Die unsichtbare Schwerkraft des Vorurteils

Es gehört zu den beruhigenden Selbsttäuschungen der Moderne, dass Antisemitismus stets die Frisur des Fanatikers trage: den brüllenden Demagogen, den Fackelmarsch, den schäumenden Irren, der beim Wort „Weltverschwörung“ die Augen derart aufreißt, als erwarte er persönlich den Weltuntergang auf Gleis drei. Das Problem dieser Vorstellung ist ihre angenehme Bequemlichkeit. Sie erlaubt es, Antisemitismus stets als das Laster der Anderen zu betrachten – der Dummen, der Hasser, der Ewiggestrigen, jener Menschen, deren geistige Architektur ohnehin eher an eine Gartenhütte erinnert als an ein bewohnbares Gebäude. Nur: Die Geschichte ist unerquicklich. Sie liefert kaum Hinweise darauf, dass Judenhass jemals ausschließlich von geistig Minderbemittelten getragen worden wäre. Im Gegenteil. Universitäten, Salons, Redaktionen, Künstlerzirkel und philosophische Zirkel waren seit Jahrhunderten keine Schutzräume gegen Antisemitismus. Häufig waren sie Brutstätten. Der Unterschied bestand bloß darin, dass dort eleganter formuliert wurde.

Jean-Paul Sartre schrieb einst: „Der Antisemit erschafft den Juden.“ Das war kein Satz über reale Juden. Es war ein Satz über Projektionen. Denn Antisemitismus funktioniert selten als Reaktion auf tatsächliches jüdisches Verhalten; er funktioniert als psychologische Infrastruktur. Er liefert Erklärungen, Feindbilder, moralische Dramaturgien. Er ist weniger Meinung als Erzähltechnik. Und wie jede Erzähltechnik ist sie unabhängig von den Figuren. Der Jude war historisch gleichzeitig Kapitalist und Kommunist, Entwurzelter und Strippenzieher, Kosmopolit und Stammesmensch, zu mächtig und zu schwach, zu reich und zu arm. Ein Wesen, das in jeder Epoche genau die Eigenschaften erhielt, die zur jeweiligen Angstlandschaft passten. Es war ein bemerkenswertes Kunststück: eine Figur zu erfinden, die gleichzeitig alles und sein Gegenteil verkörpern konnte.

Der alte Keller unter dem modernen Haus

Das Erstaunliche ist weniger, dass Antisemitismus existiert. Erstaunlich ist eher, dass noch immer überrascht getan wird. Seit Jahrhunderten liegt unter den westlichen Gesellschaften ein geistiger Keller, in dem sich religiöse Bilder, kulturelle Reflexe, Verschwörungserzählungen und moralische Muster stapeln wie vergessene Kisten. Ob mittelalterlicher Antijudaismus, nationale Mythologien oder politische Ideologien – stets wurde derselbe Keller genutzt. Nur die Tapeten wechselten.

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Und selbst dort, wo Antisemitismus sich säkularisierte, verschwand er keineswegs. Er zog lediglich um. Der religiöse Jude wurde zum Rassenjuden, später zum Kapitaljuden, dann zum Kolonialjuden, schließlich zum Zionisten als metaphysischer Projektionsfläche. Jeffrey Herf beschrieb eindrücklich, wie sich moderner eliminatorischer Antisemitismus im arabischen Raum nicht im luftleeren Raum entwickelte, sondern unter erheblichem Einfluss nationalsozialistischer Propaganda. Solche Zusammenhänge verschwinden allerdings gern aus Debatten. Denn sie stören die beliebte Vorstellung eines moralischen Schwarzweißkinos, in dem Geschichte stets als übersichtliche Begegnung von Guten und Bösen abläuft.

Die Wirklichkeit bevorzugt dagegen hässliche Komplexität. Sie sitzt rauchend in der Ecke und lacht über einfache Erklärungen.

Die Religion der selektiven Empörung

Nun tritt ein bemerkenswerter Mechanismus auf. Verfehlungen von Juden oder des jüdischen Staates erhalten häufig eine Aufmerksamkeit, deren Intensität beinahe physikalische Gesetzmäßigkeiten annimmt. Man hört dann den scheinbar reflektierten Satz: „Es müssen doch dieselben Maßstäbe gelten.“ Ein Satz, der ungefähr so harmlos wirkt wie ein Gartenzwerg und manchmal ähnlich unterschätzt wird.

Warum aber stellt sich diese Maßstabsfrage derart selektiv? Warum entsteht bei bestimmten Konflikten ein moralischer Furor, während andere Katastrophen unter das gesellschaftliche Grundrauschen fallen? Warum entfaltet sich bei manchen Themen ein permanenter Alarmzustand, während anderswo Schweigen herrscht?

Die Antwort ist unerquicklich, weil sie keine bewusste Bosheit voraussetzt. Es genügt kulturelle Gewöhnung. Menschen wachsen in Erzählungen hinein wie Fische ins Wasser. Kein Fisch diskutiert täglich über Wasser. Er bemerkt es erst beim Strandurlaub.

So entsteht eine merkwürdige Asymmetrie: Vorwürfe gegen Juden oder Israel erhalten oft enorme Aufmerksamkeit, während Gewalt gegen Juden häufig als Randnotiz behandelt wird. Der Vorwurf selbst wird Ereignis. Seine Widerlegung dagegen bloß Nachtrag. Der Verdacht bekommt die Schlagzeile; die Korrektur erhält den Platz neben dem Wetterbericht.

Die Kathedrale der moralischen Weiterverwertung

Besonders faszinierend wirkt dabei die moderne Architektur öffentlicher Legitimation. Informationen durchlaufen heute eine Kette institutioneller Weiheakte, die fast religiöse Züge trägt. Ein Gerücht erscheint irgendwo. Es wird weitergereicht, zitiert, referenziert, institutionell veredelt und schließlich erneut zurückgespielt. Am Ende steht nicht mehr die Behauptung am Anfang der Kette, sondern ein gewaltiger Apparat gegenseitiger Bezugnahme.

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Das Verfahren erinnert an mittelalterliche Reliquienwirtschaft. Ein Knochen wurde gefunden. Jemand erklärte ihn für heilig. Ein Kloster bestätigte es. Ein zweites zitierte das erste. Einige Jahre später pilgerten Menschen durch halb Europa, um den linken Mittelfinger eines Heiligen zu bestaunen, der vermutlich ursprünglich zu einer Ziege gehört hatte.

Institutionelle Autorität besitzt eine eigentümliche Magie. Menschen neigen dazu, Aussagen zu glauben, wenn genügend Logos darunterstehen. Irgendwann genügt die bloße Erwähnung internationaler Organisationen, Ausschüsse oder Gerichte als moralischer Echtheitsstempel. Dass Institutionen aus Menschen bestehen, wird dabei gern vergessen. Menschen wiederum besitzen Eigeninteressen, politische Überzeugungen, kulturelle Vorannahmen und gelegentlich eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbsttäuschung.

Das Überraschende ist nicht, dass Fehler passieren. Überraschend ist die religiöse Ehrfurcht, mit der institutionelle Aussagen manchmal behandelt werden. Als habe Moses die Pressemitteilung persönlich vom Berg getragen.

Die Liturgie der Schlagzeile

Hinzu kommt eine journalistische Eigenart, die sich kaum auf Antisemitismus beschränkt, dort jedoch besonders auffällig wirkt: Vorwürfe besitzen größere Anziehungskraft als Korrekturen. Das Mediensystem liebt Dramatik. Dramatik wiederum liebt einfache Rollen.

„X hat getan“ verkauft sich besser als „Lage unübersichtlich“. Gewissheit verkauft sich besser als Zweifel. Der Satz „Es gibt Hinweise auf komplexe Zusammenhänge“ besitzt ungefähr die erotische Ausstrahlung einer Bedienungsanleitung für Geschirrspüler.

Also entstehen Narrative. Sie brauchen Helden und Täter. Opfer und Schurken. Die Welt wird dramaturgisch organisiert. Und irgendwo zwischen moralischem Erregungsmanagement und digitalem Empörungsbetrieb beginnt etwas Merkwürdiges: Aufmerksamkeit selbst wird zur Währung.

Negative Behauptungen über Juden funktionieren historisch außerordentlich zuverlässig als Aufmerksamkeitsgeneratoren. Das war im Mittelalter so, als Brunnenvergiftungslegenden kursierten. Es war im 19. Jahrhundert so. Und es bleibt auch im Zeitalter sozialer Medien erstaunlich stabil.

Die Kränkung der Guten

Der vielleicht tragischste Teil beginnt jedoch erst danach.

Denn Menschen, die sich selbst als reflektiert, humanistisch und aufgeklärt verstehen, erleben Hinweise auf antisemitische Denkmuster oft nicht als Einladung zur Selbstprüfung, sondern als Kränkung. Der Grund ist beinahe banal: Niemand betrachtet sich gern als Vorurteilsproduzenten.

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Es entsteht ein psychologischer Kurzschluss. Antisemitismus wird ausschließlich als bewusster Hass verstanden. Also lautet die innere Rechnung: „Ich hasse keine Juden. Also kann Antisemitismus ausgeschlossen werden.“

Der Gedanke, dass Vorurteile kulturell übernommen, unbewusst reproduziert und ohne böse Absicht weitergetragen werden können, wirkt auf viele Menschen unerträglich. Also fahren die Mauern hoch. Reflexion endet. Verteidigung beginnt.

Nietzsche bemerkte einmal: „Nicht der Mangel an Liebe, sondern der Mangel an Freundschaft macht unglückliche Ehen.“ Man könnte hinzufügen: Nicht bloß Hass macht Antisemitismus gefährlich, sondern Denkfaulheit. Die Weigerung, den eigenen moralischen Spiegel auch nur eine Sekunde länger anzusehen.

Denn vielleicht ist die unangenehmste Erkenntnis überhaupt diese: Antisemitismus lebt nicht primär von Monstern. Monster sind selten. Antisemitismus lebt von Gewohnheiten. Von kulturellen Reflexen. Von Geschichten, die so lange erzählt wurden, bis niemand mehr bemerkt, dass sie Geschichten sind.

Und Geschichten besitzen eine Eigenschaft: Sie verschwinden nicht, bloß weil eine Gesellschaft sich für aufgeklärt erklärt. Sie sitzen geduldig im Keller. Und warten. Manchmal jahrzehntelang.

Bis wieder jemand die Tür öffnet.