leistungsmissbrauchs, auf die Karte, die keinen Schnaps mehr kauft. Das ist politisch billiger als ein armutsfester Regelsatz. Es liefert außerdem Arbeit: für Kontrolleure, für Software, für Pressestellen, für Talkshows. Die Armut wird so zur Kulisse eines fortlaufenden Erziehungsschauspiels, in dem der Staat die Rolle des strengen, aber gerechten Vaters spielt und der Leistungsempfänger die des ewig unmündigen Kindes. Wer Armut bekämpfen wollte, müsste dieses Theater schließen. Wer sie verwalten will, braucht es dringend.

Die Verwaltung als eigentlicher Nutznießer

Nichts entlarvt den Charakter der Sache so sehr wie die Kostenrechnung. Milliarden fließen nicht nur in die Leistungen selbst, sondern in das Verwalten der Leistungen. Formulare von zweiundzwanzig Seiten, Widerspruchsverfahren, in denen ein Drittel der Bescheide kassiert wird, Jobcenter, die Fördermittel in Verwaltungsstellen umschichten, weil die Betreuung der Akten teurer geworden ist als die Betreuung der Menschen. Jeder erwerbsfähige Empfänger verursacht Verwaltungskosten in einer Höhe, die einem bescheidenen Monatseinkommen gleicht. Das ist kein Betriebsunfall. Das ist die Betriebslogik. Die Sozialhilfe produziert Beschäftigung, nur eben nicht dort, wo sie es verspricht. Sie beschäftigt Sachbearbeiter, Softwarefirmen, Gutachter, Sozialgerichte, Wohlfahrtsverbände, die Stellungnahmen schreiben, und Journalisten, die über den nächsten Skandal berichten. Sie ist ein Arbeitsmarkt für die, die über die Armen sprechen, schreiben und entscheiden. Die Armen selbst bleiben die Rohmasse dieses Marktes. Umbenannt wird das Ganze alle paar Jahre, Hartz IV wird Bürgergeld, Bürgergeld wird Grundsicherung, als könne man durch Semantik heilen, was durch Mathematik krank bleibt. Der Regelsatz stagniert, die Mieten steigen, die Armutslücke wächst, und irgendwo in einem Ministerium feiert man die Reform als Rückkehr zur Vernunft.

Statistik als Trost und Verschleierung

Die amtliche Sprache kennt den Trick, den Bezug von Sozialhilfe nicht mit Armut gleichzusetzen. Man habe die Leistungen angehoben, also sei ein Anstieg der Empfängerzahlen kein Zeichen wachsender Not, sondern Ausdruck gesetzgeberischen Wohlwollens. Gleichzeitig gilt, wer Grundsicherung bezieht, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als arm, und wer arm ist, ohne zu beantragen, verschwindet in der verdeckten Armut, weil Scham, Komplexität und Angst vor dem Amt wirksamer sind als jedes Plakat über Rechtsansprüche. Transfers senken die Armutsquote vorübergehend, das ist unbestritten; sie senken sie jedoch auf ein Niveau, das seit Jahren als inakzeptabel gilt und trotzdem festzementiert wirkt. Vor den Transfers wären noch mehr Menschen arm, nach den Transfers sind es immer noch viel zu viele, und ein erheblicher Teil derer, die Leistungen beziehen, bleibt unter der Schwelle, die Teilhabe bedeutet. Die Statistik spendet Trost, indem sie die Differenz zwischen Marktarmut und Transferarmut ausweist, als sei diese Differenz ein Sieg. In Wahrheit ist sie die Visitenkarte eines Systems, das die Katastrophe mildert, ohne die Ursache anzurühren. Ein Feuerwehrschlauch, der das Haus nicht löscht, sondern nur verhindert, dass die Flammen auf die Nachbarvilla übergreifen.

Was Bekämpfung verlangen würde und warum sie ausbleibt

Armut bekämpfen hieße, das Existenzminimum so zu bemessen, dass es oberhalb der Armutsgrenze liegt, nicht knapp darunter. Es hieße, Wohnkosten vollständig und real zu decken, statt sie zu deckeln. Es hieße, Arbeit so zu entlohnen, dass Aufstocker überflüssig werden. Es hieße, Kinderarmut nicht mit Symbolpolitik und späterem Vermittlungsdruck auf die Eltern zu behandeln, sondern mit einer Absicherung, die Herkunft nicht zum Schicksal macht. Es hieße vor allem, Reichtum und Machtverteilung in denselben Satz zu nehmen wie Bedürftigkeit, statt die Armen zu isolieren und den Rest der Gesellschaft als unbeteiligtes Publikum zu behandeln. Genau das unterbleibt, weil es teurer wäre als Verwaltung, unbequemer als Sanktion und gefährlicher für jene Ordnung, die Armut als dunkle Folie braucht, vor der der eigene Status leuchtet. Die Sozialhilfe will die Armut nicht bekämpfen, weil Bekämpfung ein politisches Ziel wäre und Verwaltung ein administrativer Zustand ist. Zustände lassen sich haushalten, zertifizieren, digitalisieren und in Wahlkämpfen als Härte oder als Herz verkaufen. Ziele verlangen Entscheidungen über Eigentum, Löhne, Mieten und Steuern. Also bleibt es bei der Pflege der Not. Das Netz hält, ja. Es hält die Armut fest. Und wer genau hinsieht, erkennt in der Frage, was das für eine Sozialhilfe sei, die nicht Armut bekämpfen will, bereits die Antwort: eine sehr erfolgreiche.

Die Wiederkehr als Farce mit Umfragewerten

Siebenunddreißig Jahre nach jenem November, in dem Beton, Stacheldraht und Schießbefehl endlich ihre staatliche Weihe verloren, erscheint in Berlin eine Zahl, die den Geschichtsunterricht der Republik in eine Art zynisches Kabarett verwandelt: Die Partei, die in gerader Linie vom Politbüro der SED über die PDS zur Linkspartei mutierte, führt in den letzten Erhebungen vor der Abgeordnetenhauswahl. Was einst als Diktatur mit Mauertoten, Stasi-Aktenbergen und planwirtschaftlichem Mangel firmierte, darf sich nun, demokratisch verbrämt und umfragegestützt, anschicken, ins Rote Rathaus einzuziehen, jenes Gebäude, dessen Farbe nie bloß architektonische Laune war. Die Ironie ist so dick aufgetragen, dass sie fast schon wieder stilvoll wirkt, als hätte die Stadt beschlossen, ihre eigene Vergangenheit nicht zu bewältigen, sondern sie als saisonales Event zu reenacten, diesmal mit Wahlzetteln statt mit Grenztruppen. Die Mauertoten, deren genaue Zahl immer noch zwischen amtlicher Zurückhaltung und historischer Genauigkeit schwankt, werden dabei zur Fußnote einer Gegenwart, in der Nostalgie nach dem „sozialen“ Osten und eine gewisse Nachsicht gegenüber autoritären Reflexen sich als Fortschritt verkaufen lassen. Es ist, als hätte Berlin beschlossen, dass die Lektion von 1989 eine befristete war, eine Art Probezeit der Freiheit, nach deren Ablauf man wieder zur vertrauteren Form der Bevormundung zurückkehren darf, nur eben parlamentarisch legitimiert und mit besseren Cafés.

Die kurze Halbwertszeit des Entsetzens

Das kollektive Gedächtnis einer Metropole, die sich gerne als weltoffen und erinnerungskulturstark feiert, erweist sich hier als erstaunlich kurzlebig, fast schon als Verbrauchsmaterial. Was 1989 noch als Triumph über eine Diktatur gefeiert wurde, die Menschen erschoss, weil sie den falschen Sektor betraten, verblasst vor dem Reiz einer Partei, die ihre Wurzeln nie vollständig gekappt hat und deren Flügel bis heute zwischen reformistischer Rhetorik und unverdauter Systemkritik pendeln. Die SED hinterließ nicht nur Ruinen und Bespitzelungsakten, sondern auch eine Mentalität, die den Staat als allwissenden Vater verstand und den Bürger als zu erziehendes Kind. Diese Mentalität überlebte in milde gewendeter Form, und Berlin, immer schon ein Labor für teure Irrtümer, scheint bereit, das Experiment zu wiederholen, diesmal unter dem Label der sozialen Gerechtigkeit und der Antidiskriminierung. Die Mauer fiel, die Köpfe aber behielten ihre inneren Sperrzonen. Man erinnert sich an die Toten, solange es Gedenktafeln und Feiertagsreden gibt; sobald es um Machtverteilung geht, wird die Erinnerung zur störenden Begleitmusik. Honeckers berüchtigter Satz, dass den Sozialismus in seinem Lauf weder Ochs noch Esel aufhalte, klingt plötzlich weniger wie die Prahlerei eines gestürzten Apparatschiks denn wie eine verspätete Prognose, nur dass der Lauf diesmal über Wahlurnen führt und der Esel demokratisch gewählt wäre.

Vom Politbüro zur Umfrageführerschaft

Die genealogische Linie ist nicht zu leugnen, auch wenn sie heute hinter modernen Slogans und einer Spitzenkandidatin versteckt wird, deren Auftreten den Bruch mit der grauen Honecker-Ästhetik markieren soll. Die PDS war die Nachfolgeorganisation der Staatspartei, Die Linke deren westdeutsch angereicherte Fortsetzung, und was sich in den Umfragen an die Spitze setzt, trägt immer noch das Erbe einer Organisation, die Eigentum sozialisierte, Opposition zersetzte und Grenzen mit tödlicher Konsequenz zog. Dass Teile dieser Tradition sich heute als konsequent antifaschistisch und kapitalismuskritisch inszenieren, gehört zum Repertoire der Selbstreinigung, das jede gescheiterte Ideologie irgendwann beherrscht. Die Satire liegt darin, dass ausgerechnet die Stadt, die den Preis für diese Ideologie in geteilten Familien, zerschossenen Flüchtlingen und einem jahrzehntelangen wirtschaftlichen Rückstand zahlte, nun wieder mit der Möglichkeit flirtet, denselben Geist ins Rathaus zu lassen. Es ist, als würde man nach einem Brand den Brandstifter zum Feuerwehrchef wählen, weil er verspricht, diesmal kontrollierter zu zünden. Die Zahlen – knapp über zwanzig Prozent, ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Union – sind dabei weniger Sensation als Symptom: Berlin hat sich daran gewöhnt, seine Probleme so zu lösen, dass sie teurer, komplizierter und ideologisch aufgeladener werden, als sie sein müssten.

Wenn der Antifaschismus den Kompass verliert

Besonders pikant wird die Angelegenheit dort, wo die historische Selbstgerechtigkeit der Nachfolgepartei auf die Gegenwart des Judenhasses trifft. Teile des linken Spektrums haben sich in den letzten Jahren darin geübt, Israelkritik so zu formulieren, dass sie ununterscheidbar wird von alten Ressentiments in neuem Gewand: der Jude als Kolonialist, der jüdische Staat als ewiger Übeltäter, der 7. Oktober als irgendwie verständliche Reaktion. Die Partei, die sich auf die richtige Seite der Geschichte stellt, indem sie den Faschismus von 1933 bis 1945 unermüdlich beklagt, zeigt sich merkwürdig nachsichtig, sobald der Hass von anderer Seite kommt und sich progressiv kostümiert. In einer Stadt mit sichtbarer jüdischer Gemeinde und einer Vergangenheit, die eigentlich zur besonderen Wachsamkeit verpflichten sollte, wirkt das wie eine weitere Pointe der Geschichte: Die Erben jener, die den real existierenden Sozialismus mit Antisemitismus-Kampagnen und Israelfeindschaft würzten, dürfen nun als moralische Instanz auftreten. Der Zynismus besteht nicht darin, dass einzelne Mitglieder problematische Positionen vertreten – das tun Parteien aller Couleur –, sondern darin, dass diese Positionen innerhalb eines Milieus geduldet, relativiert oder als notwendiger Antiimperialismus umetikettiert werden, während gleichzeitig die eigene Vergangenheit als überwunden gilt. Berlin, das sich gerne als Hauptstadt der Erinnerungskultur feiert, riskiert damit, dass Erinnerung zur Einbahnstraße wird: nach rechts scharf, nach links milde, je nachdem, wer gerade die historischen Kostüme trägt.

Das Rote Rathaus als Bühne der Wiederholung

Das Rote Rathaus selbst, dieser neogotische Backsteinbau, der schon so viele Verwaltungen überdauert hat, würde unter einer solchen Konstellation zur perfekten Kulisse. Rot war es schon immer, rot würde es bleiben, nur dass die Farbe diesmal nicht mehr bloß Fassade, sondern Programm wäre. Die Vorstellung, dass ausgerechnet dort, wo nach der Wende mühsam westliche Verwaltungsroutinen und rechtsstaatliche Grundsätze eingezogen sind, wieder eine Formation das Sagen bekommen könnte, deren Vorläufer den Rechtsstaat als bürgerliche Fiktion betrachteten, besitzt eine dramaturgische Qualität, die jedes Satirestück neidisch machen würde. Die Stadt, die ihre eigene Teilung überwunden hat, scheint bereit, eine geistige Teilung zu akzeptieren: hier die Mahnmale und die offiziellen Bekenntnisse zu Freiheit und Vielfalt, dort die stille Sehnsucht nach einer Politik, die den Bürgern sagt, was gerecht, was richtig und was zu unterlassen sei. Die Umfragen sind keine Prognose, sie sind ein Stimmungsbild, und das Stimmungsbild sagt, dass ein erheblicher Teil der Wahlberechtigten die historischen Kosten für vernachlässigbar hält, solange die Rhetorik stimmt. Es ist der Berliner Beitrag zur ewigen Wiederkehr des Gleichen: Man reißt die Mauer ein, bewahrt aber die Denkweise, die sie nötig machte, und nennt das Fortschritt, weil diesmal niemand schießt, sondern nur umverteilt, reguliert und moralisch belehrt.

Die Hauptstadt als teures Lehrstück

Am Ende bleibt die Beobachtung, dass Berlin sich einmal mehr als die Stadt erweist, die ihre Lektionen am liebsten zweimal bezahlt, das erste Mal in Blut und Teilung, das zweite Mal in Verwaltungschaos, ideologischer Überhöhung und der weihevollen Überzeugung, diesmal sei alles ganz anders. Die Möglichkeit, dass die Nachfolger der SED-Diktatur und Träger eines zumindest in Teilen antisemitisch imprägnierten Antizionismus ins Zentrum der Stadtregierung rücken, ist weniger ein Betriebsunfall der Demokratie als deren Berliner Spezialität: die Fähigkeit, das Absurde für fortschrittlich zu halten, solange es mit den richtigen Vokabeln daherkommt. Siebenunddreißig Jahre sind in der Geschichte eines Gemeinwesens keine Ewigkeit, eher ein Wimpernschlag. Dass dieser Wimpernschlag ausreicht, um aus Mauertoten und Schießbefehl eine wählbare Option zu machen, sagt weniger über die Partei aus als über die Bereitschaft einer Stadt, ihre eigene Biografie als optional zu behandeln. Die Satire schreibt sich hier selbst, und sie braucht kaum Übertreibung. Sie braucht nur die Zahlen, die Geschichte und die unerschütterliche Berliner Gewohnheit, das Nächstliegende immer erst dann zu tun, wenn alle teureren und ideologisch reizvolleren Umwege ausprobiert sind.

Konsanguinität: Die Krankheit bleibt in der Familie – und reist mit

Es gehört zu den liebgewonnenen Selbsttäuschungen Europas, Probleme gern als geographisch klar umrissene Phänomene zu betrachten – als gehörten sie stets woanders hin, vorzugsweise dorthin, wo man ohnehin nicht genau hinschaut. Konsanguinität passt hervorragend in dieses Muster: ein exotisches Relikt, eine anthropologische Fußnote, ein Problem ferner Dörfer unter ferner Sonne. Nur ist diese Vorstellung, bei aller beruhigenden Wirkung, ungefähr so belastbar wie ein Wahlversprechen im zweiten Amtsjahr. Denn längst hat sich die Praxis nicht nur verlagert, sondern in europäische Gesellschaften eingeschrieben – nicht flächendeckend, nicht dominant, aber deutlich genug, um statistisch sichtbar und gesundheitspolitisch relevant zu sein. In westeuropäischen Ländern liegt die Gesamtquote zwar meist nur bei etwa ein bis drei Prozent, doch dieser Durchschnitt ist ein trügerisches Beruhigungsmittel: Innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen steigen die Werte drastisch an, in einzelnen Kohorten sogar auf Größenordnungen, die eher an südasiatische Muster erinnern als an die aufgeklärte Selbstbeschreibung des Kontinents.

Die europäische Ausnahme, die keine ist

Besonders instruktiv wirkt der Blick auf Großbritannien, jenes Land, das sich gern als Labor moderner Multikulturalität versteht und dessen Realität sich gelegentlich als Labor unbeabsichtigter Nebenwirkungen entpuppt. Studien zeigen, dass in bestimmten Communities – insbesondere unter Menschen pakistanischer Herkunft – Verwandtenehen keineswegs marginal sind, sondern in der jüngeren Vergangenheit Werte von bis zu 60 Prozent erreichten, mit einem erheblichen Anteil an Erstcousin-Ehen. Selbst wenn diese Zahlen inzwischen sinken, bleibt das Niveau im europäischen Vergleich bemerkenswert. Parallel dazu lässt sich eine klare medizinische Korrelation feststellen: Das Risiko genetischer Erkrankungen verdoppelt sich ungefähr von drei auf sechs Prozent bei Kindern solcher Verbindungen. Die Ironie besteht darin, dass Europa hier nicht mit einem unbekannten Problem konfrontiert ist, sondern mit einem importierten, bekannten – und dennoch erstaunlich unbeholfen darauf reagiert.

Migration als Verstärker, nicht als Ursache

Die reflexhafte Versuchung, Migration als alleinige Ursache zu identifizieren, greift jedoch zu kurz und verkennt die eigentliche Dynamik. Migration wirkt weniger als Ursprung denn als Verstärker bereits bestehender kultureller Praktiken. Dass konsanguine Ehen in Europa zunehmen oder zumindest sichtbar bleiben, hängt nicht allein mit ihrer „Einfuhr“ zusammen, sondern mit der bemerkenswerten Stabilität sozialer Normen unter neuen Bedingungen. Selbst genetische Studien zeigen, dass innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen in Europa signifikant höhere Raten elterlicher Verwandtschaft bestehen als in der Mehrheitsbevölkerung. Der Kontinent steht damit vor einem klassischen Dilemma der Moderne: Wie geht man mit Praktiken um, die kulturell verankert, rechtlich erlaubt und medizinisch problematisch zugleich sind?

Das NHS als Bühne der Ambivalenz

Hier tritt das britische Gesundheitssystem, der National Health Service, auf den Plan – eine Institution, die mit beinahe religiösem Ernst verehrt wird und deren moralische Autorität selten infrage gestellt wird, es sei denn, sie funktioniert einmal nicht. In der Frage der Konsanguinität zeigt sich jedoch eine bemerkenswerte Ambivalenz. Einerseits investiert der NHS in genetische Beratung, Forschungsprogramme und Präventionsmaßnahmen, erkennt also die Problematik ausdrücklich an. Andererseits kam ans Licht, dass in Schulungsunterlagen zeitweise sogar von „potenziellen Vorteilen“ der Cousinenheirat die Rede war – ein Umstand, der später als unangemessen eingestuft und korrigiert wurde. Diese Episode wirkt wie ein kleines Lehrstück institutioneller Verlegenheit: Man weiß um die Risiken, möchte aber gleichzeitig niemanden verprellen, und so entsteht ein Diskurs, der zwischen Aufklärung und kultureller Rücksichtnahme pendelt, ohne sich eindeutig festzulegen.

Die Kunst der vorsichtigen Wahrheit

Diese Zurückhaltung ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines tieferen politischen Reflexes. In pluralistischen Gesellschaften gilt es als Tugend, sensibel zu kommunizieren, Differenzen nicht zu dramatisieren und Konflikte möglichst sprachlich zu entschärfen. Das Ergebnis ist jedoch oft eine eigentümliche Form der vorsichtigen Wahrheit: Man spricht über Risiken, aber leise; man benennt Zusammenhänge, aber indirekt; man klärt auf, aber ohne allzu große Dringlichkeit. Die politische Sprache entwickelt eine bemerkenswerte Fähigkeit, Probleme zu umkreisen, ohne sie wirklich zu berühren. Es ist die Rhetorik der diplomatischen Distanz, die alles sagt und doch nichts festlegt.

Die Ökonomie der Verdrängung

So entsteht eine eigentümliche Parallelität: Auf der einen Seite hochentwickelte medizinische Systeme, genetische Forschung auf Weltniveau und ein beeindruckendes Arsenal diagnostischer Möglichkeiten; auf der anderen Seite soziale Praktiken, die diese Fortschritte systematisch unterlaufen. Der Staat reagiert mit Programmen, Studien und Pilotprojekten, während die Praxis weitgehend unverändert fortbesteht. Es ist, als würde man ein Feuer mit immer besseren Löschgeräten bekämpfen, ohne je darüber nachzudenken, warum es ständig neu entfacht wird. Die Kosten sind dabei nicht nur menschlicher Natur, sondern auch ökonomisch – ein Aspekt, der in politischen Debatten gelegentlich durchschimmert, wenn von der Belastung des Gesundheitssystems die Rede ist.

Europa zwischen Aufklärung und Relativismus

Der eigentliche Kern des Problems liegt jedoch tiefer, nämlich in der Spannung zwischen universellen Ansprüchen und kulturellem Relativismus. Europa versteht sich gern als Raum der Aufklärung, der Rationalität und der evidenzbasierten Politik. Gleichzeitig zeigt sich eine zunehmende Scheu, diese Prinzipien konsequent anzuwenden, sobald sie mit kulturellen Praktiken kollidieren. Die Folge ist ein diskursiver Spagat: Man möchte wissenschaftlich korrekt sein, ohne normativ zu wirken; aufklären, ohne zu kritisieren; handeln, ohne zu verletzen. Das Ergebnis ist eine Politik der vorsichtigen Halbherzigkeit, die weder die Tradition noch das Problem wirklich in Frage stellt.

Ein augenzwinkerndes Resümee

So bleibt am Ende ein Bild, das ebenso ironisch wie unerquicklich ist: Europa, stolz auf seine Aufklärung, begegnet einem klar beschreibbaren medizinischen Risiko mit einer Mischung aus Empirie, Diplomatie und diskreter Verlegenheit. Das NHS, Sinnbild moderner Fürsorge, schwankt zwischen Aufklärung und Anpassung, während die betroffenen Communities ihre eigenen Logiken fortschreiben. Die Krankheit bleibt in der Familie – und die Debatte bleibt im Ungefähren. Vielleicht liegt die eigentliche Pointe darin, dass ein Kontinent, der einst antrat, die Welt zu erklären, nun Schwierigkeiten hat, sich selbst eine einfache, unbequeme Wahrheit auszusprechen. Und so setzt sich das vertraute Spiel fort: Wissen ist vorhanden, Einsicht ebenfalls – nur die Konsequenz bleibt, höflich formuliert, ausbaufähig.

Die Kapitulation vor den Islamisten

Es gibt politische Entwicklungen, die nicht durch laute Entscheidungen, sondern durch leise Verschiebungen gekennzeichnet sind – durch jene kaum bemerkbaren, aber folgenreichen Anpassungen, die sich zunächst als Pragmatismus tarnen und erst im Rückspiegel als Preisgabe von Prinzipien erkennbar werden. Die britische Labour-Partei, einst moralisch aufgeladen mit dem Anspruch, historische Schuld zu reflektieren und politischen Antisemitismus konsequent zu bekämpfen, liefert ein Lehrstück dieser schleichenden Transformation. Was als Reinigung begann, endet nun in einer rhetorischen Balanceübung, die weniger mit moralischer Klarheit als mit wahlstrategischer Opportunität zu tun hat. Der Kampf gegen Antisemitismus, so scheint es, wurde nicht gewonnen, sondern umformuliert – in ein politisches Vokabular, das sich geschickt an neue Zielgruppen anpasst, während alte Probleme lediglich neu etikettiert werden.

Moral als Wahlkampfinstrument

Die eigentliche Ironie liegt nicht in der Existenz von Kritik an Israel – diese ist legitim, notwendig und Bestandteil jeder offenen Gesellschaft –, sondern in der selektiven Intensität, mit der sie plötzlich zum zentralen Wahlkampfthema erhoben wird. Moral wird dabei nicht als Maßstab, sondern als Werkzeug eingesetzt. Der moralische Impuls, der einst zur Selbstkritik führte, verwandelt sich in ein Instrument zur Mobilisierung. Dabei entsteht ein rhetorisches Paradox: Während man sich offiziell von antisemitischen Strömungen distanziert, wird gleichzeitig ein politisches Klima gefördert, in dem antiisraelische Narrative nicht nur toleriert, sondern gezielt verstärkt werden. Es ist ein Balanceakt auf dünnem Eis, bei dem die Grenze zwischen legitimer Kritik und Ressentiment zunehmend verschwimmt.

Die neue Empfindlichkeit

Auffällig ist die Verschiebung dessen, was als politisch sagbar gilt. Wo früher Sensibilität gegenüber antisemitischen Codes gefordert wurde, scheint nun eine neue Empfindlichkeit gegenüber anderen Wählergruppen zu dominieren. Diese Empfindlichkeit ist jedoch selektiv: Sie reagiert nicht auf Inhalte, sondern auf deren potenzielle Wirkung im Wahlkampf. Die politische Kommunikation wird so zu einer Art emotionalem Thermostat, der nicht Wahrheit oder Konsistenz reguliert, sondern Zustimmung. In diesem Klima wird nicht mehr gefragt, ob eine Position richtig ist, sondern ob sie nützlich erscheint. Die Folge ist eine Politik, die weniger von Überzeugungen als von Resonanzräumen gesteuert wird.

Die Dialektik der Anpassung

Historisch betrachtet ist diese Entwicklung kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer tieferliegenden Dialektik: Parteien, die sich ursprünglich als moralische Korrektive verstehen, geraten mit wachsender Machtnähe in den Sog der Anpassung. Der Wunsch, breite Wählerschichten zu erreichen, führt zur Verwässerung klarer Positionen. Dabei entsteht ein paradoxes Ergebnis: Je mehr man versucht, niemanden zu verprellen, desto mehr verliert man an inhaltlicher Schärfe. Die politische Sprache wird weichgespült, während die Konflikte, die sie eigentlich adressieren sollte, bestehen bleiben oder sich sogar verschärfen.

Die stille Erosion

Es wäre zu einfach, diese Entwicklung als bewusste Kapitulation zu bezeichnen. Vielmehr handelt es sich um eine stille Erosion, einen Prozess, in dem Prinzipien nicht offen aufgegeben, sondern schrittweise relativiert werden. Diese Relativierung erfolgt selten aus Überzeugung, sondern aus Kalkül – aus der Annahme, dass politische Realität Kompromisse erzwingt. Doch genau hier liegt die Gefahr: Wenn jede Position zur Verhandlungsmasse wird, verliert Politik ihre normative Grundlage. Was bleibt, ist ein Spiel aus Signalen und Gegenreaktionen, in dem moralische Begriffe zwar weiterhin verwendet, aber zunehmend entleert werden.

Das Ende der Gewissheiten

Die Vorstellung eines „stolzen Empires“, das sich durch klare Werte und politische Kohärenz auszeichnete, mag ohnehin eher mythologischer Natur gewesen sein. Doch selbst Mythen erfüllen eine Funktion: Sie bieten Orientierung. Wenn diese Orientierung verloren geht, entsteht ein Vakuum, das durch kurzfristige Strategien gefüllt wird. In diesem Vakuum gedeihen Vereinfachungen, Zuspitzungen und symbolische Gesten, die mehr über die Logik des Wahlkampfs aussagen als über die Realität der Politik. Die Kapitulation, von der gesprochen wird, ist daher weniger ein dramatischer Akt als ein schleichender Prozess – ein langsames Abgleiten in eine Politik, die sich selbst nicht mehr ganz ernst nimmt.

Ein augenzwinkerndes Fazit

Vielleicht liegt in all dem auch eine gewisse Tragikomik. Die politische Bühne präsentiert sich als Ort großer Gesten und moralischer Ernsthaftigkeit, während hinter den Kulissen die Requisiten ständig neu arrangiert werden. Die Rollen bleiben ähnlich, doch die Dialoge ändern sich je nach Publikum. In dieser Inszenierung ist jeder überzeugt, das Richtige zu tun – oder zumindest das Notwendige. Und so entsteht ein Theater, in dem die Grenze zwischen Überzeugung und Opportunismus so fließend ist, dass sie kaum noch sichtbar erscheint. Das Publikum applaudiert, buht oder verlässt den Saal, doch das Stück geht weiter – mit immer neuen Variationen desselben Themas: der Kunst, sich anzupassen, ohne es offen zuzugeben.

Das Fürstentum der Verzweifelten

In einem Winkel Oxfordshires, wo die Hecken noch nach Ordnung riechen und die Kirchturmuhr den Takt eines Lebens schlägt, das sich an Jahreszeiten und nicht an Ministerialerlassen misst, hat ein Dorf von wenigen Hundert Seelen beschlossen, dem Vereinigten Königreich den Rücken zu kehren. Nicht mit Kanonen, nicht mit Petitionen in dreifacher Ausfertigung, sondern mit einer Abstimmung, deren Ergebnis so eindeutig ausfiel, dass selbst der letzte Zweifler an der Existenz des Volkswillens hätte stutzig werden müssen. Fast die gesamte wahlberechtigte Einwohnerschaft erschien, und die überwältigende Mehrheit votierte für den Austritt aus jenem Staat, der ihnen nun zumutet, in unmittelbarer Nachbarschaft eines ehemaligen Militärgeländes eine Zahl junger Männer aufzunehmen, die das Dorf um ein Vielfaches übersteigt. Das Resultat wurde vor versammelter Kameraschar verkündet, ein Transparent mit der Aufschrift „Principality of Piddington“ entrollt, und die stellvertretende Vorsitzende des Gemeinderats sprach von dem Dorf, das brüllt. Ein brüllendes Dorf also, das sich zum Fürstentum erhebt, während die Paläste in Westminster das Ganze als symbolischen Akt abtun, als folkloristische Folklore eines hinterwäldlerischen Unmuts, der die großen Linien der Gerechtigkeit nicht zu erkennen vermag. Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet jene, die unablässig von Teilhabe und Respekt predigen, einem so klaren Votum die Würde des Ernstes verweigern. Symbolisch, heißt es, und damit erledigt. Kein Minister wird anreisen, um den Bewohnern zu erklären, weshalb Fairness darin bestehen soll, ein Dorf von dreihundertfünfzig Seelen mit über tausend zweihundert meist männlichen Neuankömmlingen zu konfrontieren. Die Polizei, befragt nach dem Verhalten im Ernstfall, empfiehlt das Wegrennen und Verstecken. Ein Ratschlag von klassischer britischer Understatement-Qualität, der zugleich das Eingeständnis enthält, dass der Staat die elementarste seiner Aufgaben bereits aufgegeben hat.

Fairness als Keule gegen die Kleinen

Die Kulturministerin, deren Ressort eigentlich Theater, Bibliotheken und digitale Träumereien umfassen sollte, bemüht sich um eine Begründung, die so durchsichtig ist wie ein schlecht gewebter Vorhang. Eine Verschonung Piddingtons wäre zutiefst unfair gegenüber anderen Gemeinden. Andere Gemeinden, so der implizite Hinweis, hätten bereits ihren Anteil an der demografischen Umgestaltung zu tragen, manche seien dank der Zuweisung von Asylsuchenden bereits vervierfacht worden, und das gelte als vorbildlich. Fairness bedeutet in diesem Sprachgebrauch die gleichmäßige Verteilung einer Last, deren Herkunft und Notwendigkeit niemand mehr ernsthaft zu hinterfragen wagt. Der Gedanke, dass ein Dorf mit wenigen Hundert Einwohnern, ohne nennenswerte Infrastruktur, ohne Nachtleben, ohne anonyme Großstadtfluchtwege, schlicht nicht der geeignete Ort für die Unterbringung einer Überzahl junger Männer aus ganz anderen kulturellen Zusammenhängen sein könnte, gilt als engstirnig. Fairness wird zur moralischen Keule, mit der man die Schwächsten trifft, jene, die am wenigsten ausweichen können, weil ihr ganzes Leben an diesem Flecken Erde hängt. Zugleich erklingt aus den höheren Etagen das übliche Ritual der Beschwichtigung: Man verstehe die Stärke der Gefühle, man müsse die Zahlen herunterbekommen, gemeint sind die Kanalüberquerer, deren Zurückweisung jedoch als zu simpel, zu unzivilisiert, zu sehr nach tatsächlicher Staatlichkeit klingt. Die Karrieren jener, die solche Sätze formulieren, folgen oft dem bekannten Pfad vom Hörsaal in den Plenarsaal, unter weitgehender Vermeidung jener praktischen Erfahrung, die lehrt, dass Zahlen nicht nur Statistiken sind, sondern Körper, Blicke, Geräusche und nächtliche Unsicherheit. Ein Premier, der die Aufregung der Dörfler zur Kenntnis nimmt, ohne die Ursache anzurühren, wirkt dabei wie ein Arzt, der das Fieber lobt, weil es die Temperaturverteilung im Körper gerechter macht.

Der Ratschlag der Flucht als Staatsraison

Mehr als hundert Frauen des Dorfes haben an sämtliche weiblichen Abgeordneten geschrieben und dargelegt, dass sie sich in ihrem eigenen Ort nicht mehr sicher fühlen würden, sobald die Unterkunft bezogen sei. Das Zahlenverhältnis, so die nüchterne Rechnung, ließe die Frauen den Neuankömmlingen im Verhältnis von eins zu zehn gegenüberstehen. Die Antwort der Polizei auf die Frage nach dem Schutz im Gefahrenfall lautete, man solle weglaufen und sich verstecken. Dieser Satz verdient es, als Dokument einer Epoche festgehalten zu werden. Ein Staat, dessen Ordnungshüter den Bürgerinnen raten, sich der Gefahr durch Flucht und Verbergen zu entziehen, hat aufgehört, der Garant der öffentlichen Sicherheit zu sein. Er ist zum Zuschauer geworden, der die Szenerie kommentiert, statt sie zu gestalten. In Deutschland kennt man diese Szenerie bereits aus Dörfern, deren Namen plötzlich in den Nachrichten auftauchen, weil sie zu Laboratorien einer Politik geworden sind, die den ländlichen Raum als Verfügungsmasse betrachtet. Upahl, Ziesendorf, Illerkirchberg stehen für denselben Vorgang: kleine Gemeinschaften, die über Nacht mit einer Realität konfrontiert werden, für die sie weder Infrastruktur noch kulturelle Vorbereitung besitzen, und die anschließend als intolerant gelten, wenn sie sich wehren. Die Gewaltverbrechen, die sich in solchen Konstellationen häufen, werden als Einzelfälle verbucht, während die Systematik der Platzierung als Ausdruck höherer Gerechtigkeit erscheint. Das Dorf, das brüllt, ist in Wahrheit nur die hörbare Variante dessen, was in unzähligen Stadtteilen längst zur dumpfen Resignation geworden ist.

Die Fahne als Gefahr und das Verbrechen als Alltag

Während Grafschaften richterliche Verfügungen gegen das Hissen der eigenen Landesfahne erwirken, weil Laternenmasten und Kreisverkehre angeblich unsicher würden oder weil kommunale Mitarbeiter sich belästigt fühlten, ereignen sich im Land fortlaufend Taten, deren Aufzählung bereits den Charakter eines Grauensregisters angenommen hat. Die britische Presse vermag Listen zu führen, die von Angriffen in Parks über Vergewaltigungen in öffentlichen Toiletten bis zu Übergriffen auf Rentner vor Kirchen reichen, begangen von Personen, deren Aufenthaltsstatus oft prekär oder illegal ist und deren Abschiebung trotz Vorstrafen ausbleibt. Das Hissen der Flagge wird zum potenziellen Straftatbestand, das Verbrechen selbst zum bedauerlichen, aber hinzunehmenden Begleiterscheinung einer weltoffenen Gesellschaft. Diese Inversion der Prioritäten ist kein Versehen, sondern die logische Konsequenz einer Haltung, die den eigenen Zusammenhang als etwas Überwindenswertes betrachtet und die Ankunft fremder Männergruppen als kulturellen Gewinn verbucht, solange sie nur gerecht über das Land verteilt wird. Das Dorf Piddington, das sich nun Fürstentum nennt und vielleicht bald den Molch zum Wappentier erhebt, weil bedrohte Amphibien mehr rechtlichen Schutz genießen als bedrohte Dorfgemeinschaften, vollzieht damit nur die Geste, die dem größeren Gemeinwesen versagt bleibt: Es erklärt sich für unabhängig von einem Wahnsinn, der sich als Fortschritt drapiert. Die regierende Klasse mag das Votum symbolisch nennen. Symbole aber haben die Eigenart, wahrer zu sein als die Erklärungen, mit denen man sie entwerten will. Ein Dorf, das brüllt, während die Paläste schweigen oder beschwichtigen, ist kein Kuriosum. Es ist die letzte hörbare Form von Wirklichkeit in einem Land, das sich angewöhnt hat, die eigenen Fundamente als verzichtbar zu betrachten.

Die Apotheose einer Blechschachtel

Am Flughafen Leipzig/Halle lag eines Nachts ein Gerät, das in jeder anderen Epoche als das gelten würde, was es seiner Bauart nach ist: ein handelsüblicher Racing-Quadrocopter, zehn Zoll, zusammengebaut aus Teilen, die im Netz für wenige Hundert Euro zu haben sind, ergänzt um ein Mobilfunkmodul, zwei SIM-Karten und eine Dose, deren Inhalt die Behörden später mit militärisch klingenden Kürzeln versahen. Aus diesem Gegenstand wurde binnen Stunden ein „hybrides Anschlagsszenario“, binnen Wochen ein „neuer Grad der Gefahr“, binnen eines Monats der Beweis, dass ein ganzer Staat täglich im Fadenkreuz fremder Mächte stehe. Die Verwandlung vollzog sich nicht durch die Masse des Sprengstoffs allein, sondern durch die Semantik, die sich um ihn legte wie ein Teppich über einen Fleck auf dem Teppich. Wo früher ein Fundstück lag, steht nun ein Narrativ. Wo ein defekter Zünder schwieg, redet die Politik. Die kleine Maschine, die ein Mitarbeiter vom Boden hob oder mit dem Fuß traf oder die schon lange lag – die Versionen wechselten so rasch wie die Adjektive –, wurde zum Kristallisationspunkt einer Erzählung, in der jede Unsicherheit zur Gewissheit und jede Gewissheit zur Eskalation wird.

Vom Vorfeld ins Foyer der Weltgeschichte

Der Ort selbst lud zur Überhöhung ein. Ein Frachtflughafen, an dem ukrainische Antonows parken, die in der öffentlichen Vorstellung Waffen und Munition nach Osten tragen, genügt als Bühne. Dass eine der Maschinen leer gewesen sein soll, störte das Bild so wenig wie die Tatsache, dass eine zweite Kollision mit einem „unbekannten Objekt“ zunächst nur Lackschaden bedeutete. Entscheidend war die Nähe: Nähe zu einem Symbol, Nähe zu einem Konflikt, Nähe zu einer Sprache, die seit Jahren darauf wartet, endlich ein konkretes Objekt zu finden, an dem sie sich abarbeiten kann. „Professionell“ hieß es sofort, obwohl das Gerät selbst eher nach Bastelkeller als nach Waffenkammer aussah. „Nicht amateurhaft“, obwohl Amateurdrohnen genau so aussehen. Die Unterscheidung zwischen einem umgebauten Renncopter und einem strategischen Waffensystem verschwamm in dem Moment, in dem der Innenminister seinen Urlaub unterbrach und vor Kameras von einem Wettbewerb sprach, der „möglicherweise auch fremde Mächte“ einschließe. Alexander Dobrindt lieferte die Formel, an der sich alles weitere festmachen ließ: neue Gefahrenqualität. Eine Formel braucht keine genaue Kilogrammzahl. Sie braucht nur Wiederholung.

Die Alchemie der Zuschreibung

Wochen später stand fest, was am ersten Morgen noch Ermittlungssache war. Polizeiliche Muster, nachrichtendienstliche Erkenntnisse und das bekannte Schema fügten sich zu einer klaren politischen Attribuierung. Russland. Hybrid. Low-Level-Agenten. GRU-Nähe eines Logistikers. Die juristischen Verfahren liefen weiter, die politische Entscheidung war bereits getroffen. Ein Konsulat wird geschlossen, ein Kulturhaus gekündigt, die Bedrohungslage von „allgemein“ auf „hoch“ gehoben. Der Nationale Sicherheitsrat tagt und warnt vor weiteren Angriffen unterhalb der Kriegsschwelle. So funktioniert die moderne Staatsraison: Sie wartet nicht auf das Gericht, sie spricht im Indikativ der Lagebeurteilung. Dass der Zünder versagte, wird dabei nicht als Peinlichkeit des Täters gelesen, sondern als Gnade des Schicksals, die das Ausmaß des Verhinderten nur noch größer erscheinen lässt. Hätte die Dose detoniert, so die implicite Steigerung, wäre der Flughafen in Teilen zerstört, das Kerosin entzündet, die Republik ins Ernstfallregister eingetragen worden. Das Nicht-Geschehene wird zum stärksten Argument für das, was angeblich beinahe geschah.

Spielzeug, das den Ernstfall spielt

Die Ironie liegt in der Hardware. Ein 10-Zoll-Quadrocopter ist kein strategisches Waffensystem. Er ist das Lieblingsspielzeug einer Szene, die Rennen fliegt, FPV-Brillen trägt und in Foren über Akkus und ESC diskutiert. Genau diese Banalität macht ihn politisch wertvoll. Denn wenn schon das Billige und überall Verfügbare zur Waffe einer Großmacht erklärt werden kann, dann ist die Bedrohung allgegenwärtig und die Abwehr niemals fertig. Jede Lücke im Sensornetz, jedes unbemerkte Vorfeld, jeder Busfahrer, der nachts Touristen zu Fotospots kutschiert, wird zum Beweis systemischer Verwundbarkeit. Die Drohnenabwehrzentren, die Hybrid-Abwehrzentren, die gemeinsamen Lagebilder – sie alle erscheinen im Nachhinein als unzureichend gegenüber einem Gerät, das man im Prinzip in einer Garage verdrahten kann. So erzeugt der Vorfall genau jene Nachfrage, die der Sicherheitsstaat längst im Angebot hat: mehr Mittel, mehr Zuständigkeit, mehr Rhetorik. Der kleine Copter leistet dabei eine doppelte Arbeit. Er ist harmlos genug, um als „jeder könnte das“ zu erschrecken, und gefährlich genug, um als Staatshandlung zu gelten.

Die Grammatik des Beinahe

Die öffentliche Sprache liebt das Konditional der Katastrophe. Wäre der Zünder nicht abgerissen, wäre die Ladung nicht defekt, wäre niemand rechtzeitig vorbeigekommen – dann. Dieses „dann“ braucht keine Fotos der Dose im Originalzustand, keine unabhängige Wägung, keine klärende Auskunft darüber, ob nun fünfzig Gramm Hexogen, achthundert Gramm Semtex oder beinahe zwei Kilogramm im Spiel waren. Die Zahlen schwanken, die Moral bleibt stabil. Semtex klingt nach Lockerbie, PETN nach militärischer Herkunft, eine Blechdose nach Improvisation. Zusammen ergibt das die perfekte Mischkalkulation aus Staatsterror und Garagenbastler, aus GRU und Wegwerfagent. Wer zweifelt, steht im Verdacht, die Gefahr zu verharmlosen. Wer die Disproportion benennt – zwischen einem am Boden liegenden Renncopter und der Schließung diplomatischer Vertretungen –, gilt als naiv gegenüber der hybriden Wirklichkeit. Die Wirklichkeit selbst bleibt merkwürdig stumm. Sie besteht aus einem Fund, einem Roboter, einer kontrollierten Sprengung und einer Kette von Presseterminen, in denen das Wort „hybrid“ die Stelle einnimmt, die früher dem Beweis zukam.

Der Nutzen des unklaren Feindes

Ein hybrider Angriff hat den Vorzug, dass er nie ganz Krieg und nie ganz Verbrechen ist. Er erlaubt Empörung ohne Mobilmachung, Sanktion ohne Schlachtordnung, Moral ohne Mobilisierung. Er hält die Gesellschaft in jenem Dauerzustand der Beunruhigung, der sich politisch besser verwalten lässt als entweder der Frieden oder der offene Konflikt. Die Leipziger Blechschachtel eignet sich dafür vorzüglich, weil sie so wenig hergibt und so viel bedeuten soll. Sie fliegt nicht wie eine Armee, sie explodiert nicht wie eine Bombe, sie hinterlässt keine Ruine. Sie hinterlässt eine Erzählung. Und Erzählungen, einmal in Umlauf gebracht, lassen sich nicht mehr entschärfen, auch wenn der Zünder versagt hat. Am Ende steht nicht die Klarheit über ein konkretes Gerät auf einem konkreten Vorfeld, sondern die Gewissheit, dass die nächste kleine Maschine bereits unterwegs sei. So wird aus einem Fundstück Politik, aus einem Defekt Dramaturgie und aus einem Spielzeug jener Ernst, den der Ernstfall selbst noch schuldig bleibt.

Lagerdenken leicht gemacht

In jener eigenartigen Szene, die sich seit Jahren damit abmüht, den Islam nicht bloß als Folklore oder als harmlose Privatsache zu behandeln, sondern als das zu benennen, was er in seinen kanonischen Texten und in seiner historischen Praxis nun einmal ist, hat sich eine Zweiteilung herausgebildet, die weniger einer wissenschaftlichen Differenz als einer Art theatralischer Arbeitsteilung gleicht. Die eine Fraktion spricht unablässig von „politischem Islam“ und „Islamismus“, als handle es sich um eine bedauerliche Abweichung, eine Art ideologischen Unfall, den man durch geschickte Umerziehung und die Förderung einiger weniger reformwilliger Gestalten wieder einfangen könne. Die andere Fraktion besteht darauf, dass der Islam selbst eine umfassende Weltanschauung mit totalem Machtanspruch darstellt, in der Religion und Herrschaft, Gesetz und Glaube, Privatleben und öffentliche Ordnung von Anfang an untrennbar verschmolzen sind. Zwischen diesen beiden Positionen liegt weniger ein akademischer Streit als eine Frage der intellektuellen Redlichkeit: Ob man die Texte und die Mehrheitseinstellungen ernst nimmt oder ob man sie so lange umdeutet, bis sie der Wunschvorstellung einer friedfertigen, anpassungsfähigen Religion entsprechen, die sich irgendwie mit Grundrechten und säkularer Demokratie verträgt.

Die Wohltätigkeit des Umbiegens

Jene Stimmen, die sich um Begriffe wie „politischen Islam“ gruppieren und dabei gerne auf die wenigen „liberalen“ Muslime verweisen, die den Islam zur Religion der Barmherzigkeit erklären möchten, betreiben ein bemerkenswertes Kunststück. Sie nehmen den Koran und die Scharia, die an zahllosen Stellen Gehorsam, Überlegenheit der Gläubigen, Strafen für Apostasie, Ungleichheit der Geschlechter und die Unterwerfung der Nichtgläubigen fordern, und erklären, das alles sei bloß falsch verstanden worden. Der Islam sei im Kern Barmherzigkeit, man müsse ihn nur richtig lesen, historisch kontextualisieren, die medinensischen Verse gegenüber den mekkanischen relativieren oder einfach das Prinzip der Barmherzigkeit als hermeneutischen Schlüssel über alles andere stellen. So entsteht ein Islam, der auf Talkshow-Sofas und in ministeriellen Expertenrunden bestens funktioniert: vielfältig, reformierbar, kompatibel. Die Politik erhält dann die beruhigende Botschaft, der Islam sei eben kein Monolith, es gebe viele Islame, und mit den richtigen Gesprächspartnern – jenen, die den Islam „einfach so zurechtbiegen“ – ließe sich alles richten. Dass die etablierten Verbände und die große Mehrheit der Gläubigen diese Umbiegung als Häresie empfinden und die Reformer regelmäßig mit Drohungen überziehen, gilt dabei als Randerscheinung, als bedauerlicher Widerstand der Ewiggestrigen, nicht als Hinweis darauf, dass der Text und die Tradition dem Umbiegen erheblichen Widerstand entgegensetzen.

Wenn die Texte eine andere Sprache sprechen

Die Ironie dieses Unterfangens liegt darin, dass ausgerechnet diejenigen, die den Islam retten wollen, indem sie ihn von seinem eigenen Regelwerk befreien, den Politikern eine Vielfalt predigen, die in den Einstellungen der Betroffenen selbst nur begrenzt vorkommt. Studien, die nicht in den Kategorien wohlwollender Deutung, sondern in denen empirischer Befragung arbeiten, zeichnen ein anderes Bild. Eine jüngere Erhebung des Motra-Monitors, gefördert unter anderem vom Bundeskriminalamt, kommt zu dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte der unter vierzigjährigen Muslime in Deutschland latent oder manifest islamismusaffin eingestellt ist, Scharia-Normen dem Grundgesetz vorzieht und antisemitische Vorurteile teilt.

Ältere Befragungen hatten bereits ergeben, dass nahezu die Hälfte der Muslime in Deutschland die Scharia für wichtiger hält als das deutsche Recht. Selbst unter angehenden islamischen Religionslehrern und Theologiestudierenden befürwortet ein Viertel eine Islamisierung des Rechtssystems.

Weltweit, so bereits die Pew-Untersuchungen vor mehr als einem Jahrzehnt, wollen in zahlreichen muslimischen Mehrheitsgesellschaften große Mehrheiten die Scharia als offizielles Gesetz. Die Reformer antworten darauf mit dem Hinweis, das seien eben die Falschen, die den Islam nicht richtig verstünden. Als hätte die Mehrheit der Gläubigen über Jahrhunderte hinweg einfach den falschen Islam praktiziert, während die wahre, barmherzige Lesart erst in europäischen Seminaren entdeckt worden wäre.

Das System und die einzelnen Gläubigen

Die zweite Position besteht darauf, eine Unterscheidung festzuhalten, die in der öffentlichen Debatte oft bewusst verwischt wird: Das eine ist der Islam als normatives System, als Korpus von Texten, Rechtsschulen, historischen Vorbildern und einem Herrschaftsanspruch, der jeden Lebensbereich durchdringt. Das andere sind die einzelnen Muslime, die dieses System in unterschiedlichem Grad verinnerlichen, ignorieren, umdeuten oder sogar verlassen. Diese Unterscheidung ist kein rhetorischer Trick, sondern eine Voraussetzung für jede ernsthafte Analyse. Sie verhindert, dass Kritik am Regelwerk automatisch zur Kollektivschuld jedes einzelnen Gläubigen wird. Zugleich verbietet sie die umgekehrte Illusion, die Existenz friedlicher, integrierter oder gar liberaler Muslime beweise bereits die Harmlosigkeit des Systems. Wenn ein erheblicher Teil der Gläubigen die strengen Regeln „voll mitträgt“, wie es die genannten Untersuchungen nahelegen, dann handelt es sich nicht um eine kleine Abweichlerminderheit, sondern um eine tragende Strömung. Der Islam als din wa dawla, als Einheit von Religion und Staat, als umfassende Ordnung, die Politik, Recht, Familie, Sexualität und das Verhältnis zu Andersgläubigen regelt, bleibt damit der Referenzrahmen, an dem sich auch jene messen lassen müssen, die ihn angeblich nur spirituell verstehen wollen.

Die fortschreitende Islamisierung als Realitätscheck

Wer diesen Rahmen ernst nimmt, kommt zu einem anderen Schluss als jene, die der Politik die Vielfalt predigen. Der Islam trägt einen absoluten Machtanspruch in sich, der sich mit den Grund- und Menschenrechten einer offenen Gesellschaft nicht einfach versöhnen lässt, weil er diese Rechte nicht als vorstaatliche, individuelle Garantien anerkennt, sondern als nachgeordnete, widerrufbare Zugeständnisse, solange die eigene Gemeinschaft noch nicht die Deutungshoheit besitzt. Die fortschreitende Islamisierung – sichtbar in Parallelgesellschaften, in der Durchsetzung von Geschlechtertrennung, in der Priorisierung religiöser Normen vor staatlichen Gesetzen, in der wachsenden Zahl junger Menschen, die ein islamisches Theokratie-Modell für erstrebenswert halten – ist dann keine Verschwörungstheorie, sondern die logische Folge eines Systems, das Expansion und Normdurchsetzung nicht als Randerscheinung, sondern als Teil seines Selbstverständnisses betrachtet. Die erste Fraktion antwortet darauf mit der Hoffnung auf die wenigen Reformer und mit der Mahnung, man dürfe den Islam nicht pauschalisieren. Die zweite Fraktion hält fest, dass Pauschalisierung dort beginnt, wo man die Texte und die Mehrheitsmeinungen ignoriert und stattdessen eine Wunschreligion konstruiert, die den Bedürfnissen westlicher Diskurse besser entspricht als den eigenen Quellen.

Am Ende bleibt die Frage, welches Lager die größere Realitätsresistenz aufweist: jenes, das den Islam so lange umdeutet, bis er zur Barmherzigkeit wird, oder jenes, das darauf besteht, dass ein Regelwerk, das Politik und Religion für untrennbar erklärt, sich nicht durch wohlwollende Seminare in eine bloße Privatangelegenheit verwandeln lässt. Die Zahlen, die Texte und die historische Praxis sprechen eine deutlichere Sprache als die Sonntagsreden über Vielfalt. Ob diese Sprache gehört wird, entscheidet nicht über die Zugehörigkeit zu einem Lager, sondern darüber, ob die offene Gesellschaft ihre eigenen Voraussetzungen noch ernst nimmt oder sie einem Projekt opfert, das sich selbst als Religion der Barmherzigkeit ausgibt, während seine kanonischen Grundlagen etwas anderes verlangen.

Die neue Höflichkeit des offenen Wagens

Ticket? Na dann halt nicht.

Auf der Vechtdallijn zwischen Emmen und Zwolle hat das niederländische Verkehrsunternehmen Arriva eine Instruktion erlassen, die in ihrer schlichten Eleganz kaum zu überbieten ist: Wird die Fahrkartenkontrolle zur Gefahr für die Sicherheit, so lasse man den Schwarzfahrer gehen. Nicht etwa, weil das Ticket plötzlich überflüssig geworden wäre, sondern weil jahrelange Übergriffe, Vandalismus, Anspucken und Faustschläge das Personal gelehrt haben, dass die Durchsetzung eines banalen Beförderungsvertrags teurer zu stehen kommt als dessen stillschweigende Aufhebung. Die Strecke, die vom größten Asylzentrum des Landes in Ter Apel aus frequentiert wird, verwandelt sich damit offiziell in einen Korridor, in dem die Regel gilt, dass derjenige, der keine Fahrkarte besitzt und auch keinen Ausweis vorzeigen will oder kann, nicht etwa ein Problem hat, sondern eines darstellt – und zwar eines, das man besser nicht löst. Die durchschnittliche Wartezeit auf die Polizei beträgt fünfundzwanzig Minuten. Fünfundzwanzig Minuten, in denen eine Konfrontation eskalieren kann. Also lässt man es. In den ersten zwei Wochen nach Inkrafttreten der Anweisung durften Schwarzfahrer in mindestens sechzehn Fällen ohne Bußgeld von Bord. Die Statistik der schwerwiegenden Vorfälle – Gewalt, Vandalismus, Anspucken – stieg von neunundzwanzig im Jahr 2024 auf einundfünfzig im Jahr 2025; 2026 sind bereits fünfundzwanzig weitere registriert. Eine Kontrollbeamtin wurde Ende des Vorjahres ins Gesicht geschlagen. Die kleineren Delikte, Drogenkonsum und das mutwillige Ziehen der Notbremse, zählen in diesen Zahlen gar nicht erst mit. Arriva selbst stellt fest, dass das Problem untrennbar mit Ter Apel verbunden sei und dass achtzig bis neunzig Prozent der Bußen an Postleitzahlen von COA-Einrichtungen gehen; nach Beobachtung handle es sich überwiegend um Personen aus sicheren Herkunftsländern, deren Bleibeperspektive gegen Null tendiert. Ein Sprecher formulierte die neue Dienstvorschrift mit der Präzision eines Kapitulationsdokuments: Entwickelt sich eine unsichere Situation, lasse man den Fahrgast gehen.

Der fünfundzwanzigminütige Gottesdienst der Ohnmacht

Die Dramaturgie des Vorfalls folgt einem Ritual, das man längst als solche hätte erkennen können. Jemand sitzt ohne Fahrschein. Man fordert den Ausweis. Der Ausweis erscheint nicht. Nun darf kein Bußgeld verhängt werden, bevor die Polizei die Identität geklärt hat. Also wartet man. In einem rollenden Abteil, zwischen Pendlern, Schülern und jenen, die brav ihr Ticket gelöst haben, materialisiert sich die Wartezeit als öffentliche Vorführung staatlicher Ohnmacht. Aggression, so die Erfahrung, wächst in diesem Intervall nicht linear, sondern sprunghaft. Die Lösung, die Arriva gefunden hat, besteht darin, den zweiten Akt des Stücks einfach zu streichen. Der Vorhang fällt, bevor die Polizei eintrifft. Der Schwarzfahrer steigt aus, unbelastet von Gebühr und Namen, und die Kontrolleure atmen auf, weil sie nicht wieder einmal das Gesicht hingehalten haben. Man könnte dies als pragmatischen Arbeitsschutz verbuchen, wäre da nicht der kleine Umstand, dass damit das Prinzip selbst zur Disposition steht. Wer zahlt, ist der Dumme. Wer droht, fährt umsonst. Die Fahrkarte mutiert vom Vertragsgegenstand zum optionalen Accessoire für Gutwillige. Und weil neunzig Prozent der betreffenden Bußen ohnehin unbezahlbar bleiben – ein älterer Befund sprach gar von zweiundneunzig Prozent uneinbringlicher Forderungen auf eben dieser Strecke –, entfällt auch der letzte Rest ökonomischer Abschreckung. Das System hat sich selbst entwaffnet und nennt das Ergebnis Fürsorge für die eigenen Leute.

Ter Apel als geografischer Fluchtpunkt der Regel

Dass die Vechtdallijn ausgerechnet diese Rolle spielt, ist keine Laune der Fahrplangestaltung. Ter Apel ist der Trichter, durch den ein bestimmter Personenkreis das Land betritt und von dort aus die Provinz durchstreift. Arriva spricht von Asylbewerbern mit geringer oder keiner Bleibeperspektive, von Menschen aus sicheren Ländern. Die Formulierung ist so vorsichtig, als müsse man noch immer um Erlaubnis bitten, eine Beobachtung auszusprechen, die das Personal täglich macht. Jahrelang wurden Stewards verdoppelt, Sicherheitsteams eingesetzt, perronseitige Kontrollen ausprobiert und wieder abgeschafft, weil die Ausweichmanöver – über die Gleise laufen, ein Ticket nur bis zur nächsten Haltestelle kaufen – das Problem lediglich verlagerten. Eine Million Extra-Euro floss jährlich in die Intensivierung der Kontrollen. Das Ergebnis ist eine Strecke, auf der die Zahl der schweren Vorfälle weiter klettert, während die Zahl der unbezahlten Bußen sprichwörtlich wird. Die Politik diskutiert Reiseverbote, regionale Ausschlüsse, bessere Datenweitergabe zwischen Verkehrsunternehmen und Migrationskette. In der Praxis gilt inzwischen die einfachere Regel: Wer die Situation unsicher macht, darf bleiben, wo er ist – nämlich im Zug, ohne zu zahlen. Die Satire schreibt sich von selbst, nur dass niemand lacht, der den Dienst täglich verrichtet.

Die Moral der nachgiebigen Tür

Es handelt sich um mehr als ein betriebliches Sicherheitskonzept. Es handelt sich um die leise, fast höfliche Anerkennung, dass ein Teil der Fahrgäste außerhalb des sozialen Vertrags steht, den der Rest der Gesellschaft noch immer für verbindlich hält. Der Zahlende finanziert nicht nur den Betrieb, sondern auch die Schonung jener, die den Betrieb als kostenlose Dienstleistung betrachten und die Kontrolleure als störende Statisten. Die Faust ins Gesicht einer Beamtin ist in diesem Kosmos kein Skandal mehr, der eine grundsätzliche Kehrtwende erzwingt, sondern ein Datum in einer Tabelle, die von Jahr zu Jahr dicker wird. Die Anweisung, den Aggressiven gehen zu lassen, ist die konsequente Fortsetzung einer Politik, die Konflikte nicht löst, sondern verwaltet, indem sie sie für nicht existent erklärt, sobald sie unbequem werden. Der Zug fährt weiter. Der Schwarzfahrer ebenfalls. Nur die Vorstellung, dass Regeln für alle gelten, bleibt auf dem Bahnsteig zurück, neben dem ungelösten Ticket und der nicht erschienenen Polizei. Man könnte es Zynismus nennen. Arriva nennt es Sicherheit. Beides schließt sich nicht aus.