oder Europas Kunst, sich mit Anlauf selbst auf die Füße zu treten
Es gehört zu den großen kulturellen Leistungen der Gegenwart, dass Europa eine erstaunliche neue Form politischer Gymnastik entwickelt hat: die elegante Kunst der freiwilligen Fremdsteuerung unter gleichzeitigem Vortrag moralischer Selbstüberlegenheit. Es handelt sich um eine hochkomplexe Disziplin, die aus drei Elementen besteht: Haltung annehmen, Eigeninteressen vergessen und anschließend mit ernstem Gesicht erklären, all dies geschehe selbstverständlich aus strategischer Souveränität. Der Vorgang erinnert entfernt an einen Butler, der nach jahrelanger Selbstaufgabe plötzlich behauptet, die Hausherren würden in Wahrheit seinem langfristigen Plan folgen. Das Publikum applaudiert höflich; irgendwo fällt ein Tablett zu Boden.
Jahrelang erklang aus Washington dieselbe Melodie. China sei zu gefährlich geworden. Entkopplung! Risikominderung! Sanktionen! Zölle! Der Tonfall jener Verkündigungen schwankte zwischen geopolitischem Weltrettungseifer und der Miene eines Versicherungsvertreters, der dringend empfiehlt, das eigene Haus anzuzünden, weil andernfalls ein Brand drohen könnte. Und Europa? Europa reagierte wie der traditionsreiche Streber in der ersten Schulreihe, der sofort hektisch mitschreibt, obwohl niemand die Aufgabe verstanden hat.
Kaum war irgendwo in den Vereinigten Staaten das Wort „Decoupling“ ausgesprochen, schallte es durch die Gänge der europäischen Institutionen zurück, als handele es sich um eine Offenbarung aus dem geopolitischen Sinai. Begriffe wurden übernommen, Perspektiven importiert und Prioritäten angepasst. Das strategische Eigeninteresse verschwand auf rätselhafte Weise wie ein Taschentuch in den Händen eines mittelmäßigen Zauberers. Zurück blieb eine politische Klasse, die sich vor Spiegeln versammelte und einander versicherte, dass Fremdinteressen eigentlich bloß eine besonders moderne Form von Selbstbestimmung seien.
Die geopolitische Selbstverzwergung als europäische Spitzenleistung
Es ist ein eigentümliches Schauspiel: Auf der einen Seite werden Handelsströme nach Asien mit der Leidenschaft eines übereifrigen Verkehrsbeamten blockiert, auf der anderen Seite wird jeder wirtschaftliche Kollateralschaden als Beweis moralischer Integrität verkauft. Der Kontinent wirkt dabei gelegentlich wie ein Mann, der sich beide Beine zusammenbindet und anschließend stolz erklärt, nun den Laufwettbewerb der Zukunft gewonnen zu haben.
Und während die europäische Selbstbestrafungsmaschinerie mit preußischer Gründlichkeit weiterläuft, spielt sich andernorts eine Szene ab, die jeder Satiriker wegen Übertreibung gestrichen hätte. Kaum wurde China zur geopolitischen Endgegnerkulisse erklärt, versammelten sich plötzlich jene amerikanischen Magnaten, Milliardäre, Technologiekönige und Finanzfürsten, die im offiziellen Moraltheater angeblich an vorderster Front des Kampfes gegen die chinesische Gefahr stehen sollten – und reisten höchstpersönlich zum großen Drachen, um Geschäfte zu machen.
Das Bild besitzt eine fast literarische Schönheit. Während einige Europäer noch damit beschäftigt sind, Entkopplung als Schicksalsaufgabe vorzutragen, sitzen anderswo die Kapitalstrategen bereits am Verhandlungstisch und fragen freundlich nach Investitionsmöglichkeiten. Eine Billion Dollar Privatvermögen tritt auf wie eine Wanderzirkusgruppe des globalisierten Kapitalismus und erklärt plötzlich: Die Geschäfte müssten selbstverständlich weitergehen.
Die historische Ironie tropft hier aus jeder Zeile wie Honig aus einem schlecht verschlossenen Fass. Jahrzehntelang wurde Europa erklärt, Politik sei die Kunst strategischer Notwendigkeit. Nun zeigt sich, dass sie offenbar eher die Kunst ist, andere den Preis zahlen zu lassen.
Das Hinterzimmer der Prinzipien
Besonders faszinierend ist dabei die eigentümliche Rolle der europäischen Institutionen. Dort scheint man sich eine Welt eingerichtet zu haben, die einer Mischung aus Bürokratie, Moraltheater und mittelgroßem Debattierclub gleicht. Irgendwo zwischen Kommissionspapieren, Strategiepapieren und Wertedokumenten entstand offenbar die Überzeugung, dass geopolitische Realität sich ähnlich verhält wie ein Excel-Dokument: ausreichend bearbeitbar, solange die richtigen Formulierungen fett markiert werden.
Man möchte fast eine Delegation entsenden. Eine besonders ernste Delegation. Eine Delegation mit zusammengezogenen Augenbrauen und besorgtem Gesichtsausdruck. Sie könnte in ferne Hauptstädte reisen und dort den Großmächten dieser Welt erklären, was Verantwortung bedeutet. Nicht etwa deshalb, weil irgendjemand darum gebeten hätte. Sondern aus jener unerschütterlichen Überzeugung heraus, dass eine Vorlesung über Werte ungefähr dieselbe Wirkung entfaltet wie Schwerkraft.
Vielleicht könnten solche Gesandten feierlich erklären, dass Prinzipien unverzichtbar seien – selbst wenn sie innerhalb der eigenen Strukturen gelegentlich eher den Charakter unverbindlicher Dekoration besitzen. Der moderne geopolitische Betrieb liebt schließlich Prinzipien, sofern sie andere befolgen.
Xi, Trump und die Tragödie des kulturellen Kontrasts
Selten trat die kulturelle Differenz politischer Welten deutlicher hervor als in der eigentümlichen Gegenüberstellung zweier Figuren, die unterschiedlicher kaum wirken könnten. Auf der einen Seite staatsphilosophische Formeln über historische Wendepunkte, globale Verantwortung und die Vermeidung jener berühmten „Falle des Thukydides“, jenes Gedankens also, wonach aufsteigende und etablierte Mächte in verhängnisvolle Konflikte geraten.
Auf der anderen Seite ein politischer Stil, dessen poetische Höhepunkte gelegentlich aus Bemerkungen über hübsche Kinder, großartige Armeen und fantastische Geschäfte bestehen.
Es wirkt beinahe wie ein misslungenes Crossover zwischen Konfuzius und einem Produzenten amerikanischer Realityshows.
Der Kontrast besitzt etwas Tragikomisches. Nicht, weil eine Seite zwangsläufig recht hätte. Sondern weil eine Weltmacht plötzlich den Eindruck vermittelt, sie sei in den Händen jener Highschool-Figuren gelandet, die Hollywood seit Jahrzehnten produziert: große Gesten, kleine Horizonte, enorme Lautstärke.
Diese archetypischen Gestalten marschieren seit Generationen durch amerikanische Filme. Breitschultrige Schulhofherrscher mit Baseballschlägern, die aufrichtig überzeugt sind, Besitz und Recht seien im Grunde dieselbe Sache. Kommt keine Einigung zustande, wird geschubst. Hilft das nicht, wird gedroht. Und wenn auch das scheitert, erklärt man die Prügelei zur Friedensmission.
Der eigentliche Schock liegt nicht darin, dass solche Figuren existieren. Der Schock liegt darin, dass plötzlich die Weltpolitik aussieht, als würde sie von einer Castingagentur organisiert.
Europas große Zukunft im Club der freiwilligen Naivität
Und hier endet die Satire leider nicht, denn sie besitzt die unangenehme Angewohnheit, regelmäßig von der Wirklichkeit überholt zu werden. Es spricht wenig dafür, dass sich am Grundmuster etwas ändert. Die transatlantische Beziehung hat über Jahre eine bemerkenswerte Stabilität entwickelt: Die Vereinigten Staaten erklären ihre Interessen zu universellen Wahrheiten; Europa erklärt diese Wahrheiten anschließend zu eigenen Interessen; am Ende blickt man erstaunt auf die Rechnung.
Vielleicht liegt darin sogar eine Form historischer Romantik. Manche Gesellschaften glauben an große Ideen, andere an Fortschritt, manche an Freiheit. Europa scheint zunehmend an die tröstliche Vorstellung zu glauben, dass irgendwo ein großer Bruder existiere, der schon wissen werde, wohin die Reise geht.
Und so dürfte die Vorführung fortgesetzt werden. Mit Begeisterung. Mit Haltung. Mit Erklärungen. Mit Gipfeln. Mit Resolutionen. Und vermutlich mit jener unerschütterlichen Ernsthaftigkeit, die Bürokratien entwickeln, wenn sie sich mitten in eine historische Komödie verirrt haben und sie irrtümlich für ein Strategiepapier halten.
Die Frage, wie oft sich Europa noch verschaukeln lassen werde, besitzt deshalb womöglich eine überraschend einfache Antwort.
So oft es irgend geht.
Und vielleicht sogar noch ein bisschen öfter.