Kein Senf für die Schlagerwürstchen

Es gibt eine uralte, fast rührende Sehnsucht der Zivilisation: Irgendwo müsse es doch einen Ort geben, an dem das Elend der Welt draußen bleibt. Einen weißen, makellosen Raum. Einen luftigen Bereich über den Niederungen des Tagesgeschäfts, weit entfernt von Kriegen, Ideologien, Parteitagen, sozialen Medien und den notorischen Meinungshändlern, die inzwischen in jeden Winkel des Daseins vordringen wie Schimmel in schlecht gelüftete Altbauwohnungen. Und wenn schon nicht im Parlament, nicht im Stadion, nicht im Internet und schon gar nicht in der Fußgängerzone – dann vielleicht wenigstens in der Kunst. Dort, wo Menschen in Leinenanzügen vor Installationen stehen, die aussehen wie umgekippte Baustellencontainer, und bedeutungsvoll nicken. Dort, wo Vernissagen mehr Häppchen als Erkenntnisse hervorbringen und der Schaumwein oft tiefer perlt als die Gedanken. Dort müsse doch Frieden sein. Wenigstens dort.

Doch leider ist selbst die Kunst inzwischen von einem eigentümlichen Erlösungsbedürfnis befallen. Die Biennale von Venedig, einst die große Weltmesse des ästhetischen Exzesses, ist längst nicht mehr bloß eine Bühne für Kunst, sondern zunehmend eine Therapiesitzung für den Zustand der Welt. Und der Eurovision Song Contest – jenes glitzernde Hochamt der europäischen Geschmacksverwirrung, bei dem seit Jahrzehnten musikalische Verbrechen unter Konfettibeschuss begangen werden – ist ebenfalls zum Austragungsort weltpolitischer Erregung geworden. Man könnte sagen: Wo früher wenigstens noch schlechte Musik und unverständliche Kunst regierten, marschiert heute der Aktivismus ein, geschniegelt mit moralischer Gewissheit. Nein: geschniegelt nicht. Aufpoliert. Gelackt. Mit der Selbstsicherheit eines Staubsaugervertreters der Wahrheit.

Und plötzlich steht die alte Forderung im Raum, die so unschuldig klingt wie ein Kinderlied und so unerquicklich endet wie ein Parteitag: Kunst müsse rein bleiben. Rein von Politik. Rein von Macht. Rein von Konflikten. Rein von Interessen. Ein steriler Raum der Schönheit. Eine Intensivstation für verletzte Gemüter.

Eine bemerkenswerte Idee. Fast so bemerkenswert wie der Vorschlag, ein Schwimmbad ohne Wasser zu betreiben oder Fußball ohne Ball. Denn Kunst war niemals rein. Kunst war niemals ein Sanatorium der Harmonie. Kunst war immer Schmutz, Streit, Verführung, Angriff, Übertreibung. Sie war das Gegenteil jener Reinheit, die politische Aktivisten heute mit erstaunlicher Inbrunst verlangen.

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Der Traum von der moralischen Waschanlage

Wer Reinheit fordert, fordert meistens Säuberung. Das ist eine historische Erfahrung von bemerkenswerter Zuverlässigkeit. Kaum taucht das Wort auf, beginnt irgendjemand mit dem Besen herumzufuchteln. Die Menschheit verfügt über eine geradezu tragische Begabung, aus hygienischen Metaphern politische Programme zu entwickeln.

Die Kunst solle frei sein von „problematischen Einflüssen“, heißt es dann. Frei von Staaten. Frei von Konflikten. Frei von falschen Akteuren. Frei von den Falschen überhaupt.

Es ist die Logik der Waschanlage. Hinein fährt die Welt mit all ihren Widersprüchen, ihrem Dreck, ihren Zumutungen – und heraus kommt eine blitzende, moralisch entkeimte Oberfläche. Das Problem ist nur: Kunst entsteht gerade aus dem Schmutz. Aus Widerspruch. Aus Unruhe. Aus Ambivalenz.

Oscar Wilde schrieb einmal: „Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.“ Ein Satz, der heute wahrscheinlich sofort einen Beschwerdebrief nach sich ziehen würde. Denn Wahrheit soll inzwischen einfach sein. Sie soll sich in Slogans pressen lassen. In Hashtags. In empörte Kurzvideos. In Haltungsbekundungen von exakt sieben Sekunden Länge.

Die neue Reinheitssehnsucht ist nicht ästhetisch. Sie ist pädagogisch. Sie möchte Kunst nicht betrachten, sondern erziehen. Nicht erleben, sondern beaufsichtigen.

Das Ergebnis gleicht einer absurd verlängerten Schulstunde. Da stehen Erwachsene vor Kunstwerken und erwarten von ihnen dieselbe moralische Eindeutigkeit, die früher Verkehrszeichen besaßen. Rot bedeutet Stopp. Grün bedeutet Gehen. Kunst bedeutet Haltung.

Wie unerquicklich.

Der ESC als europäische Selbsthilfegruppe

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung dort, wo die Veranstaltung selbst längst etwas Tragikomisches besitzt. Der Eurovision Song Contest war nie Kunst im strengen Sinn. Er war eine europäische Erfindung von erstaunlicher Kühnheit: die Idee, Nationalstolz und Geschmacksverirrung in einer einzigen Fernsehsendung zu vereinen.

Ein Ereignis also, das stets von einem großzügigen Verständnis des Begriffs Qualität lebte.

Aber gerade darin lag sein Charme. Der ESC war die große Einladung zur Geschmacksanarchie. Ein Ort, an dem man scheitern durfte. Laut. Mit Windmaschine.

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Nun jedoch wird ausgerechnet diese Veranstaltung zunehmend als geopolitischer Prüfstand betrachtet. Jeder Auftritt wird politisch gelesen. Jede Teilnahme moralisch taxiert. Jeder Song erscheint als außenpolitische Fußnote.

Es ist, als würde jemand bei einem Kindergeburtstag plötzlich eine Podiumsdiskussion über internationale Sicherheitsarchitektur eröffnen.

Natürlich war Politik immer da. Sie war beim ESC stets präsent, so wie sie überall präsent ist, wo Menschen zusammenkommen. Aber sie war eine Hintergrundmusik, kein Presslufthammer.

Jetzt hingegen wird die Bühne zum Tribunal.

Und damit passiert etwas Seltsames: Ausgerechnet jene, die Politik aus Kunst entfernen wollen, machen alles politischer als jemals zuvor.

Die Aktivisten als neue Kulturbeamte

George Orwell bemerkte einst: „Alle Kunst ist Propaganda.“ Er meinte das nicht als Lob. Aber er verstand etwas, das heute vergessen scheint: Kunst und Macht waren nie getrennte Kontinente.

Wer glaubt, eine entpolitisierte Kunst herstellen zu können, glaubt vermutlich auch an biologisch abbaubare Betonmischer.

Die eigentliche Ironie liegt woanders: Die neuen Aktivisten verstehen sich als Rebellion. Als Widerstand. Als Gegenbewegung.

Tatsächlich benehmen sie sich oft wie Kulturbeamte früherer Zeiten. Nur dass statt grauer Anzüge nun Turnschuhe getragen werden und statt Aktenordnern soziale Medien.

Der Mechanismus bleibt derselbe: kontrollieren, sortieren, klassifizieren.

Welche Stimmen dürfen sprechen?

Welche Werke sind legitim?

Welche Positionen gehören ausgeschlossen?

Es ist eine erstaunliche Verwandlung. Aus Protest wird Verwaltung. Aus Rebellion Bürokratie.

Und jede Bürokratie entwickelt irgendwann Formulare.

Man wartet fast auf Anträge wie:

„Genehmigung zur Ausstellung ambivalenter Inhalte, zweifach einzureichen.“

Die Kunst als letzter Ort des Unbequemen

Dabei besteht die eigentliche Würde der Kunst gerade darin, dass sie sich dem Zugriff entzieht. Dass sie unbequem bleibt. Unordentlich. Widersprüchlich.

Thomas Mann schrieb einmal, Kunst sei eine „höhere Heiterkeit“. Kein schlechter Gedanke.

Denn Heiterkeit bedeutet nicht Harmlosigkeit. Sie bedeutet Distanz. Die Fähigkeit, auch auf den eigenen Ernst herabzusehen.

Und vielleicht fehlt genau diese Distanz heute.

Die Welt ist voll von Menschen geworden, die mit bemerkenswerter Verbissenheit um die letzte moralische Nachkommastelle kämpfen. Alles besitzt plötzlich Endgültigkeit. Jede Debatte wird zur Schicksalsfrage. Jede Veranstaltung zum historischen Moment.

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Dabei wäre manchmal etwas mehr Gelassenheit angebracht.

Die Biennale wird nicht den Weltfrieden retten.

Der ESC wird keine geopolitischen Konflikte lösen.

Und eine Ausstellung hat noch nie einen Krieg beendet.

Was Kunst aber kann: verwirren, provozieren, irritieren, reizen. Fragen stellen statt Antworten liefern.

Gerade deshalb muss sie frei bleiben – nicht von Politik, sondern von den Reinheitsfantasien jener, die aus ihr eine moralische Kantine machen möchten.

Denn Kunst ohne Zumutung wäre wie eine Schlagerwurst ohne Senf: vielleicht ordentlich, vielleicht sauber, vielleicht sogar gut gemeint.

Aber unerquicklich trocken.

Und am Ende bleibt nur der fade Geschmack einer Welt, die sich selbst für zu ernst hält.