In einer Zeit, in der die öffentliche Moral sich gern als unbestechliche Hüterin der Menschenwürde geriert, entfaltet sich ein merkwürdiges Ritual der sprachlichen Reinigung: Wer es wagt, eine Reihe von Praktiken und Dogmen beim Namen zu nennen, die in den kanonischen Texten und historischen Realitäten bestimmter Glaubenssysteme fest verankert sind, wird unverzüglich mit dem Etikett der Phobie versehen. Der Satz, man habe kein Problem mit dem Islam, sei lediglich gegen Enthauptung, Steinigung, Kinderehen, Sklaverei, Taqiyya, Jihad, Burkas, Scharia, Terror, FGM, Frauenmissbrauch, Polygamie, Intoleranz und Inzucht, klingt auf den ersten Blick wie die pure Selbstverständlichkeit eines aufgeklärten Geistes. Doch in der gegenwärtigen Diskursordnung verwandelt sich diese Aufzählung blitzschnell in ein Sakrileg. Die Ablehnung von Menschenrechtsverletzungen wird nicht als ethische Haltung gewürdigt, sondern als pathologische Angst vor dem Fremden diagnostiziert. Es ist, als hätte man den geistigen Nachfahren der Aufklärung eingeredet, dass die Kritik an der Guillotine eine Phobie gegen die Französische Revolution sei und die Ablehnung der Hexenverbrennung eine unerträgliche Intoleranz gegenüber dem mittelalterlichen Christentum. Die Satire schreibt sich hier fast von selbst: Man stelle sich vor, ein kritischer Geist würde erklären, er habe nichts gegen den Kommunismus, sei nur gegen Gulags, Massenerschießungen, Zwangskollektivierung und den Personenkult – und würde daraufhin als „kommunismophob“ gebrandmarkt. Der Applaus der feinen Gesellschaft bliebe aus; stattdessen würde man ihm vorwerfen, er stilisiere eine komplexe Ideologie zu einem Zerrbild. Genau dieses Manöver wird jedoch beim Islam mit einer Selbstverständlichkeit praktiziert, die an religiöse Inquisition erinnert – nur dass die Inquisitoren diesmal im Gewand der Toleranz auftreten und ihre Scheiterhaufen aus Hashtags und Cancel-Kampagnen errichten.
Der Zirkelschluss der kulturellen Relativität
Die polemische Pointe liegt darin, dass die genannten Praktiken keineswegs randständige Verirrungen einzelner Fanatiker darstellen, sondern in den klassischen Quellen und der historischen Praxis des Islam eine solide, oft ausdrücklich sanktionierte Grundlage finden. Die Scharia als göttliches Rechtssystem, der Jihad als Pflicht zum Kampf, die Taqiyya als legitimierte Verstellung gegenüber Ungläubigen, die Regelung der Sklaverei und der Geschlechterverhältnisse – all das sind keine Erfindungen westlicher Orientalisten, sondern Textbefunde, die selbst die frommsten Apologeten nur mit akrobatischen Interpretationskunststücken wegerklären können. Doch wer darauf hinweist, wird belehrt, er betreibe Essentialismus, essentialisiere „den“ Islam und übersehe die Vielfalt der muslimischen Lebenswelten. Das ist der klassische Zirkelschluss: Die Vielfalt wird beschworen, um die Kritik abzuwehren, während gleichzeitig jede konkrete Kritik an den problematischen Kernbeständen als Generalisierung denunziert wird. Man könnte ebenso gut behaupten, der Nationalsozialismus sei eine bunte Vielfalt von Wandervereinen und Brotbackgruppen gewesen und wer die Konzentrationslager erwähne, mache sich der Nazi-Phobie schuldig. Der zynische Humor dieser Lage besteht darin, dass ausgerechnet jene, die sonst jede Form von kultureller Relativierung ablehnen, wenn es um westliche Traditionen geht, hier plötzlich zu den eifrigsten Relativisten werden. Die Steinigung einer Ehebrecherin in einem islamisch geprägten Rechtsraum wird zur „kulturellen Praxis“ umetikettiert, während die gleiche Handlung in einem europäischen Kontext als barbarisches Verbrechen gilt. Die Burka, die Frauen in mobile Gefängnisse verwandelt, wird zur „freien Entscheidung“ stilisiert, und wer den Machtmechanismus hinter dieser Entscheidung hinterfragt, gilt als kolonialistischer Übergriffler. Es ist, als würde man einem Gefangenen, der seine Ketten küsst, attestieren, er habe sich freiwillig für den Schmuck entschieden, und demjenigen, der die Ketten kritisieren will, vorwerfen, er sei kettenphob.
Die moralische Hochseilakrobatik der Empörung
Besonders satirisch wirkt die selektive Blindheit, mit der die gleichen Stimmen, die bei jeder westlichen Unvollkommenheit den moralischen Ausnahmezustand ausrufen, vor den systematischen Menschenrechtsverletzungen in islamisch dominierten Gesellschaften die Augen verschließen oder sie allenfalls als Folge westlicher Interventionen deuten. Die Zahlen der Ehrenmorde, der Zwangsehen, der weiblichen Genitalverstümmelung, der Verfolgung von Homosexuellen und Apostaten sprechen eine Sprache, die keine Phobie braucht, um gehört zu werden – und doch wird jeder, der diese Sprache übersetzt, des Rassismus bezichtigt. Dabei ist die Ablehnung dieser Praktiken das genaue Gegenteil von Rassismus: Sie besteht darauf, dass Menschenrechte universell gelten und nicht an die Herkunft oder den Glauben des Täters gebunden sind. Die ironische Wendung liegt darin, dass ausgerechnet die Verteidiger der kulturellen Besonderheit den Muslimen unterstellen, sie seien unfähig, sich von archaischen Normen zu lösen – eine paternalistische Haltung, die sie bei jeder anderen Gruppe als rassistisch brandmarken würden. Die Frage, ob die Ablehnung von Menschenrechtsverletzungen islamophob mache, entlarvt sich selbst als rhetorischer Taschenspielertrick. Sie setzt voraus, dass der Islam mit diesen Verletzungen identisch sei, und erklärt dann die Kritik daran zur Krankheit. Das ist ungefähr so, als würde man fragen, ob die Ablehnung von Menschenopfern aztekenphob mache. Die Antwort lautet natürlich nein – es sei denn, man definiert die Azteken-Kultur ausschließlich über das Herzherausreißen und erklärt jede Kritik daran zur kulturellen Vernichtung. Genau dieses Definitionsmonopol wird jedoch beim Islam beansprucht: Wer die problematischen Elemente kritisiert, greife „den“ Islam an; wer sie verteidigt oder relativiert, schütze die Vielfalt. Der polemische Clou ist, dass diese Logik nur in eine Richtung funktioniert. Niemand käme auf die Idee, die Kritik an der katholischen Inquisition als christenphob zu bezeichnen und die Verteidiger der Scheiterhaufen als die wahren Pluralisten zu feiern.
Die Komödie der doppelten Standards
In der literarischen Überzeichnung erscheint die Situation wie eine Farce, in der die Figuren ihre Rollen vertauscht haben. Die einstigen Verfechter der Aufklärung, die einst Voltaire und Kant gegen religiöse Dogmen mobilisierten, sind zu den eifrigsten Verteidigern eines neuen Dogmas geworden: dem der kulturellen Unantastbarkeit. Sie fordern von der eigenen Gesellschaft die gnadenlose Selbstkritik und von der fremden die gnadenlose Schonung. Die Kinderehe wird zur „traditionellen Familienform“, die Polygamie zur „alternativen Beziehungsform“, die Intoleranz gegenüber Ungläubigen zur „starken Identitätswahrung“. Und wer diese Umdeutung nicht mitmacht, wird nicht widerlegt, sondern pathologisiert. Die Satire erreicht ihren Höhepunkt, wenn dieselben Stimmen, die bei jeder westlichen Tradition den Patriarchat-Vorwurf erheben, vor dem islamischen Patriarchat in ehrfürchtiges Schweigen verfallen oder es gar als Form des Widerstands gegen den westlichen Imperialismus romantisieren. Es ist, als hätte man die moralische Kompassnadel absichtlich verdreht, damit sie immer nach Westen zeigt, wenn es um Schuld geht, und nach Osten, wenn es um Verständnis geht. Die Ablehnung von Enthauptung und Steinigung wird so zum Akt der kulturellen Aggression umgedeutet, während die Praktiken selbst als Ausdruck authentischer Spiritualität erscheinen. Der zynische Beobachter kann nur noch den Hut ziehen vor dieser intellektuellen Flexibilität, die es fertigbringt, die Universalität der Menschenrechte ausgerechnet dort aufzugeben, wo sie am dringendsten gebraucht würden.
Das Paradox der toleranten Intoleranz
Am Ende bleibt die Feststellung, dass die Formel „Ich habe kein Problem mit dem Islam, ich bin nur gegen …“ keine Phobie ausdrückt, sondern den Versuch, eine Ideologie von ihren menschenverachtenden Konsequenzen zu trennen – ein Versuch, der bei jeder anderen Ideologie als selbstverständlich gelten würde. Die Gegenfrage, ob die Ablehnung von Menschenrechtsverletzungen islamophob mache, ist selbst die eigentliche Pathologie: Sie verrät eine Haltung, die bereit ist, die Opfer der genannten Praktiken zu opfern, um die Täter vor Kritik zu schützen. In der satirischen Zuspitzung erscheint diese Haltung als eine Art säkulare Taqiyya der westlichen Eliten: Man verstellt sich die eigene moralische Klarheit, um den Schein der Weltoffenheit zu wahren. Die Ironie ist vollkommen: Während man lautstark gegen jede Form von Intoleranz wettert, praktiziert man die Intoleranz gegenüber jenen, die auf konkrete Intoleranz hinweisen. Und während man die Inzucht genetischer Art verurteilt, pflegt man eine geistige Inzucht, in der nur noch genehme Gedanken zugelassen werden. Der Essay könnte hier enden, doch die Realität schreibt fort: Solange die Aufzählung der genannten Praktiken als Angriff und nicht als Beschreibung wahrgenommen wird, bleibt die Frage nach der Islamophobie nicht nur unbeantwortet, sondern bewusst falsch gestellt – und das ist die eigentliche, bittere Pointe dieser moralischen Komödie.