Die große Umstellung der Wirklichkeit

Es gehört zu den ironischsten Leistungen moderner Gesellschaften, dass sie ihre tiefgreifendsten Transformationen fast nie als Transformation bezeichnen. Revolutionen tragen heute keinen roten Fahnenstoff mehr, sie kommen als Diskursupdate, als Sensibilisierungskampagne, als moralischer Fortschritt mit PowerPoint. Man ersetzt keine Systeme – man „entwickelt Narrative weiter“. Und während der Bürger glaubt, er wohne noch im selben politischen Haus wie vor zwanzig Jahren, hat man in Wirklichkeit längst die Statik verändert, einige tragende Wände entfernt und durch dekorative Schlagwörter ersetzt.

Die Mechanik dieser Transformation ist dabei erstaunlich elegant. Sie funktioniert nicht durch offene Gewalt – die wäre zu grob, zu sichtbar, zu altmodisch. Sie funktioniert durch Bedeutungsverschiebungen. Begriffe werden nicht abgeschafft, sondern umprogrammiert. Freiheit bleibt Freiheit, Gerechtigkeit bleibt Gerechtigkeit, Moral bleibt Moral – nur die Inhalte dieser Worte haben inzwischen ein völlig neues Betriebssystem. Und wie bei jeder gelungenen Softwaremigration merkt der Nutzer erst dann etwas, wenn er versucht, eine alte Funktion aufzurufen.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist also nicht, dass sich Gesellschaften verändern – das haben sie immer getan. Bemerkenswert ist die Art der Veränderung: Sie läuft über Moral, Sprache, Institutionen und Narrative zugleich, wie ein vierzylindriger Motor politischer Kulturtechnik. Und wer verstehen will, warum sich öffentliche Debatten heute gleichzeitig hysterischer, dogmatischer und seltsam ritualisiert anfühlen, muss genau diesen Motor betrachten.

Denn das Entscheidende ist: Die Transformation wird nicht als Machtkampf präsentiert. Sie wird als moralische Notwendigkeit inszeniert. Und damit beginnt das Spiel.

Warum Moral zum politischen Instrument wird

Moral war früher – zumindest im idealisierten Selbstbild liberaler Demokratien – eine Art Hintergrundmusik des politischen Systems. Sie lieferte Werte, auf deren Grundlage Menschen argumentieren konnten, während die eigentliche politische Arena aus Interessen, Gesetzen und Kompromissen bestand. Moral war der Kompass, Politik das Navigieren.

In der gegenwärtigen Phase scheint sich dieses Verhältnis umzukehren. Moral wird selbst zum politischen Werkzeug. Sie ersetzt nicht einfach Interessenpolitik – sie überhöht sie. Wer früher argumentierte, musste erklären, warum seine Position praktisch sinnvoll sei. Heute genügt oft der Hinweis, dass sie moralisch notwendig ist. Und moralische Notwendigkeit hat einen entscheidenden Vorteil: Sie duldet keine Gegenargumente, sondern höchstens moralische Nachhilfe.

Die Logik dahinter ist so simpel wie wirkungsvoll. Wenn politische Konflikte als moralische Konflikte dargestellt werden, dann wird aus dem politischen Gegner automatisch ein moralischer Problemfall. Wer widerspricht, hat nicht nur eine andere Meinung – er steht auf der falschen Seite der Geschichte, der Menschlichkeit, der Verantwortung oder irgendeiner anderen sehr großen Sache.

Damit verschiebt sich auch der Ton der Debatte. Politik wird zur Ethikprüfung. Argumente werden durch moralische Etiketten ersetzt. Und plötzlich diskutiert man nicht mehr über Maßnahmen, sondern über Charakter.

Der satirische Kern dieses Vorgangs liegt darin, dass moralische Politik sich selbst gern als besonders human darstellt, während sie gleichzeitig den Raum für Dissens verengt. Denn Moral ist – anders als Recht – kein System von Verfahren, sondern ein System von Bewertungen. Sie kennt Helden und Sünder, aber selten legitime Gegner.

Und so entsteht eine paradoxe Situation: Je stärker sich Politik moralisiert, desto weniger tolerant wird sie gegenüber politischer Vielfalt.

Sprachverschiebungen und die Macht der Narrative

Wenn Moral das Instrument ist, dann ist Sprache der Werkzeugkasten. Keine gesellschaftliche Transformation kommt ohne semantische Renovierungsarbeiten aus. Wörter werden neu definiert, alte Bedeutungen ausgetauscht, problematische Begriffe archiviert wie veraltete Softwareversionen.

Das geschieht selten abrupt. Viel häufiger geschieht es durch kleine Verschiebungen, die zunächst harmlos wirken. Ein Wort bekommt einen neuen Unterton. Ein Begriff wird moralisch aufgeladen. Ein anderer verschwindet langsam aus dem öffentlichen Gebrauch, weil er plötzlich als unsensibel, problematisch oder zumindest „nicht mehr zeitgemäß“ gilt.

Die Macht dieser Verschiebungen ist enorm. Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert nicht nur die Beschreibung der Realität – sondern die Realität selbst. Denn politische Konflikte beginnen immer mit einer Definition: Was genau ist das Problem? Wer ist betroffen? Welche Begriffe sind überhaupt zulässig?

Ein klassisches Beispiel dieser Dynamik ist der Übergang von Beschreibung zu moralischem Label. Früher beschrieb Sprache Sachverhalte. Heute kategorisiert sie Menschen und Positionen entlang moralischer Achsen. Begriffe werden zu Signalen der Zugehörigkeit: Wer sie benutzt, zeigt, auf welcher Seite er steht.

So entsteht das, was man höflich „Narrativ“ nennt und was weniger höfliche Beobachter schlicht als Deutungshegemonie bezeichnen würden. Narrative sind nicht einfach Geschichten – sie sind Interpretationsrahmen. Sie bestimmen, welche Fakten relevant erscheinen und welche nicht. Sie legen fest, welche Fragen gestellt werden dürfen und welche schon als verdächtig gelten.

Das Faszinierende ist dabei die Geschwindigkeit dieser Prozesse. Sprachverschiebungen, die früher Generationen brauchten, passieren heute innerhalb weniger Jahre. In sozialen Medien verbreiten sich neue Begriffe schneller als wissenschaftliche Erkenntnisse.

Man könnte sagen: Die Wirklichkeit wird inzwischen in Echtzeit umformuliert.

Warum wir Freiheit gerade gefährlich neu definieren

Besonders sichtbar wird diese Transformation am Begriff der Freiheit. Kaum ein Wort ist in liberalen Demokratien so zentral – und kaum eines wird derzeit so intensiv umgedeutet.

Traditionell bedeutete Freiheit vor allem Abwesenheit von Zwang. Der Staat sollte möglichst wenig in das Leben der Bürger eingreifen. Diese Idee – oft als negative Freiheit beschrieben – war lange das Fundament liberaler Politik.

Heute verschiebt sich die Definition subtil. Freiheit wird zunehmend als Fähigkeit verstanden, bestimmte gewünschte Lebensbedingungen tatsächlich zu erreichen. Und das klingt zunächst sehr sympathisch. Wer wollte nicht eine Gesellschaft, in der Menschen echte Möglichkeiten haben?

Der Preis dieser Umdefinition ist allerdings hoch. Wenn Freiheit nicht mehr nur Schutz vor Eingriffen bedeutet, sondern aktive Herstellung bestimmter sozialer Zustände, dann wächst automatisch die Rolle der Institutionen, die diese Zustände organisieren sollen. Freiheit wird plötzlich zu etwas, das verwaltet werden muss.

Der Staat – oder genauer: die politische Kultur – wird zum Architekten individueller Lebensrealitäten. Und damit entsteht eine merkwürdige Spannung: Je mehr Freiheit politisch garantiert werden soll, desto mehr Eingriffe erscheinen legitim.

Der zynische Beobachter könnte sagen: Freiheit verwandelt sich in ein staatliches Serviceangebot.

Natürlich ist diese Entwicklung nicht per se absurd. Gesellschaften verändern sich, Probleme werden komplexer, Ungleichheiten sichtbarer. Doch die Gefahr liegt darin, dass der Begriff selbst seine kritische Funktion verliert. Wenn Freiheit alles bedeutet – Sicherheit, Gleichheit, Wohlstand, Anerkennung – dann bedeutet sie am Ende nichts Konkretes mehr.

Und ein Begriff ohne klare Bedeutung ist politisch extrem formbar.

Aktivismus vs. Rechtsstaat: Der Kampf um die Institutionen

Die letzte und vielleicht entscheidende Bühne dieser Transformation ist der Konflikt zwischen Aktivismus und institutioneller Ordnung. Moderne Demokratien beruhen auf einem komplizierten System aus Verfahren: Gerichte, Parlamente, Verwaltungsstrukturen, Wahlen, Regeln. Diese Mechanismen sind langsam, manchmal frustrierend, oft unerquicklich bürokratisch.

Doch genau diese Langsamkeit ist ihr Zweck. Institutionen sollen verhindern, dass politische Leidenschaft unmittelbar in Macht umgesetzt wird.

Aktivismus funktioniert anders. Er lebt von moralischer Dringlichkeit. Für den Aktivisten ist das Problem offensichtlich, die Lösung klar und die Zeit knapp. Institutionelle Verfahren wirken aus dieser Perspektive wie unnötige Hindernisse – Relikte einer Epoche, in der man glaubte, politische Konflikte müssten ausgehandelt werden.

Hier entsteht ein grundlegender Spannungszustand. Aktivismus drängt auf Veränderung, Institutionen auf Stabilität. Aktivismus argumentiert moralisch, Institutionen prozedural. Aktivismus will Geschwindigkeit, der Rechtsstaat verlangt Geduld.

In gesunden Demokratien existieren beide Kräfte nebeneinander. Bewegungen erzeugen Druck, Institutionen filtern ihn durch Verfahren. Doch in Zeiten intensiver moralischer Mobilisierung verschiebt sich dieses Gleichgewicht. Aktivismus beginnt, Institutionen nicht mehr als notwendige Struktur zu akzeptieren, sondern als moralisches Problem.

Gerichte werden kritisiert, wenn sie nicht schnell genug entscheiden. Parlamente wirken verdächtig, wenn sie Kompromisse schließen. Rechtsstaatliche Prinzipien erscheinen plötzlich als Hindernisse für moralischen Fortschritt.

Und hier liegt die eigentliche Ironie der Gegenwart: Während viele Bewegungen sich als Verteidiger von Demokratie verstehen, geraten genau die Mechanismen unter Druck, die demokratische Systeme stabil halten.

Am Ende bleibt ein ambivalentes Bild. Die gegenwärtige gesellschaftliche Transformation enthält zweifellos legitime Anliegen: mehr Sensibilität für Ungerechtigkeit, größere Aufmerksamkeit für marginalisierte Gruppen, ein stärkeres Bewusstsein für die Macht von Sprache und Strukturen.

Doch sie bringt auch neue Risiken mit sich: moralische Überhitzung, sprachliche Verengung, institutionelle Ungeduld.

Vielleicht ist das der eigentliche Witz der Geschichte – ein leicht zynischer, aber nicht völlig hoffnungsloser. Gesellschaften verändern sich immer in Wellen moralischer Begeisterung. Einige dieser Wellen bringen Fortschritt, andere spülen nur viel rhetorischen Schaum an die Küste.

Und meistens erkennt man den Unterschied erst hinterher.

Ein Lager, das zu lange im Schatten lag

Es gibt Entdeckungen, die den triumphalen Tonfall archäologischer Pressemitteilungen eigentlich verbieten. Normalerweise freut man sich in diesem Fach über eine neue römische Straße, einen keltischen Topf oder wenigstens über einen mittelmäßig erhaltenen Bronzehelm, der sich hübsch im Museumsshop reproduzieren lässt. Doch manchmal graben Archäologen keine Geschichte aus, sondern ein Versäumnis. Das kürzlich freigelegte Konzentrationslager in der Tschechischen Republik – ein Ort, an dem Roma aus ganz Europa systematisch vernichtet wurden – gehört in diese Kategorie. Man könnte sagen: Die Erde hat sich lange genug als Archiv des schlechten Gewissens Europas zur Verfügung gestellt, und nun hat sie beschlossen, etwas davon wieder auszuspucken. Nicht dramatisch, nicht mit Pathos, sondern schlicht mit der stoischen Geduld von Schichten aus Erde, Knochen und rostigem Stacheldraht, die darauf warten, dass jemand endlich hinsieht.

Dass ein solcher Ort überhaupt noch „entdeckt“ werden kann, ist bereits eine bitter-komische Fußnote der europäischen Erinnerungskultur. Man sollte meinen, ein Kontinent, der sich seit Jahrzehnten mit Gedenktafeln, Dokumentationszentren und moralisch aufgeladenen Sonntagsreden über den Zweiten Weltkrieg schmückt, hätte seine Tatorte halbwegs katalogisiert. Aber offenbar gibt es in der Topografie des Erinnerns gewisse weiße Flecken – und die liegen auffällig oft dort, wo die Opfer Roma und Sinti waren. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als habe die Geschichte hier eine Art administrativen Schlendrian entwickelt: Die industrielle Vernichtung der europäischen Juden wurde, mit Recht, zum zentralen Symbol des nationalsozialistischen Verbrechens. Doch der Mord an etwa einer halben Million Roma und Sinti – von Historikern als Porajmos bezeichnet – rutschte im kollektiven Gedächtnis erstaunlich häufig in die Fußnote, irgendwo zwischen „weitere Opfergruppen“ und „diverse sonstige Grausamkeiten“.

Der selektive Blick der Erinnerung

Dabei war der nationalsozialistische Rassenstaat in seiner mörderischen Bürokratie keineswegs zimperlich oder unsystematisch. Die Ideologen des Regimes hatten eine erstaunliche Leidenschaft für Klassifikationen – eine Art pathologischen Verwaltungsfetisch, der Menschen in Tabellen, Stammbäume und Kategorien presste. Roma und Sinti standen darin ziemlich weit oben auf der Liste derjenigen, die aus der imaginären „Volksgemeinschaft“ entfernt werden sollten. Deportationen, Zwangssterilisationen, medizinische Experimente und schließlich Massentötungen gehörten zum Programm. Die Ideologie war eindeutig, die Praxis ebenso.

Und dennoch: Als nach 1945 die moralische und juristische Abrechnung begann, stellte sich eine bemerkenswerte Differenz im Tempo ein. Die Nürnberger Prozesse – dieses große historische Tribunal, das gerne als Geburtsstunde des modernen Völkerrechts gefeiert wird – konzentrierten sich vor allem auf die Hauptverbrechen gegen die Juden Europas und auf aggressive Kriegsführung. Das war selbstverständlich notwendig. Aber die Verfolgung der Roma und Sinti tauchte in dieser juristischen Dramaturgie eher am Rand auf. Man könnte sagen: Der Mord war real, doch seine Anerkennung blieb erstaunlich provisorisch. Während manche Täter für ihre Beteiligung an anderen Verbrechen vor Gericht standen, wurde die spezifische Vernichtungspolitik gegenüber Roma lange Zeit nur halbherzig thematisiert.

Die Gründe dafür sind unerquicklich, aber nicht besonders geheimnisvoll. Antiziganismus war – und ist – in Europa kein exklusives Hobby der Nationalsozialisten gewesen. Er gehört vielmehr zu den langlebigsten kulturellen Vorurteilen des Kontinents, eine Art ideologischer Dauerbrenner, der sich durch Jahrhunderte zieht. Wenn also nach dem Krieg über Opfergruppen gesprochen wurde, traf man auf ein unangenehmes Problem: Viele der Stereotype, die die Nazis gegen Roma mobilisiert hatten, waren im übrigen Europa keineswegs verschwunden. Sie lebten weiter, gemütlich und unbehelligt, in Polizeiverordnungen, lokalen Ressentiments und gelegentlichen politischen Tiraden. Das machte es offenbar leichter, den Völkermord an dieser Minderheit als historisches Detail zu behandeln, statt als zentralen Bestandteil der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Archäologie als moralischer Weckdienst

Hier kommt nun die Ironie der Gegenwart ins Spiel. Ein neu entdecktes Lager zwingt die Erinnerungskultur plötzlich dazu, etwas zu betrachten, das eigentlich längst bekannt sein sollte. Archäologie wird damit zu einer Art moralischem Weckdienst: Sie klopft an die Tür der Gegenwart und sagt höflich, aber unmissverständlich, dass unter dem gepflegten Rasen europäischer Selbstzufriedenheit noch ein paar Dinge liegen, die man vielleicht nicht ganz so gründlich aufgearbeitet hat, wie man gern behauptet.

Man stelle sich die Szene vor: Wissenschaftler mit Pinsel und Kelle, die vorsichtig Schichten abtragen, während Historiker danebenstehen und feststellen, dass das, was sie da finden, eigentlich weniger eine neue Entdeckung als vielmehr ein verspätetes Eingeständnis ist. Die Überreste von Baracken, Fundamenten, vielleicht Massengräbern – alles Dinge, die nicht plötzlich entstanden sind, sondern nur sehr lange ignoriert wurden. Es ist eine Art archäologischer Sarkasmus der Geschichte: Das Lager war nie wirklich „versteckt“. Es war schlicht nicht wichtig genug, um gründlich erinnert zu werden.

Die bequeme Hierarchie des Mitgefühls

In der europäischen Erinnerung existiert eine stille Hierarchie des Mitgefühls, und sie funktioniert ungefähr so zuverlässig wie eine alte Bürokratie: Manche Opfergruppen werden intensiv erforscht, dokumentiert, musealisiert und symbolisch geehrt. Andere müssen jahrzehntelang darum kämpfen, überhaupt als Opfer anerkannt zu werden. Roma und Sinti haben diese Erfahrung immer wieder gemacht. Noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts argumentierten manche Behörden ernsthaft, die Verfolgung dieser Minderheit sei teilweise „kriminalpolizeilich motiviert“ gewesen – eine bemerkenswerte Formulierung, die ungefähr so klingt, als habe man eine ethnische Gruppe versehentlich in ein bürokratisches Missverständnis verwickelt.

Dass heute ein neu entdecktes Lager diese Debatte wieder ins Licht rückt, ist daher zugleich tragisch und aufschlussreich. Tragisch, weil jeder neue Fund ein weiterer Beweis für das Ausmaß der Gewalt ist. Aufschlussreich, weil er zeigt, wie selektiv historische Erinnerung sein kann. Geschichte verschwindet nicht einfach. Sie wird verdrängt, sortiert, neu priorisiert. Man könnte fast sagen: Erinnern ist eine politische Tätigkeit, auch wenn sie sich gern als moralische Pflicht verkleidet.

Ein Fund, der Fragen stellt

Der neu freigelegte Ort in der Tschechischen Republik ist daher nicht nur ein archäologischer Befund, sondern eine Frage an Europa. Eine ziemlich unbequeme, um genau zu sein. Wie konnte ein Völkermord, der Hunderttausende Menschen betraf, so lange im Schatten der Erinnerung bleiben? Warum dauerte es Jahrzehnte, bis Staaten offiziell anerkannten, dass auch Roma und Sinti Opfer einer systematischen Vernichtungspolitik waren? Und weshalb tauchen solche Fragen oft erst dann wieder auf, wenn eine Schaufel zufällig auf Knochen stößt?

Vielleicht liegt die Antwort in einer Mischung aus politischer Bequemlichkeit und kulturellem Vorurteil. Erinnern ist anstrengend, besonders wenn es nicht nur das eigene historische Selbstbild bestätigt, sondern auch dessen blinde Flecken offenlegt. Der Mord an den Roma passt schlecht in die bequeme Erzählung eines Europas, das sich nach 1945 schnell moralisch rehabilitiert hat. Er erinnert daran, dass manche Vorurteile den Krieg erstaunlich unbeschadet überstanden haben.

Das Gedächtnis der Erde

Am Ende bleibt die merkwürdige Rolle der Archäologie in dieser Geschichte. Sie arbeitet langsam, geduldig und fast stoisch. Während politische Debatten kommen und gehen, hebt sie Schicht um Schicht der Vergangenheit aus dem Boden. In diesem Fall fördert sie nicht nur Artefakte zutage, sondern auch ein Stück verdrängter Geschichte. Die Erde hat ein erstaunlich gutes Gedächtnis – viel besser als manche Institutionen, die eigentlich dafür zuständig wären.

Und so liegt in diesem neu entdeckten Lager eine bittere Pointe. Es zeigt, dass die Vergangenheit manchmal buchstäblich ausgegraben werden muss, weil die Gegenwart zu beschäftigt war, sie zu übersehen. Europa wird nun vermutlich Gedenktafeln errichten, wissenschaftliche Konferenzen veranstalten und vielleicht sogar ein paar neue Kapitel in Schulbüchern schreiben. All das ist sinnvoll. Doch der eigentliche Wert dieses Fundes liegt woanders: Er erinnert daran, dass Erinnerung keine abgeschlossene Aufgabe ist, sondern eine fortlaufende Arbeit – eine, die manchmal erst beginnt, wenn jemand im Boden auf etwas stößt, das nie hätte vergessen werden dürfen.

Der stille Umbau der Demokratie

Es gibt politische Begriffe, die klingen so harmlos, so weich, so therapeutisch, dass man fast automatisch annimmt, sie müssten etwas Gutes bedeuten. „Resilienz“ ist ein solcher Begriff. Früher meinte er einmal die psychologische Widerstandskraft eines Menschen gegen Krisen. Heute bezeichnet er – in einer jener eleganten semantischen Drehungen, die politisches Denken so gern vollführt – die Fähigkeit eines politischen Systems, sich gegen den Wähler zu härten. Man könnte auch sagen: Demokratie, aber stoßfest. Demokratie mit Airbag. Demokratie im Hartschalenkoffer. Und während der Bürger noch glaubt, er dürfe wählen, arbeitet irgendwo im Hintergrund bereits ein kleiner Trupp juristischer Feinmechaniker daran, die Wirkung dieser Wahl möglichst sorgfältig zu dämpfen. Nicht abschaffen, um Gottes willen – das wäre vulgär autoritär. Nein, man will sie nur ein wenig… abfedern.

Das ist der Punkt, an dem ein scheinbar technischer Diskurs plötzlich literarische Qualität bekommt. Denn nichts ist dramatischer als eine Demokratie, die sich vor ihrer eigenen Bevölkerung fürchtet. Und nichts wirkt gleichzeitig komischer.

Die Geburt eines politischen Gedankenexperiments

Alles begann – wie so viele politische Innovationen unserer Zeit – mit einem Planspiel. Ein Wort, das eine beruhigende Mischung aus Strategiepapier, Seminararbeit und Gesellschaftsspiel suggeriert. „Was wäre, wenn…?“ fragte 2023 das sogenannte Thüringen-Projekt des Verfassungsblogs. Diese drei Punkte hinter dem „wenn“ sind von einer wunderbaren Eleganz: Sie erlauben es, das Gespenst zu beschwören, ohne es beim Namen nennen zu müssen. Natürlich wusste jeder, wer gemeint war. In der politischen Prosa Deutschlands ist die AfD mittlerweile eine Art Voldemort der Parteienlandschaft: Man spricht ihren Namen aus, aber immer mit einem leichten Zittern im Tonfall und möglichst vielen Fußnoten.

Das Projekt wollte untersuchen, welche Möglichkeiten eine „autoritär-populistische Partei“ hätte, demokratische Institutionen auf Landesebene zu beschädigen. Eine durchaus legitime Frage. Demokratien dürfen sich durchaus Gedanken darüber machen, wie sie sich gegen Feinde schützen. Nur hat dieses spezielle Projekt eine gewisse ironische Schlagseite: Während es die hypothetische Machtübernahme einer Partei analysierte, begann es zugleich, ganz reale Vorschläge zu entwickeln, wie man die Macht dieser Partei – sollte sie einmal gewählt werden – vorsorglich begrenzen könnte.

Das ist ungefähr so, als würde ein Feuerwehrkurs mit der Frage beginnen: „Was tun wir, wenn es brennt?“ – und nach zwei Stunden beschließen, sicherheitshalber das Wasser für alle Haushalte abzudrehen.

Das politische PR-Wunder

Hinter diesem Projekt stand Maximilian Steinbeis, Journalist, Jurist und – man muss es anerkennend sagen – ein politischer Kommunikationsstratege von bemerkenswerter Wirksamkeit. In der deutschen Republik, in der Ideen normalerweise in Gremien versanden wie Fahrräder im Donaukanal, gelang ihm etwas Seltenes: eine Debatte zu starten, die von Thinktanks über Ministerien bis in die Medienlandschaft wanderte wie ein besonders hartnäckiger Ohrwurm.

Steinbeis sprach überall über Resilienz. Resilienz der Demokratie. Resilienz der Institutionen. Resilienz des Rechtsstaats.

Das Wort wirkte wie ein politisches Desinfektionsmittel. Wer könnte dagegen sein? Wer würde öffentlich erklären: „Nein, danke, ich bin gegen Resilienz, ich bevorzuge fragile Demokratien“?

Und so öffneten sich Türen. In Ministerien nickte man. In Redaktionen schrieb man Leitartikel. In Parteizentralen begann man nachzudenken. Und plötzlich stellte man fest, dass man – rein vorsorglich natürlich – einige institutionelle Sicherungen einbauen könnte. Nur für den Fall.

Die Republik im Gummipanzer

Hier beginnt die eigentliche Komödie. Denn eine Demokratie, die sich gegen politische Ergebnisse absichert, gleicht ein wenig einem Restaurant, das seine Speisekarte nur unter der Bedingung ausgibt, dass der Gast garantiert nichts bestellt, was der Küchenchef nicht mag.

Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind dabei erstaunlich chirurgisch. Man verändert kleine Regeln. Zuständigkeiten. Zustimmungsverfahren. Vorschlagsrechte. Alles ganz minimal. So minimal, dass man es kaum bemerkt – außer man gehört zu den Menschen, die beruflich Verfassungen lesen.

Das Ziel ist immer dasselbe: verhindern, dass eine unliebsame parlamentarische Mehrheit tatsächlich politische Konsequenzen entfalten kann.

Man könnte sagen, die Republik erhält einen Gummipanzer.

Ein wunderbares technisches Wunderwerk: Schläge kommen an, prallen aber sofort wieder ab.

Die Ironie liegt auf der Hand. Demokratie lebt davon, dass politische Mehrheiten tatsächlich etwas verändern können. Wenn sie das nicht mehr können, weil ein Netz aus institutionellen Sicherungen jede Bewegung dämpft, entsteht etwas Neues: eine Demokratie ohne Risiko. Eine Demokratie mit Stoßdämpfern.

Oder, weniger freundlich formuliert: eine Demokratie, die nur noch symbolisch funktioniert.

Sachsen-Anhalt als Labor

Sachsen-Anhalt ist nun eines der Versuchsfelder dieses neuen Denkens. CDU, SPD, FDP, Grüne und Linke arbeiten gemeinsam an einer Verfassungsänderung, die die „Resilienz gegen antidemokratische Maßnahmen“ stärken soll. Schon diese Formulierung besitzt eine gewisse poetische Kraft. Sie klingt, als würde ein demokratisches Immunsystem aktiviert.

Tatsächlich geht es um eine Reihe technischer Veränderungen. Staatsverträge sollen künftig nur mit Zustimmung des Landtags gekündigt werden können. Das Vorschlagsrecht für den Landtagspräsidenten soll nicht mehr automatisch der stärksten Fraktion zufallen. Und eine mögliche Sperrminorität bei Richterwahlen soll entschärft werden.

Alles sehr vernünftig. Alles sehr moderat. Alles sehr spezifisch.

Und doch entsteht dabei ein seltsames politisches Bild: ein Parteienbündnis, das sich quer über das gesamte politische Spektrum spannt, um eine einzige Partei präventiv auszubremsen.

Selbst politisch wohlwollende Beobachter könnten hier eine gewisse dramaturgische Ironie entdecken. Denn die AfD lebt politisch davon, sich als Opfer eines „Parteienkartells“ darzustellen. Wenn nun tatsächlich alle anderen Parteien gemeinsam institutionelle Regeln verändern, um sie zu begrenzen, wirkt das ungefähr so subtil wie ein Bühnenstück, in dem der Bösewicht bereits im ersten Akt laut verkündet: „Ich wurde zu Unrecht beschuldigt!“ – und daraufhin von allen anderen Figuren gleichzeitig verhaftet wird.

Die Logik der Angst

Der Motor hinter all dem ist Angst. Nicht unbedingt irrationale Angst – aber Angst dennoch. Die Vorstellung, dass eine radikale Partei demokratische Institutionen nutzen könnte, um sie zu schwächen, ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Geschichte Europas liefert genügend Beispiele.

Das Problem liegt jedoch in der politischen Reaktion.

Denn wenn man versucht, eine Demokratie so zu konstruieren, dass sie gegen bestimmte Wahlergebnisse immun wird, beginnt man unweigerlich, ihre Grundlogik zu verändern.

Demokratie bedeutet nicht, dass immer die „richtigen“ Kräfte gewinnen. Sie bedeutet, dass auch falsche Entscheidungen möglich sind – und dass man sie wieder korrigieren kann.

Eine Demokratie, die versucht, falsche Entscheidungen strukturell unmöglich zu machen, verwandelt sich langsam in etwas anderes: ein politisches System mit eingebautem Ergebnisfilter.

Die Ironie der Immunisierung

Der vielleicht bitterste Witz des ganzen Projekts liegt jedoch am Ende. Das Thüringen-Projekt warnte davor, dass autoritäre Kräfte versuchen könnten, sich gegen demokratische Kontrolle zu immunisieren.

Die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen bestehen nun darin, institutionelle Mechanismen einzubauen, die politische Mehrheiten neutralisieren können.

Man könnte sagen: Man baut vorsorglich genau jene Instrumente, vor denen man warnt.

Das ist kein zwingender Weg in den Autoritarismus. Aber es ist ein seltsam paradoxer Weg zur Verteidigung der Demokratie: Man schützt sie, indem man sie vorsichtig entschärft.

Und so entsteht langsam, fast unbemerkt, eine neue Staatsform. Sie trägt weiterhin alle äußeren Merkmale der parlamentarischen Demokratie – Wahlen, Parteien, Parlamente, Debatten.

Nur eines verändert sich ganz leise: die Wirkung des Ganzen.

Die Bürger wählen weiterhin.

Aber irgendwo im Maschinenraum der Verfassung sitzt inzwischen ein kleines technokratisches Stoßdämpfungssystem, das darauf achtet, dass die Republik nicht zu sehr ins Schlingern gerät.

Oder, wie man heute sagt: dass sie resilient bleibt.

Der Wahnsinn in Maßanzügen

Es gibt Sätze, die altern wie guter Wein, und solche, die altern wie politische Programme – sie werden mit den Jahren immer komischer. Der Satz des bayerischen Satirikers, Irrenarztes und notorischen Gotteslästerers Oskar Panizza gehört eindeutig zur ersten Kategorie: „Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft.“ Man kann diesen Satz lesen wie eine medizinische Diagnose, eine Kulturkritik oder – je nach Tageszeit und Nachrichtenlage – wie eine nüchterne Beschreibung des politischen Betriebs. Panizza wusste als Psychiater immerhin, wovon er sprach: Er kannte den Unterschied zwischen individueller Verwirrung und kollektiv organisierter. Letztere trägt gewöhnlich Anzug, spricht im Indikativ der Sachzwänge und wird von Mikrofonen freundlich verstärkt.

Heute, in einer Zeit, in der jede Absurdität sofort eine Pressekonferenz erhält und jeder Irrtum ein „Narrativ“ wird, wirkt Panizzas Satz beinahe untertrieben. Denn der Wahnsinn hat nicht nur epidemische Ausmaße angenommen, er besitzt inzwischen Pressesprecher, Social-Media-Strategien und eine erstaunliche Begabung, sich selbst für nüchterne Vernunft zu halten. Das ist sein eigentliches Erfolgsgeheimnis: Der Wahnsinn unserer Zeit schreit nicht mehr, er argumentiert. Er trägt Statistiken vor, bildet Arbeitsgruppen und verabschiedet Resolutionen. Er tritt nicht mehr mit Schaum vor dem Mund auf, sondern mit PowerPoint.

Die Politik ist dafür der ideale Lebensraum. Sie ist gewissermaßen das klimatisch stabile Biotop für jene Form des Wahnsinns, die sich selbst Rationalität nennt.

Die Institutionalisierung der Absurdität

Politik war natürlich nie ein Ort vollkommener Nüchternheit. Schon die alten Griechen wussten, dass die Polis eine Mischung aus Theater, Streitclub und religiösem Opferplatz ist. Aber immerhin war man damals noch ehrlich genug, die Tragödie als Tragödie zu erkennen. Heute dagegen besteht die eigentliche Leistung des politischen Systems darin, die groteskesten Widersprüche mit der Miene nüchterner Sachlichkeit zu präsentieren.

Man kann beispielsweise gleichzeitig erklären, dass etwas „alternativlos“ sei und dennoch zwischen fünf Versionen derselben Alternativlosigkeit wählen lassen. Man kann gigantische Programme verabschieden, deren Erfolg an Indikatoren gemessen wird, die man selbst definiert hat, und sich anschließend auf die Schulter klopfen, weil die Indikatoren zufällig genau das anzeigen, was man vorher beschlossen hatte. Und wenn das alles nicht funktioniert, erklärt man mit stoischer Gelassenheit, dass die Situation „komplex“ sei – ein Wort, das in der politischen Sprache ungefähr dieselbe Funktion erfüllt wie das lateinische mysterium im Mittelalter: Es beendet jede Nachfrage.

So entsteht ein merkwürdiges Schauspiel: Eine Welt, in der offensichtliche Widersprüche nicht als solche gelten, solange sie ausreichend technisch formuliert sind. Der Bürger sieht eine Wand. Die Politik sieht eine „strukturierte vertikale Herausforderung mit Chancenpotenzial“.

Panizza hätte daran seine Freude gehabt.

Die neue Vernunft: kollektiv bestätigter Irrsinn

Das eigentlich Faszinierende am politischen Wahnsinn ist seine soziale Dimension. Ein einzelner Mensch, der in der Fußgängerzone lautstark mit sich selbst diskutiert, wird – zu Recht – als auffällig betrachtet. Eine ganze Regierung, die im Chor miteinander spricht, wirkt hingegen sofort seriös. Offenbar ist die Anzahl der Beteiligten der entscheidende Faktor der geistigen Gesundheit.

Hier liegt der Kern von Panizzas Diagnose: Wahnsinn wird vernünftig, sobald genügend Menschen ihn teilen. Das ist keine moralische, sondern eine statistische Beobachtung. Die Mehrheit hat eine erstaunliche Fähigkeit, Irrtümer in gesellschaftliche Normen zu verwandeln. Sobald genügend Experten, Berater, Sprecher und Analysten denselben Gedanken wiederholen, entsteht der Eindruck einer objektiven Wahrheit. Der Gedanke selbst kann dabei völlig unsinnig sein – entscheidend ist nur die Lautstärke des Chors.

Man könnte das auch das Prinzip des orchestrierten Kopfnickens nennen. Einer sagt etwas Absurdes. Drei nicken. Fünfzehn kommentieren zustimmend. Zwanzig zitieren es. Und plötzlich erscheint es als Konsens. Wer nun vorsichtig anmerkt, dass der Kaiser vielleicht doch ein wenig unbekleidet wirkt, wird nicht etwa widerlegt, sondern psychologisch eingeordnet: als Populist, Querdenker, Romantiker oder – je nach politischer Mode – als Gefährder der demokratischen Hygiene.

Der Wahnsinn ist nun offiziell vernünftig geworden.

Experten, Modelle und der elegante Irrtum

Besonders charmant wird dieser Prozess, wenn er sich wissenschaftlich verkleidet. Denn nichts verleiht einer absurden Idee mehr Würde als eine mathematische Formel oder ein Diagramm mit vielen bunten Pfeilen. Das Modell ersetzt dann die Wirklichkeit, und wer auf die Wirklichkeit verweist, gilt als naiver Empiriker.

Die Politik liebt Modelle aus demselben Grund, aus dem Kinder gerne mit Spielzeugstädten spielen: In ihnen funktioniert alles wunderbar. Straßen sind ordentlich, Menschen verhalten sich erwartbar, und wenn etwas schiefgeht, verschiebt man einfach eine Figur. In der realen Welt hingegen reagieren Menschen auf politische Maßnahmen oft mit einer Mischung aus Eigensinn, Ironie und blanker Ignoranz – ein Verhalten, das in keinem Modell vorgesehen ist.

Doch anstatt daraus zu lernen, reagiert der politische Apparat gewöhnlich mit einem bewährten Reflex: Man baut ein noch komplexeres Modell. Wenn die Realität nicht zur Theorie passt, muss die Theorie eben raffinierter werden. Irgendwann hat man dann ein System, das so kompliziert ist, dass niemand mehr versteht, warum es ursprünglich entworfen wurde. Aber es wirkt beeindruckend.

Auch das ist eine Form der Vernunft, wenn der Wahnsinn epidemisch geworden ist.

Moral als Nebelmaschine

Ein weiteres bewährtes Instrument, um kollektive Verwirrung in Vernunft zu verwandeln, ist die Moral. Moral ist in der Politik nicht primär ein Kompass, sondern eine Nebelmaschine. Sie sorgt dafür, dass man über die guten Absichten spricht, während die praktischen Folgen höflich im Hintergrund verschwinden.

Man kennt das: Jede politische Maßnahme dient selbstverständlich einem edlen Zweck – Gerechtigkeit, Sicherheit, Fortschritt, Nachhaltigkeit, Stabilität, Zukunft, Verantwortung. Diese Wörter sind so elastisch, dass man damit praktisch jede Maßnahme dekorieren kann. Sie funktionieren ähnlich wie Petersilie auf einem Teller: Sie sagt nichts über den Geschmack des Gerichts, aber sie sieht hübsch aus.

Wer es wagt, nach den Nebenwirkungen zu fragen, wird rasch in moralische Kategorien einsortiert. Zweifel erscheinen plötzlich als Charakterschwäche. Skepsis wirkt verdächtig. Und so entsteht eine Atmosphäre, in der nicht mehr gefragt wird, ob eine Idee funktioniert, sondern nur noch, ob sie gut gemeint ist.

Der Wahnsinn hat nun nicht nur Vernunft angenommen, sondern auch Tugend.

Der Bürger als Zuschauer der Vernunft

Währenddessen sitzt der Bürger vor diesem Schauspiel wie ein Theaterbesucher, der langsam merkt, dass die Handlung keinerlei Zusammenhang mehr hat. Figuren treten auf, halten leidenschaftliche Monologe, widersprechen sich, verlassen die Bühne, kehren in anderer Rolle zurück – und das Publikum fragt sich, ob es vielleicht eine besonders subtile Form moderner Kunst ist.

Natürlich ist auch der Bürger nicht ganz unschuldig. Denn er spielt eine wichtige Rolle im großen Mechanismus der epidemischen Vernunft: Er gewöhnt sich daran. Menschen besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, sich an Absurditäten zu adaptieren. Was gestern noch empörend war, erscheint morgen als normal und übermorgen als unvermeidlich.

Die politische Kommunikation verlässt sich auf genau diesen Gewöhnungseffekt. Eine Idee, die zunächst absurd klingt, wird einfach lange genug wiederholt. Irgendwann verliert sie ihre Fremdheit. Schließlich wirkt sie beinahe selbstverständlich. Und sobald sie selbstverständlich wirkt, ist sie – im Sinne Panizzas – vernünftig geworden.

Der kleine Rest gesunder Verrücktheit

Vielleicht liegt die eigentliche Hoffnung paradoxerweise gerade in einem Rest individueller Verrücktheit. Nicht jener destruktiven Form, die Panizza aus der Klinik kannte, sondern jener unpraktischen Eigenart des Denkens, die sich weigert, kollektive Gewissheiten sofort zu akzeptieren.

Denn jede Gesellschaft braucht Menschen, die gelegentlich den Mut haben, den Konsens für einen Moment anzuhalten und zu fragen: „Entschuldigung – könnte es sein, dass wir alle gerade ein wenig spinnen?“

Solche Menschen gelten im politischen Betrieb gewöhnlich als unbequem, störend oder unerquicklich ironisch. Doch ohne sie würde die epidemische Vernunft ungehindert weiterwuchern, bis sie schließlich das ganze geistige Klima besetzt hat.

Und dann hätte Panizza endgültig recht behalten.

Wahrscheinlich würde er darüber lachen. Ein etwas dunkles, bayerisch knarzendes Lachen – das Lachen eines Mannes, der als Irrenarzt wusste, dass die gefährlichsten Formen des Wahnsinns selten in der Zelle sitzen. Meistens stehen sie am Rednerpult.

Die charmante Idee der institutionellen Selbstverstümmelung

Es gehört zu den liebgewonnenen Ritualen der österreichischen politischen Kultur, dass man von Zeit zu Zeit mit ernster Miene und staatsmännischem Tonfall darüber nachdenkt, eine der zentralen Institutionen der Republik einfach abzuschaffen. Der Bundesrat ist dabei seit Jahrzehnten das bevorzugte Opfer dieser staatsbürgerlichen Fantasie. Man erklärt ihn zum „zahnlosen Tiger“, zum „teuren Debattierclub“ oder – besonders beliebt – zum „politischen Abstellgleis für Landespolitiker“. In einem Land, in dem der Kaffeehauszucker akribischer verteilt wird als politische Macht, erscheint die Vorstellung verführerisch: Warum nicht dieses merkwürdige zweite Kammerlein der Gesetzgebung streichen und damit endlich Ordnung in die föderale Möbelgarnitur der Republik bringen?

Doch sobald man die rhetorische Abrissbirne kurz beiseitelegt und einen Blick auf die verfassungsrechtliche Architektur wirft – jene berühmte, gelegentlich missverstandene Konstruktion, die unter dem Einfluss von Hans Kelsen entstand –, beginnt das Projekt der Bundesratsabschaffung plötzlich eine gewisse Ähnlichkeit mit der Idee zu entwickeln, bei einem gotischen Dom den Strebepfeiler zu entfernen, weil er ästhetisch nicht überzeugt. Man kann das tun, gewiss. Aber man sollte sich vorher überlegen, ob man danach noch ein Dach über dem Kopf hat.

Denn die österreichische Bundesverfassung ist – trotz aller politischen Pragmatik – kein Möbelhauskatalog, aus dem man einzelne Stücke nach Laune entfernt. Sie ist ein System, und Systeme haben die unangenehme Eigenschaft, auf strukturelle Veränderungen empfindlich zu reagieren.

Die Kelsen-Verfassung: Eine nüchterne Konstruktion mit unromantischen Konsequenzen

Die geltende Verfassung Österreichs ist das Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) von 1920, das 1929 umfassend reformiert wurde, hat einen bemerkenswert nüchternen Charakter. Sie ist nicht von revolutionärem Pathos durchtränkt, sie verkündet keine metaphysischen Volksmythen und sie verspricht auch nicht das politische Paradies. Stattdessen baut sie ein System der Kompetenzverteilung und der institutionellen Balance, das so trocken konstruiert ist, dass es gelegentlich wie eine Bauanleitung für Verwaltungsmaschinen wirkt.

Gerade darin liegt ihre Raffinesse.

Der Bundesrat ist in diesem System kein dekoratives Element. Er ist Teil des föderalen Prinzips, jenes Grundgedankens, dass Österreich eben nicht nur eine Ansammlung von Wahlkreisen rund um Wien ist, sondern ein Bundesstaat mit Ländern. Diese Länder haben zwar – und das ist ein österreichischer Spezialhumor – relativ begrenzte Kompetenzen, doch sie sind dennoch konstitutive Bestandteile des Staates.

Die Existenz des Bundesrates ist daher kein historischer Zufall, sondern Ausdruck dieser bundesstaatlichen Konstruktion. Er ist die institutionelle Repräsentation der Länder auf Bundesebene. Nicht besonders mächtig, nicht besonders spektakulär, aber funktional.

Wer also den Bundesrat abschaffen möchte, greift nicht bloß eine ineffiziente Parlamentskammer an. Er rührt an einer der tragenden Ideen der Verfassung: dem föderalen Aufbau der Republik.

Die kleine Unannehmlichkeit der Gesamtänderung

Hier beginnt der juristische Spaß – jener Teil der österreichischen Verfassung, der regelmäßig für leicht nervöse Gesichter im Parlament sorgt.

Die Bundesverfassung kennt nämlich eine Kategorie von Änderungen, die so tief in ihre Struktur eingreifen, dass sie nicht mehr als gewöhnliche Verfassungsnovelle behandelt werden können. Man nennt sie Gesamtänderung der Bundesverfassung.

Und eine solche Gesamtänderung hat eine charmante Zusatzbedingung: Sie muss einer Volksabstimmung unterzogen werden.

Das Bundesverfassungsgericht – pardon, in Österreich heißt es bekanntlich Verfassungsgerichtshof – hat im Laufe der Jahrzehnte mehrfach klargestellt, dass Veränderungen an den Grundprinzipien der Verfassung eine solche Gesamtänderung darstellen können. Zu diesen Grundprinzipien gehören unter anderem:

  • das demokratische Prinzip
  • das rechtsstaatliche Prinzip
  • das republikanische Prinzip
  • das bundesstaatliche Prinzip

Man kann nun lange darüber philosophieren, ob der Bundesrat tatsächlich ein essenzieller Bestandteil des bundesstaatlichen Prinzips ist. Aber wer diese Frage vorschnell verneint, sollte sich bewusst sein, dass er damit faktisch behauptet, die Länder bräuchten auf Bundesebene keine institutionelle Vertretung.

Das ist ungefähr so, als würde man erklären, ein Orchester komme eigentlich auch ganz gut ohne die Streicher aus.

Formal mag das möglich sein. Aber das Stück klingt danach anders.

Föderalismus österreichischer Art: Ein Minimalismus mit Symbolwert

Der österreichische Föderalismus ist bekanntlich kein besonders muskulöser. Die Länder verfügen über eine respektable Anzahl an Kompetenzen, die allerdings häufig eine bemerkenswerte Nähe zu Themen wie Jagdrecht, Naturschutz und Bauordnung haben – also zu jenen Bereichen, in denen man zwar wunderbar regionale Identität pflegen kann, aber selten Weltpolitik betreibt.

Gerade deshalb hat die institutionelle Repräsentation der Länder auf Bundesebene eine symbolische und strukturelle Bedeutung. Der Bundesrat erinnert das politische System daran, dass Österreich mehr ist als eine zentralistische Verwaltungseinheit.

Seine Schwäche wird daher gern missverstanden.

Der Bundesrat ist nicht deshalb schwach, weil er ein verfassungsrechtlicher Fehler wäre. Er ist schwach, weil Österreich historisch ein Staat ist, der zwischen Zentralismus und Föderalismus eine eigenwillige Mischform entwickelt hat.

Die zweite Kammer ist gewissermaßen das diplomatische Relikt dieses Kompromisses.

Wer sie abschafft, entscheidet sich implizit für eine deutlich zentralistischere Staatsstruktur.

Das ist politisch legitim. Aber es ist eben keine kleine Reform. Es ist eine strukturelle Entscheidung über den Charakter der Republik.

Die Ironie der Effizienzargumente

Besonders reizvoll ist in dieser Debatte das Effizienzargument. Der Bundesrat, so hört man regelmäßig, verzögere Gesetzgebungsprozesse, koste Geld und bringe wenig politischen Mehrwert.

Das ist ein bemerkenswert modernes Argument. Es setzt nämlich voraus, dass parlamentarische Institutionen primär nach betriebswirtschaftlichen Kriterien bewertet werden sollten.

Man könnte diese Logik konsequent weiterdenken.

Brauchen wir wirklich zwei Kammern im Parlament?
Brauchen wir wirklich föderale Länder?
Brauchen wir wirklich neun Landtage?

Oder könnte man die gesamte Republik nicht einfach in eine besonders effiziente Verwaltungsagentur verwandeln, deren Leitung alle fünf Jahre demokratisch bestätigt wird?

Die Verfassung würde dann zwar erheblich schlanker aussehen, aber man hätte auch eine politische Struktur geschaffen, die erstaunlich wenig Ähnlichkeit mit einer föderalen Demokratie hätte.

Manchmal sind ineffiziente Institutionen nämlich genau deshalb geschaffen worden, weil sie Macht bremsen.

Der Kelsen’sche Schatten: System statt Stimmung

Hans Kelsen war kein Romantiker. Seine Theorie des Rechts war radikal formal, beinahe asketisch. Für ihn bestand eine Verfassung aus Normen, die in einem logisch strukturierten System angeordnet sind.

Gerade deshalb hätte ihn die politische Debatte über die Abschaffung des Bundesrates vermutlich irritiert. Nicht, weil er unbedingt ein leidenschaftlicher Verteidiger dieser Institution gewesen wäre, sondern weil das Argumentationsniveau oft erstaunlich systemblind ist.

In einer Kelsen’schen Perspektive stellt sich nicht die Frage, ob eine Institution „nützlich“ erscheint. Entscheidend ist vielmehr, welche Funktion sie innerhalb der Normhierarchie und der Kompetenzordnung erfüllt.

Der Bundesrat ist Teil der bundesstaatlichen Kompetenzarchitektur.

Wenn man ihn entfernt, muss man diese Architektur neu denken.

Und das ist – man ahnt es bereits – keine Kleinigkeit.

Die politische Versuchung der Verfassungsvereinfachung

Die Geschichte moderner Demokratien zeigt eine wiederkehrende Versuchung: die Vereinfachung der institutionellen Ordnung im Namen politischer Effizienz.

Komplexe Systeme wirken oft mühsam. Sie erzeugen Reibung, Verzögerung und gelegentlich auch Frustration.

Doch genau diese Reibung ist Teil ihres Designs.

Die österreichische Verfassung ist – trotz aller Reformen – ein Produkt jener Zwischenkriegszeit, in der man die Gefahren ungebremster politischer Macht sehr genau kannte. Ihre Architektur ist daher nicht darauf ausgelegt, politische Prozesse maximal schnell zu machen, sondern sie institutionell einzubetten.

Der Bundesrat gehört zu diesen Einbettungsmechanismen.

Er ist kein spektakulärer Wächter der Demokratie. Eher ein stiller Hinweis darauf, dass Gesetzgebung nicht ausschließlich in der politischen Hauptstadt entstehen soll.

Schlussbetrachtung: Der ungeliebte Wächter der föderalen Fassade

Man kann den Bundesrat kritisieren. Man kann seine Kompetenzen diskutieren, seine Reform fordern oder seine Arbeitsweise modernisieren.

All das ist legitime Verfassungspolitik.

Doch seine Abschaffung wäre mehr als eine administrative Aufräumaktion im parlamentarischen Maschinenraum. Sie würde die föderale Struktur der Republik sichtbar verändern und damit möglicherweise eine Gesamtänderung der Bundesverfassung auslösen – mit der zwingenden Konsequenz einer Volksabstimmung.

Die Ironie der Debatte liegt daher darin, dass der angeblich so bedeutungslose Bundesrat verfassungsrechtlich erstaunlich schwer zu beseitigen ist.

Er ist gewissermaßen das politische Möbelstück, das man jahrelang verspottet – bis man feststellt, dass es tragender Teil der Statik des Hauses ist.

Und so steht er weiterhin dort, etwas unbeholfen, gelegentlich ignoriert, selten geliebt, aber hartnäckig verfassungsrechtlich verankert.

Ein Relikt, gewiss.

Aber eines mit erstaunlicher struktureller Zähigkeit.

Der Schal als Weltanschauung

Es gibt politische Symbole, die mit einer erstaunlichen Karriere gesegnet sind. Die Kufiya etwa – einst ein recht praktisches Stück Stoff gegen Sonne, Sand und gelegentliche Revolution – hat sich in Europa zu einer Art textilem Universalargument entwickelt. Man kann mit ihr alles sagen, ohne etwas sagen zu müssen. Sie ersetzt Analyse durch Muster, Geschichte durch Baumwolle und Moral durch Fransen. Und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie auch auf dem Ettersberg auftauchen würde, dort, wo einst das Konzentrationslager Buchenwald stand, jener Ort, an dem die deutsche Zivilisation ihre tiefste Selbstverneinung organisierte. Nun also die Initiative »Kufiyas in Buchenwald«, die verlangt, die Gedenkstätte müsse den angeblichen „Völkermord in Gaza“ thematisieren. Ein bemerkenswertes Projekt: Nicht etwa, weil politische Debatten an Gedenkstätten grundsätzlich illegitim wären – Geschichte ist schließlich kein Museum der moralischen Fossilien –, sondern weil hier eine ganz besondere Art historischer Akrobatik vorgeführt wird. Man könnte sagen: ein moralischer Parkour über die Gräber hinweg, mit erstaunlicher Leichtigkeit und bemerkenswerter Gleichgültigkeit gegenüber dem, was unter den Füßen liegt.

Die Ironie beginnt bereits bei der Personalstruktur dieser Kampagne. Unter den Unterstützern finden sich, wie man so sagt, autoritär-kommunistische Gruppen, also Menschen, die den Begriff „Antifaschismus“ mit einer Inbrunst aussprechen, als handele es sich um eine Art revolutionäres Weihwasser. Nur dass sie gleichzeitig Regime verteidigen, deren Verhältnis zu Opposition, Pressefreiheit oder religiösen Minderheiten eher an die Handbücher klassischer Diktaturen erinnert. Besonders charmant ist dabei die Nähe zum iranischen Mullah-Regime, jener Theokratie, die Frauenrechte ungefähr so begeistert unterstützt wie ein mittelalterlicher Inquisitor das Kopernikanische Weltbild. Aber offenbar gilt hier eine einfache moralische Gleichung: Wer gegen Israel ist, kann kein schlechter Mensch sein. Das ist der neue kategorische Imperativ der geopolitischen Moralökonomie.

Die Gedenkstätte als Projektionsfläche

Gedenkstätten haben eine merkwürdige Eigenschaft: Sie sind Orte der Erinnerung und gleichzeitig Projektionsflächen für Gegenwartsbedürfnisse. In Deutschland, wo die Vergangenheit mit der Hartnäckigkeit eines schlecht bezahlten Archivars immer wieder aus den Schubladen kriecht, ist das besonders ausgeprägt. Buchenwald ist nicht nur ein Ort, an dem zehntausende Menschen litten und starben; es ist auch ein symbolischer Raum, in dem moralische Autorität verwaltet wird. Und genau deshalb zieht er Aktivisten an wie eine Kerze die Motten. Wer seine Sache hier platzieren kann, hofft offenbar, sie mit einer Art historischer Weihe zu versehen.

Das Problem beginnt, wenn die Vergangenheit dabei zum Dekor wird. Die Initiative möchte zwischen den Steinen mit den Namen der KZ-Häftlinge gewissermaßen eine neue moralische Botschaft einfügen. Man könnte sagen: ein Update der Erinnerungskultur, Version 2026. Doch die Logik dahinter ist unerquicklich simpel. Wenn irgendwo in der Welt ein Konflikt stattfindet, der moralische Empörung erzeugt, dann muss er – so die Annahme – an den symbolträchtigsten Orten deutscher Geschichte verhandelt werden. Auschwitz, Dachau, Buchenwald: eine Art historischer Resonanzverstärker für aktuelle politische Parolen. Die Toten werden dabei unfreiwillig zu Statisten einer Gegenwartsdebatte, die sie weder bestellt noch kommentiert haben.

Dass Angriffe auf NS-Gedenkstätten in Deutschland Tradition haben, ist leider wahr. Neu ist allerdings die ideologische Richtung. Früher kamen sie von Neonazis, Geschichtsrevisionisten oder anderen Hobbyarchäologen des völkischen Irrsinns. Heute treten gelegentlich Aktivisten auf, die sich selbst als Antifaschisten verstehen – und die dem historischen Faschismus offenbar besonders übelnehmen, dass seine Verbrechen am Ende zur Gründung eines jüdischen Staates beigetragen haben. Man muss diese gedankliche Verrenkung bewundern: Es ist, als würde man den Brandstifter verurteilen, weil die Feuerwehr danach ein neues Haus gebaut hat.

Goethe auf dem Ettersberg

Jorge Semprún hat in seinem Roman „Was für ein schöner Sonntag!“ eine Szene imaginiert, die bis heute zu den elegantesten literarischen Meditationen über Buchenwald gehört. Der Erzähler stellt sich vor, Goethe spaziere weiterhin über den Ettersberg, begleitet von seinem treuen Eckermann, diesem „distinguierten Trottel“, und beide unterhielten sich über das Lager, das dort später errichtet wurde. Die Vorstellung hat etwas Absurdes und gleichzeitig etwas Tiefgründiges: die klassische deutsche Kultur, die auf einmal neben dem industriellen Mord steht wie ein höflicher Gastgeber neben einem ungebetenen Gast, der sich nicht mehr hinauskomplimentieren lässt.

Nun stelle man sich diese Szene heute vor. Goethe schlendert also über den Ettersberg, vielleicht gerade dabei, über Farbenlehre oder den Zustand der Weltliteratur nachzudenken. Und plötzlich begegnet er einer Gruppe Aktivisten mit Kufiyas, die zwischen den Gedenksteinen politische Transparente ausbreiten. Eckermann würde vermutlich höflich nicken, denn distinguierte Trottel haben bekanntlich ein Talent für diplomatische Höflichkeit. Goethe hingegen könnte irritiert sein. Nicht nur wegen der politischen Botschaft, sondern wegen der merkwürdigen symbolischen Ökonomie dieses Schals, der inzwischen offenbar mehr Bedeutungen trägt als sein Farbenkreis.

Denn in Goethes Farbenlehre kommen Schwarz und Weiß bekanntlich nicht vor – zumindest nicht als Farben im eigentlichen Sinn. Sie sind Grenzphänomene, Übergänge zwischen Licht und Dunkelheit. Vielleicht wäre das eine hübsche Metapher für die gegenwärtige Debatte: viel moralisches Schwarzweiß, erstaunlich wenig Spektrum dazwischen. Die Welt wird in zwei Lager sortiert, und die Kufiya dient dabei als textile Grenzmarkierung zwischen Gut und Böse. Dass die Wirklichkeit komplizierter ist, stört in diesem moralischen Theaterstück nur.

Antifaschismus als moralische Exportware

Der moderne Aktivismus hat eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er ist gleichzeitig moralisch maximalistisch und historisch minimalistisch. Man fordert alles – Gerechtigkeit, Dekolonisierung, globale Solidarität –, aber man weiß erstaunlich wenig über die konkreten historischen Konstellationen, in denen diese Begriffe entstanden sind. Der Antifaschismus wird dabei zu einer Art moralischer Exportware, die man überall einsetzen kann, egal ob es um europäische Geschichte, Nahostpolitik oder die Innenpolitik eines Gottesstaates geht.

Dabei ist es gerade die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die uns eigentlich vorsichtig machen sollte. Totalitäre Ideologien liebten es stets, moralische Begriffe zu kapern und umzudefinieren. Freiheit bedeutete dann Parteidisziplin, Frieden bedeutete geopolitische Expansion, und Antifaschismus bedeutete manchmal schlicht die Loyalität gegenüber einer anderen autoritären Ordnung. Wenn heute ausgerechnet Anhänger autoritärer Regime sich als antifaschistische Speerspitze inszenieren, hat das daher eine gewisse historische Ironie. Man könnte sagen: Die Dialektik der Aufklärung trägt inzwischen eine Kufiya.

Der Ettersberg und die Gegenwart

Am Ende bleibt eine einfache Frage: Was ist eine Gedenkstätte eigentlich? Ist sie ein politischer Debattenraum, ein moralischer Resonanzkörper oder ein Ort stiller historischer Reflexion? Wahrscheinlich ein bisschen von allem. Aber sie ist vor allem ein Ort, an dem die Vergangenheit nicht instrumentalisiert werden sollte wie ein Lautsprecher für die Parolen der Gegenwart. Wer zwischen den Namen der KZ-Häftlinge politische Kampagnen inszeniert, bewegt sich auf einem Terrain, das mehr Demut verlangt als Aktivismus gewöhnlich aufzubringen bereit ist.

Vielleicht hätte Goethe, wenn er tatsächlich über den Ettersberg spaziert wäre und den Kufiya-Aktivisten begegnet wäre, eine seiner typischen halb ironischen, halb melancholischen Bemerkungen gemacht. Etwa diese: dass der Mensch erstaunlich begabt darin sei, aus jedem Ort der Geschichte eine Bühne für seine eigenen moralischen Dramen zu machen. Und dass diese Dramen selten so tiefgründig sind, wie ihre Darsteller glauben.

Eckermann hätte das vermutlich eifrig notiert. Und irgendwo zwischen den Bäumen des Ettersbergs hätte der Wind vielleicht kurz an einem schwarz-weißen Schal gezupft – jenem Stoffstück, das inzwischen mehr Ideologie transportiert als so mancher politischer Traktat. Ein erstaunliches Schicksal für ein Kleidungsstück. Nur dass der Ort, an dem es nun auftaucht, ein wenig zu ernst ist für solche modischen Weltdeutungen.

Die wollen nur spielen

Die bequeme Fantasie der Vernunft

Es gehört zu den erstaunlich langlebigen Mythen der internationalen Politik, dass wir im Grunde alle vernünftige Wesen seien – sogar jene, die ihre politischen Gegner einsperren, Journalisten vergiften, Minderheiten verfolgen und gelegentlich Städte in Trümmer legen. Diese Theorie, so elegant wie eine Glasvase auf einem Marmorsockel, besagt: Auch Diktatoren wollen am Ende des Tages nur überleben, ihre Macht sichern und vielleicht noch ein paar Pipelineverträge unterschreiben. Sie mögen brutal sein, aber nicht verrückt. Und weil sie nicht verrückt sind, werden sie nie wirklich das tun, was sie ankündigen. Drohungen sind schließlich ein rhetorisches Stilmittel, ein bisschen innenpolitische Muskelspielerei, vielleicht auch nur der Versuch, bei der nächsten Verhandlungsrunde den Preis für Gaslieferungen um drei Prozent nach oben zu treiben. Diese Vorstellung war so angenehm wie ein politischer Ohrensessel: Man konnte sich darin zurücklehnen, eine Tasse diplomatischen Realismus schlürfen und überzeugt sein, dass alles schon irgendwie rational bleiben würde. Der kleine Schönheitsfehler bestand nur darin, dass diese Theorie weniger über Autokraten aussagte als über uns selbst – über unsere unerschütterliche Fähigkeit, die Realität so lange umzudeuten, bis sie zur eigenen Hoffnung passt.

Die Kunst, Drohungen zu überhören

Die moderne Welt hat ein bemerkenswertes Talent entwickelt: Sie hört Drohungen, versteht sie grammatikalisch korrekt – und interpretiert sie anschließend wie metaphorische Lyrik. Wenn ein autoritärer Herrscher erklärt, ein Nachbarstaat habe eigentlich kein Existenzrecht, dann ist das laut westlicher Kommentarkultur nicht etwa eine politische Absichtserklärung, sondern eine „historisch geprägte Narrative“. Wenn hunderttausende Soldaten an einer Grenze aufmarschieren, ist das selbstverständlich keine Vorbereitung auf einen Angriff, sondern „strategischer Druck“. Und wenn ein Regime seit Jahrzehnten den Untergang eines anderen Staates propagiert, dann wird uns erklärt, das sei eben ideologische Folklore, vergleichbar mit übertriebenen Fußballfangesängen – laut, unerquicklich, aber letztlich harmlos. Diese Interpretationsakrobatik hat etwas Rührendes. Sie ist der verzweifelte Versuch, eine Welt, die immer wieder brutale Absichten artikuliert, in eine Welt zu verwandeln, in der brutale Absichten eigentlich nur Missverständnisse sind. Man könnte fast meinen, internationale Politik sei eine besonders schwierige Form der Paartherapie: Einer sagt ständig „Ich zerstöre dich“, und der andere antwortet beruhigend: „Er meint bestimmt etwas anderes.“

Rationalität als westlicher Exportartikel

Der Kern dieses Problems liegt in einer seltsam eurozentrischen Annahme: Wir glauben, Rationalität sei ein universelles Betriebssystem. Weil wir Politik als eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung betrachten, gehen wir davon aus, dass alle anderen das ebenfalls tun. In dieser Welt existieren nur Akteure, die Risiken kalkulieren, Gewinne maximieren und sich im Zweifel für die stabilere Option entscheiden. Krieg ist teuer, also wird er vermieden. Eskalation ist gefährlich, also wird sie begrenzt. Das klingt überzeugend – solange man ignoriert, dass Ideologie, Machtphantasien, historische Mythen und persönliche Obsessionen ebenfalls politische Variablen sind. Autokratische Systeme funktionieren nicht wie betriebswirtschaftliche Seminare. Sie funktionieren eher wie geschlossene Echokammern, in denen der Herrscher zunehmend nur noch die Version der Realität hört, die ihm gefällt. In solchen Systemen kann Rationalität eine erstaunlich flexible Größe sein. Wenn die eigene Macht auf nationalen Mythen basiert, dann kann ein Krieg plötzlich rational erscheinen – selbst wenn er objektiv ruinös ist. Die westliche Vorstellung vom rationalen Diktator ist deshalb weniger eine Analyse als eine Projektion: Wir nehmen unsere eigene Logik und stülpen sie einer politischen Kultur über, die nach ganz anderen Regeln operiert.

Autokratische Macht und der Test der Grenzen

Autokraten haben eine sehr einfache Methode, die Welt zu verstehen: Sie testen Grenzen. Zuerst ein bisschen Druck. Dann ein bisschen Gewalt. Dann eine kleine Eskalation. Und wenn die Reaktion schwach ausfällt, folgt der nächste Schritt. Diese Strategie ist nicht besonders raffiniert, aber sie ist erstaunlich effektiv. Denn demokratische Gesellschaften reagieren selten mit unmittelbarer Härte. Sie diskutieren, analysieren, veranstalten Gipfeltreffen, formulieren gemeinsame Erklärungen und hoffen insgeheim, dass sich das Problem vielleicht von selbst erledigt. Für autoritäre Systeme wirkt das wie eine Einladung. Nicht weil sie unbesiegbar wären, sondern weil sie darauf setzen, dass niemand bereit ist, den Preis der Konfrontation zu zahlen. Ihre Macht basiert weniger auf Stärke als auf der Erwartung westlicher Zögerlichkeit. In dieser Logik wird jede nicht beantwortete Provokation zu einem Signal: Man kann weitergehen. Und so verschiebt sich die Grenze Stück für Stück – bis plötzlich ein Punkt erreicht ist, an dem niemand mehr behaupten kann, es handle sich nur um rhetorische Drohungen.

Die brutale Pädagogik der Realität

Die letzten Jahre haben diese Dynamik mit einer gewissen pädagogischen Härte illustriert. Drohungen, die lange als politische Theaterstücke interpretiert wurden, erwiesen sich plötzlich als Drehbücher. Militärische Aufmärsche, die angeblich nur der Verhandlungstaktik dienten, verwandelten sich in Invasionen. Ideologische Parolen, die man jahrelang als propagandistische Übertreibung abgetan hatte, fanden ihre Entsprechung in realen Angriffen. Für viele Beobachter kam das überraschend – was weniger über die Ereignisse aussagt als über die Beobachter. Denn die Absichten waren selten verborgen. Sie wurden ausgesprochen, wiederholt, in Reden erklärt, in Dokumenten festgehalten. Das Problem war nicht mangelnde Information. Das Problem war der hartnäckige Glaube, dass niemand so töricht sein könne, das tatsächlich umzusetzen. Dieser Glaube ist eine bemerkenswerte Mischung aus Optimismus und Arroganz: Optimismus, weil man hofft, die Welt werde schon vernünftig bleiben; Arroganz, weil man davon ausgeht, dass alle anderen am Ende nach denselben Maßstäben handeln wie man selbst.

Die zerstörte Illusion des kalkulierenden Autokraten

Damit beginnt die vielleicht unangenehmste Einsicht der Gegenwart: Die Theorie vom rational kalkulierenden Diktator war nie völlig falsch – aber sie war gefährlich unvollständig. Autokraten können rational handeln, solange ihre Rationalität mit Machterhalt vereinbar ist. Doch wenn Ideologie, persönliche Ambitionen oder historische Fantasien stärker werden als nüchterne Kostenrechnungen, dann verschiebt sich diese Rationalität. Plötzlich erscheinen Entscheidungen plausibel, die aus externer Perspektive katastrophal wirken. In geschlossenen Machtstrukturen fehlen zudem die Korrektive, die demokratische Systeme besitzen: kritische Medien, oppositionelle Parteien, öffentliche Debatten. Wenn niemand widersprechen darf, wird jede Illusion irgendwann zur politischen Realität. Und so kann ein Herrscher tatsächlich glauben, ein Angriff werde schnell siegreich sein, ein Terroranschlag werde eine strategische Revolution auslösen oder ein regionales Bündnissystem werde den entscheidenden Schlag vorbereiten. Für Außenstehende wirkt das irrational. Für die Akteure selbst ist es eine logisch aufgebaute Welt – nur leider eine, die auf falschen Annahmen beruht.

Der eigentliche Selbstbetrug

Am Ende führt all das zu einer unangenehmen Schlussfolgerung: Vielleicht war das größte Problem nie die Aggressivität autoritärer Systeme. Vielleicht war es unsere Bereitschaft, sie nicht wörtlich zu nehmen. Die moderne Welt hat enorme Energie darauf verwendet, Drohungen umzudeuten, zu relativieren oder in diplomatische Euphemismen zu verpacken. Nicht weil die Beweise fehlten, sondern weil die Konsequenzen unangenehm gewesen wären. Wenn man Drohungen ernst nimmt, muss man reagieren. Man muss Risiken eingehen, Konflikte konfrontieren, Kosten tragen. Es ist wesentlich komfortabler, sie als rhetorische Übertreibung abzutun. Diese Strategie funktioniert erstaunlich lange – bis sie plötzlich nicht mehr funktioniert.

Die unbequeme Frage

Und damit bleibt eine Frage übrig, die in ihrer Einfachheit fast beleidigend wirkt: Was, wenn Drohungen tatsächlich Drohungen sind? Was, wenn politische Reden keine poetischen Metaphern enthalten, sondern Absichten? Die internationale Politik hat Jahrzehnte damit verbracht, sich selbst zu versichern, dass Autokraten letztlich vernünftig handeln würden. Vielleicht war diese Annahme nie ganz falsch. Vielleicht war sie nur zu optimistisch. Denn Rationalität garantiert nicht Friedfertigkeit. Sie garantiert nur, dass Menschen konsequent das verfolgen, was sie für ihre Interessen halten – selbst wenn diese Interessen aus historischen Mythen, ideologischen Obsessionen oder imperialen Fantasien bestehen. Die eigentliche Tragikomödie der Gegenwart besteht deshalb darin, dass die Warnungen nie besonders geheim waren. Sie wurden ausgesprochen, wiederholt, manchmal sogar laut skandiert.

Die Welt hörte sie.

Sie entschied nur, sie als Metaphern zu verstehen.

Die große Leerstelle im Seminarplan

Es gehört zu den eigentümlichen Kuriositäten der deutschen Gegenwartswissenschaft, dass sie sich mit einer bemerkenswerten Leidenschaft auf alles stürzt, was sie bereits für gefährlich hält – während sie das, was womöglich tatsächlich existiert, lieber diskret übersieht. Das hat etwas von einem Jäger, der aus ideologischen Gründen ausschließlich nach Tigern Ausschau hält, obwohl im Wald vor allem Wildschweine herumlaufen. Der Titel Der Kampf ist nicht zu Ende – jener Monografie über den Linksextremismus in Deutschland aus dem Jahr 2019 – klingt deshalb im akademischen Kontext fast schon wie eine Drohung: ein letzter Gruß aus einer Forschungsrichtung, die kurz darauf in den wohlverdienten Ruhestand geschickt wurde. Der Erstautor, Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, verabschiedete sich altersbedingt – und mit ihm verschwand offenbar auch der institutionelle Wille, sich weiterhin systematisch mit linksextremen Milieus zu beschäftigen. Der Forschungsverbund wurde beendet, ein Nachfolger fand sich nicht, und so wurde aus einem Forschungsfeld eine Art akademische Ruinenlandschaft, über die nur noch gelegentlich ein irritierter Politikwissenschaftler stolpert. Man könnte fast meinen, die Universitäten hätten beschlossen, dass ein Problem, das nicht untersucht wird, auch nicht existiert. Eine Methode, die in der Wissenschaftsgeschichte zwar selten als Erkenntnisinstrument empfohlen wurde, aber erstaunlich gut zur akademischen Befindlichkeitspolitik unserer Tage passt.

Forschungsförderung nach moralischer Temperatur

Natürlich gibt es für dieses Schweigen Gründe – und sie sind weniger geheimnisvoll, als man vielleicht denken könnte. Wie der Politikwissenschaftler Hendrik Hansen in einem Interview bemerkte, mangelt es schlicht an Finanzierung. Aber Geld ist in der Wissenschaft selten ein Zufallsprodukt; es folgt Prioritäten, und Prioritäten folgen Weltbildern. Wenn also kaum Mittel für Linksextremismusforschung bereitgestellt werden, bedeutet das nicht nur, dass niemand bezahlt wird, um sich damit zu beschäftigen. Es bedeutet vor allem, dass es politisch und akademisch nicht erwünscht ist, sich damit zu beschäftigen. Hansen formulierte das höflicher: In der Politikwissenschaft sei es nicht karriereförderlich, sich intensiv mit diesem Thema zu befassen. Das ist eine jener Sätze, die in ihrer trockenen Nüchternheit ein ganzes System entlarven. Denn Karriereförderlichkeit ist die heimliche Leitwährung moderner Universitäten. Sie entscheidet darüber, welche Themen Forschungsprojekte bekommen, welche Dissertationen betreut werden und welche Professuren entstehen. Und wenn ein Thema als Karrierekiller gilt, dann wird es von klugen Nachwuchswissenschaftlern gemieden wie ein Seminar zur mittelalterlichen Astrologie. Hinzu kommt eine gewisse romantische Grundmelodie: Linksextremisten, so lautet die verbreitete Vorstellung, wollten im Grunde das Gute – sie hätten sich nur leider im Ton vergriffen oder gelegentlich den falschen Molotowcocktail geworfen. Es ist eine moralische Erzählung, die den Unterschied zwischen politischer Gewalt und politischer Ungeduld auf die Größe eines Fußnotenproblems schrumpfen lässt.

Drei Institute gegen rechts und keines gegen links

Ein kurzer Blick auf die institutionelle Landschaft genügt, um die Asymmetrie zu erkennen. Wer nach Forschungsstellen zum Rechtsextremismus sucht, stößt auf eine beachtliche Infrastruktur: Institute, Kompetenzzentren, Forschungsnetzwerke. Die Universitäten Tübingen, Jena und Leipzig verfügen über entsprechende Einrichtungen, ergänzt durch diverse Projekte und Arbeitsgruppen, die sich der Erforschung rechter Ideologien widmen. Das ist grundsätzlich begrüßenswert – Extremismus sollte selbstverständlich wissenschaftlich untersucht werden. Doch die Frage stellt sich, warum diese institutionelle Energie so auffällig einseitig verteilt ist. Wenn es um Linksextremismus geht, herrscht an deutschen Universitäten eine bemerkenswerte Stille. Keine Institute, keine Kompetenzzentren, keine großen Verbundprojekte. Man könnte fast meinen, der Linksextremismus sei ein seltenes zoologisches Wesen, das nur in alten Archivakten existiert. Dabei gibt es durchaus Hinweise auf seine Existenz – von militanten Gruppen über ideologische Netzwerke bis hin zu gelegentlichen Gewalttaten. Doch diese Phänomene scheinen im akademischen Fokus eine geringere Priorität zu genießen. Vielleicht, weil sie nicht in die moralische Dramaturgie passen, die viele Sozialwissenschaften inzwischen entwickelt haben: Die Welt ist ein Kampf zwischen progressiven Kräften und regressiven Kräften, und wer auf der vermeintlich progressiven Seite steht, kann per Definition kein echtes Problem darstellen.

Die Kunst, Bedrohungen zu konstruieren

Während also der Linksextremismus akademisch weitgehend unbehelligt bleibt, widmet sich ein beachtlicher Teil der Forschung der Analyse rechtsextremer Gefahren – selbst dort, wo diese empirisch nur schwer aufzuspüren sind. Ein Beispiel bietet eine Literaturübersicht zweier Wissenschaftler aus Flensburg, die sich mit „extrem rechten Tendenzen an Hochschulen“ beschäftigt. Der Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist bemerkenswert: Die Datenlage sei dürftig, es gebe kein bundesweites Monitoring, und aktuelle Zahlen zeigten nur geringe Anteile rechtsextremer Einstellungen unter Studierenden. Mit anderen Worten: Die empirische Grundlage ist dünn. Doch statt daraus die naheliegende Schlussfolgerung zu ziehen – nämlich dass das Problem möglicherweise begrenzt ist –, wird ein methodischer Kunstgriff angewendet. Rechtsextremismus und Rechtspopulismus werden kurzerhand zusammengelegt. Diese begriffliche Fusion ist ausgesprochen praktisch, denn sie erweitert das Untersuchungsfeld erheblich. Wer bislang nur eine kleine Gruppe extremistischer Akteure untersuchen konnte, erhält plötzlich Zugang zu einem deutlich größeren Reservoir politischer Meinungen. Der Trick ist so elegant wie effektiv: Man verwandelt eine seltene Erscheinung in ein weit verbreitetes Phänomen, indem man die Definition erweitert. Wissenschaftlich ist das zwar nicht unbedingt überzeugend, aber methodologisch – ein Wort, das in solchen Zusammenhängen immer besonders seriös klingt – durchaus kreativ.

Wenn Zahlen die falsche Geschichte erzählen

Das Problem beginnt allerdings dort, wo Zahlen ins Spiel kommen. Eine Studie aus dem Jahr 2020, die Studierende in Deutschland befragte, kommt zu einem erstaunlich unspektakulären Ergebnis: Nur 1,1 Prozent der Befragten weisen über alle Items hinweg rechtsextreme Einstellungen auf. Für eine Untersuchung, die eine Bedrohungslage an Hochschulen belegen möchte, ist das eine ziemlich unkooperative Zahl. Sie widersetzt sich hartnäckig der dramatischen Erzählung. Die Reaktion der Autoren wirkt daher fast rührend: Man bezeichnet diese Werte als „relativ gering“. Das ist eine jener Formulierungen, die in der Wissenschaft eine ganz besondere Funktion erfüllen. Sie ermöglichen es, ein Ergebnis anzuerkennen und gleichzeitig zu relativieren. Natürlich ist 1,1 Prozent gering – absolut betrachtet sogar sehr gering. Aber indem man das Wort „relativ“ hinzufügt, lässt sich die Tür für weitere Besorgnis offenhalten. Vielleicht, so könnte man interpretieren, ist 1,1 Prozent nur der Anfang. Vielleicht verbirgt sich hinter dieser Zahl eine dunkle Dunkelziffer. Vielleicht sind diese 1,1 Prozent besonders laut. Die Möglichkeiten sind endlos, wenn man sich erst einmal von der Tyrannei der empirischen Realität befreit hat.

Diskriminierung als Beweis ohne Täter

Wenn die Zahlen nicht überzeugen, muss man eben andere Indikatoren bemühen. In der erwähnten Studie geschieht dies über Diskriminierungserfahrungen von Studierenden. Rund 27 Prozent berichten von Diskriminierung, häufig im Zusammenhang mit Migrationshintergrund. Das klingt alarmierend – bis man den entscheidenden Zusatz liest: Diese Erfahrungen implizieren nicht, dass sie von extrem rechten Personen ausgehen. Mit anderen Worten: Man hat ein Problem identifiziert, aber keinen Täter. Das hält die Autoren jedoch nicht davon ab, diese Ergebnisse in ihre Argumentation einzubauen. Es ist eine Form wissenschaftlicher Suggestion, die man mit etwas Bosheit als „empirisches Räucherstäbchen“ bezeichnen könnte: Man erzeugt eine Atmosphäre, in der ein bestimmter Verdacht plausibel wirkt, ohne ihn tatsächlich belegen zu müssen. Auch die Tatsache, dass 30 Prozent der Studierenden glauben, es gebe rechtspopulistische oder rechtsextreme Personen an ihrer Hochschule, wird als Hinweis präsentiert. Dass dies lediglich eine Wahrnehmung ist – und Wahrnehmungen bekanntlich stark von politischen Diskursen geprägt werden –, bleibt dabei eine Randnotiz.

Der Verdacht als wissenschaftliche Kategorie

Besonders interessant wird es, wenn die Studie sich der Frage widmet, wie man „rechte“ Wissenschaftler identifizieren kann. Die Antwort ist bemerkenswert schlicht: Man schaut sich an, wo sie publizieren und wer sie zitiert. Wenn jemand in bestimmten konservativen Medien veröffentlicht oder dort zitiert wird, kann das als Hinweis auf eine ideologische Verortung gelten. Die Logik erinnert ein wenig an mittelalterliche Ketzerprozesse, bei denen nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch die Gesellschaft, in der man sich bewegte, als Beweis galt. Wer die falschen Bücher las oder mit den falschen Leuten sprach, konnte schnell in den Verdacht der Häresie geraten. In der modernen Variante genügt offenbar schon die Kritik an Political Correctness oder Cancel Culture, um wissenschaftlich interessant zu werden – allerdings nicht als Debattenpartner, sondern als Untersuchungsobjekt. So verwandelt sich die Analyse politischer Ideen allmählich in eine Art moralische Kartografie: Hier die akzeptablen Positionen, dort die problematischen. Und irgendwo am Rand lauert der Verdacht.

Die ironische Pointe der akademischen Moral

Die eigentliche Ironie dieser Entwicklung besteht darin, dass sie ausgerechnet in einem Milieu stattfindet, das sich selbst gern als Hort kritischer Reflexion versteht. Universitäten gelten traditionell als Orte, an denen jede Idee untersucht werden darf – gerade auch die unbequemen. Doch die Realität zeigt zunehmend ein anderes Bild: Bestimmte Themen gelten als legitim, andere als unerquicklich. Bestimmte Extremismen werden intensiv erforscht, andere eher ignoriert. Das hat weniger mit wissenschaftlicher Neugier zu tun als mit moralischer Temperatur. Themen, die politisch erwünscht sind, erhalten Aufmerksamkeit und Ressourcen. Themen, die ideologisch irritieren könnten, verschwinden aus dem Forschungsprogramm.

Das führt zu einer paradoxen Situation: Die Wissenschaft, die sich gern als Bollwerk gegen ideologische Verzerrungen versteht, reproduziert selbst eine ideologische Selektivität. Sie untersucht bevorzugt jene Gefahren, die bereits in ihr Weltbild passen, und übersieht jene, die dieses Weltbild komplizieren könnten. Man könnte sagen, dass hier eine Art akademischer Komfortzonenforschung betrieben wird – eine Wissenschaft, die mutig gegen jene Phänomene vorgeht, die ohnehin von allen missbilligt werden.

Nichts währt ewiglich

Doch Geschichte hat die unangenehme Angewohnheit, intellektuelle Selbstgewissheiten irgendwann zu korrigieren. Wissenschaftliche Moden kommen und gehen, Forschungsparadigmen wechseln, und Themen, die heute als irrelevant gelten, können morgen plötzlich ins Zentrum rücken. Vielleicht wird irgendwann auch der Linksextremismus wieder als legitimes Forschungsfeld entdeckt – nicht aus politischem Kalkül, sondern aus dem schlichten Wunsch heraus, die Wirklichkeit vollständig zu verstehen. Bis dahin bleibt die deutsche Universitätslandschaft ein bemerkenswertes Experiment: ein System, das mit großem Engagement einen Teil der politischen Realität untersucht und den anderen Teil mit einem milden, beinahe nachsichtigen Lächeln betrachtet.

Man könnte das großzügig interpretieren und von intellektueller Gelassenheit sprechen. Oder man entscheidet sich für die weniger freundliche Lesart und nennt es selektive Blindheit. In beiden Fällen bleibt der Eindruck, dass die Wissenschaft hier nicht nur Erkenntnisse produziert, sondern auch – bewusst oder unbewusst – eine moralische Dramaturgie pflegt. Und wie jede Dramaturgie lebt auch diese davon, dass einige Figuren im Rampenlicht stehen, während andere diskret hinter dem Vorhang verschwinden.

Davos nach Schwab

Der Geist des Dialogs und die Kunst der diskreten Machtausübung

Man könnte meinen, ein globales Netzwerk aus Politikern, Konzernlenkern, Stiftungsmanagern und professionellen Weltverbesserern sei ein fragiles Gebilde. Doch das Weltwirtschaftsforum (WEF) hat über Jahrzehnte bewiesen, dass es über eine erstaunliche Überlebensfähigkeit verfügt – selbst dann, wenn seine wichtigsten Figuren gehen müssen, aus dem Amt gedrängt werden oder über gewisse Kontakte stolpern, die eher nach Netflix-Dokumentation als nach philanthropischer Weltrettung klingen. Nachdem Klaus Schwab, der Davoser Dauermoderator der Weltgeschichte, 2025 seinen Stuhl räumen musste, atmeten manche Beobachter auf und sprachen von einer Zeitenwende. Nun, die Geschichte des WEF zeigt vor allem eines: Wenn man ein System baut, das groß genug ist, kann es sich selbst reproduzieren – ganz gleich, wer gerade vorne auf der Bühne steht und „Stakeholder-Kapitalismus“ sagt, als wäre es ein besonders delikates Fondue.

Der jüngste Abgang des Interimspräsidenten Børge Brende – gestolpert über Kontakte zu Jeffrey Epstein – fügt sich in diese Tradition der leicht peinlichen, aber selten existenziellen Krisen. Denn während Brende im Januar in Davos noch pathetisch von „Zeiten der Unsicherheit und der Möglichkeiten“ sprach, bewies die Realität einmal mehr, dass im WEF zwar vieles möglich ist, aber offenbar nicht unbedingt eine langfristige Karriere ohne Skandal. Doch während Brende ging, blieben die wirklich wichtigen Leute sitzen: BlackRock-Gründer Larry Fink und Roche-Erbe André Hoffmann, die das Forum nun offenbar nicht mehr nur vorübergehend leiten wollen. Interimsweise – das ist im Davoser Machtvokabular offenbar ein dehnbarer Begriff, ähnlich wie „Partnerschaft“, „Resilienz“ oder „Vertrauen“.

Die neue Davoser Bescheidenheit: Niemand ist mehr verantwortlich

Eine der interessantesten Veränderungen nach Schwabs Abgang ist die diskrete Überarbeitung der eigenen Legende. Auf der WEF-Webseite sucht man den Gründer inzwischen fast so vergeblich wie demokratische Rechenschaftspflicht in einem Panel über globale Governance. Stattdessen findet man ein angenehm anonymes Selbstbild: eine Plattform, ein Netzwerk, eine Begegnungsstätte für Führungskräfte aus allen Sektoren, Regionen, Ideologien und Generationen. Niemand scheint das Forum wirklich zu führen – es existiert einfach. Wie ein Naturphänomen. Wie Nebel. Oder Steuern.

Das ist natürlich eine elegante Strategie. Wenn niemand verantwortlich ist, kann auch niemand kritisiert werden. Das WEF ist dann nicht mehr ein Projekt einzelner Akteure, sondern ein quasi organisches Gebilde, das aus der historischen Notwendigkeit entstanden ist, dass sich einige tausend sehr einflussreiche Menschen einmal im Jahr in den Alpen treffen müssen, um die Welt zu retten – oder zumindest darüber zu sprechen, während draußen die Helikopter landen.

Und was man dort bespricht, klingt in offiziellen Dokumenten stets ähnlich: Kooperation, Vertrauen, Partnerschaften, Resilienz. Wörter, die so weich und angenehm klingen, dass man fast vergisst, was sie konkret bedeuten. Denn übersetzt heißt das meist: Staaten sollen Kompetenzen abgeben, internationale Organisationen sollen mehr Einfluss bekommen, und große Unternehmen sollen dabei helfen, die Welt zu organisieren. Eine klassische öffentlich-private Partnerschaft, kurz PPP – eine Konstruktion, die in der Theorie Zusammenarbeit bedeutet, in der Praxis jedoch oft so aussieht, dass die öffentliche Hand die Risiken trägt und der private Sektor die Gewinne.

Die große Davos-Illusion: Vertrauen als Geschäftsmodell

In Davos wurde dieses Jahr viel über Vertrauen gesprochen. Das ist verständlich, denn Vertrauen ist für globale Institutionen ungefähr das, was Sauerstoff für Bergsteiger ist. Ohne Vertrauen wird plötzlich sichtbar, dass viele der großen Projekte – von globaler Gesundheitskoordination über Klimapolitik bis zur digitalen Transformation – weniger demokratisch legitimiert sind, als ihre Autoren gerne glauben.

Deshalb ist „Vertrauen“ in Davos kein moralischer Begriff, sondern ein strategischer Rohstoff. Er muss gepflegt, erzeugt und – wenn nötig – verteidigt werden. Besonders gegen das, was in WEF-Berichten seit einigen Jahren als größtes Risiko gilt: Desinformation.

Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Früher galt Desinformation vor allem als Problem autoritärer Staaten oder dubioser Internetforen. Heute wird sie in Davoser Dokumenten zu einer Art universeller Erklärung für politische Dissidenz. Wenn Bürger Zweifel an globalen Projekten äußern, dann könnte das schlicht bedeuten, dass sie andere Interessen haben – oder dass sie den Eindruck haben, nicht gefragt worden zu sein. Aber in der Logik technokratischer Governance liegt der Verdacht näher, dass sie schlicht falsch informiert sind.

Die Lösung ist entsprechend elegant: Man stärkt „digitale Kompetenz“, entwickelt „authentische Informationssysteme“ und denkt über digitale Wasserzeichen für Inhalte nach. Ein Blockchain-basiertes Informationsökosystem klingt dabei ungefähr so beruhigend wie ein perfekt organisiertes Archiv der Wahrheit.

Polykrise als Geschäftsmodell

Der jährliche Global Risks Report des WEF liest sich inzwischen wie eine Mischung aus Katastrophenkatalog und Investorenprospekt. Die Welt befindet sich angeblich in einer „Polykrise“, einer simultanen Überlagerung verschiedener globaler Bedrohungen: geopolitische Konflikte, Klimawandel, wirtschaftliche Instabilität, technologische Disruption. Kurz gesagt: Alles ist riskant.

Doch gerade darin liegt die Schönheit dieses Narrativs. Denn jede Krise eröffnet auch ein neues Geschäftsfeld. Klimawandel schafft Märkte für grüne Technologien. Gesundheitskrisen schaffen Märkte für Impfstoffe und digitale Gesundheitsinfrastruktur. Geopolitische Konflikte beleben die Rüstungsindustrie. Digitale Unsicherheit schafft Märkte für Cybersecurity.

In dieser Perspektive erscheint die Welt weniger als Problem denn als Portfolio.

Die vierte industrielle Revolution oder die Digitalisierung der Kontrolle

Das WEF spricht seit Jahren von der „Vierten Industriellen Revolution“, einer Verschmelzung von physischer, digitaler und biologischer Welt. In Davos klingt das wie ein technologisches Renaissanceprojekt. Kritiker würden sagen: eine umfassende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, deren Regeln von einer relativ kleinen technokratischen Elite formuliert werden.

Besonders faszinierend ist dabei der Enthusiasmus für Tokenisierung und digitale Identitätssysteme. Vermögenswerte sollen als digitale Token auf Blockchains existieren, Identitäten sollen digital verifizierbar sein, Finanzsysteme sollen programmierbar werden.

In dieser Vision wird die Welt zu einer riesigen Datenbank. Besitz, Identität, Kreditwürdigkeit – alles wird digital abgebildet und verwaltet. Für Investoren eröffnet das enorme Möglichkeiten. Für Bürger bedeutet es vor allem eines: Transparenz. Allerdings eine sehr asymmetrische.

Denn während Staaten und Unternehmen zunehmend Zugriff auf Daten bekommen, bleibt umgekehrt erstaunlich unklar, wer eigentlich die großen Plattformen kontrolliert, auf denen dieses neue System laufen soll.

KI als dunkle Materie der Zukunft

Besonders ironisch ist, dass WEF-Berichte gleichzeitig die Risiken der Technologien beschreiben, die sie am enthusiastischsten fördern. Künstliche Intelligenz könnte menschliche Fähigkeiten verkümmern lassen, gesellschaftliche Desintegration fördern, Informationschaos erzeugen und militärische Eskalationen beschleunigen.

Doch trotz dieser düsteren Szenarien bleibt KI natürlich ein gigantischer Markt. Allein die Investitionen in KI-Infrastruktur gehen in die Billionen. Rechenzentren verbrauchen immer mehr Energie, Algorithmen entscheiden über Kredite, Jobs und Informationen.

In dieser Welt könnte KI tatsächlich zur „dunklen Materie“ der Gesellschaft werden – unsichtbar, allgegenwärtig und kaum kontrollierbar.

Die Welt als Spielwiese

Am Ende bleibt das WEF vor allem eines: ein Netzwerk der Macht. Kein Geheimbund, kein Weltregierungskomitee, sondern etwas vielleicht Komplizierteres – ein Ort, an dem sich wirtschaftliche Interessen, politische Ambitionen und technokratische Visionen gegenseitig verstärken.

Für Figuren wie Larry Fink ist die Welt tatsächlich eine Spielwiese, allerdings eine mit enormen finanziellen Einsätzen. Staaten sind in diesem Spiel Partner, manchmal auch Hindernisse. Bürger erscheinen eher als Stakeholder – ein Wort, das in Davos so häufig fällt, dass man fast vergisst, dass es ursprünglich aus der Managementliteratur stammt.

Ob dieses Modell langfristig funktioniert, ist eine offene Frage. Denn das größte Risiko für technokratische Systeme ist nicht Desinformation oder Klimawandel, sondern etwas viel Banaleres: das Gefühl vieler Menschen, dass Entscheidungen über ihr Leben zunehmend von Akteuren getroffen werden, die sie weder gewählt haben noch abwählen können.

Und wenn dieses Gefühl wächst, hilft auch der schönste „Spirit of Dialogue“ nicht mehr. Denn Dialog ist bekanntlich nur dann überzeugend, wenn beide Seiten tatsächlich etwas zu sagen haben. In Davos hingegen spricht meist nur eine – und die andere darf zuhören.

Die Kunstfreiheit und ihre erstaunlich robusten Nebenwirkungen

Manchmal, in seltenen Momenten kultureller Erleuchtung, entdeckt die deutsche Öffentlichkeit eine alte, ehrwürdige Institution wieder: die Kunstfreiheit. Sie liegt dann plötzlich da, frisch poliert, moralisch geschniegelt, bereit, jede Zumutung auszuhalten – solange sie nur im Namen der Kunst geschieht. Und siehe da: Kaum hatte sich zum Jahreswechsel herumgesprochen, dass Studierende der Düsseldorfer Kunstakademie die palästinensische Filmemacherin Basma al-Sharif eingeladen hatten, brach jene vertraute Debatte aus, die in Deutschland stets zuverlässig zwischen moralischem Pathos, politischer Empörung und akademischem Räuspern pendelt. Die eine Seite sprach von einer international anerkannten Künstlerin, die andere von einer Terror-Sympathisantin. Und irgendwo dazwischen stand die Kunstakademie und versuchte, mit dem Zauberwort „Kunstfreiheit“ eine diskursive Rauchgranate zu zünden.

Der Vorsitzende des Jüdischen Forums der CDU in Nordrhein-Westfalen, Roman Salyutov, reagierte erwartungsgemäß wenig begeistert. In einem Offenen Brief forderte er, die Veranstaltung abzusagen – mit dem charmanten Hinweis, al-Sharif habe sich wiederholt als Unterstützerin der Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas betätigt und den Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 relativiert. Nun kann man in Deutschland vieles relativieren: Heizkostenabrechnungen, Gendersternchen, die Pünktlichkeit der Bahn. Aber Terrorangriffe mit über tausend Toten gehören traditionell nicht zu den Dingen, bei denen man besonders viel interpretativen Spielraum erwartet.

Doch Interpretationsspielraum ist bekanntlich das Lebenselixier der Kunstwelt. Und so begann das bekannte Spiel der Bedeutungsakrobatik: Was für den einen Hassrede ist, ist für den anderen eine radikale Perspektive; was für den einen Propaganda ist, ist für den anderen politisches Statement; und was für den dritten schlicht geschmacklose Terrorverherrlichung ist, wird im universitären Seminarraum plötzlich zur „kritischen Intervention in postkoloniale Diskurse“.

Instagram als Atelier des Widerstands

Ein Blick auf al-Sharifs Instagram-Profil liefert jedenfalls ein erstaunlich vielseitiges Portfolio: ein bisschen Kunst, ein bisschen Aktivismus, ein bisschen revolutionäre Rhetorik – gewissermaßen eine Mischung aus Atelier, politischem Seminar und agitatorischem Wandkalender. Die taz bemerkte höflich, dort fänden sich „überwiegend künstlerische Beiträge“. Man muss allerdings zugeben: Der Begriff „künstlerisch“ besitzt in der Gegenwart eine Elastizität, die selbst Gummi vor Neid erblassen ließe.

Denn neben Filmstills und ästhetischen Impressionen findet sich auf dem Profil reichlich politischer Furor. Israel sei eine „weiße Siedlerkolonie“, die „Völkermord“ begehe. Israel habe „null Recht zu existieren“. Und überhaupt müsse man dieses „zionistische Gebilde“ demontieren. Das sind Sätze, die auf einer Parteiveranstaltung der Hamas vermutlich als solide, aber wenig originelle Wortmeldung gelten würden. In der deutschen Kunstszene hingegen erscheinen sie plötzlich als mutige Kritik an Machtstrukturen.

Besonders eindrucksvoll wirkt ein Bild, auf dem die Filmemacherin in grüner Kleidung mit rotem Dreieck posiert – jenem Symbol, das von Hamas-Anhängerinnen und -Anhängern verwendet wird, um feindliche Ziele zu markieren. Vor ihr liegen ein Messer und ein in roter Flüssigkeit getränktes Gehirn. Darunter der poetische Satz: „Mögen unsere Märtyrer die Ruhe und den Frieden finden, die sie verdienen.“

Nun muss man zugeben: Die Kunstgeschichte kennt viele drastische Motive. Caravaggio war nicht gerade zimperlich mit Blut, Goya auch nicht. Aber selten hat man gesehen, dass jemand eine derart explizite politische Symbolik präsentiert und gleichzeitig erwartet, sie werde als rein ästhetisches Experiment gelesen.

Der große Zaubertrick der akademischen Semantik

Die Leitung der Kunstakademie, vertreten durch Rektorin Donatella Fioretti, reagierte erwartungsgemäß mit der klassischen Formel: Man habe al-Sharif nicht als Politikerin eingeladen, sondern als Künstlerin. Diese Unterscheidung gehört zu den elegantesten rhetorischen Kunststücken des akademischen Betriebs. Sie funktioniert ungefähr so: Wenn ein Künstler politisch extreme Aussagen tätigt, sind diese nicht politisch gemeint, sondern künstlerisch. Und wenn jemand darauf hinweist, dass sie politisch wirken, beweist das lediglich, dass er Kunst nicht versteht.

Es handelt sich um eine Art metaphysische Tarnkappe. Ein Satz wie „Israel hat kein Existenzrecht“ verwandelt sich unter dem Einfluss des Wortes „Kunst“ plötzlich in ein Diskursangebot. So wie ein roher Stein unter dem Einfluss des Wortes „Skulptur“ plötzlich musealen Respekt genießt.

Fioretti erklärte zudem, Kritiker würden mit ihrem Fokus auf al-Sharifs Posts „die Dringlichkeit, Großzügigkeit und den Mut ihrer Arbeit übersehen“. Das ist ein bemerkenswerter Satz. Denn er enthält gleich drei jener Vokabeln, mit denen der Kulturbetrieb seit Jahrzehnten alles legitimiert, was sonst schwer zu erklären wäre: Dringlichkeit, Großzügigkeit, Mut. Fehlt eigentlich nur noch „radikal“ und „transformativ“, und das Bingo-Feld der Kunstrhetorik wäre vollständig.

Die merkwürdige Kunst der geschlossenen Öffentlichkeit

Besonders reizvoll wurde die Angelegenheit, als die Kunstakademie beschloss, die Veranstaltung kurzfristig für die Öffentlichkeit zu schließen. Das ist ein bemerkenswerter Schritt, denn Kunsthochschulen sind üblicherweise Orte, an denen Diskurs, Debatte und Austausch gefeiert werden wie religiöse Rituale. Plötzlich aber war Diskurs nur noch im geschützten Innenraum erlaubt – eine Art intellektuelle Quarantänezone.

Offiziell geschah dies wegen angeblicher Drohungen und Gewaltaufrufe in sozialen Medien. Die Polizei allerdings erklärte später, ihr seien keine strafrechtlich relevanten Drohungen bekannt. Auch habe die Akademie keine entsprechenden Belege vorgelegt.

Damit entstand eine jener Situationen, die man in Deutschland besonders liebt: eine Debatte über Drohungen, die möglicherweise existierten, möglicherweise auch nicht, aber auf jeden Fall moralisch sehr praktisch waren. Denn nichts rechtfertigt den Ausschluss der Öffentlichkeit so elegant wie eine diffuse Gefährdungslage.

Die unvermeidliche Täter-Opfer-Akrobatik

Für Vertreter der jüdischen Gemeinde wirkte das Ganze wie eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Während Demonstranten friedlich mit Israel-Flaggen vor der Akademie standen, wurde im Inneren der Eindruck erzeugt, man verteidige die Kunstfreiheit gegen aggressive Feinde der offenen Gesellschaft.

Das ist ein erstaunliches Schauspiel: Eine Institution, die eine Person mit radikal antiisraelischen Aussagen einlädt, präsentiert sich plötzlich als bedrohte Bastion der Freiheit. In dieser Logik wird Kritik selbst zum Angriff auf Grundrechte – ein rhetorischer Kunstgriff, der im akademischen Milieu inzwischen zur Standardausrüstung gehört.

Denn natürlich ist Kunstfreiheit ein hohes Gut. Nur wird sie gelegentlich so behandelt wie ein Generalschlüssel, der jede Tür öffnet – auch die zu moralischen Blindzonen.

Die Universität als moralische Versuchsanordnung

Am Ende bleibt ein Eindruck, der über Düsseldorf hinausweist. Der Konflikt zeigt etwas Grundsätzliches über das akademische Milieu unserer Zeit: Universitäten verstehen sich zunehmend als Räume radikaler Perspektiven, solange diese in ein bestimmtes ideologisches Raster passen. Antikoloniale Rhetorik, revolutionäre Symbolik und Israel-Delegitimierung erscheinen in diesem Kontext plötzlich als intellektuell respektable Positionen.

Kritik daran hingegen gilt schnell als Angriff auf Freiheit, Vielfalt oder Diskurs.

Es ist eine merkwürdige Verkehrung: Institutionen, die einst Orte nüchterner Analyse sein sollten, verwandeln sich gelegentlich in Bühnen moralischer Dramaturgie. Der Künstler wird zum Propheten, der Aktivismus zur Ästhetik, und die Realität zum Material eines ideologischen Kunstprojekts.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieser Affäre. Nicht die Einladung selbst ist das bemerkenswerteste Ereignis. Auch nicht die Proteste. Sondern die erstaunliche Gelassenheit, mit der Teile des Kulturbetriebs glauben, radikale politische Botschaften ließen sich einfach in Kunst verwandeln – so wie ein Zauberer ein Kaninchen aus dem Hut zieht.

Nur dass in diesem Fall das Kaninchen gelegentlich ein rotes Dreieck trägt. Und erstaunlich viele Menschen im Publikum so tun, als sei das lediglich ein besonders avantgardistisches Kunstobjekt.

Die große Selbstschachpartie

Es gehört zu den bemerkenswertesten kulturellen Leistungen Europas, dass es eine ganze Zivilisation hervorgebracht hat, die zugleich Newton, Kant, Bach und den Verbrennungsmotor produzierte – und dennoch in der Lage ist, sich in der Energiepolitik so elegant selbst matt zu setzen, dass man beinahe geneigt ist, dies als Performancekunst zu würdigen. Man steht gewissermaßen vor einem geopolitischen Schachbrett, auf dem die Figuren mit großer Ernsthaftigkeit bewegt werden: Sanktionen hier, Embargos dort, moralische Grundsatzreden im Zentrum. Die Kommentatoren nicken gravitätisch, die Pressekonferenzen sind von staatsmännischer Schwere, und irgendwo im Hintergrund läuft eine PowerPoint mit dem Titel „Strategische Resilienz 2035“. Doch während die Figuren mit großer Würde verschoben werden, stellt sich leise die Frage, ob jemand bemerkt hat, dass man die ganze Zeit gegen sich selbst spielt. Russland kündigt also an, einen erheblichen Teil seines verbleibenden Flüssiggases künftig nach Asien umzuleiten. China, Indien, Thailand – dort wird das nicht als Tragödie wahrgenommen, sondern eher als logistisches Detail im Sinne von: „Ach, kommt noch ein Tanker? Wie angenehm.“ Und Europa? Europa schaut auf das Schiff, das am Horizont verschwindet, und murmelt mit leichtem Erstaunen: „Moment … war das nicht unser Gas?“

Moral als Energiequelle

Man muss an dieser Stelle die moralische Dimension würdigen, denn Europa hat sich bekanntlich entschieden, nicht nur Energiepolitik zu betreiben, sondern zugleich Weltethik. Das ist ein ambitioniertes Projekt. Während andere Regionen der Erde nüchtern fragen, wie viele Moleküle Methan pro Sekunde durch eine Pipeline passen, beschäftigt sich Europa mit der deutlich höheren Frage, wie viele moralische Prinzipien pro Pressekonferenz transportiert werden können. Das Problem besteht lediglich darin, dass moralische Integrität – so wertvoll sie philosophisch sein mag – thermodynamisch eine ausgesprochen schwache Heizleistung besitzt. Man kann sie in Leitartikeln hervorragend verbrennen, aber Radiatoren reagieren darauf eher kühl. Das führt zu einer eigenartigen Diskrepanz: Auf politischer Ebene herrscht die feierliche Überzeugung, man habe eine historische Entscheidung getroffen; auf physikalischer Ebene hingegen gilt weiterhin die alte, unromantische Regel, dass Energie irgendwo herkommen muss. Und wenn sie nicht mehr aus dem Osten kommt, dann kommt sie eben aus dem Süden, dem Westen oder – mit etwas Glück – aus der Zukunft. Letzteres ist besonders beliebt, weil die Zukunft bekanntlich ein äußerst zuverlässiger Lieferant ist: Sie liefert immer morgen.

Der Markt der plötzlichen Freunde

Also blickt Europa sich um und entdeckt mit einiger Verzögerung, dass Energiehandel ein Markt ist und keine moralische Theaterbühne. Katar etwa, dieses kleine, gasreiche Emirat, das jahrelang eher als geopolitische Randnotiz behandelt wurde, hat inzwischen etwas sehr Unromantisches getan: Es hat Verträge abgeschlossen. Langfristige, stabile, milliardenschwere Verträge mit Kunden, die eine erstaunlich altmodische Vorstellung von Energiepolitik besitzen – nämlich dass man sie langfristig sichern sollte. Diese Kunden sitzen häufig in Asien, wo man Energiepolitik mit der gleichen Nüchternheit betreibt wie Hafenlogistik oder Stahlproduktion. Europa hingegen entdeckte plötzlich, dass moralische Distanz zu einem Lieferanten eine interessante Strategie ist, solange man gleichzeitig langfristige Verträge mit ihm abschließt. Wenn man jedoch auf beides verzichtet, entsteht eine gewisse Lücke – eine Art energetischer Zwischenraum, der politisch mit Optimismus gefüllt wird, physikalisch jedoch eher mit kalter Luft.

Der transatlantische Rettungsanker

Natürlich gibt es immer noch den großen Freund jenseits des Atlantiks. In europäischen Debatten erscheint amerikanisches LNG gelegentlich wie eine Mischung aus Kavallerie, Technologie und Erlösung. Die Tanker kommen, die Freiheit weht über den Ozean, und irgendwo spielt symbolisch eine Blaskapelle. Nur hat die Realität die unhöfliche Angewohnheit, nicht dramaturgisch zu denken. LNG-Terminals haben Kapazitätsgrenzen, Anlagen können ausfallen, und auch andere Länder besitzen Heizungen. Der globale Gasmarkt gleicht daher weniger einer rettenden Pipeline als vielmehr einem überfüllten Bahnhof, auf dem mehrere Kontinente gleichzeitig versuchen, in denselben Zug einzusteigen. Europa steht dabei mit bemerkenswerter Würde am Bahnsteig und erklärt, dass man ohnehin langfristig lieber Fahrrad fahren wollte.

Die poetische Energie des Flatterstroms

An dieser Stelle betritt der poetischste Begriff der modernen Energiepolitik die Bühne: Flatterstrom. Schon das Wort hat eine gewisse literarische Eleganz. Man hört förmlich das Rascheln von Windrädern im Morgenlicht und sieht Solarpaneele, die sich wie philosophische Sonnenblumen dem Himmel zuwenden. Die Vision ist großartig: eine Welt aus sauberer, unerschöpflicher Energie, gewonnen aus Wind und Sonne, den beiden ältesten Naturkräften der Erde. Leider besitzen beide eine Eigenschaft, die sie politisch etwas unkooperativ macht: Sie lassen sich nicht kommandieren. Der Wind weht, wenn er möchte, und die Sonne scheint – mit einer gewissen Sturheit – nur tagsüber. Das führt zu einem energetischen Zustand, der an ein Fahrrad ohne Kette erinnert: technisch beeindruckend, ökologisch vorbildlich, aber im entscheidenden Moment von einer gewissen Bewegungshemmung betroffen. Dann beginnt das System zu stottern wie ein philosophischer Motor, der zwar hervorragende Prinzipien besitzt, aber keinen Treibstoff.

Die Kunst der Zuversicht

Und doch bleibt die europäische Energiepolitik von einem bemerkenswerten Optimismus getragen. Pressekonferenzen sind ein wunderbares Medium für diese Zuversicht. Dort wird erklärt, dass man sich auf einem historischen Transformationspfad befinde, dass Resilienz aufgebaut werde, dass Diversifizierung stattfinde und dass strategische Autonomie bald erreicht sei. Diese Begriffe besitzen eine hypnotische Wirkung: Je häufiger man sie wiederholt, desto plausibler erscheinen sie. Die Energieversorgung verwandelt sich dabei sprachlich in eine Art metaphysisches Projekt, bei dem Zukunft, Innovation und Werte zusammen eine unsichtbare Infrastruktur bilden, die irgendwo zwischen Brüssel und der Atmosphäre schwebt. In dieser Welt wird Gas fast zu einer Nebensache, ein altmodischer Brennstoff aus der fossilen Vergangenheit, während die eigentliche Energie offenbar aus Kommunikation entsteht.

Heiße Luft als europäische Spezialität

Vielleicht liegt darin sogar eine gewisse kulturelle Konsequenz. Europa war immer ein Kontinent der Ideen. Die Aufklärung, die Menschenrechte, die Philosophie – all das entstand aus langen Diskussionen, leidenschaftlichen Debatten und der festen Überzeugung, dass Gedanken die Welt verändern können. Es wäre also fast unhistorisch, wenn Europa plötzlich anfangen würde, Energiepolitik rein technisch zu betreiben. Stattdessen produziert man weiterhin das, was dieser Kontinent seit Jahrhunderten im Überfluss hervorbringt: Diskurs. Talkshows, Strategiepapiere, Gipfeltreffen, Panels über nachhaltige Transformation – eine beeindruckende industrielle Landschaft der Worte. Und wenn man ganz ehrlich ist, dann erzeugen diese Formate tatsächlich eine Form von Energie. Sie ist unsichtbar, schwer messbar und besitzt eine gewisse thermische Qualität. Man könnte sie vielleicht so beschreiben: ein unerschöpflicher Strom aus rhetorischer Hitze. In dieser Hinsicht steht Europa also keineswegs vor einer Energiekrise. Heiße Luft gibt es mehr als genug.

Der Tod eines „Hardliners“ und die Kunst der moralischen Verdunstung

Es gibt Schlagzeilen, die sind so bemerkenswert, dass man sie eigentlich rahmen und im Museum für journalistische Kuriositäten ausstellen müsste – zwischen einem viktorianischen Wetterbericht und der Durchsage eines Bahnhofsvorstehers, der mit ernster Stimme mitteilt, der Zug der Vernunft habe leider unbestimmte Verspätung. Als der oberste Führer der Islamischen Republik Iran starb, lautete eine prominente Überschrift sinngemäß: Ein „Hardline-Geistlicher, der Iran zur Regionalmacht machte, stirbt im Alter von 86“. Ein Hardliner also. Ein etwas strenger Herr, offenbar. Vielleicht jemand, der beim Abendessen darauf bestand, dass der Salat ordentlich gewaschen wird und die Jugend nicht zu lange aufbleibt. Man sieht ihn förmlich vor sich: ein Mann mit festen Prinzipien, ein wenig streng, aber letztlich Teil des großen bunten Spektrums politischer Temperamente, irgendwo zwischen „konservativ“ und „sehr konservativ“, ungefähr dort, wo in europäischen Talkshows auch Leute landen, die gegen Tempo 30 sind.

Die Empörung über diese Formulierung in sozialen Medien war deshalb nicht ganz unbegründet. Der Vergleich, den viele zynisch zogen – man hätte Adolf Hitlers Tod auch mit der Feststellung melden können, hier sei ein „Hundeliebhaber, der Deutschland zur Weltmacht machte“ gestorben – ist zwar bewusst polemisch, aber er trifft einen empfindlichen Punkt. Es geht nicht darum, historische Figuren gleichzusetzen, sondern um eine bemerkenswerte journalistische Technik: die Verdampfung der Moral durch Euphemismus. Die Fähigkeit, einen Despoten so zu beschreiben, als sei er ein etwas ruppiger Regionalpolitiker. Ein Mensch mit „kontroversen Ansichten“. Ein Charakterkopf. Ein Mann mit Ecken und Kanten.

Die erstaunliche Leistung besteht darin, dass diese sprachliche Alchemie über Jahrzehnte hinweg mit erstaunlicher Ausdauer betrieben wurde. Und zwar nicht am Rand der medialen Landschaft, sondern im Zentrum dessen, was sich selbst als moralisches Gewissen der westlichen Öffentlichkeit versteht.

Vertrauen schenken dem Mann mit der Revolution

Der rote Faden beginnt, wie so viele moderne Tragikomödien, im Jahr 1979. Damals erschien ein Text, der heute wie ein Dokument aus einem alternativen Universum wirkt. Darin wurde argumentiert, der neue Führer der iranischen Revolution sei in den Vereinigten Staaten völlig missverstanden worden. Die Darstellung als fanatischer Reaktionär sei falsch; vielmehr könne dieser religiöse Revolutionär womöglich ein Modell für eine humane Regierung in der sogenannten Dritten Welt liefern.

Es ist eine jener Prognosen, die im Rückblick eine eigentümliche literarische Qualität entwickeln – nicht weil sie besonders klug waren, sondern weil sie eine nahezu poetische Beziehung zur Realität pflegten: Sie hatten mit ihr ungefähr so viel zu tun wie ein Märchen mit einem Steuerformular.

Der Gedanke, man müsse diesem Revolutionär „Vertrauen schenken“, war nicht einfach ein naiver Irrtum. Er war Teil einer größeren intellektuellen Strömung, die damals in vielen westlichen Kreisen verbreitet war: die romantische Sehnsucht nach einer authentischen Revolution irgendwo im globalen Süden, die noch nicht durch den Zynismus moderner Machtpolitik verdorben war. Dass diese Revolution zufällig von Männern mit Turbanen und einem ausgeprägten Interesse an öffentlicher Hinrichtung getragen wurde, erschien vielen Beobachtern lediglich als kulturelle Eigenheit.

Der Westen – so lautete die Diagnose – habe einfach Schwierigkeiten, andere politische Kulturen zu verstehen. Man müsse sensibel sein, offen, dialogbereit. Und vor allem dürfe man sich nicht von alarmistischen Begriffen wie „theokratischer Faschismus“ irritieren lassen. Das seien nur Übertreibungen der üblichen Verdächtigen.

Dass sich wenige Jahre später herausstellte, dass der Begriff vielleicht gar nicht so übertrieben war, wurde als bedauerlicher, aber im Grunde irrelevanter Betriebsunfall der Geschichte behandelt.

Die endlose Jagd nach den „Gemäßigten“

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich eine faszinierende journalistische Disziplin: die permanente Suche nach „Gemäßigten“ innerhalb des Regimes. Diese Suche hatte etwas Archäologisches. Immer wieder wurde ein neuer politischer Akteur entdeckt, dessen Existenz den Beweis liefern sollte, dass sich das System im Grunde auf dem Weg zur Reform befand.

Man musste nur Geduld haben. Und Dialog führen. Und Geschäfte machen. Und Vertrauen aufbauen. Und vielleicht noch ein paar Jahrzehnte warten.

Das Muster war bemerkenswert konstant. Immer wenn ein iranischer Politiker auftrat, der nicht unmittelbar nach der Auslöschung Israels rief, sondern lediglich nach der „Beendigung des zionistischen Projekts“, wurde er sofort als pragmatischer Reformer identifiziert. Jemand, mit dem man arbeiten konnte. Ein Mann der Vernunft.

Dass diese vermeintlichen Pragmatiker gleichzeitig Teil eines Systems waren, das Dissidenten erhängte, Frauen auspeitschte und Minderheiten systematisch unterdrückte, galt als komplexe Realität, die man differenziert betrachten müsse.

Differenzierung – dieses noble Wort – entwickelte sich zu einer Art moralischem Beruhigungsmittel. Sobald jemand darauf hinwies, dass das System vielleicht doch ein wenig tyrannisch sei, wurde er ermahnt, nicht in simplifizierende Schwarz-Weiß-Schemata zu verfallen. Die Welt sei kompliziert.

Man könnte fast glauben, manche Kommentatoren hätten gehofft, dass das Regime irgendwann aus reiner Höflichkeit liberal wird.

Der Tonfall der gepflegten Verharmlosung

Besonders eindrucksvoll ist der Tonfall vieler Nachrufe und Porträts über Figuren dieses Systems. Man begegnet darin einer Sprache, die so neutral ist, dass sie fast schon wieder surreal wirkt.

Ein Diktator „steht an der Spitze“ eines Landes.
Er „lenkt die Geschicke“.
Er „übersteht Krisen“.
Er „vertritt ein konservatives Weltbild“.

Das klingt ungefähr so, als beschriebe man den Vorsitzenden eines Kleingartenvereins, der gelegentlich Streit über die Höhe der Hecken schlichten muss.

Die „Krisen“, die solche Führer überstehen, bestehen bemerkenswerterweise oft aus Aufständen der eigenen Bevölkerung. Millionen Menschen gehen auf die Straße, werden zusammengeschlagen, verhaftet, erschossen – und im journalistischen Vokabular verwandelt sich dieses Drama in eine „Herausforderung für die Führung“.

Es ist eine Art sprachlicher Origami: Aus Gewalt wird Verwaltung, aus Repression wird Stabilität, aus Terror wird Politik.

Der fast pazifistische Revolutionsführer

Am schönsten sind jene Passagen, in denen der revolutionäre Führer als eine Art tragischer Staatsmann erscheint, der sich widerwillig mit der Härte der Welt auseinandersetzen musste.

Er misstraute den Vereinigten Staaten – verständlich.
Er stand Israel kritisch gegenüber – historisch erklärbar.
Er hielt an traditionellen Werten fest – kulturell bedingt.

Die Tatsache, dass unter seiner Herrschaft Gefängnisse voller politischer Gefangener existierten, wird dabei gerne als Hintergrundrauschen behandelt. Ein Detail. Eine Fußnote im großen Drama geopolitischer Spannungen.

So entsteht ein Porträt, das fast rührend wirkt: ein Mann, der eigentlich Frieden wollte, aber leider von den Umständen gezwungen wurde, seine Macht mit eiserner Hand zu verteidigen. Ein strenger, aber letztlich rationaler Führer. Fast ein Pazifist.

Dass dieser angebliche Pazifist gleichzeitig ein Netzwerk von Milizen, Raketenarsenalen und Terrororganisationen finanzierte, wird diskret in den Bereich der „regionalen Einflussnahme“ verschoben.

Ein Begriff, der ungefähr so harmlos klingt wie „kultureller Austausch“.

Die merkwürdige Asymmetrie moralischer Kategorien

Am faszinierendsten bleibt jedoch die ideologische Geografie der Begriffe. In der westlichen Berichterstattung existiert eine erstaunliche Präzision, wenn es um die Beschreibung demokratischer Regierungen geht. Dort wird fein säuberlich zwischen konservativ, rechts, rechtspopulistisch, rechtsradikal und ultrarechts unterschieden.

Im Nahen Osten hingegen scheint die Skala zu enden.

Dort gibt es Revolutionsführer.
Oder konservative Kleriker.
Oder pragmatische Hardliner.

Selbst Systeme, die offen religiöse Diktaturen sind, werden selten mit Begriffen beschrieben, die man im europäischen Kontext ganz selbstverständlich verwenden würde. Niemand spricht von islamistischem Totalitarismus mit derselben Routine, mit der man über westliche Innenpolitik spricht.

Vielleicht liegt darin eine seltsame Form von kulturellem Paternalismus: Man traut diesen Gesellschaften offenbar keine normalen politischen Kategorien zu.

Oder, weniger höflich gesagt: Man behandelt sie mit einem Maß an moralischer Nachsicht, das man sich im eigenen politischen Raum niemals erlauben würde.

Die höfliche Angst vor der Realität

Am Ende bleibt ein Eindruck, der zugleich komisch und unerquicklich ist. Ein Teil der westlichen Öffentlichkeit scheint über Jahrzehnte hinweg eine eigentümliche Beziehung zu diesem Regime gepflegt zu haben: eine Mischung aus Furcht, Faszination und intellektueller Selbsttäuschung.

Man wollte es nicht zu hart kritisieren.
Man wollte den Dialog nicht gefährden.
Man wollte kulturell sensibel bleiben.

Und so entstand eine Sprache, die mit erstaunlicher Konsequenz darum bemüht war, die Realität nicht allzu deutlich auszusprechen.

Es ist eine Sprache der höflichen Ausflüchte, der diplomatischen Umschreibungen, der moralischen Verdunstung.

Und vielleicht ist gerade das der eigentliche Skandal: nicht nur die Existenz eines brutalen Regimes – davon hat die Geschichte leider viele gesehen –, sondern die bemerkenswerte Fähigkeit freier Gesellschaften, über Jahrzehnte hinweg so zu tun, als handle es sich dabei lediglich um eine etwas eigensinnige Regierung mit „streng konservativem Weltbild“.

Eine Art politischer Exzentriker also.

Mit Hang zur Revolution.
Und gelegentlichen Schwierigkeiten mit der eigenen Bevölkerung.

Der Traum von der grauen Division

Es gibt Vorschläge, die klingen zunächst wie ein administrativer Nebensatz aus einem Behördenprotokoll, entfalten aber bei näherem Hinsehen eine poetische Kraft, die irgendwo zwischen Groteske, Tragikomödie und Altersheim-Revue angesiedelt ist. Der jüngste Gedanke aus dem deutschen sicherheitspolitischen Maschinenraum gehört zweifellos in diese Kategorie: Die Bundeswehr, so mahnt der Wehrbeauftragte Henning Otte, müsse sich mehr anstrengen, um das ehrgeizige Ziel von 260.000 aktiven Soldaten und zusätzlich 200.000 Reservisten zu erreichen. Und weil ambitionierte Ziele bekanntlich kreative Maßnahmen erfordern, wird auch gleich ein Vorschlag nachgeschoben, der den demografischen Realitäten mit preußischer Entschlossenheit ins Gesicht blickt: Das Höchstalter für den Wehrdienst möge doch bitte von 65 auf 70 Jahre steigen.

Hier öffnet sich ein gedanklicher Raum von seltener Schönheit. Denn während moderne Militärstrategen über Drohnen, Cyberkrieg und künstliche Intelligenz diskutieren, betritt Deutschland die Bühne mit einem ganz eigenen Innovationskonzept: der geriatrischen Verteidigungsfähigkeit. Wo andere Armeen autonome Kampfroboter entwickeln, entdeckt man hier das Potential der Altersgruppe „kurz vor Rentenbescheid, aber noch nicht ganz“. Man stelle sich das strategische Lagebild vor: In einer Welt der Hyperschallraketen und Satellitenaufklärung rollt aus der Bundesrepublik eine Kolonne von Mannschaftstransportern, in denen Männer und Frauen sitzen, die mit der gleichen Selbstverständlichkeit über NATO-Doktrin diskutieren wie über Knieprothesenmodelle und die beste Einstellung für das Hörgerät im Gefechtslärm.

Demografie trifft Verteidigungspolitik

Natürlich ist das Ganze kein Witz, sondern die etwas unbequeme Begegnung zweier deutscher Großrealitäten: Erstens braucht die Bundeswehr mehr Personal, zweitens altert das Land mit der stoischen Gelassenheit eines Bismarck-Porträts im Amtszimmer. Die Bevölkerung schrumpft nicht nur, sie wird auch älter, grauer, langsamer – ein Phänomen, das man üblicherweise mit Rentenreformen, Pflegeversicherung und Vitamin-D-Tabletten verbindet, weniger jedoch mit Gefechtsübungen auf Truppenübungsplätzen.

Doch die Logik ist bestechend deutsch: Wenn es zu wenige Junge gibt, dann nimmt man eben die Älteren. Man muss schließlich pragmatisch sein. Der Staat hat jahrzehntelang Menschen dazu motiviert, immer länger zu arbeiten – warum also nicht auch länger zu marschieren? Zwischen Homeoffice und Heimtrainer liegt schließlich nur ein kleiner Schritt zum Heimatschutz.

Dabei entfaltet sich ein faszinierender Perspektivwechsel. Jahrzehntelang galt militärische Leistungsfähigkeit als Domäne der Jugend: körperliche Fitness, Reaktionsgeschwindigkeit, Abenteuerlust. Nun tritt ein neues Ideal hinzu: Erfahrung. Und Erfahrung ist bekanntlich das Einzige, das im Alter zuverlässig wächst – neben Cholesterinwerten und der Sammlung medizinischer Fachbegriffe. Man darf also gespannt sein, wann die erste militärische Karrieremesse mit dem Slogan wirbt: „Bundeswehr – jetzt auch für Menschen mit Bandscheibenvorfall.“

Die strategische Kraft des Renteneintrittsalters

Das Bild hat etwas zutiefst Beruhigendes: Während internationale Konflikte eskalieren und geopolitische Spannungen zunehmen, erhebt sich Deutschland mit der ruhigen Würde einer Nation, die weiß, dass ihre Bürger noch bis 70 belastbar sind. Das Verteidigungsministerium könnte daraus eine ganze Doktrin entwickeln. Man nennt sie vielleicht die „Strategie der altersbedingten Abschreckung“.

Der Gegner, so die Theorie, wird schon beim Anblick der Truppe zögern. Nicht aus Furcht, sondern aus Verwirrung. Wer würde ernsthaft eine Armee angreifen, deren durchschnittlicher Gefechtswert sich aus taktischer Erfahrung, orthopädischen Einlagen und einer beneidenswerten Gelassenheit gegenüber existenziellen Bedrohungen zusammensetzt? Wer sechzig Jahre deutsche Steuerpolitik überlebt hat, für den ist ein Panzergefecht möglicherweise nur noch eine weitere unangenehme, aber letztlich verwaltbare Herausforderung.

Zudem besitzt die Generation 60+ Fähigkeiten, die man im militärischen Kontext bislang unterschätzt hat: Sie kann stundenlang warten. Sie kennt die Kunst des Sitzens in unbequemen Räumen. Sie ist geübt im Umgang mit bürokratischen Formularen – eine Kompetenz, die im deutschen Verteidigungsapparat vermutlich mehr Wert besitzt als Sprintgeschwindigkeit.

Der deutsche Ernst hinter der Ironie

Hinter all der Satire steckt allerdings eine bemerkenswert nüchterne Realität: Die Personalprobleme der Bundeswehr sind real, hartnäckig und strukturell. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 ringt man um Nachwuchs, während gleichzeitig neue sicherheitspolitische Erwartungen entstehen. Deutschland soll mehr Verantwortung übernehmen, mehr Abschreckung leisten, mehr Verteidigung organisieren. Doch Verantwortung wächst schneller als Personal.

Der Vorschlag, das Höchstalter anzuheben, ist daher weniger eine schräge Idee als ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass man in einer alternden Gesellschaft militärische Strukturen betreibt, die ursprünglich auf eine ganz andere Bevölkerungsdynamik zugeschnitten waren. Die klassische Armee – jung, groß, körperlich robust – passt schlecht zu einer Gesellschaft, in der die demografische Pyramide eher an eine gut genährte Champignonform erinnert.

Und so versucht die Politik, mit kleinen Stellschrauben ein großes Problem zu adressieren. Man verlängert Altersgrenzen, verbessert Rekrutierungskampagnen, diskutiert über neue Reservestrukturen. Alles durchaus vernünftig – und doch wirkt es manchmal wie der Versuch, mit einem besonders energischen Schraubenzieher eine tektonische Verschiebung aufzuhalten.

Die Zukunft der Verteidigung im Seniorenformat

Vielleicht ist der eigentliche Witz dieser Debatte jedoch ein anderer: Sie zwingt uns, über das Bild der Armee selbst nachzudenken. Denn wenn militärische Organisationen künftig tatsächlich stärker auf ältere Menschen setzen, verändert sich auch ihre Kultur. Die Vorstellung vom jugendlichen Sturmangriff weicht vielleicht einer taktischen Philosophie, die stärker auf Planung, Technik und Erfahrung setzt.

Oder – und das wäre die konsequent deutsche Variante – auf Sitzungen.

Man stelle sich den Gefechtsstand der Zukunft vor: Ein Raum voller Offiziere über sechzig, die mit bewundernswerter Akribie Lagekarten studieren, während jemand fragt, ob man vor der nächsten Operation noch kurz Kaffee holen könnte. Der Krieg als Verwaltungsvorgang, strukturiert, protokolliert und mit einem gewissen Maß an Altersweisheit versehen.

Am Ende bleibt also ein Bild, das irgendwo zwischen Satire und Realität schwebt: Deutschland auf dem Weg zur ersten Armee, deren strategische Reserve gleichzeitig ihre demografische Mehrheit ist. Eine Truppe, die vielleicht langsamer marschiert, aber dafür mit der stoischen Geduld einer Nation ausgestattet ist, die seit Jahrzehnten gelernt hat, dass Probleme selten durch Hast gelöst werden – sondern durch Sitzungen, Arbeitsgruppen und gelegentlich durch das diskrete Anheben einer Altersgrenze.

Und wenn irgendwann tatsächlich der erste 69-jährige Reservist seine Uniform anzieht, dann wird er vermutlich mit einem trockenen Lächeln feststellen, dass er sein ganzes Berufsleben auf diesen Moment vorbereitet hat: Der Staat braucht ihn noch ein bisschen länger. Nur diesmal nicht fürs Finanzamt – sondern fürs Vaterland.

Die große Flucht, die keiner antritt

Es gehört zu den liebgewonnenen Ritualen der europäischen Politik, sich Szenarien auszudenken, die moralisch äußerst komfortabel sind, weil sie in der Realität selten vorkommen. In diese Kategorie fällt auch die jüngste Forderung, den Iranerinnen und Iranern großzügig die Fluchtwege nach Europa zu öffnen, damit sie vor Bomben und Raketen Schutz finden mögen. Eine noble Idee, zweifellos. Sie hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die Menschen, um die es geht, scheinen in bemerkenswert großer Zahl gar nicht zu fliehen. Während europäische Debattenrunden mit der Ernsthaftigkeit mittelalterlicher Scholastiker über humanitäre Korridore nachdenken, stehen viele Iranerinnen und Iraner offenbar vor einer ganz anderen Frage: ob das Regime, das sie seit Jahrzehnten knechtet, vielleicht endlich ins Wanken gerät. Es ist eine gewisse Ironie der Geschichte, dass jene, die tatsächlich vor den Bomben fliehen sollen, sich stattdessen eher für das Ende derjenigen interessieren, die ihnen jahrzehntelang das Leben zur Hölle gemacht haben. Die westliche Debatte wirkt daher manchmal wie ein Theaterstück, in dem die Hauptfiguren abwesend sind, während die Statisten leidenschaftlich ihre Rettung planen.

Der moralische Popanz der europäischen Gewissenspflege

In der europäischen Politik – und besonders im linken Spektrum – gibt es eine bemerkenswerte Neigung, politische Realitäten durch moralisch elegante Erzählungen zu ersetzen. Die Vorstellung einer unmittelbar bevorstehenden Massenflucht aus dem Iran gehört in diese Kategorie. Sie ist ein politischer Popanz: eine drohende Katastrophe, die sich hervorragend eignet, um moralische Haltung zu demonstrieren, auch wenn sie empirisch eher dünn auf den Beinen steht. Man kann damit Empörung erzeugen, Forderungen formulieren, Resolutionen schreiben und sich selbst versichern, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Dass viele Iranerinnen und Iraner in den letzten Jahren gerade wegen des Regimes geflohen sind, wird dabei gerne zur Randnotiz degradiert. Die Logik dieser Debatten folgt einem vertrauten Muster: Der Westen wird reflexhaft zum Hauptproblem erklärt, während die Akteure, die im Iran tatsächlich über Gefängnisse, Milizen und Folterapparate verfügen, in der moralischen Dramaturgie erstaunlich blass bleiben. Es ist eine Art politischer Optikfehler: Man sieht die Bomben aus der Ferne, aber die Gefängnisse im Inneren verschwimmen zu einem Hintergrundrauschen.

Das Missverständnis der europäischen Projektionen

Der vielleicht größte Irrtum dieser Debatten liegt darin, dass europäische Beobachter ihre eigenen politischen Reflexe auf eine Gesellschaft projizieren, deren Erfahrung mit Macht und Gewalt völlig anders ist. Wer in liberalen Demokratien sozialisiert wurde, denkt bei Bomben zunächst an Zerstörung, Chaos und Flucht. Für Menschen, die jahrzehntelang unter einem autoritären System gelebt haben, kann sich die Wahrnehmung jedoch verschieben. Wenn ein Regime als Hauptquelle von Unterdrückung erlebt wird, dann erscheint jede Schwächung dieses Apparats plötzlich in einem anderen Licht. Das bedeutet nicht, dass Krieg romantisch wäre oder dass Zerstörung willkommen ist. Aber es erklärt, warum die politische Stimmung in einer Gesellschaft sich nicht immer mit den moralischen Erwartungshaltungen europäischer Kommentatoren deckt. Der Gedanke, dass Menschen lieber für einen politischen Umbruch kämpfen als ihre Heimat zu verlassen, passt nur schlecht in die europäische Erzählung von Fluchtbewegungen. Und doch ist genau das eine Erfahrung, die sich historisch immer wieder beobachten lässt – von Osteuropa bis Nordafrika.

Der lange Schatten der politischen Blindheit

Ein weiterer Aspekt dieser Debatte ist die bemerkenswerte Fähigkeit westlicher Politik, Warnungen zu ignorieren, solange sie politisch unbequem sind. Jahrzehntelang wurde die aggressive Rhetorik des iranischen Regimes gegenüber Israel und seine regionalen Machtprojektionen mit einer Mischung aus diplomatischer Beschwichtigung und strategischer Selbstberuhigung betrachtet. Man redete sich ein, dass alles halb so schlimm sei, dass Rationalität am Ende siegen werde, dass man mit genügend Gesprächen und Abkommen die ideologischen Abgründe überbrücken könne. Es ist eine Haltung, die man aus der europäischen Geschichte nur allzu gut kennt: die Hoffnung, dass radikale Ideologien sich irgendwann in pragmatische Normalität verwandeln. Diese Hoffnung hat sich selten bewahrheitet, doch sie stirbt nie ganz. Vielleicht liegt das daran, dass es psychologisch einfacher ist, Bedrohungen zu relativieren, als sich mit ihren Konsequenzen auseinanderzusetzen.

Die bequeme Empörung und ihre politischen Kosten

So entsteht schließlich ein politisches Schauspiel, das eine gewisse Tragikomik besitzt. Auf der einen Seite stehen Menschen im Iran, die gegen ein autoritäres System aufbegehren und dabei enorme Risiken eingehen. Auf der anderen Seite stehen europäische Debatten, die sich vor allem um die eigene moralische Selbstvergewisserung drehen. Man diskutiert Fluchtwege, während viele der Betroffenen eher über Freiheit sprechen. Man inszeniert humanitäre Szenarien, während im Inneren eines Landes eine politische Auseinandersetzung tobt, die sich nicht in die Kategorien europäischer Diskursrunden pressen lässt. Das Ergebnis ist eine merkwürdige Asymmetrie: Die Realität ist kompliziert, brutal und widersprüchlich – die Debatte dagegen erstaunlich bequem.

Die alte Lektion der Geschichte

Vielleicht liegt in dieser Diskrepanz eine alte, unbequeme Lektion. Gesellschaften, die lange unter autoritären Systemen gelebt haben, entwickeln oft eine erstaunliche Risikobereitschaft, wenn sich eine Chance auf Veränderung abzeichnet. Freiheit ist für sie kein abstrakter Wert aus politischen Sonntagsreden, sondern eine konkrete Erfahrung, die erkämpft werden muss. Wer diese Dynamik ignoriert und stattdessen ausschließlich die Rolle äußerer Akteure diskutiert, übersieht leicht den wichtigsten Faktor: die Menschen selbst. In der Geschichte politischer Umbrüche waren sie selten nur passive Opfer geopolitischer Kräfte. Meistens waren sie diejenigen, die entschieden haben, ob sie bleiben, kämpfen oder gehen.

Und so bleibt am Ende eine paradoxe Situation: Während in Europa eifrig über Fluchtwege diskutiert wird, könnte sich die entscheidende Frage ganz woanders entscheiden – nämlich darin, ob eine Gesellschaft den Mut findet, ihr eigenes politisches Schicksal neu zu schreiben. Für europäische Beobachter mag das schwer zu akzeptieren sein. Für diejenigen, die tatsächlich dort leben, ist es jedoch oft die einzige Frage, die wirklich zählt.

Das Lied, das einmal Zukunft war

Es gibt politische Bewegungen, die ihre Programme in 200 Seiten Parteitagsbeschlüssen formulieren. Und es gibt Bewegungen, die ihr Selbstverständnis in einem Lied kondensieren. Die österreichische Sozialdemokratie gehörte einst zur zweiten Kategorie. Das alte Kampflied „Die Arbeiter von Wien“ war nicht bloß musikalische Folklore für rote Festzelte und nostalgische Mai-Aufmärsche; es war eine Weltanschauung im Dreivierteltakt. „Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt“ – dieser Satz trug eine Mischung aus Pathos, Selbstbewusstsein und fast schon trotzigem Fortschrittsglauben in sich. Arbeiter waren darin nicht Objekte staatlicher Fürsorge, nicht Adressaten wohlmeinender Programme, sondern Subjekte der Geschichte. Sie bauten Fabriken, Städte, Brücken – und nebenbei auch eine politische Ordnung, die ihnen Würde versprach.

Diese Haltung war der eigentliche Kern der alten Sozialdemokratie: Stolz auf Arbeit, Stolz auf Leistung, Stolz auf das Gefühl, dass man dieses Land buchstäblich mit den eigenen Händen zusammenhielt. Der Staat war nicht die große Mutter, die Milch und Honig verteilt, sondern eine Art gemeinschaftliche Versicherungsgesellschaft derjenigen, die das Ganze am Laufen hielten. Solidarität bedeutete: Die Arbeitenden helfen einander durch schwierige Zeiten. Es war ein moralischer Vertrag zwischen Menschen, die morgens aufstehen mussten.

Wenn man diesen historischen Tonfall heute mit der aktuellen politischen Realität vergleicht, entsteht ein merkwürdiger Eindruck, als habe jemand die Tonspur gewechselt. Die Partei, die einst das Selbstbewusstsein der Arbeiter organisierte, wirkt heute häufig wie die politische Interessenvertretung eines Sozialstaats, der sich zunehmend von der Arbeit entkoppelt hat. Der stolze Produzent ist zum statistischen Zahler geworden. Und irgendwo zwischen Förderantrag, Transferleistung und moralischer Belehrung hat sich die alte Parole vom „Bauvolk“ in eine Art sozialpolitische Verwaltungssprache aufgelöst.

Die Ironie dabei ist fast literarisch: Eine Bewegung, die einst den Menschen ein Gefühl von Größe geben wollte, verteidigt heute mit bemerkenswerter Inbrunst ein System, das viele ihrer früheren Anhänger vor allem als gigantische Umverteilungsmaschine erleben. Eine Maschine, die zuverlässig Geld von jenen transferiert, die morgens um sechs in den Bus steigen, zu jenen, die mit Österreich in etwa so viel biografische Verbindung haben wie ein Pauschaltourist mit dem Wiener Zentralfriedhof. Natürlich ist soziale Absicherung notwendig, natürlich braucht ein moderner Staat Solidarität – aber wenn Solidarität zur permanenten Einbahnstraße wird, verwandelt sie sich in etwas, das politisch toxisch ist: Ressentiment.

Und so geschieht das Paradox unserer Zeit: Die Partei, die einmal die Würde der Arbeit predigte, wird von vielen Arbeitern heute als Verteidigerin eines Systems wahrgenommen, in dem Arbeit vor allem eines ist – die Finanzierungsquelle für alle anderen Lebensentwürfe.

Die grüne Überlagerung

Als wäre dieser kulturelle Bruch nicht schon kompliziert genug, kam im Laufe der letzten Jahrzehnte noch eine ideologische Überlagerung hinzu, die man mit milder Ironie als eine Art „ökologisch-identitätspolitischen Filter“ bezeichnen könnte. Die klassische sozialdemokratische Welt bestand aus Fabriken, Gewerkschaften, Mietwohnungen und Kollektivverträgen. Die neue Welt besteht aus Klimazielen, Gendersternchen, Diversity-Workshops und moralischen Mikrokriegen um Sprache, Symbole und kulturelle Empfindlichkeiten.

Man muss kein Feind dieser Themen sein, um festzustellen, dass sie in der politischen Wahrnehmung vieler geringverdienender Arbeitnehmer ungefähr denselben Stellenwert haben wie die Frage nach der richtigen Serviertemperatur für französischen Naturwein. Es sind Themen eines urbanen Milieus, das seine politische Energie aus moralischen Sensibilitäten bezieht, nicht aus der Erfahrung von Schichtarbeit, Energiepreisen oder steigenden Mieten.

Wenn in Industriegebieten Arbeitsplätze verschwinden, weil Energiepolitik plötzlich zur moralischen Endzeitfrage erklärt wird, dann klingt die Antwort „Aber wir müssen das Klima retten“ für viele Betroffene weniger wie eine überzeugende Strategie als wie ein moralischer Trostpreis. Die Botschaft lautet übersetzt: Eure Jobs sind zwar weg, aber ihr habt wenigstens moralisch recht gehandelt.

Ähnlich verhält es sich mit der Migration. Für akademische Milieus in wohlhabenden Stadtvierteln ist Migration oft ein abstraktes humanitäres Projekt. Für Menschen in unteren Einkommensschichten ist sie sehr konkret: mehr Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, mehr Druck auf den Wohnungsmarkt, mehr Konflikte im Alltag. Dass diese beiden Perspektiven politisch kollidieren, überrascht eigentlich nur jene, die ihre politische Realität hauptsächlich aus Leitartikeln und Konferenzpanels beziehen.

Die Sozialdemokratie sitzt nun zwischen diesen Welten wie ein etwas überforderter Dolmetscher. Sie versucht gleichzeitig, die moralische Sprache der urbanen Mittelschicht zu sprechen und die ökonomischen Sorgen ihrer traditionellen Wähler zu adressieren. Das Ergebnis wirkt oft wie ein politisches Kauderwelsch: moralisch ambitioniert, sozial rhetorisch, aber strategisch erstaunlich unklar.

Vom Reformmotor zum Systemerhalter

Historisch gesehen war die Sozialdemokratie eine Reformmaschine. Sie wollte das politische und wirtschaftliche System verändern: bessere Arbeitsbedingungen, soziale Sicherheit, demokratische Mitbestimmung. Ihre Energie kam aus der Überzeugung, dass bestehende Strukturen ungerecht waren.

Heute wirkt die Partei oft wie das genaue Gegenteil: ein Wächter über den Status quo. Bürokratien, Institutionen, Förderprogramme, staatliche Apparate – all das wird verteidigt, als handle es sich um fragile Kulturgüter. Reformen erscheinen plötzlich verdächtig, weil sie bestehende Machtstrukturen infrage stellen könnten.

Das ist politisch verständlich. Parteien, die jahrzehntelang Teil staatlicher Machtarchitekturen waren, entwickeln zwangsläufig eine gewisse emotionale Bindung an diese Architektur. Man verteidigt schließlich nicht nur Programme, sondern auch Posten, Netzwerke, Einflusszonen. Doch genau diese Haltung verwandelt eine einst reformistische Bewegung langsam in eine systemkonservative.

Oder, polemischer formuliert: Aus der Partei des Fortschritts wird eine Partei der Verwaltung.

Das erklärt auch die auffällige Ideenarmut der letzten Jahre. Große wirtschaftspolitische Konzepte? Neue Modelle für Wachstum und Innovation? Eine überzeugende Strategie, wie Österreich im globalen Wettbewerb bestehen soll? All das erscheint erstaunlich selten. Stattdessen dominieren vertraute Instrumente: mehr Staat, mehr Regulierung, mehr Umverteilung. Politische Werkzeuge, die ungefähr so modern wirken wie ein Faxgerät im Zeitalter von Quantencomputern.

Der lange Niedergang

Der Niedergang solcher Bewegungen geschieht selten spektakulär. Er verläuft eher wie eine langsame Erosion – Jahr für Jahr ein kleines Stück weniger Zustimmung, ein paar Prozentpunkte hier, ein paar dort. In der Statistik wirkt das zunächst harmlos. Doch über Jahrzehnte hinweg summiert sich diese Entwicklung zu einem dramatischen Verlust.

Der Streit um Hannes Androsch Anfang der achtziger Jahre wirkt im Rückblick fast wie ein symbolischer Moment. Seit jener Zeit verliert die Partei kontinuierlich an Unterstützung. Zuerst unmerklich, dann immer deutlicher. Über vier Jahrzehnte hinweg etwa 30 Prozentpunkte – eine politische Schrumpfkur, die sich statistisch nüchtern liest, politisch aber einer tektonischen Verschiebung gleicht.

Das eigentlich Bemerkenswerte daran ist nicht der Verlust selbst. Parteien verlieren Wähler, gewinnen neue, verändern sich. Bemerkenswert ist vielmehr die Konstanz dieses Trends. Kein Parteichef, keine Strategie, keine programmatische Wende konnte die Entwicklung nachhaltig umkehren.

Irgendwann passiert dann das, was Historiker „Entkernung“ nennen: Eine Staatspartei, die einst große Teile der Gesellschaft repräsentierte, schrumpft zu einer Art politischem Restmilieu. Sie existiert weiter, sie hat Strukturen, Funktionäre, Programme – aber ihre gesellschaftliche Selbstverständlichkeit ist verschwunden.

Der verlorene Androsch-Weg

Interessanterweise existierte innerhalb der Sozialdemokratie einmal eine andere Denkströmung. Eine, die wirtschaftliche Dynamik nicht als Bedrohung, sondern als Voraussetzung sozialer Politik verstand. Hannes Androsch verkörperte diesen Ansatz vielleicht deutlicher als viele andere.

Seine politische Haltung war in gewisser Weise unideologisch pragmatisch: Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Innovation – all das war kein Verrat an sozialdemokratischen Werten, sondern deren Grundlage. Denn ohne wirtschaftlichen Erfolg gibt es nichts zu verteilen. Eine Binsenweisheit, die politisch erstaunlich oft vergessen wird.

Seine späten Warnungen über Österreichs wirtschaftliche Selbstzufriedenheit lesen sich heute fast prophetisch. Hohe Steuerbelastung, steigende Kosten, bürokratische Überregulierung – all das sind strukturelle Probleme, die seit Jahren diskutiert werden. Und dennoch bleibt die politische Reaktion erstaunlich zögerlich.

Es ist, als hätte das politische System insgesamt eine Art Bequemlichkeitsvertrag mit sich selbst geschlossen: Solange der Wohlstand halbwegs stabil bleibt, verschiebt man die großen Reformen auf später. Das Problem mit „später“ ist nur, dass es irgendwann zur Gegenwart wird.

Das dänische Gegenmodell

Während die österreichische Sozialdemokratie über ihre Identität ringt, zeigt ein Blick nach Norden, dass sozialdemokratische Politik durchaus erfolgreich sein kann – allerdings unter Bedingungen, die im österreichischen Diskurs fast schon ketzerisch wirken.

Unter der Führung von Mette Frederiksen hat die dänische Sozialdemokratie eine bemerkenswert nüchterne Strategie entwickelt: ein starker Sozialstaat, kombiniert mit einer restriktiven Migrationspolitik. Die Logik dahinter ist simpel und fast brutal pragmatisch: Ein großzügiger Sozialstaat kann nur funktionieren, wenn die Zahl der Menschen begrenzt bleibt, die Anspruch auf ihn haben.

Dänemark setzt daher auf Maßnahmen, die in vielen progressiven Diskursräumen Europas ungefähr so beliebt sind wie Steuerprüfungen beim Sommerfest der Steuerberater: begrenzter Familiennachzug, befristeter Schutzstatus, konsequente Rückführungen und eine harte Politik gegen Parallelgesellschaften.

Das Entscheidende dabei ist jedoch etwas anderes: Diese Politik wird von einer sozialdemokratischen Regierung vertreten. Nicht von konservativen Hardlinern, sondern von einer Partei, die sich selbst weiterhin als sozialstaatliche Kraft versteht.

Wirtschaftliche Stärke statt Staatsillusion

Gleichzeitig gehört Dänemark zu den wirtschaftlich liberalsten und institutionell effizientesten Ländern Europas. Eigentumsrechte sind stark geschützt, Märkte relativ offen, Verwaltung und Regulierung vergleichsweise transparent und effizient.

Der entscheidende Punkt ist hier eine nüchterne Erkenntnis: Ein Sozialstaat ist kein Ersatz für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Er ist ihr Produkt. Ohne Wachstum, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit wird auch der großzügigste Sozialstaat irgendwann zu einer finanziellen Illusion.

Viele europäische Länder – Österreich eingeschlossen – wirken jedoch so, als glaubten sie an das Gegenteil: dass man Wohlstand dauerhaft verwalten kann, ohne ihn ständig neu zu erzeugen. Eine charmante Vorstellung, ungefähr so realistisch wie die Idee eines Perpetuum mobile.

Bauvolk der kommenden Welt oder nostalgischer Chor

Am Ende bleibt eine fast tragikomische Frage. Die österreichische Sozialdemokratie könnte theoretisch zwei Erkenntnisse miteinander verbinden: den wirtschaftspolitischen Pragmatismus eines Androsch und den migrationspolitischen Realismus des dänischen Modells.

Das Ergebnis wäre eine Sozialdemokratie, die wieder an ihre eigene Tradition anknüpft: wirtschaftlich dynamisch, sozial ambitioniert, politisch realistisch. Eine Partei, die Leistung, Wachstum und Wohlstand nicht als ideologische Feinde betrachtet, sondern als Voraussetzung für soziale Sicherheit.

Doch genau diese Synthese scheint derzeit politisch blockiert. Die Partei schwankt zwischen nostalgischer Vergangenheit, moralischem Aktivismus und institutioneller Selbstverteidigung.

Und so bleibt das alte Lied „Die Arbeiter von Wien“ eine merkwürdige historische Erinnerung. Damals sang man vom „Bauvolk der kommenden Welt“. Heute wirkt es manchmal, als würde die Partei eher den Verwaltungsrat eines immer komplizierter werdenden Sozialstaates repräsentieren.

Der Chor ist noch da. Das Lied auch. Nur das Bauvolk scheint sich inzwischen politisch andere Orchester gesucht zu haben.

Die alte Melodie vom „antifaschistischen“ Faschismus

Der Faschismus, so hat man uns jahrzehntelang beruhigend versichert, erkenne man zuverlässig an Stiefeln, Uniformen, erhobenen rechten Armen und einem gewissen Hang zu Marschmusik in Moll. Das Problem dieser Diagnose ist nur: Ideologien lernen. Sie wechseln Kostüme. Sie tauschen Symbole. Und sie erscheinen irgendwann nicht mehr mit Stahlhelm, sondern mit Palästinensertuch, Gendersternchen und einem moralischen Sendungsbewusstsein, das so blendend rein wirkt, dass jeder, der Zweifel anmeldet, sofort als moralischer Aussätziger gilt.

Die neue Variante tritt nicht mit dem Satz auf: „Ich bin der Faschismus.“ Sie kommt mit einem anderen Slogan: „Ich bin der Widerstand.“

Und so steht man plötzlich vor einem paradoxen Schauspiel, das selbst Historikern der politischen Absurdität kurz den Stift aus der Hand fallen lässt: Teile der radikalen Linken, die jahrzehntelang ihr Selbstbild aus dem antifaschistischen Widerstand bezogen haben, stehen heute Schulter an Schulter mit Islamisten, autoritären Regimen und religiösen Fanatikern – also exakt jenen Kräften, gegen die jeder klassische Antifaschist eigentlich allergisch sein müsste.

Dass diese Allianz existiert, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Dass sie sich dabei ausgerechnet auf den Begriff „Antifaschismus“ beruft, gehört zu den groteskeren Ironien unserer politischen Gegenwart.

Der Eurovision Song Contest als Bühne der moralischen Selbstinszenierung

Der Eurovision Song Contest ist vieles: ein Popzirkus, ein Festival des guten schlechten Geschmacks, ein geopolitischer Jahrmarkt der Eitelkeiten und gelegentlich auch ein Ort musikalischer Überraschungen. Was er bislang eher selten war: ein zentraler Schauplatz weltpolitischer Erlösungsfantasien.

Doch genau das droht ihm nun zu werden.

Für den Finaltag ist eine Demonstration angekündigt, organisiert von Teilen der antiisraelischen Szene, unterstützt unter anderem von der Boykottbewegung BDS sowie verschiedenen linken Gruppen. In ihren Aufrufen wird der Wettbewerb kurzerhand zur „Propaganda-Bühne für Israel“ erklärt, ja sogar zur „Legitimation eines Völkermords“.

Der Eurovision Song Contest, ein Wettbewerb, bei dem sich traditionell finnische Metalbands, moldawische Folklore und zypriotische Discohymnen gegenseitig überbieten, wird damit zur moralischen Frontlinie eines globalen Kampfes erklärt.

Das ist ungefähr so, als würde man den Wiener Opernball für die geopolitische Statik des Nahen Ostens verantwortlich machen.

Doch im Zeitalter der moralischen Überhitzung genügt offenbar schon die Teilnahme israelischer Künstler, um ein internationales Popereignis in eine angebliche Bühne imperialistischer Propaganda zu verwandeln.

Antisemitismus im linken Gewand

Dass sich unter den Unterstützern dieser Mobilisierung Gruppen finden, denen bereits seit Jahren antisemitische Positionen vorgeworfen werden, überrascht nur diejenigen, die sich konsequent weigern, das Offensichtliche zur Kenntnis zu nehmen.

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands beschrieb bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten Teile dieses Milieus als Träger eines „Antisemitismus im linken Gewand“.

Der Ausdruck ist bemerkenswert präzise.

Denn während der klassische Antisemitismus sich offen gegen „die Juden“ richtete, arbeitet seine moderne Variante mit einem scheinbar respektablen Ersatzbegriff: „Zionismus“.

Das Muster ist stets gleich.

Man erklärt zunächst, selbstverständlich nichts gegen Juden zu haben. Dann erklärt man Israel zur einzigartigen Inkarnation des Bösen. Und schließlich stellt man jeden, der diese Dämonisierung kritisiert, unter den Verdacht moralischer Komplizenschaft.

Es ist eine rhetorische Technik, die es ermöglicht, antisemitische Narrative zu reproduzieren, während man gleichzeitig behauptet, moralisch über jeden Verdacht erhaben zu sein.

Wenn Terror zum „Widerstand“ erklärt wird

Die moralische Bankrotterklärung dieses Milieus zeigte sich besonders deutlich in den Reaktionen auf den 7. Oktober 2023.

Während große Teile der Welt entsetzt auf die Massaker, Entführungen und Vergewaltigungen reagierten, fand sich auch eine andere Stimme.

Ein führender Aktivist aus dem Umfeld der antiimperialistischen Szene bezeichnete die Ereignisse als „kräftigen Akt des palästinensischen Widerstands“.

Man muss diesen Satz langsam lesen, um seine ganze Ungeheuerlichkeit zu begreifen.

Massaker werden zu „Akten“.
Vergewaltigungen zu „Widerstand“.
Terror zu politischer Selbstbehauptung.

Es ist die rhetorische Alchemie der ideologischen Verblendung: Man verwandelt Gewalt in Moral, indem man nur die richtigen Worte darüber legt.

Die wunderbare Koalition der Widersprüche

Besonders faszinierend ist die Zusammensetzung jener Demonstrationen, auf denen diese Ideologie sichtbar wird.

Dort marschieren nebeneinander:

  • Islamisten
  • türkische Rechtsextremisten
  • radikale Linke
  • queerfeministische Aktivisten
  • antiwestliche Antiimperialisten

Es ist ein politisches Ökosystem, das eigentlich gar nicht existieren dürfte.

Denn in jeder halbwegs kohärenten Weltanschauung müssten diese Gruppen sich gegenseitig bekämpfen.

Islamistische Ideologen verfolgen Homosexuelle.
Rechtsextreme Nationalisten verachten linke Internationalisten.
Radikale Feministen lehnen religiösen Patriarchalismus ab.

Doch in dieser seltsamen Allianz verschwinden all diese Konflikte plötzlich.

Der gemeinsame Nenner lautet: Israel.

Die linke Romantik des Autoritären

Noch bizarrer wird das Bild, wenn man die internationale Dimension betrachtet.

Denn Teile dieser Szene stellen sich mittlerweile offen an die Seite des iranischen Regimes – einer theokratischen Diktatur, die politische Opposition unterdrückt, Frauenrechte massiv einschränkt und Homosexualität kriminalisiert.

Auf Demonstrationen werden Fahnen der Islamischen Republik geschwenkt, Parolen gerufen und Fotos von Führungsfiguren gezeigt, die in westlichen Demokratien eher als Symbol autoritärer Herrschaft gelten.

Der antiimperialistische Reflex funktioniert dabei nach einer erstaunlich simplen Logik:

Wenn ein Regime im Konflikt mit den USA oder Israel steht, wird es automatisch zum potenziellen Verbündeten.

Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit – all das wird plötzlich zu nebensächlichen Details.

Der moralische Narzissmus der Empörung

Was diese Bewegung antreibt, ist weniger ein konkretes politisches Programm als eine Form moralischer Selbstinszenierung.

Der Protest wird zum identitätsstiftenden Ritual.

Man demonstriert nicht nur gegen etwas – man demonstriert, um sich selbst als moralisch überlegen zu erleben.

Die Welt wird dabei in zwei einfache Kategorien eingeteilt:

  • Unterdrücker
  • Widerständige

Dass reale Konflikte selten so übersichtlich sind, stört diese Dramaturgie nur.

Denn moralische Klarheit ist nun einmal einfacher zu erzeugen, wenn man die Wirklichkeit großzügig vereinfacht.

Wenn Antifaschismus zur Karikatur wird

Und so entsteht eine politische Karikatur:

Menschen, die sich als antifaschistisch verstehen, marschieren gemeinsam mit religiösen Fanatikern.
Selbsternannte Menschenrechtsaktivisten relativieren Terror.
Queerfeministische Gruppen solidarisieren sich mit Bewegungen, die ihre eigene Existenz kriminalisieren würden.

Es ist ein ideologisches Theater, in dem jede Figur gegen ihre eigene Rolle spielt.

Der Faschismus, der sich nicht so nennt

Die eigentliche Gefahr liegt jedoch nicht im absurden Spektakel solcher Demonstrationen.

Die Gefahr liegt in der ideologischen Logik dahinter.

Denn diese Logik kennt letztlich nur ein einziges moralisches Prinzip:

Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Aus dieser Logik entstehen die seltsamsten Allianzen – und die gefährlichsten.

Historisch gesehen war genau diese Bereitschaft zur ideologischen Selbsttäuschung immer ein Einfallstor für autoritäre Bewegungen.

Der Faschismus des 21. Jahrhunderts wird vermutlich keine schwarzen Hemden tragen.

Er wird in Demonstrationsaufrufen auftreten.
Er wird von „Befreiung“ sprechen.
Er wird sich „antifaschistisch“ nennen.

Und er wird dabei, mit einem Lächeln moralischer Gewissheit, genau das reproduzieren, was er angeblich bekämpft.