Chuzpe in Sternenkranzblau

Wenn Institutionen plötzlich Freiheitslyrik entdecken

Es gibt Momente, in denen die Wirklichkeit den Satiriker arbeitslos macht. Augenblicke von einer so vollkommenen, symmetrischen, selbstvergessenen Ironie, dass jeder Versuch der Zuspitzung nur wie eine demütige Abschrift erscheint. Solche Sternstunden ereignen sich, wenn große Institutionen jene Vokabeln entdecken, die jahrzehntelang als unbequemes Mobiliar in den Kellern öffentlicher Debatten standen. Dann treten plötzlich Kampagnen auf die Bühne, die feierlich verkünden: „Schützen wir, was uns wichtig ist.“ Darunter: freie Presse. Freie Meinung. Demokratie. Offenheit. Bürgerrechte. Freiheit überhaupt – jenes alte, schwerfällige Möbelstück, das im politischen Alltag oft nur dann aus dem Lager geholt wird, wenn Kamerateams anwesend sind.

Und genau an dieser Stelle beginnt jene Zone, in der das Wort „Chuzpe“ seinen großen Auftritt hat. Chuzpe – dieses herrlich jiddische Meisterstück der Begriffskunst, das weniger Unverschämtheit meint als eine Form kreativer Dreistigkeit, die in ihrer Eleganz beinahe Bewunderung erzwingt. Die klassische Definition lautet bekanntlich: Der Mann, der seine Eltern ermordet und anschließend um Milde bittet, weil er Vollwaise sei. Doch jede Zeit erweitert ihre Klassiker. Die Moderne liebt Fortsetzungen. Und Institutionen lieben Neuinterpretationen.

Wenn also eine Kampagne in majestätischem Tonfall erklärt, freie Presse und freie Meinung seien nun zu schützen, entsteht eine jener stillen Denkpausen, in denen der Bürger kurz innehält und nachsehen möchte, ob irgendwo eine versteckte Kamera installiert wurde. Denn man fragt sich unwillkürlich: Von wem genau? Vor wem? Gegen wen? Und vor allem: Seit wann erfolgt diese plötzliche Entdeckung in einem Tonfall, als habe man irgendwo in einer staubigen Schublade zufällig die Magna Carta gefunden, zwischen Dienstreiseabrechnungen und Leitlinienpapieren zum korrekten Gebrauch genderneutraler Büroklammern?

Die späte Liebe zur Freiheit

Institutionen entwickeln gelegentlich eine bemerkenswerte Form von Altersromantik. Dinge, die sie gestern noch als kompliziert, störend oder zumindest als problematische Randphänomene betrachteten, werden plötzlich zu Herzensangelegenheiten erklärt. Freiheit ist ein solcher Fall. Pressefreiheit insbesondere. Über lange Jahre begegnet man ihr oft mit der Zärtlichkeit eines Finanzbeamten gegenüber Straßenmusikern: grundsätzlich tolerant, solange niemand zu laut wird.

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Natürlich liebt jede Macht die freie Presse. Theoretisch. Als Idee. Als Konzept. Als historisches Ornament. Freie Presse in Sonntagsreden gleicht alten Familienporträts im Flur: Man hängt sie auf, zeigt sie Gästen und betont ihre Bedeutung. Problematisch wird es erst, wenn die Porträtierten anfangen, aus den Bildern herauszusteigen und Fragen zu stellen.

Der französische Schriftsteller und Politiker Georges Clemenceau bemerkte einst: „Krieg ist eine zu ernste Angelegenheit, um ihn Militärs zu überlassen.“ Es ließe sich ergänzen: Pressefreiheit scheint gelegentlich eine zu ernste Angelegenheit zu sein, um sie ausschließlich institutionellen Kampagnen anzuvertrauen.

Denn die eigentliche Komik liegt nicht in der Behauptung selbst. Selbstverständlich sind freie Presse und freie Meinung schützenswert. Daran besteht kaum Zweifel. Die Komik entsteht in der Inszenierung. In diesem eigentümlichen Moment, wenn politische Apparate plötzlich den Gestus des rebellischen Straßenphilosophen übernehmen, als hätten sie gerade in einer verrauchten Studentenkneipe ihr Herz für Dissens entdeckt.

Die erstaunliche Karriere des Dissenses als Werbeslogan

Es ist ohnehin eine faszinierende Entwicklung der Moderne, dass Opposition inzwischen als offizielles Produkt vermarktet wird. Der Protest wurde institutionell, die Rebellion erhielt Corporate Design, und die Freiheit bekam eine Kommunikationsstrategie mit abgestimmten Farbwelten.

Früher stand Freiheit auf Barrikaden. Heute erscheint sie im Kampagnenvideo, begleitet von beruhigender Musik und freundlichen Menschen, die bedeutungsvoll in Sonnenuntergänge schauen. Man wartet beinahe darauf, dass irgendwo eine Stimme sagt: „Freiheit – jetzt auch in nachhaltiger Verpackung.“

George Orwell schrieb einmal: „Journalismus besteht darin, etwas zu veröffentlichen, was andere nicht veröffentlicht haben wollen. Alles andere sind Public Relations.“ Ein Satz von der Schlichtheit eines Vorschlaghammers. Und gerade deshalb so unerquicklich für alle, die öffentliche Kommunikation bisweilen mit Choreographie verwechseln.

Denn freie Meinung besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Sie ist frei. Nicht nur für die Richtigen. Nicht nur für die Gebildeten. Nicht nur für Menschen mit den korrekten Formulierungen, den passenden Zertifikaten und den akzeptierten Meinungen des jeweiligen Jahrzehnts. Freiheit hat diese vulgäre Angewohnheit, sich gelegentlich Menschen zu bedienen, die man nicht eingeladen hätte.

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Genau dort beginnt die eigentliche Belastungsprobe. Solange Freiheit bedeutet, Aussagen zu verteidigen, die ohnehin alle begrüßen, handelt es sich weniger um Freiheitsliebe als um gesellschaftliche Gymnastik mit sehr niedriger Schwierigkeitsstufe.

Die Bürokratie entdeckt das Pathos

Vielleicht ist dies überhaupt die große Komödie der Gegenwart: Bürokratien entwickeln plötzlich Pathos. Riesige Verwaltungsgebilde sprechen auf einmal die Sprache der Bürgerbewegung. Man erlebt Texte, die klingen, als hätten Aktenordner Gefühle entwickelt.

Da tritt eine Institution vor die Öffentlichkeit und erklärt mit ernster Miene: „Schützen wir, was uns wichtig ist.“

Es klingt wie der dramatische Höhepunkt eines Historienfilms. Nur dass sich der Zuschauer unwillkürlich fragt, ob dieselbe Dramaturgie auch bei Verordnungen über Gurkenkrümmungen, Datensätzen, Ausschussprotokollen und Sitzungsrichtlinien verwendet wird.

Die Satire liebt solche Momente, weil sie nichts hinzufügen muss. Sie lehnt sich zurück wie ein alter Theaterkritiker, zieht langsam die Augenbraue hoch und notiert: Perfekte Aufführung. Großartige Selbstvergessenheit. Vorzügliches Timing.

Karl Kraus, dieser Großmeister der publizistischen Bosheit, schrieb: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.“

Man könnte hinzufügen: Wenn die Sonne institutioneller Selbstinszenierung besonders hell scheint, erscheinen selbst die kühnsten Widersprüche als harmonische Dekoration.

Die eigentliche Pointe bleibt ungeschrieben

Denn die größte Pointe fehlt selbstverständlich. Sie steht nie auf den Plakaten. Kein Slogan lautet: „Schützen wir die freie Meinung – sofern sie den aktuellen Kommunikationsleitlinien entspricht.“ Niemand formuliert: „Schützen wir freie Presse – solange die Ergebnisse nicht irritieren.“ Niemand sagt: „Schützen wir Vielfalt – innerhalb sorgfältig definierter Grenzen.“

Natürlich sagt das niemand.

Die Kunst moderner Kommunikation besteht gerade darin, das Ungesagte in elegante Verpackungen zu hüllen. Der Zauber liegt im Tonfall. In jener milden Selbstverständlichkeit, mit der Aussagen präsentiert werden, die plötzlich wie historische Entdeckungen erscheinen.

Und hier tritt die Chuzpe in voller Pracht auf die Bühne – nicht als gewöhnliche Unverfrorenheit, sondern als hohe Schule der politischen Theaterkunst. Eine Art Ballett der Widersprüche. Ein Walzer aus Anspruch und Wirklichkeit.

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Es ist jene Form der Dreistigkeit, die fast schon wieder Größe besitzt. Wie ein Zaubertrick, dessen Mechanismus sichtbar ist und der gerade deshalb funktioniert.

Und vielleicht besteht darin die eigentliche Schönheit solcher Kampagnen: Sie erinnern daran, dass Satire nicht stirbt. Niemals. Sie braucht keine Erfindungen. Keine Übertreibungen. Keine wilden Konstruktionen.

Sie braucht nur Geduld.

Die Wirklichkeit erledigt den Rest.