Es gibt Menschen, die analysieren politische Entwicklungen. Andere kommentieren sie. Und dann gibt es Wolfram Weimer, der den Eindruck vermittelt, politische Wirklichkeit sei ein etwas lästiger Gast, der höflich gebeten werden könne, später noch einmal vorbeizuschauen. Wo Umfragen unbequeme Zahlen liefern, reicht offenbar ein entschlossen vorgetragener Appell an die Vernunft der Bürger, und schon soll sich die Realität wieder ihrer Pflicht erinnern. Man möchte fast meinen, Wahlergebnisse entstünden nicht in Wahlkabinen, sondern im Feuilleton eines Ministeriums.
Weimer verkörpert dabei jenen Typus des kultivierten Regierungsintellektuellen, der jede gesellschaftliche Erschütterung zunächst als Kommunikationsproblem versteht. Nicht die Politik könnte falsch gelegen haben – nein, die Bevölkerung hat lediglich den Text der Regieanweisung verlegt. Also wird erklärt, appelliert, ermahnt und moralisiert, bis aus einer politischen Analyse ein pädagogischer Elternabend wird. Der Wähler erscheint nicht als Souverän, sondern als pubertierender Jugendlicher, der irgendwann hoffentlich wieder Vernunft annimmt und nach Hause zurückkehrt – selbstverständlich in die Arme jener Parteien, die ihm zuvor jahrelang erklärt haben, warum seine Sorgen eigentlich gar keine sind.
Die Mitte nach Art Weimer
Die politische Mitte besitzt in dieser Welt eine erstaunliche Eigenschaft: Sie liegt immer genau dort, wo Wolfram Weimer gerade steht. Verschiebt sich die gesellschaftliche Stimmung, bleibt die Mitte dennoch unbeweglich. Nicht weil sie tatsächlich die Mitte wäre, sondern weil der Maßstab kurzerhand mit verschoben wird. Was gestern noch konservativ war, gilt heute bereits als rechts. Was gestern als kontrovers diskutiert wurde, erscheint heute moralisch indiskutabel. Und was morgen vielleicht eine demokratische Mehrheit vertreten wird, kann heute vorsorglich schon einmal als Gefahr für die Demokratie etikettiert werden.
Es handelt sich um eine bemerkenswerte mathematische Innovation: Die Mitte ist kein Durchschnitt mehr, sondern eine exklusive Mitgliedschaft. Eintritt nur nach Gesinnungsprüfung. Wer draußen bleibt, kann Millionen Stimmen sammeln und bleibt dennoch politisch im Wartezimmer sitzen. Demokratie ja – aber bitte mit Einlasskontrolle.
Der Prophet mit bemerkenswerter Trefferquote
Politische Prognosen gehören bekanntlich zu den gefährlichsten Disziplinen überhaupt. Doch Weimer begegnet dieser Gefahr mit bewundernswerter Gelassenheit. Wer einmal öffentlich erklärt hat, eine Partei werde bald auf neun Prozent zusammenschrumpfen, obwohl sie anschließend in Umfragen nahezu das Dreifache erreicht, könnte versucht sein, künftig etwas vorsichtiger zu formulieren. Nicht so Weimer. Wo andere aus Irrtümern lernen, produziert der Optimismus einfach neue.
Man gewinnt beinahe den Eindruck, Prognosen dienen hier weniger der Beschreibung der Zukunft als der Selbstberuhigung der Gegenwart. Es sind keine Vorhersagen, sondern politische Wunschzettel mit Dienstsiegel. Sollte die Realität anderer Auffassung sein, wird sie eben höflich gebeten, sich später noch einmal zu melden.
Die Brandmauer als Denkmal
Besonders innig scheint das Verhältnis zur Brandmauer zu sein. Sie ist längst kein politisches Instrument mehr, sondern ein nationales Kulturerbe. Würde sie einstürzen, müsste vermutlich sofort der Denkmalschutz verständigt werden. Dabei besitzt dieses Bauwerk eine faszinierende Eigenschaft: Je höher es errichtet wird, desto schneller wachsen die Umfragewerte jener Partei, gegen die es gerichtet ist. Es erinnert an einen Gärtner, der seit Jahren mit großer Hingabe Unkraut gießt und anschließend fassungslos vor dessen Wachstum steht.
Anstatt zu fragen, warum immer mehr Menschen ihre Stimme einer Protestpartei geben, wird mit bewundernswerter Konsequenz erklärt, warum diese Stimmen politisch möglichst folgenlos bleiben sollten. Das Problem ist niemals die Politik. Das Problem sind stets die Wähler, die sich beharrlich weigern, den vorgesehenen Text zu sprechen.
Der Kulturstaatsminister als Hofchronist der alten Republik
Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik. Wolfram Weimer wirkt weniger wie ein unbequemer Intellektueller als wie der letzte Hofchronist einer politischen Epoche, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, ihren eigenen Niedergang sprachlich möglichst elegant zu umschreiben. Während sich draußen die tektonischen Platten der politischen Landschaft verschieben, schreibt drinnen noch jemand sorgfältig an der Gebrauchsanweisung für den Salon.
Der eigentliche Gegner erscheint dabei nicht als politische Konkurrenz, sondern als Wirklichkeit selbst. Denn die besitzt die unerquicklichste aller Eigenschaften: Sie lässt sich weder wegkommentieren noch wegmoderieren. Sie erscheint in Gestalt von Wahlergebnissen, Umfragen und schwindendem Vertrauen immer wieder aufs Neue vor der Tür. Und jedes Mal wird sie empfangen wie ein ungebetener Gast, der höflich darauf hingewiesen wird, dass er leider nicht zur Veranstaltung passe.
So bleibt am Ende vor allem eine Erkenntnis: Die größte Leistung dieses Politikverständnisses besteht nicht darin, politische Entwicklungen zu erklären. Seine größte Kunst liegt darin, sie möglichst lange nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen. Sollte sich die Geschichte davon allerdings unbeeindruckt zeigen, wird vermutlich auch dafür eine Erklärung gefunden werden. Irgendetwas zwischen Populismus, Kommunikationsdefizit und mangelnder demokratischer Reife des Publikums. Nur eines wird mit fast religiöser Gewissheit ausgeschlossen: dass vielleicht nicht der Wähler den Kontakt zur Mitte verloren hat, sondern die selbst ernannte Mitte den Kontakt zur Wirklichkeit.
Diese Fassung ist deutlich bissiger und persönlicher gegenüber Weimers öffentlicher Argumentation, bleibt aber im Rahmen einer satirischen Kritik an seinen öffentlich geäußerten Positionen und vermeidet unbelegte Tatsachenbehauptungen.