Die große Entwicklungssinfonie

oder Wie man Milliarden versenkt und dabei moralisch trocken bleibt

Es gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen moderner Verwaltungskunst, dass ausgerechnet jene Branche, die Armut beseitigen soll, eine nahezu unerschütterliche Stabilität entwickelt hat – allerdings vor allem bei sich selbst. Während Fabriken schließen, Parteien implodieren und Ideologien regelmäßig an der Wirklichkeit zerschellen, zeigt die westliche Entwicklungspolitik eine beinahe geologische Beständigkeit. Sie übersteht Skandale, Misserfolge, Kriege, Evaluierungen und die gelegentliche Begegnung mit der Realität. Das muss ihr erst einmal jemand nachmachen. Sechzig Jahre lang wird erklärt, reformiert, konferiert, koordiniert, transformiert und nachhaltig begleitet – und nach jeder Runde des globalen Hilfszirkus steht die erstaunliche Erkenntnis im Raum, dass nun leider noch mehr Hilfe notwendig sei. Es handelt sich um einen der wenigen Bereiche menschlichen Handelns, in denen permanentes Scheitern als Begründung für Expansion dient. Ein Restaurant, das sechzig Jahre lang ausschließlich Lebensmittelvergiftungen produzierte, würde irgendwann geschlossen. In der Entwicklungspolitik dagegen erhielte es vermutlich zusätzliche Mittel für ein innovatives Hygienekonpetenzzentrum mit partizipativem Ansatz.

Der verstorbene Rupert Neudeck erkannte diese Mechanik früh. Er sprach von einer „kranken“ Entwicklungspolitik. Bemerkenswert war daran nicht nur die Diagnose, sondern die Tatsache, dass überhaupt jemand innerhalb des Milieus wagte, das Offensichtliche auszusprechen. Denn der Apparat lebt von einer Sprache, die weniger Beschreibung als Tarnvorrichtung ist. Das Vokabular der Entwicklungshilfe erinnert an einen Nebelgenerator mit akademischer Zusatzqualifikation. Je größer das Problem, desto wolkiger die Begriffe. Je geringer die Wirkung, desto prachtvoller die Formulierungen. Hinter jeder Katastrophe erscheint ein Strategiepapier. Hinter jedem Misserfolg eine neue Leitlinie. Und hinter jeder Leitlinie ein Workshop-Hotel mit Kaffeepausen.

Neudeck sagte einen Satz, der fast unanständig wirkte: Hilfe müsse den Westen überflüssig machen. Welch absurde Zumutung. Eine Institution möge sich selbst abschaffen? Das wäre ungefähr so, als verlange man von einem Finanzamt Begeisterung über Steuervermeidung oder von einer Bürokratie Freude über Papierlosigkeit. Hilfe, die endet, wäre aus Sicht vieler Funktionäre etwa so attraktiv wie ein Theaterstück, bei dem nach zehn Minuten der Vorhang endgültig fällt und die Zuschauer ihr Geld zurückverlangen.

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Das Dezemberfieber und die hohe Kunst des Mittelabflusses

Eine besondere Schönheit entfaltet das System gegen Jahresende. Dann beginnt jenes Phänomen, das Eingeweihte ehrfürchtig „Dezemberfieber“ nennen. Es ist eine Art Adventszeit der Entwicklungsbürokratie, allerdings ohne Besinnlichkeit und mit deutlich höherem Budgetdruck. Gelder müssen hinaus. Nicht vielleicht. Nicht wenn sinnvoll. Sondern unbedingt.

Das erinnert an eine Mischung aus Schlussverkauf und kollektivem Verwaltungsrausch. Plötzlich werden Projekte entdeckt, die zuvor monatelang im Dornröschenschlaf lagen. Seminare materialisieren sich wie Erscheinungen. Beratungsaufträge wachsen aus dem Boden wie Pilze nach Regen. Noch ein Gender-Workshop. Noch eine Nachhaltigkeitsstudie. Noch eine partizipative Resilienzinitiative für die Stärkung transkultureller Akteursstrukturen in fragilen Kontexten.

Es gilt das Kartoffel-Theorem: Was auf dem Tisch liegt, wird gegessen.

Der eigentliche Skandal liegt dabei nicht einmal im Geldausgeben. Staaten geben Geld aus; das tun sie seit ihrer Erfindung. Der eigentliche Skandal liegt in der Umkehrung jeder Vernunftregel. Erfolg bemisst sich nicht daran, ob sich Lebensbedingungen verbessern, sondern daran, ob Mittel abgeflossen sind. Das Budget wird zur Religion, der Jahresabschluss zum Sakrament und der Mittelverbrauch zum Glaubensbekenntnis.

Die Frage, ob etwas funktioniert, wirkt dabei fast vulgär. Sie stört die Ästhetik.

Good Governance oder Das Elend in Managementsprache

Zu den großen Klassikern des Genres zählt „Good Governance“. Es klingt hervorragend. Es klingt nach Vernunft, Ordnung und verantwortungsvoller Staatsführung. Es klingt wie eine Kreuzung aus Kant, Weltbank und PowerPoint-Präsentation.

In der Praxis beschreibt es oft etwas anderes: die feierliche Behauptung, man arbeite mit Staaten zusammen, deren Eliten ihre Bevölkerung etwa so fürsorglich behandeln wie ein Krokodil eine Antilope.

Der ghanaische Ökonom George Ayittey sprach von der „Nilpferd-Generation“ afrikanischer Herrscher: träge, unbeweglich und fest entschlossen, jede Veränderung als persönlichen Angriff zu betrachten. Das Bild ist brutal und zugleich von einer zoologischen Präzision, die jede wissenschaftliche Analyse übertrifft.

Denn während westliche Delegationen über Rechenschaftspflicht, Transparenz und demokratische Standards dozieren, fließen vielerorts Rohstoffmilliarden in jene geheimnisvollen Kanäle, in denen Geld verschwindet wie kleine Kinder in Zaubershows. Straßen zerfallen, Stromnetze kollabieren, Wasserleitungen versanden, aber irgendwo wächst stets eine neue Präsidentenvilla aus dem Boden.

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Und der Westen? Er reagiert mit einem Workshop über institutionelle Kapazitätsentwicklung.

Auf Augenhöhe oder Der höfliche Kolonialismus des guten Gewissens

Kaum ein Ausdruck besitzt eine vergleichbare Karriere wie „auf Augenhöhe“. Er taucht überall auf, vorzugsweise in Broschüren mit lächelnden Menschen vor Solarpaneelen.

Dabei existiert eine kleine Schwierigkeit: Augenhöhe setzt gleiche Macht voraus.

Wenn jedoch die eine Seite Geld gibt, Konzepte schreibt, Prioritäten definiert, Protokolle vorbereitet und Bedingungen festlegt, während die andere höflich unterschreibt, entsteht keine Augenhöhe. Es entsteht etwas, das an einen Theaterdialog erinnert, bei dem einer alle Rollen spricht.

Der eigentliche Witz besteht darin, dass häufig schon vor Verhandlungen feststeht, welche Wünsche geäußert werden sollen. Die fertigen Papiere reisen oft früher an als die Gesprächspartner.

Partnerschaft verwandelt sich dann in eine Form organisierter Höflichkeit.

Eine höfliche Fiktion.

Eine Choreographie des Mitbestimmens.

Man könnte fast Bewunderung empfinden für die Eleganz dieser Konstruktion.

Nachhaltigkeit oder Das Wort, das alles und nichts bedeutet

„Nachhaltigkeit“ gehört inzwischen zu jenen Begriffen, die eine nahezu metaphysische Wandlungsfähigkeit entwickelt haben. Alles ist nachhaltig. Der Flughafen. Die Dienstreise. Die Konferenz über Dienstreisen. Vermutlich auch die Kaffeetasse im Hotelseminarraum.

Der Begriff wurde derart oft verwendet, dass sein Inhalt verdunstete wie Wasser in der Sahelzone.

Er funktioniert inzwischen wie ein moralischer Weichzeichner. Wer ihn verwendet, wirkt automatisch tugendhaft. Niemand fragt mehr nach konkreten Ergebnissen.

Und so entstehen Dinge wie konsumkritische Stadtgänge für Millionenbeträge. Menschen spazieren durch deutsche Innenstädte und lernen, dass die Welt kompliziert ist und Bananen Gefühle haben könnten. Irgendwo in Afrika versucht derweil ein Landwirt, tatsächlich etwas zu verkaufen.

Die Ironie ist von monumentaler Schönheit: Aus privilegierter Perspektive wird erklärt, warum wirtschaftliche Aktivitäten problematisch seien – für Menschen, deren größtes Problem darin besteht, überhaupt wirtschaftliche Aktivitäten zu besitzen.

Hilfe zur Selbsthilfe oder Das Berufsbild der ewigen Unentbehrlichkeit

Vielleicht liegt hier die eigentliche Pointe.

Jahrzehntelang lautete das Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“. Eine wunderbare Formel. Fast poetisch.

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Nur merkwürdig: Kaum jemand scheint jemals die zweite Hälfte ernst gemeint zu haben.

Denn echte Selbsthilfe hätte Folgen.

Sie würde bedeuten, dass lokale Fachkräfte Aufgaben übernehmen. Dass Entscheidungsgewalt wandert. Dass ausländische Berater überflüssig werden.

Und damit beginnt eine äußerst heikle Zone menschlicher Psychologie.

Institutionen entwickeln nämlich einen ausgeprägten Überlebenstrieb. Sie kämpfen nicht gegen Probleme; sie kämpfen gegen die Möglichkeit, eines Tages nicht mehr gebraucht zu werden.

Deshalb entstehen Projekte von solcher Komplexität, dass ohne externe Expertise nichts mehr funktioniert: Genderanalysen, Wirkungsmatrizen, CO₂-Bilanzen, Dokumentationen in epischer Länge.

Der Zweck besteht nicht mehr in Problemlösung.

Der Zweck ist Fortsetzung.

Follow the Money

Am Ende führt jede Untersuchung dorthin, wo jede ernsthafte Untersuchung endet: zum Geld.

Es versickert nicht einfach.

Es ernährt.

Es finanziert Konferenzen, Apparate, Beratungen, Reisen, Experten, Institutionen und einen gigantischen Verwaltungsorganismus, dessen wichtigstes Produkt paradoxerweise die eigene Fortexistenz ist.

Vielleicht erklärt dies die Immunität gegen Kritik.

Denn wer Milliarden verteilt, verteilt Einfluss.

Wer Einfluss verteilt, erzeugt Loyalität.

Und Loyalität besitzt eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie klingt oft wie Moral.

Thomas Hoyer formulierte den Vorwurf schärfer: „Die meisten Politiker fliegen so hoch über der Realität, dass ihnen die Menschen am Horizont alle näher zu sein scheinen als die Deutschen unter ihnen.“

Es ist ein Satz von solcher Schärfe, dass die moderne Politprosa sofort versuchen würde, ihn in eine „perspektivisch herausfordernde Wahrnehmungsasymmetrie sozialräumlicher Akteure“ umzuschreiben.

Und genau darin liegt vielleicht das ganze Problem.

Rupert Neudeck hatte verstanden, dass Systeme selten an bösen Absichten scheitern.

Sie scheitern an den guten.

An den schönen Worten.

An den edlen Formulierungen.

An der Bürokratie der Barmherzigkeit.

Und an jener großen westlichen Spezialität: der Fähigkeit, sogar aus dem Scheitern noch eine dauerhaft finanzierte Struktur zu machen.