Deutscher Strom aus deutscher Sonne und deutschem Wind

Die elektrische Romantik des Vaterlands

Es gehört zu den eigentümlichsten Begabungen der deutschen Politik, aus technischen Fragen kulturelle Identitätsprojekte zu machen. Andere Länder erzeugen Strom. Deutschland hingegen diskutiert Schicksal, Wesen und nationale Seele des Elektrons. Es ist daher beinahe zwangsläufig, dass auch die Energiepolitik irgendwann den Weg des Kartoffelsalats, des Leitkulturdiskurses und der Frage nach der korrekten Beschaffenheit des Abendlandes gehen musste: Was ist eigentlich deutscher Strom? Und noch wichtiger: Ist Strom überhaupt wirklich Strom, wenn er nicht aus deutscher Sonne und deutschem Wind stammt?

Hier beginnt eine jener ideologischen Operetten, die das politische Deutschland in regelmäßigen Abständen aufführt: eine Mischung aus Heimatfilm, Verwaltungsakt und Tragikomödie, in der Naturkräfte plötzlich Staatsbürger zu sein scheinen. Die Sonne steigt morgens offenbar nicht mehr einfach auf; sie erscheint nun als patriotische Erscheinung am Firmament. Der Wind wiederum ist nicht länger ein meteorologisches Ereignis, sondern ein stiller Mitstreiter kultureller Selbstbehauptung. Das Wetter erhält Migrationshintergrundprüfungen.

Die Formulierung „deutscher Strom aus deutscher Sonne und deutschem Wind“ besitzt jene unverwechselbare poetische Qualität, die entsteht, wenn nationale Symbolik auf physikalische Vorgänge trifft. Sie klingt wie der Titel eines nie veröffentlichten Albums einer volkstümlichen Elektropop-Band oder wie die Werbebroschüre einer Behörde, die neben Energiepolitik auch für Trachtenpflege und Blitzschutz zuständig ist. Es ist ein Satz von erstaunlicher Schwerkraft: halb Wahlkampfslogan, halb unfreiwillige Literatur.

Die Nation der patriotischen Naturgesetze

Die Natur selbst zeigt allerdings seit jeher eine irritierende Gleichgültigkeit gegenüber nationalen Sehnsüchten. Der Wind hat leider keine kulturelle Verankerung. Er kennt keine Zollgrenzen. Er beantragt keine Aufenthaltsgenehmigungen. Er weht, woher er will – eine ausgesprochen anarchische Angelegenheit. Schon im Johannesevangelium findet sich der Satz: „Der Wind weht, wo er will.“ Möglicherweise handelte es sich dabei um eine frühe Warnung vor energiepolitischen Debatten.

Der Wind über der Nordsee könnte gestern über Dänemark gewesen sein, vorgestern über den Niederlanden und morgen in Polen vorbeischauen. Er zeigt eine bemerkenswerte Tendenz zu transnationalem Verhalten. Geradezu globalistisch. Es wäre vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis jemand fordern würde, Luftmassen genauer auf ihre Integrationsbereitschaft zu überprüfen.

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Auch die Sonne verhält sich enttäuschend kosmopolitisch. Sie bestrahlt alles. Wälder, Dächer, Gartenzwerge, Solarpaneele und gelegentlich sogar politische Programme. Ihre Strahlen kennen keinen Pass und keine kulturelle Zugehörigkeit. Sie scheint über Deutschland ebenso wie über Frankreich, Italien oder Luxemburg, und zwar ohne erkennbare Priorisierung nationaler Interessen. Ein geradezu skandalöser Zustand. Nationalkonservative Himmelsmechanik müsste vermutlich verlangen, dass Sonnenstrahlen an den Grenzen kurz innehalten, ihre Dokumente vorzeigen und einen Nachweis geordneter Einstrahlungsabsichten erbringen.

Das Elektron kennt kein Vaterland

Doch vielleicht liegt gerade hier die Tragik des modernen Nationalromantikers: Elektrizität besitzt keine Identitätspolitik. Ein Elektron, das aus einem Windrad stammt, unterscheidet sich nicht von einem Elektron aus einem französischen Kernkraftwerk, einem norwegischen Wasserkraftwerk oder einem tschechischen Kohlemeiler. Es trägt keine Fahne. Es singt keine Hymne. Es murmelt nicht bei jedem Durchfluss ehrfürchtig Goethes Verse.

Die Stromnetze Europas wurden nicht geschaffen, um nationale Mythen zu pflegen, sondern um ein praktisches Problem zu lösen: Versorgungssicherheit. Elektrizität bewegt sich entlang physikalischer Regeln. Sie fragt nicht nach Parteiprogrammen. Sie interessiert sich nicht für kulturelle Leitbilder. Strom besitzt eine geradezu beleidigende Sachlichkeit.

Gerade dies macht ihn politisch so schwer erträglich. Denn moderne Politik liebt Symbole. Der symbolische Gehalt einer Windkraftanlage ist oft wichtiger als ihre Kilowattstunden. Die Diskussion verläuft selten entlang technischer Fragen, sondern entlang moralischer Erregungsachsen. Windräder werden zu Freiheitsmonumenten oder Landschaftsverbrechen, Solarpaneele zu Zeichen der Rettung oder des Untergangs. Eine Turbine ist nie bloß eine Turbine; sie ist Charakterprüfung.

Der große deutsche Irrtum besteht möglicherweise darin, jede praktische Angelegenheit sofort in einen weltanschaulichen Endkampf umzuwandeln. Aus einer Debatte über Energieversorgung wird eine metaphysische Schlacht um Volk, Identität, Fortschritt, Untergang und nationale Bestimmung. Das Kraftwerk wird zum Symboltempel.

Richard Wagner hätte vermutlich ein Elektrizitätsministerium gegründet

Es gibt einen tiefen Zug deutscher Geistesgeschichte, der hier sichtbar wird: die unerschütterliche Sehnsucht nach Gesamterzählungen. Richard Wagner wollte das Gesamtkunstwerk. Der deutsche Politikbetrieb scheint gelegentlich vom Gesamtverwaltungswerk zu träumen.

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Nichts darf klein bleiben. Eine Stromleitung ist niemals bloß Infrastruktur. Sie wird Schicksalsader. Eine Wärmepumpe ist keine Heiztechnik, sondern Zivilisationsfrage. Ein Solarpanel ist nicht Dachtechnik, sondern Weltanschauung im Aluminiumrahmen.

Man könnte sich vorstellen, wie Thomas Mann über eine solche Szenerie geschrieben hätte. Irgendein Regierungsrat säße in einem holzvertäfelten Büro, blickte melancholisch auf Wetterkarten und fragte mit feierlichem Ernst: „Kann ein Windstoß überhaupt deutsch empfinden?“ Während draußen über den Feldern Turbinen rotieren und der Regen auf Aktenordner trommelt.

Heinrich Heine hätte vermutlich weniger Geduld gezeigt. „Der Deutsche“, schrieb er einst, „gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel.“ Man könnte ergänzen: Der moderne politische Deutsche gleicht manchmal dem Bürger, der sogar Luftströmungen in Verwaltungszuständigkeiten überführen möchte.

Die Satire der Wirklichkeit schreibt sich inzwischen selbst

Das eigentlich Komische besteht darin, dass politische Satire zunehmend unter Konkurrenzdruck steht. Die Wirklichkeit produziert ihre Pointen längst selbst. Wo früher Kabarettisten über den Nationalcharakter des Wetters gespottet hätten, erscheinen heute Formulierungen, die bereits wie Parodien wirken.

Man stelle sich die Fortsetzung vor: deutscher Regen aus deutschen Wolken. Deutsche Wärme aus deutschem Sommer. Deutsche Gravitation für deutsche Fallbewegungen.

Irgendwann erreicht jede politische Sprache einen Punkt, an dem sie beginnt, sich selbst zu karikieren. Der Pathospegel steigt, die Worte werden größer, die Symbolik schwerer, und plötzlich steht man vor Sätzen, die zugleich vollkommen ernst gemeint und unfreiwillig komisch sind.

Die höchste Form politischer Ironie entsteht dort, wo niemand mehr bemerkt, dass längst Satire gesprochen wird.

Und vielleicht ist genau dies das eigentliche Wunder deutscher Debattenkultur: dass selbst Elektrizität irgendwann zur Frage nationaler Selbstvergewisserung werden kann. Irgendwo in Europa rauscht unterdessen Strom durch Leitungen, gleichgültig, sachlich und frei von ideologischer Ergriffenheit. Elektronen setzen ihre Reise fort, unbeeindruckt vom Menschenlärm über ihnen.

Vielleicht liegt darin sogar ein stiller Trost.

Denn selbst in Zeiten größter politischer Erregung besitzt die Physik noch immer einen seltenen Charakterzug: Sie bleibt unbestechlich. Und sie hat, bei aller Höflichkeit, eine ausgeprägte Neigung, über menschliche Eitelkeiten nur müde zu lächeln.