Wie die Herrschaft der Vielen zuverlässig in die Verwaltung durch Wenige umkippt
Es gibt Denker, die ganze Bibliotheken füllen, ohne die politische Wirklichkeit je ernsthaft berührt zu haben. Und es gibt jene seltenen Figuren, die eine einzige unbequeme Beobachtung formulieren und damit Generationen von Politikern, Funktionären, Parteistrategen und Demokratie-Romantikern dauerhaft den Schlaf rauben. Robert Michels gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Er war kein Verfasser jener akademischen Beruhigungsliteratur, deren eigentliche Funktion darin besteht, den Leser nach der Lektüre in einem Zustand wohltemperierter geistiger Sedierung zurückzulassen. Michels war vielmehr ein Mann, der in die Maschine hineinschaute und eine Entdeckung machte, die ungefähr denselben gesellschaftlichen Charme besitzt wie die Erkenntnis, dass die festlich dekorierte Geburtstagstorte im Inneren aus Beton besteht.
Seine berühmte Formel lautete: „Die Organisation ist die Mutter der Herrschaft der Gewählten über die Wähler, der Beauftragten über die Auftraggeber, der Delegierten über die Delegierenden.“ Ein Satz von bemerkenswerter Schönheit, Trockenheit und Grausamkeit. Eine Guillotine in Prosaform. Denn Michels formulierte darin nichts weniger als den Verdacht, dass die Demokratie, sobald sie praktisch wird, beginnt, sich selbst systematisch zu unterlaufen.
Dabei war Michels keineswegs ein aristokratischer Verächter der Massen. Seine Biographie spricht eine andere Sprache. Geboren als Sohn des Kölner Kaufmanns Julius Michels und Anna Schnitzler, erhielt er zunächst Privatunterricht, durchlief eine europäische Bildungskarriere zwischen Berlin, Eisenach, Paris, München, Leipzig, Halle und Turin und verkörperte damit jene eigentümliche Spezies des frühen zwanzigsten Jahrhunderts: den rastlosen Bildungsnomaden mit politischem Fieber. Er bewegte sich durch sozialistische Kreise, trat dem italienischen PSI bei, wurde Mitglied der SPD, kandidierte sogar erfolglos für den Reichstag und nahm an Parteitagen teil. Es war kein distanzierter Beobachter, der über Organisationen schrieb. Es war ein ehemaliger Gläubiger, der den Tempel von innen gesehen hatte.
Die Geburt einer bitteren Erkenntnis
Die Parteitage der Sozialdemokratie wirkten auf Michels offenbar wie eine Art politische Nahtoderfahrung. Dort traf der demokratische Traum auf seine organisatorische Realität. Man hatte Bewegungen gegründet, um Machtverhältnisse aufzubrechen. Und kaum waren diese Bewegungen groß genug geworden, entwickelten sie ihre eigenen Machtverhältnisse.
Es war gewissermaßen ein Naturgesetz institutioneller Schwerkraft.
Zunächst treten Menschen zusammen, um gemeinsam etwas zu verändern. Dann werden Delegierte gewählt. Dann entstehen Ausschüsse. Dann entstehen Experten. Dann Hauptamtliche. Dann Pressesprecher. Dann Kommunikationsabteilungen. Dann Koordinatoren der Koordinatoren. Und irgendwann sitzt ein Apparat da, dessen wichtigste Aufgabe darin besteht, den Apparat zu erhalten.
Michels formulierte daraus sein „Ehernes Gesetz der Oligarchie“: Jede Organisation entwickelt zwangsläufig oligarchische Tendenzen.
Nicht möglicherweise.
Nicht häufig.
Nicht manchmal.
Zwangsläufig.
Das war der eigentliche Skandal.
Denn Demokratie erzählte sich selbst traditionell als Geschichte der Beteiligung. Michels hingegen erzählte Demokratie als Geschichte der Verwaltung.
Organisationen benötigen Spezialisten. Spezialisten verfügen über Informationsvorsprünge. Informationsvorsprünge erzeugen Macht. Macht entwickelt Selbsterhaltungsinstinkte. Und irgendwann verwandelt sich das Instrument in den Herrn seines Schöpfers.
„Wer Organisation sagt, sagt Tendenz zur Oligarchie.“
Eine Formulierung, deren Bosheit darin liegt, dass sie beinahe banal klingt.
Der Friedhof der Ideale und die Karriere der Apparate
Es ist geradezu rührend, mit welchem Optimismus politische Bewegungen stets beginnen. Man betrachtet die frühen Programme, die Gründungsmanifeste, die kämpferischen Erklärungen – und hat gelegentlich das Gefühl, den Tagebucheintrag eines Menschen kurz vor einer gescheiterten Ehe zu lesen.
Am Anfang herrscht Liebe.
Am Ende verwaltet man Termine.
Michels beobachtete, dass politische Organisationen ein Eigenleben entwickeln. Nicht mehr die ursprünglichen Ziele dominieren. Stattdessen entsteht ein neuer Zweck: Selbsterhaltung.
Rosa Mayreder bemerkte später treffend: „Je älter eine Machtorganisation wird, desto stärker tritt das Interesse der Selbsterhaltung in den Mittelpunkt.“
Der Satz besitzt eine beinahe biologische Präzision. Parteien altern wie Organismen. Sie entwickeln Reflexe. Schutzmechanismen. Territorialverhalten.
Vor allem aber entwickeln sie Personal.
Und Personal ist eine Machtform.
Denn Personal besitzt etwas, das theoretisch demokratische Konstruktionen notorisch unterschätzen: Erfahrung, Netzwerke, institutionelles Wissen, Kontakte und vor allem die Fähigkeit, die komplexe Sprache großer Organisationen zu sprechen – jene Mischung aus Verwaltungsvokabular, juristischer Nebelbildung und strategischer Mehrdeutigkeit, die normalen Menschen regelmäßig das Gefühl vermittelt, versehentlich in eine Bedienungsanleitung für Kernreaktoren geraten zu sein.
Österreich, Deutschland und die Europäische Union als Michels-Laboratorien
Es wäre nun unerquicklich einfach, Michels ausschließlich auf autoritäre Systeme anzuwenden. Interessant wird seine Theorie gerade dort, wo die Demokratie am lautesten ihre Siege feiert.
In Österreich etwa lässt sich seit Jahrzehnten ein eigentümliches Schauspiel beobachten. Parteien erscheinen nach außen als Orte politischer Willensbildung. Im Inneren ähneln sie nicht selten hochspezialisierten Rekrutierungsmaschinen professioneller Funktionseliten. Die berühmte politische „Erneuerung“ besteht dann oft darin, dass neue Gesichter auftreten, die erstaunlicherweise bereits seit Jahren im parteiinternen Vorraum der Macht auf ihre Gelegenheit warteten.
Die Figuren wechseln.
Die Mechanik bleibt.
Deutschland wiederum bietet die bemerkenswerte Erfahrung, dass Parteien ursprünglich gegründet werden, um gesellschaftliche Konflikte auszutragen – und später erhebliche Energie darauf verwenden, Konflikte administrativ zu entschärfen.
Besonders komisch wirkt dabei die Karriere vieler Protestbewegungen. Aus Aktivisten werden Sprecher. Aus Sprechern werden Funktionäre. Aus Funktionären Minister. Und aus ehemaligen Systemkritikern werden plötzlich Verteidiger institutioneller Stabilität.
Michels hätte vermutlich nicht einmal gelächelt.
Er hätte nur genickt.
Gerade die Geschichte der Grünen besitzt fast lehrbuchhaften Charakter. Ursprünglich entstand die Partei aus dem expliziten Wunsch, oligarchische Strukturen zu vermeiden: Rotationsprinzip, Trennung von Amt und Mandat, Skepsis gegenüber Machtkonzentration.
Doch dann geschah etwas Furchtbares.
Erfolg.
Erfolg ist der große Feind anti-oligarchischer Reinheit.
Denn Erfolg produziert Größe. Größe produziert Bürokratie. Bürokratie produziert Experten. Experten produzieren Machtzentren.
Und plötzlich findet sich selbst die rebellischste Bewegung in Sitzungsräumen mit Tagesordnungen wieder.
Die Revolution endet oft bei Punkt sieben: Sonstiges.
Brüssel oder die Apotheose des Michels-Prinzips
Die Europäische Union wirkt aus michelsscher Perspektive fast wie ein monumentales Freiluftmuseum institutioneller Oligarchisierung.
Natürlich besitzt sie Parlamente, Kommissionen, Ausschüsse, Unterausschüsse, Arbeitsgruppen, Expertengremien und Beratungsebenen.
Und selbstverständlich geschieht all dies im Namen demokratischer Repräsentation.
Doch Michels hätte vermutlich eine verstörende Frage gestellt:
Wer versteht eigentlich noch vollständig, wie diese Maschine funktioniert?
Und schlimmer noch:
Wer kontrolliert jene, die sie verstehen?
Denn hier beginnt die eigentliche Pointe seines Werkes. Moderne Herrschaft funktioniert nicht primär durch rohe Gewalt. Sie funktioniert durch Wissensmonopole.
Die Oligarchie des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts trägt keine Uniform.
Sie trägt Sitzungsunterlagen.
Sie spricht in Powerpoint-Folien.
Sie operiert mit Formulierungen wie „Koordinationsbedarf auf multilateraler Ebene“.
Sie ist nicht tyrannisch.
Sie ist zuständig.
Die Ironie Robert Michels’
Und nun kommt die tragische Pointe seines eigenen Lebens.
Der Mann, der analysierte, wie Führungsapparate Macht verselbständigen, landete später beim Faschismus Mussolinis. 1928 trat Michels dem Partito Nazionale Fascista bei und sah im Duce eine Figur, die seinen Vorstellungen einer selbstlosen Führergestalt entspreche.
Es gehört zu den verstörendsten Episoden der Ideengeschichte.
Der Diagnostiker der Oligarchie geriet selbst in die Faszination des Führerprinzips.
Vielleicht liegt gerade darin eine letzte, düstere Lektion.
Denn Michels war nicht bloß ein Soziologe der Macht. Er war auch ihr Opfer.
Möglicherweise deshalb, weil die Erkenntnis, dass Demokratie strukturell zu Elitenbildung tendiert, unerträglich ist. Der Mensch sucht Trost. Und gelegentlich findet er ihn in politischen Heilsfiguren.
Gerade deshalb bleibt Michels aktuell.
Nicht weil er Demokratie widerlegt hätte.
Sondern weil er ihre gefährlichste Eigenschaft beschrieb: dass sie ihre oligarchischen Strukturen gerade dort hervorbringt, wo sie sich am demokratischsten nennt.
Und so bleibt am Ende ein leicht zynischer, beinahe heiterer Gedanke. Alle paar Jahre tritt der Bürger an die Wahlurne und erlebt den erhebenden Augenblick politischer Selbstbestimmung. Für einen kurzen Moment entsteht das wunderbare Gefühl, die Richtung der Geschichte beeinflussen zu können.
Danach übernimmt wieder die Organisation.
Und die Organisation, so Robert Michels, vergisst selten, wer ihr eigentlich dienen sollte. Meistens erinnert sie sich nur erstaunlich gut daran, wem sie inzwischen gehört.