Die Verwandlung der Ideologien

Ideologien sterben selten. Meist wechseln sie lediglich ihre Kleidung. Was gestern geschniegelt im Uniformrock marschierte, erscheint heute mit Stoffbeutel, akademischem Jargon und moralischer Selbstgewissheit. Der Wechsel der Begriffe erzeugt den Eindruck eines radikalen Neuanfangs, obwohl unter der Oberfläche häufig dieselben Denkstrukturen weiterarbeiten. Geschichte verläuft nicht nur als Fortschritt, sondern oftmals als geschickte Tarnung. Kaum ein Beispiel verdeutlicht dieses Phänomen eindrucksvoller als der palästinensische Nationalismus, dessen gegenwärtige Selbstdarstellung als antikoloniale Befreiungsbewegung vielfach den Blick auf seine ideologischen Ursprünge verstellt. Die Sprache handelt heute von Kolonialismus, Dekolonisierung, Intersektionalität und indigener Identität. Die Geschichte erzählt jedoch von ethnischem Nationalismus, autoritärem Denken und einer bemerkenswerten ideologischen Nähe zu den faschistischen Bewegungen Europas.

Die Geburt einer Ideologie

Der palästinensische Nationalismus entstand nicht im politischen Vakuum, sondern entwickelte sich während der britischen Mandatszeit als Teil des aufkommenden panarabischen Nationalismus. Diese Bewegung orientierte sich keineswegs ausschließlich an antikolonialen Ideen, sondern blickte mit wachsender Bewunderung auf jene autoritären Systeme, die in Europa scheinbar entschlossen Ordnung, Einheit und nationale Größe versprachen. Demokratie galt vielen Nationalisten als schwach, Liberalismus als dekadent und individuelle Freiheit als Hindernis auf dem Weg zur Wiedergeburt der Nation. Rom und später Berlin wurden zu politischen Vorbildern, deren Organisationsformen und Ideologien weit über Europa hinaus Aufmerksamkeit fanden.

Der Volkskörper auf Arabisch

Einer der wichtigsten Ideologen dieser Entwicklung war Sati al Husri. Sein Nationsbegriff beruhte nicht auf gleichen Bürgerrechten oder demokratischer Teilhabe, sondern auf Abstammung, Sprache und ethnischer Zugehörigkeit. Die Nation erschien als organischer Volkskörper, dem sich der Einzelne vollständig unterzuordnen hatte. Freiheit wurde zweitrangig, Individualität galt als störend, entscheidend war allein die Einheit des Kollektivs. Diese Gedanken unterscheiden sich kaum von den völkischen Konzepten, die gleichzeitig in Europa immer größere politische Bedeutung erlangten. Der Mensch wurde nicht mehr als Individuum verstanden, sondern als Bestandteil einer ethnisch definierten Gemeinschaft, deren Reinheit und Geschlossenheit über allem standen.

Der Großmufti und Berlin

Noch deutlicher wird diese ideologische Nähe in der Person des Großmuftis von Jerusalem, Amin al-Husseini. Während heute vielfach das Bild eines antikolonialen Vorkämpfers gepflegt wird, zeigt die historische Realität eine wesentlich unbequemere Geschichte. Al-Husseini war keineswegs nur Gegner der britischen Mandatsmacht. Er entwickelte sich zu einem der bedeutendsten politischen Verbündeten des nationalsozialistischen Deutschlands in der arabischen Welt.

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Das Treffen mit Adolf Hitler im November 1941 war kein zufälliges diplomatisches Ereignis, sondern Ausdruck gemeinsamer politischer Interessen. Von Berlin aus verbreitete der Großmufti antisemitische Propaganda über arabischsprachige Rundfunksender, agitierte gegen jede jüdische Flucht nach Palästina und unterstützte die Rekrutierung muslimischer Freiwilliger für die Waffen-SS, darunter die berüchtigte Division Handschar. Während Millionen europäischer Juden verfolgt wurden, bemühte sich einer der wichtigsten Vertreter des palästinensischen Nationalismus darum, ihnen auch den letzten möglichen Zufluchtsort zu verschließen. Diese Episode verschwindet heute erstaunlich häufig aus politischen Erzählungen, obwohl sie für das ideologische Selbstverständnis jener Zeit von zentraler Bedeutung war.

Wenn Faschismus exportiert wird

Parallel dazu entwickelte sich der al Muthanna Club in Bagdad zu einem ideologischen Zentrum des arabischen Nationalismus. Dort wurden italienische faschistische Literatur, nationalsozialistische Schriften und antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet. Die Palestine Arab Party unter Amin al-Husseini und Jamal al-Husayni orientierte sich organisatorisch am italienischen Faschismus. Ihre paramilitärische Jugendorganisation erhielt nicht zufällig den Spitznamen „Nazi Scouts“. Gleichzeitig fanden die antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“ ihren Weg in die politische Kultur der Region und ergänzten den ethnischen Nationalismus um klassische Verschwörungsmythen.

Es handelte sich nicht um vereinzelte Ausrutscher einzelner Politiker, sondern um ein ideologisches Milieu, in dem Nationalismus, Antisemitismus und autoritäres Denken ineinandergriffen. Der eigentliche Gegner war dabei längst nicht mehr nur die britische Verwaltung, sondern zunehmend die jüdische Bevölkerung selbst.

Der Bestseller des Hasses

Ideologien leben nicht allein von Reden. Sie leben von Büchern. Während Europa nach 1945 begann, sich mühsam mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, trat in Teilen der arabischen Welt ein bemerkenswert anderes Phänomen auf. Adolf Hitlers Mein Kampf verschwand dort keineswegs aus dem öffentlichen Leben. Im Gegenteil: Das Werk erschien in zahlreichen arabischen Übersetzungen und Neuauflagen und wurde über Jahrzehnte hinweg in verschiedenen Staaten verbreitet. Es entwickelte sich in bestimmten politischen Milieus zu einem der meistgelesenen politischen Bücher seiner Art.

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Die Faszination galt dabei kaum Hitlers literarischem Talent. Selbst wohlwollende Leser dürften Schwierigkeiten haben, das Werk wegen seiner sprachlichen Eleganz zu empfehlen. Anziehend wirkten vielmehr sein kompromissloser Antisemitismus, seine Verschwörungserzählungen und seine Vorstellung ethnischer Homogenität. Der Nationalsozialismus verlor den Krieg, viele seiner ideologischen Versatzstücke fanden jedoch außerhalb Europas erstaunlich langlebige Resonanz.

Der Feind bleibt derselbe

Im Mittelpunkt dieses Nationalismus stand nicht ausschließlich der Widerstand gegen britische Herrschaft. Wesentlich prägender war die Ablehnung jüdischer Einwanderung. Juden wurden als fremder Körper beschrieben, als angebliche Unterwanderer der arabischen Gesellschaft und als Gefahr für die nationale Existenz. Diese Konstruktion entsprach exakt jenem ethnischen Denken, das auch zahlreiche europäische Nationalismen kennzeichnete. Nicht politische Gegner standen im Mittelpunkt, sondern eine Bevölkerungsgruppe, deren bloße Existenz als Bedrohung interpretiert wurde.

Die Wörter ändern sich

Gerade hier zeigt sich die erstaunliche Wandlungsfähigkeit ideologischer Systeme. Begriffe altern schneller als Denkstrukturen. Aus der angeblichen jüdischen Unterwanderung wurde der demografische Kolonialismus. Aus der Gefahr für den Volkskörper entstand der Vorwurf des Siedlerkolonialismus. Aus ethnischer Homogenität wurden indigene Rechte. Aus Blut und Boden wurden Olivenbaum, Fellah und Kufiya.

Die Sprache wurde modernisiert, die Grundstruktur blieb erstaunlich konstant. Der tief verwurzelte Bauer verkörpert den legitimen Eigentümer des Landes, während der Jude erneut als wurzelloser Fremder erscheint, dessen bloße Anwesenheit bereits Unrecht darstellt. Was früher biologisch begründet wurde, wird heute historisch oder postkolonial formuliert. Der ideologische Mechanismus bleibt nahezu identisch.

Moralische Begriffe als Tarnkappe

Besonders wirkungsvoll ist diese sprachliche Modernisierung deshalb, weil sie sich der Sprache universeller Menschenrechte bedient. Wer von Dekolonisierung, Antirassismus oder indigener Selbstbestimmung spricht, bewegt sich automatisch auf moralisch positiv besetztem Terrain. Die historischen Wurzeln dieser Narrative geraten dabei leicht in Vergessenheit. Die Begriffe wirken wie ein neues Etikett auf einer sehr alten Flasche. Der Inhalt schmeckt erstaunlich vertraut.

Genau hier liegt die Raffinesse moderner Ideologien. Sie müssen ihre Vergangenheit nicht mehr verteidigen. Es genügt, sie umzubenennen.

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Die Ironie der Gegenwart

Die vielleicht größte Ironie besteht darin, dass ausgerechnet politische Milieus, die sich selbst als kompromisslose Gegner jeder Form des Faschismus verstehen, heute gelegentlich Narrative übernehmen, deren ideengeschichtliche Wurzeln tief in den autoritären und antisemitischen Strömungen der Zwischenkriegszeit liegen. Geschichte besitzt einen feinen Sinn für Satire. Die Uniform verschwindet, der Slogan wird ersetzt, die Fahne erhält neue Farben und das Vokabular akademischen Feinschliff. Doch unter den neuen Begriffen arbeitet häufig dieselbe Logik weiter: die Einteilung der Menschheit in kollektive Identitäten, die moralische Dämonisierung des Gegners und die Überzeugung, Geschichte lasse sich auf einen einzigen Schuldigen reduzieren.

Der moderne palästinensische Nationalismus erscheint deshalb weniger als klassische antikoloniale Befreiungsbewegung denn als ethnischer Nationalismus, dessen historische Wurzeln tief in den faschistischen und antisemitischen Ideologien der Zwischenkriegszeit liegen. Verschwunden ist nicht die Denkweise, sondern lediglich ihre Sprache. Die Geschichte hat den Text nicht neu geschrieben – sie hat lediglich das Wörterbuch ausgetauscht.