oder wie Deutschland Afrika mit der Gießkanne rettet, während China die Schlüssel einsammelt
Es gibt historische Rollen, die Völker über Jahrhunderte kultivieren. Die Briten beherrschten die maritime Arroganz, die Franzosen die kulturelle Grandezza, die Amerikaner perfektionierten die industrielle Verbindung aus Pragmatismus und Selbstinszenierung. Deutschland hingegen scheint im frühen 21. Jahrhundert seine weltgeschichtliche Spezialität entdeckt zu haben: den moralisch überhöhten Zahlmeister ohne Geschäftsmodell. Eine Art globaler Großonkel, der auf Familienfeiern schweigend Umschläge mit Geld verteilt, während andere längst das Haus überschrieben bekommen haben.
Afrika ist dabei zum vielleicht prägnantesten Schauplatz dieser seltsamen deutschen Leidenschaft geworden. Seit Jahren erklingt der Chor der Zukunftspropheten: Afrika, der Kontinent des kommenden Jahrhunderts; Afrika, der letzte große Wachstumsmarkt; Afrika, die junge Bevölkerung; Afrika, die Chancen. Irgendwo zwischen PowerPoint-Präsentationen, Entwicklungsforen und Konferenzen mit Kaffeepausen aus biologisch nachhaltigem Fair-Trade-Anbau entsteht ein fast sakraler Tonfall. Es klingt, als stünde ein gewaltiges Erwachen bevor. Nur leider bleibt die entscheidende Frage häufig unbeantwortet: Erwachen wofür – und vor allem für wen?
Denn während auf Podien über Partnerschaft, Transformation und nachhaltige Zukunftsarchitekturen diskutiert wird, erledigt China etwas ausgesprochen Unmodernes: Interessenpolitik.
Peking baut Häfen, Berlin baut Absichtserklärungen
Es gehört zu den großen Tragikomödien moderner Politik, dass die Welt zwar ununterbrochen von Werten spricht, aber fast immer Interessen meint. China macht sich nicht einmal die Mühe, diesen Umstand hinter freundlichen Nebelmaschinen zu verstecken. Peking hat Afrika nie als moralisches Projekt behandelt. Afrika wurde als strategischer Raum verstanden. Ein nüchterner Unterschied – und einer mit Folgen.
Während deutsche Delegationen Formulierungen wie „partnerschaftliche Entwicklung auf Augenhöhe“ in Dokumente gravieren, die später in digitalen Archiven verstauben, baut China Häfen, Eisenbahnlinien, Sonderwirtschaftszonen und Lieferketten. Der chinesische Staat verhält sich dabei wie ein Schachspieler, der zwanzig Züge vorausdenkt, während die Gegenseite noch diskutiert, welche Farbe die Figuren aus Gründen der Diversität tragen sollten.
Die Zahlen besitzen eine gewisse Brutalität. Milliardenkredite, zehntausende Unternehmen, Rohstoffsicherung, Infrastrukturkontrolle, Häfen, Minen, Logistikzentren. Kupfer im Kongo, Kobalt in Sambia, Lithium in Simbabwe, Öl in Nigeria und Angola. Die Chinesen erscheinen dort nicht als Weltverbesserer. Sie erscheinen als Kaufleute mit geopolitischem Ehrgeiz.
Der alte Satz des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger drängt sich auf: „Wer die Nahrung kontrolliert, kontrolliert die Menschen; wer Energie kontrolliert, kontrolliert Nationen.“ Im 21. Jahrhundert müsste ergänzt werden: Wer die Häfen kontrolliert, kontrolliert den Rest.
Deutschland dagegen scheint eine andere Maxime verinnerlicht zu haben: Wer Geld verteilt, kontrolliert vor allem seine eigene Illusion.
Die Geber-Neurose als Staatsphilosophie
In Deutschland entwickelte sich über Jahrzehnte eine bemerkenswerte politische Kultur: Nicht Erfolg legitimiert Politik, sondern gute Absichten. Der Wille ersetzt zunehmend die Wirkung. Man finanziert nicht, weil etwas funktioniert; man finanziert, weil es sich gut anhört.
Der Begriff „Entwicklungshilfe“ besitzt inzwischen beinahe liturgische Qualität. Er darf kaum noch hinterfragt werden, ohne dass irgendwo ein moralischer Alarm ausgelöst wird. Dabei ist Kritik keineswegs neu.
Der Ökonom William Easterly formulierte einst eine vernichtende Diagnose. In seinem Werk „Wir retten die Welt zu Tode“ beschrieb er eine Industrie der Hilfe, die vor allem eines meisterhaft produziert: Berichte, Konferenzen, Expertennetzwerke und Verwaltungsstrukturen.
Die Anekdote aus Tansania wirkt fast wie Satire. Milliarden flossen in Straßenprojekte. Die Straßen wurden dennoch schlechter. Dafür entstanden tausende Berichte.
Tausende Berichte.
Das Bild besitzt etwas Erhabenes: Irgendwo zerfällt eine Straße unter afrikanischer Sonne, während gleichzeitig in klimatisierten Räumen Dokumente entstehen, die minutiös erklären, weshalb die Straße theoretisch ausgezeichnet funktioniert.
Es erinnert an jene berühmte Beobachtung von Franz Kafka: „Ketten der Menschheit gequälter sind aus Kanzleipapier.“
Man könnte ergänzen: und gelegentlich aus Förderanträgen.
Die Entwicklungshilfeindustrie als eigenes Ökosystem
Vielleicht liegt das eigentliche Geheimnis moderner Entwicklungspolitik darin, dass ihre sichtbarsten Erfolge gar nicht in Afrika stattfinden.
Denn betrachtet man die Dinge mit unromantischer Präzision, dann entstanden rund um Entwicklungshilfe hochfunktionale Lebensräume. Beratungsunternehmen gedeihen. Expertenkarrieren blühen. Konferenzhotels prosperieren. Projektkoordinatoren koordinieren Projektkoordinatoren, die wiederum Fachberater betreuen, welche Evaluationen über die Betreuung koordinierter Projekte verfassen.
Es entstand eine Art Paralleluniversum professioneller Hilfeverwaltung.
Der langjährige Entwicklungshelfer Frank Bremer zog eine düstere Bilanz: Die Armen seien oft kaum weniger arm, dafür aber zahlreiche Stellen in den Zentralen entstanden.
Ein erstaunliches System. Fast biologisch perfekt.
Es besitzt die Eigenschaft aller langlebigen Bürokratien: Es produziert ständig Beweise seiner Unentbehrlichkeit.
Ein Projekt, das scheitert, beweist nie die Nutzlosigkeit des Projekts. Es beweist lediglich den Bedarf neuer Projekte.
Wie Pilze nach einem Sommerregen wachsen Förderprogramme aus Förderprogrammen hervor. Wenn etwas nicht funktioniert, fehlt nicht das Konzept – es fehlt die nächste Finanzierung.
China kennt keine Romantik
China wirkt daneben fast beleidigend unpoetisch.
Peking kommt nicht mit Broschüren über globale Solidarität. Peking erscheint mit Baggern.
Man darf dabei keineswegs in naive Bewunderung verfallen. Chinas Afrika-Politik ist keine humanitäre Operette. Sie ist hart, interessengeleitet und bisweilen von einer Kälte, die selbst alte Kolonialmächte anerkennend nicken lassen könnte.
Doch sie besitzt eine Eigenschaft, die in modernen westlichen Debatten fast verdächtig wirkt: strategische Kohärenz.
Es existiert ein Ziel.
Und Ziele haben den unschönen Nebeneffekt, dass sie Ergebnisse erzeugen.
Während Deutschland Energieprojekte finanziert, deren langfristiger Nutzen oft im Nebel politischer Hoffnungen verschwindet, kontrolliert China Lieferketten, Transportachsen und Rohstoffe.
Der Unterschied ähnelt dem eines Restaurantbesuches, bei dem der eine Gast großzügig das Trinkgeld bezahlt, während der andere heimlich das Gebäude kauft.
Der tragikomische Endpunkt deutscher Weltrettung
Die eigentliche Ironie liegt in der finalen Wendung dieses geopolitischen Schauspiels.
Denn die deutschen Milliarden finanzieren nicht selten genau jene infrastrukturellen Voraussetzungen, von denen andere profitieren. Während Berlin mit moralischer Erhabenheit Entwicklungspakete schnürt, laufen Warenströme später über Häfen, Eisenbahnen und Netzwerke, die längst chinesisch geprägt sind.
Es besitzt etwas von einem grotesken Theaterstück.
Der deutsche Steuerzahler tritt auf die Bühne, verteilt begeistert Requisiten und bezahlt die Beleuchtung. Danach erscheint China, übernimmt die Hauptrolle und kassiert die Eintrittsgelder.
Applaus.
Vorhang.
Empörung.
Und anschließend beginnt alles wieder von vorn.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik westlicher Afrika-Politik: Nicht ihr Scheitern. Scheitern gehört zur Geschichte jeder Macht.
Die Tragik besteht darin, dass das Scheitern oft noch als moralischer Triumph verkauft wird.
Und so entsteht jener merkwürdige Zustand, in dem Deutschland mit dem Ernst eines Missionars Milliarden verteilt, während China mit der Gelassenheit eines Kaufmanns die Schlüssel zur Zukunft einsammelt.
Der Satiriker Karl Kraus schrieb einst: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.“
Vielleicht müsste der Satz heute erweitert werden: Wenn die Sonne strategischen Denkens untergeht, erscheinen selbst Überweisungen wie Außenpolitik.