Der Konsens, der keiner sein möchte und doch als einer auftritt

Es gehört zu den großen intellektuellen Theaterstücken der Gegenwart, dass ausgerechnet eine Epoche, die sich selbst unablässig als Zeitalter der Komplexität beschreibt, eine geradezu rührende Sehnsucht nach moralischer Eindeutigkeit entwickelt hat. Alles soll eindeutig sein, alles sofort benannt werden, alles ohne Rest und Zögern in die richtige Schublade einsortiert. Die Gegenwart liebt Etiketten wie frühere Jahrhunderte Heiligenbilder liebten: als Objekte des Trostes, der Ordnung und der Erlösung. Und in dieser eigentümlichen Liturgie der Gegenwart hat sich ein Begriff zur sakralen Endstufe moralischer Verdammung erhoben: „Genozid“. Er steht inzwischen nicht mehr bloß für eine juristische Kategorie oder einen historisch präzise umrissenen Tatbestand. Er ist zum Endgegner aller Debatten geworden. Wer ihn ausspricht, glaubt oft, den Gerichtshammer der Geschichte bereits in der Hand zu halten. Das Urteil soll gesprochen sein, bevor die Verhandlung begonnen hat.

Die Behauptung, über Israels Vorgehen im Gazastreifen bestehe unter Wissenschaftlern ein Konsens hinsichtlich eines „Völkermords“, gehört dabei zu den bemerkenswertesten rhetorischen Kunststücken der letzten Jahre. Denn sie funktioniert wie ein politisches Zauberstück: Zunächst wird eine Reihe prominenter Stimmen präsentiert; anschließend wird ihre bloße Existenz in eine Mehrheit verwandelt; aus der Mehrheit entsteht ein Konsens; und aus dem Konsens wiederum eine Art naturwissenschaftliche Unumstößlichkeit. Es ist die akademische Version des alten Jahrmarkts-Tricks, bei dem aus drei Karten plötzlich eine ganze Bibliothek wird.

Nur dass diese Bibliothek bei näherem Hinsehen eher an ein literarisches Bühnenbild erinnert: kunstvoll aufgebaut, eindrucksvoll beleuchtet, aber aus Pappe gefertigt.

Die erstaunliche Verwandlung politischer Meinung in wissenschaftliche Gravitation

Es ist eine bemerkenswerte Eigenheit moderner Debatten, dass sich bestimmte Namen irgendwann in eine Art argumentativen Passierschein verwandeln. Omer Bartov sagt etwas, also muss etwas daran sein. Dirk Moses formuliert eine These, also scheint sie bereits einen institutionellen Stempel zu besitzen. Raz Segal schreibt sechs Tage nach dem Hamas-Massaker vom „Völkermord nach Lehrbuch“, und plötzlich wirkt es, als hätte Moses persönlich die Tafeln vom Sinai heruntergetragen – diesmal allerdings nicht aus Stein, sondern aus einem PDF-Dokument.

TIP:  Steckt die AfD dahinter?

Sechs Tage. Man muss diese Zahl genießen.

Historiker beschäftigen sich gewöhnlich jahrzehntelang mit Ereignissen. Archive werden geöffnet, Dokumente verglichen, Zeugenaussagen geprüft, Quellen seziert. Ganze Karrieren vergehen zwischen dem ersten Verdacht und einer belastbaren These.

Doch im Zeitalter moralischer Sofortlieferung scheint die Wissenschaft neuerdings den Prinzipien des Essenslieferdienstes zu folgen: Urteil in unter zehn Minuten oder kostenlos.

Die Vorstellung besitzt beinahe poetische Qualität. Noch lagen die Leichen des 7. Oktober kaum begraben, noch hatte Israels Bodenoffensive nicht einmal begonnen, da wurde bereits das „Verbrechen der Verbrechen“ diagnostiziert.

Frühere Generationen kannten den medizinischen Hausbesuch. Heute existiert offenbar der Hausbesuch des Genozidforschers. Diagnose vor Untersuchung. Urteil vor Beweisaufnahme.

„Völkermord nach Lehrbuch.“

Die Formulierung selbst klingt, als sei irgendwo ein Handbuch erschienen: Genozid für Eilige – Einführungskurs mit Lösungsteil.

Die Universität als Kathedrale des moralischen Augenblicks

An den Hochschulen westlicher Gesellschaften ereignet sich dabei eine Transformation, die von einer gewissen Ironie nicht frei ist. Orte, die einst Skepsis, Distanz und methodische Strenge predigten, entwickeln eine Vorliebe für die moralische Soforterregung.

Der akademische Betrieb erinnert zunehmend an eine Mischung aus Tribunal, Aktivistenkongress und Gruppentherapie mit Drittmittelförderung.

Israelische Universitäten werden boykottiert. Kooperationen ruhen. Forschungsbeziehungen verschwinden. Wissenschaftler verlieren Einladungen, Publikationsmöglichkeiten und Kontakte.

Natürlich geschieht dies im Namen von Offenheit, Pluralismus und kritischem Denken.

Die Geschichte liebt solche Ironien.

Man stelle sich vor, Galileo wäre einst erklärt worden: Man schätze seine Forschungen, aber aufgrund aktueller Sensibilitäten könne eine Zusammenarbeit leider nicht fortgesetzt werden.

Es ist die alte menschliche Neigung, politische Exkommunikation mit moralischem Fortschritt zu verwechseln.

Der Unterschied besteht lediglich darin, dass frühere Epochen Scheiterhaufen errichteten. Die Gegenwart bevorzugt Ausschüsse und offene Briefe.

Die Flamme brennt heute bürokratischer.

Der erstaunliche Umgang mit empirischen Tatsachen

Besonders faszinierend bleibt die Karriere bestimmter Behauptungen. Sie sterben nicht. Sie altern nicht. Sie verschwinden nicht.

Sie werden widerlegt und laufen anschließend unbeirrt weiter.

TIP:  Wenn Geschichte zur Inszenierung wird

Es existiert eine fast rührende Beharrlichkeit in diesem Prozess. Informationen, die sich später als fehlerhaft herausstellen, durchqueren zunächst internationale Medien, werden von NGOs übernommen, gelangen in Berichte der Vereinten Nationen und kehren anschließend als wissenschaftliche Fußnoten zurück.

Es ist ein Kreislauf von beinahe ökologischer Eleganz.

Eine Behauptung erscheint.

Sie wird zitiert.

Sie wird wiederholt.

Sie wird vervielfacht.

Sie wird moralisch aufgeladen.

Und irgendwann besitzt sie den Status objektiver Realität.

Dass Danny Orbach und Mitautoren später zahlreiche Behauptungen kritisierten und überprüften, spielte kaum eine Rolle.

Widerlegungen besitzen leider einen entscheidenden Nachteil: Sie sind langweilig.

Die Öffentlichkeit liebt den Skandal, nicht dessen Korrektur.

Die Schlagzeile „Israel begeht Völkermord“ besitzt eine Wucht, gegen die „Komplexe empirische Neubewertung unter Berücksichtigung widersprüchlicher Datenlagen“ ungefähr so aufregend wirkt wie die Gebrauchsanweisung eines Wasserkochers.

Die Vereinten Nationen und das Wunder der beschleunigten Geschichte

Besonders kunstvoll geriet das Schauspiel bei den Vereinten Nationen.

Historisch betrachtet benötigen Untersuchungen zu Völkermorden oft Jahre. Ruanda. Kambodscha. Myanmar.

Beweise sammeln, Zeugenaussagen auswerten, Quellen prüfen.

Langsamkeit galt einmal als Zeichen von Ernsthaftigkeit.

Im Falle Gazas schien plötzlich eine neue Zeitrechnung zu gelten.

Die Institution, die gewöhnlich arbeitet wie ein Bürokratie-Orchester unter Valium, entwickelte plötzlich die Geschwindigkeit eines Start-ups kurz vor dem Börsengang.

Berichte erschienen in Rekordtempo.

Analysen wurden erstellt.

Urteile formuliert.

Man hätte fast erwartet, dass demnächst eine App erscheint: „Genocide Tracker – jetzt mit Push-Benachrichtigungen.“

Es ist erstaunlich, wie rasch Bürokratien werden können, wenn politische Leidenschaften den Treibstoff liefern.

Der Begriff Genozid und sein schleichender Bedeutungsverlust

Raphael Lemkin entwickelte den Begriff des Genozids, weil er eine präzise Beschreibung eines spezifischen Verbrechens benötigte.

Präzision war sein Anliegen.

Heute geschieht oft das Gegenteil.

Je häufiger Begriffe inflationär eingesetzt werden, desto geringer wird ihre Schärfe.

Ein Wort, das einst Auschwitz, Ruanda oder Srebrenica beschreiben sollte, wird zunehmend zu einem politischen Universalwerkzeug.

Es erfüllt mittlerweile Funktionen wie ein Schweizer Taschenmesser des Aktivismus.

TIP:  Das Theater der Wahrheiten und die Industrie der Gewissheiten

Es dient der Mobilisierung.

Der Delegitimierung.

Der moralischen Erhöhung.

Der Identitätsstiftung.

Und natürlich der Erzeugung maximaler Empörung.

Nur eines kann es dabei immer schlechter:

präzise beschreiben.

Es ist die alte Tragödie großer Begriffe. Sie sterben selten an ihren Gegnern.

Sie sterben an ihren Bewunderern.

Der Konsens als mediale Halluzination

Und damit landet die Debatte bei ihrem eigentlichen Kern.

Es gibt keinen unangefochtenen wissenschaftlichen Konsens über einen „Völkermord“ im Gazastreifen.

Es gibt prominente Stimmen.

Es gibt laute Stimmen.

Es gibt aktivistische Stimmen.

Es gibt politisierte Stimmen.

Und es gibt Gegenstimmen.

Aber moderne Medienlandschaften besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit: Aus Lautstärke wird Größe. Aus Wiederholung entsteht Wahrheit. Und aus einer Minderheit entsteht irgendwann ein vermeintlicher Konsens.

Vielleicht liegt hierin die eigentliche Satire unserer Zeit.

Nie zuvor wurde so oft von Vielfalt gesprochen.

Nie zuvor schien gleichzeitig die Versuchung so groß, intellektuelle Dissense verschwinden zu lassen.

Der Konsens, der über Gaza beschworen wird, erinnert an jene sagenhaften Monarchen alter Märchen: Jeder spricht über seine prächtigen Gewänder.

Nur gelegentlich fragt jemand leise, ob überhaupt Stoff vorhanden ist.

Und genau in diesem Moment beginnt gewöhnlich die Empörung. Denn kaum etwas erschüttert den modernen Debattenbetrieb stärker als die ketzerische Frage, ob der angebliche Konsens vielleicht lediglich eine sehr erfolgreiche Inszenierung war.

Der Vorhang fällt selten freiwillig.