Der Vorraum der Macht

und der muffige Geruch der Unantastbarkeit

Es gibt politische Figuren, die ein Amt bekleiden. Und es gibt jene seltenere, eigentümlichere Gattung, die kein Amt zu bekleiden scheinen, sondern eher wie ein unsichtbares Raumklima wirken: immer da, schwer zu beschreiben, allgegenwärtig, durch keine Wahl unmittelbar legitimiert, aber in jeder Türspalte des Staates spürbar. Die moderne Politik, besonders die Politik im Zeitalter permanenter Krisen, produziert mit geradezu industrieller Zuverlässigkeit diese Schattengewächse der Macht. Der offizielle Staatschef spricht vor Kameras, lächelt mit staatsmännischer Gravität, erklärt historische Notwendigkeiten und verspricht Entschlossenheit. Doch irgendwo hinter den Vorhängen, im zweiten oder dritten Kreis der Macht, sitzt jene Gestalt, die niemand gewählt hat und die dennoch jeden kennt. Der Mann hinter dem Mann. Der Flüsterer. Der Architekt der Hinterzimmer. Der politische Innenausstatter der Republik.

Andrij Jermak war lange eine solche Figur. In den Berichten über die ukrainische Machtarchitektur erschien er wie ein Phantom mit Visitenkarte. Der frühere Filmproduzent, Jurist für Unterhaltungsrecht und Vertraute des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wurde vielfach als die zweitmächtigste Person des Landes bezeichnet – eine Formulierung, die stets einen eigentümlichen Beigeschmack besitzt. Zweitmächtig. Schon das Wort wirkt wie ein halbamtlicher Adelstitel aus einer monarchischen Zwischenwelt: nicht König, aber der Mann, der dem König erklärt, was der König zu denken hat.

Und nun also Untersuchungshaft. Geldwäschevorwürfe. Kaution in Millionenhöhe. Ermittlungen, die plötzlich ins Zentrum des innersten Machtzirkels reichen. Das hat etwas von jener politischen Ironie, die Geschichte mit sadistischem Vergnügen immer wieder aufführt. Denn die Geschichte liebt Fallhöhen. Und sie liebt besonders Menschen, die zu lange den Eindruck erwecken, über Schwerkraft zu verfügen statt ihr zu unterliegen.

Der Hofstaat der modernen Demokratie

Die Demokratie des 21. Jahrhunderts trägt bekanntlich ein eigentümliches Kostüm. Sie spricht von Transparenz, während sie Räume produziert, in denen alles im Nebel liegt. Sie predigt Bürgernähe, während Entscheidungen in Kreisen getroffen werden, deren Existenz oft nur vermutet wird. Die Monarchien Europas verschwanden auf dem Papier; ihre Verhaltensmuster gingen jedoch nicht verloren. Sie wechselten lediglich die Garderobe.

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Wo früher Höflinge standen, stehen heute Berater. Wo einst Kammerherren verkehrten, residieren nun Stabschefs. Wo sich früher ein Kardinal Richelieu durch Flure bewegte, flaniert heute der politische Chefstratege. Und wie schon damals entsteht Macht nicht allein durch Titel, sondern durch Nähe. Nähe ist die eigentliche Währung der Politik. Nicht Geld. Nicht Stimmen. Nähe.

Schon Henry Kissinger formulierte einst: „Macht ist das stärkste Aphrodisiakum.“ Eine Bemerkung, die häufig als Bonmot zitiert wird, tatsächlich aber beinahe klinische Präzision besitzt. Denn Macht erzeugt ihre eigene Gravitation. Sie zieht Menschen an, deformiert Räume und verändert Realitäten. Und je länger sich jemand im Schwerefeld der Macht bewegt, desto größer wird die Versuchung, Naturgesetze neu zu interpretieren.

Irgendwann beginnt eine gefährliche Verwechslung: Zugang wird mit Legitimation verwechselt. Einfluss mit Mandat. Vertrautheit mit Unfehlbarkeit.

Und die Geschichte politischer Systeme ist voller Figuren, die irgendwann den verhängnisvollen Gedanken entwickelten: Wenn ohne mich nichts mehr funktioniert – warum sollte dann ausgerechnet für mich noch dieselbe Welt gelten wie für alle anderen?

Der Krieg als moralischer Ausnahmezustand

Hinzu tritt in der Ukraine ein Umstand, der jede Betrachtung komplizierter macht und zugleich politisch explosiver: Krieg. Kriege sind gigantische moralische Beschleunigungsmaschinen. Sie verändern Gesellschaften, komprimieren Debatten und erzeugen eine Atmosphäre, in der Kritik rasch als Illoyalität erscheinen kann.

Das ist nicht neu. Winston Churchill bemerkte einmal: „Im Krieg ist die Wahrheit so kostbar, dass sie stets von einer Leibwache aus Lügen begleitet werden sollte.“ Ein berühmtes Zitat, dessen Zynismus seine Wahrheit nicht schmälert.

Kriege schaffen Heldenfiguren. Sie schaffen nationale Symbole. Sie schaffen aber auch Schutzräume um Machtzentren. Denn im Ausnahmezustand entsteht leicht eine Atmosphäre, in der unangenehme Fragen als störende Nebengeräusche gelten.

Wer möchte schon mitten im Sturm den Bauplan des Schiffes diskutieren? Wer fragt während einer Belagerung nach Buchhaltung, Zuständigkeiten oder Geldflüssen? Die Trommeln des historischen Ernstfalls sind laut. Sie übertönen vieles.

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Gerade deshalb besitzen Korruptionsermittlungen in solchen Momenten eine fast groteske Sprengkraft. Sie wirken wie plötzliches Licht in einem Theater, während die Vorstellung noch läuft. Das Publikum erkennt auf einmal Kulissen, Seilzüge und Statisten. Der Zauber beginnt zu bröckeln.

Die Tragödie der Unersetzlichen

Die moderne Politik besitzt eine besondere Schwäche für den Mythos des Unersetzlichen. Jedes System erzeugt früher oder später Figuren, um die sich ein fast religiöser Nimbus bildet. Der Mann ohne Schlaf. Der Stratege. Der Krisenmanager. Der Einzige, der noch den Überblick besitzt.

In Unternehmen gibt es solche Gestalten ebenso wie in Regierungen. Sie bewegen sich mit der Miene eines Menschen, der den Einsturz des Universums persönlich verhindert hat. Um sie herum entsteht ein Klima der Ehrfurcht. Das Telefon klingelt nachts. Türen öffnen sich lautlos. Mitarbeiter sprechen den Namen mit jener Mischung aus Respekt und Angst aus, die früher Priestern oder Vulkanen vorbehalten war.

Und irgendwann tritt jener Moment ein, in dem die Umgebung zu glauben beginnt, die Sonne gehe tatsächlich wegen dieser Person auf.

Karl Kraus schrieb einmal: „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.“ Ein Satz, der sich auch auf Macht anwenden lässt. Je näher jemand an Macht heranrückt, desto schwieriger wird oft die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Die Perspektiven verformen sich. Die Luft wird dünn.

Denn Macht erzeugt eine bizarre Form politischer Höhenkrankheit: Der Blick wird großräumiger, aber die Wahrnehmung des Bodens verschwindet.

Die Satire des Systems

Das eigentlich Satirische liegt jedoch selten bei einzelnen Personen. Die wahre Komik entsteht durch Systeme. Denn politische Apparate besitzen eine fast poetische Fähigkeit zur Selbsttäuschung.

Man stelle sich die Szene vor: hektische Flure, ernste Gesichter, diskrete Telefonate, Berater mit Aktenmappen und Blicken, als trügen sie den Schlüssel zur Geschichte in ihren Jackentaschen. Irgendwo wird eine Sitzung einberufen. Irgendwo spricht jemand von Stabilität. Irgendwo erklärt jemand, jetzt sei Besonnenheit gefragt.

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Und über allem schwebt jener eigentümliche Geruch politischer Krisen: eine Mischung aus kaltem Kaffee, Druckerschwärze und kontrollierter Panik.

Plötzlich entdeckt ein System, das jahrelang perfekte Funktionalität simulierte, eine erstaunliche Tatsache: Auch der engste Kreis der Macht besteht aus Menschen. Menschen wiederum besitzen Gewohnheiten. Schwächen. Eitelkeiten. Ambitionen. Und gelegentlich jene alte, robuste Fehlkonstruktion der menschlichen Natur, die seit Jahrtausenden zuverlässig arbeitet und gewöhnlich Gier genannt wird.

Wie enttäuschend.

Wie erschütternd durchschnittlich.

Und wie unerquicklich banal.

Der Vorhang fällt nie vollständig

Vielleicht liegt hierin die eigentliche Pointe aller politischen Dramen: Der Vorhang fällt nie ganz. Es gibt keine endgültigen Enthüllungen, keine letzte Wahrheit, keinen vollkommenen Moment der Reinigung. Es bleiben Ermittlungen, Dementis, Loyalitäten, Verdächtigungen und die ewige graue Landschaft politischer Interpretation.

Jermak bestreitet die Vorwürfe. Die Ermittlungen laufen. Über Schuld entscheiden Gerichte.

Doch unabhängig vom Ausgang bleibt etwas zurück, das über Einzelpersonen hinausweist. Eine Erinnerung daran, dass Machtzentren, ganz gleich wie heroisch sie erscheinen mögen, immer auch jene alten menschlichen Schwächen mit sich tragen, die keine Epoche abschafft.

Die Geschichte besitzt dabei einen besonders boshaften Sinn für Humor. Sie erhebt Menschen zu Architekten der Nation und erinnert sie später daran, dass auch Architekten Türen besitzen – und dass manche davon überraschend nach innen aufgehen.

Vielleicht ist das die dauerhafteste Satire der Politik: Dass jeder Palast, gleich wie modern, transparent und demokratisch er sich gibt, irgendwann wieder jenes alte Geräusch erzeugt.

Das leise Knarren einer Hintertür.