Die Entfernung des unbequemen Mahners

Es gehört zu den feineren Mechanismen moderner Staatskunst, dass ein Mann, der vier Jahrzehnte lang in Uniform gedient, Einsätze in fernen Krisengebieten absolviert und zuletzt als oberster Führer der Landstreitkräfte die desolate Verfassung eben dieser Truppe öffentlich benannt hat, plötzlich als überflüssig gilt, sobald er beginnt, die konkreten Folgen milliardenschwerer Beschaffungsentscheidungen beim Namen zu nennen. Der General, der nach dem Ausbruch eines europäischen Krieges notierte, seine Armee stehe mehr oder weniger blank da, wurde zunächst noch als nützlicher Warner geduldet; sobald er jedoch die gleiche Klarheit auf jenes prestigebeladene Rüstungsprojekt richtete, das als kriegsentscheidend gepriesen und bereits mit Summen versehen wurde, die den Bau mehrerer Großflughäfen übertreffen, geriet er zum Störfaktor. Man ließ ihn gewähren, solange seine Kritik im Allgemeinen blieb; man entfernte ihn, als sie spezifisch wurde und interne Akten, Testberichte und praktische Versuche das Bild einer Technik zeichneten, die weder zuverlässig spricht noch rechtzeitig Befehle übermittelt noch Verbündete auf Displays sichtbar macht. Die Abberufung erfolgte nicht als offener Konflikt, sondern als stille Übereinkunft, bei der der Betroffene die Version der Einvernehmlichkeit mittrug, während im Hintergrund Beamte und Politiker erleichtert aufatmeten, dass der Fingerzeig auf die Wunde endlich verstummt war.

Die glänzende Ruine der digitalen Kommunikation

In einer Armee, die sich anschickt, wieder Landes- und Bündnisverteidigung zu üben, entscheidet die Fähigkeit, in Echtzeit zu sprechen, Daten zu tauschen und Lagebilder zu teilen, über Leben und Tod. Man hat daher beschlossen, mehrere zehntausend Fahrzeuge mit neuer Funktechnik auszurüsten, Software zu integrieren, Server zu vernetzen und Satelliten anzubinden, alles zu einem Preis, der in zweistelliger Milliardenhöhe liegt. Die Geräte selbst stammen von einem renommierten Hersteller, die Integration jedoch aus einem Labyrinth von Dienststellen, in dem das Heer, das Beschaffungsamt und das Ministerium einander mit Präsentationen, Vermerken und Gegenvorwürfen bewerfen. Das Heer moniert, das Amt habe sich verzockt und liefere unbrauchbare Lösungen; das Amt wirft dem Heer Problemschilderungen ohne Lösungsvorschläge vor; das Ministerium wünscht sich optimistische Lagebilder und erhält sie auch, bis reale Tests auf Truppenübungsplätzen ergeben, dass einfache Chatnachrichten fast eine Stunde brauchen, Funksprüche im Nichts verschwinden und die Anzeige von Verbündeten eingefroren bleibt. Statt das Projekt zu stoppen oder radikal zu vereinfachen, wird ein Mischbetrieb aus alter Analogtechnik und neuer Digitaltechnik improvisiert, Adapter und Kabel in großen Mengen nachbestellt und die Hoffnung gehegt, dass sich das Ganze irgendwie schon richten werde. Der General, der diese Entwicklung früh als risikobehaftet bezeichnete und einen aus einem Guss geplanten, praxistauglichen Funk bevorzugt hätte, störte diese Hoffnung. Man entledigte sich des Störers, nicht des Problems.

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Die Bürokratie als autarker Organismus

Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung hatte man die militärische Macht bewusst zersplittert, damit zivile Instanzen mitreden könnten. Das Ergebnis ist ein Geflecht aus Abteilungen, Referaten und Behörden, in dem niemand für das Endprodukt allein verantwortlich ist und jeder für den Fortgang der Aktenlage. Wer Verträge unterschreibt, hat seine Pflicht erfüllt; wer später feststellt, dass die bestellte Technik nicht funktioniert, gilt als Alarmist. In internen Papieren liest man, wie das Heer den Optimismus des Ministeriums als unrealistisch zurückweist und wie das Ministerium wiederum das Heer der mangelnden Kooperationsbereitschaft bezichtigt. Präsentationen werden kurzfristig zurückgezogen, wenn man fürchtet, sie könnten später von Rechnungsprüfern gelesen werden. Minister werden in abendlichen Schaltkonferenzen mit widersprüchlichen Folien konfrontiert und äußern dann, man habe sie angelogen. Die Truppe selbst, die am Ende mit den Geräten in den Panzer steigen und unter feindlichem Feuer funken soll, bleibt außen vor. Der General, der diese Dynamik aus seiner Position an der Spitze des Heeres durchschaute und benannte, wurde als Querulant wahrgenommen, der das gegenseitige Vertrauen störe. Man löste das Vertrauensproblem, indem man ihn entfernte, nicht indem man die Ursachen der Misstrauensbildung beseitigte.

Die Zeitenwende als rhetorische Schutzbehauptung

Öffentlich spricht man von der Notwendigkeit, kriegstüchtig zu werden, von der Bereitschaft, Milliarden in die Verteidigung zu lenken, und von der historischen Verantwortung, die aus einem neuen Krieg in Europa erwachse. Im Inneren jedoch herrscht die stille Übereinkunft, dass unangenehme Wahrheiten die politische Erzählung gefährden könnten. Ein General, der bereits kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine notierte, die Armee sei materiell und strukturell nicht auf der Höhe der Lage, durfte zunächst bleiben, solange er seine Kritik als allgemeinen Appell formulierte. Als er dieselbe Klarheit auf ein konkretes, vom Minister zur Chefsache erklärtes Vorhaben richtete, dessen Scheitern bereits in ersten Praxistests sichtbar wurde, änderte sich die Haltung. Man warf ihm Alarmismus vor, verlangte, er solle stets auch das Positive hervorheben, und entzog ihm schließlich das Amt mit der Begründung, sechs Jahre seien genug. Der Nachfolger, der das gleiche Projekt nun als kriegsentscheidend bezeichnet, wird sorgfältiger darauf achten, welche Wahrheiten er nach außen trägt. Die Zeitenwende wird so zu einer Angelegenheit der richtigen Wortwahl und der passenden Personalentscheidungen, während die materielle Substanz – die Fähigkeit, im Ernstfall zu kommunizieren – weiterhin hinterherhinkt. Die Ironie liegt darin, dass der Mann, der die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit am deutlichsten markierte, gerade deshalb gehen musste.

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Der stille Fortgang der Verschwendung

Nach seinem Abgang widmet sich der ehemalige General nun dem Zivilleben, schreibt gelegentlich noch im Netz über Risiken, die er schon früher benannt hatte, und beobachtet, wie die improvisierte Übergangslösung weiter Geld verschlingt und die Truppe mit Bastelkonstruktionen ausstatten muss. Das Ministerium versichert Fortschritte, hält interne Berichte unter Verschluss und lässt Abgeordnete warten. Die Soldaten, die eines Tages mit den Geräten in den Einsatz gehen sollen, wissen längst, dass man im Zweifel wieder auf die alten Kästen zurückgreifen muss. Die Bürokratie hat sich selbst bestätigt: Kritik von innen ist unerwünscht, solange sie konkret wird; Imagepflege und Vertragserfüllung sind wichtiger als Funktionstüchtigkeit. Der General, der so lange nervte, bis man ihn gehen ließ, hat damit das System nicht verändert, sondern nur dessen Toleranzgrenze für Wahrheit demonstriert. Was bleibt, ist die fortgesetzte Übung im Verdrängen: Milliarden fließen, Tests scheitern, Berichte verschwinden in Schubladen, und die öffentliche Erzählung von der Zeitenwende läuft weiter, als sei nichts geschehen. Die Komik dieser Konstellation ist von jener düsteren Sorte, die nur der erkennt, der den Preis kennt, den man eines Tages zu zahlen hat, wenn die Funkgeräte schweigen und die blauen Punkte auf den Displays grau bleiben.