Die Republik der moralischen Unfehlbarkeit

Es gehört zu den faszinierendsten Eigenarten moderner Ideologien, dass sie ausgerechnet dort ihre größten blinden Flecken entwickeln, wo sie sich selbst für die hellsten Leuchttürme moralischer Aufklärung halten. Kaum ein gesellschaftliches Milieu beschreibt sich so konsequent als diskriminierungssensibel, emanzipatorisch und antifaschistisch wie große Teile progressiver Aktivistenszenen. Jede Form von Ausgrenzung wird analysiert, katalogisiert und sprachlich präzisiert. Mikroaggressionen erhalten eine feinere Typologie als seltene Schmetterlingsarten, Pronomen werden mit größerer Sorgfalt behandelt als Staatsverfassungen, und jedes Wort wird auf seine mögliche Verletzungskraft untersucht. Doch während das moralische Mikroskop bis in molekulare Tiefenschärfe arbeitet, scheint ausgerechnet ein Phänomen regelmäßig außerhalb des Sichtfeldes zu liegen: Antisemitismus, sofern er sich nicht in den vertrauten historischen Gewändern präsentiert, sondern als politischer Aktivismus, antikoloniale Rhetorik oder vermeintlich universeller Menschenrechtsdiskurs erscheint.

Die Berliner Expertise über Antisemitismus in bestimmten queeren Szenen beschreibt genau dieses Paradox. Sie macht dabei ausdrücklich deutlich, dass keineswegs die gesamte LGBTQ+-Community gemeint ist, sondern bestimmte politische Milieus und Netzwerke, deren ideologische Entwicklung Anlass zur Untersuchung gab. Gerade dieser Hinweis verdient Aufmerksamkeit, denn Differenzierung gehört inzwischen fast schon zu den gefährdeten Kulturtechniken. Wo Polarisierung zum gesellschaftlichen Geschäftsmodell geworden ist, erscheint jede Nuance beinahe als Verrat an der eigenen Seite. Die Studie zeichnet stattdessen ein Bild kleiner, aber einflussreicher Szenen, deren kulturelle Reichweite häufig weit über ihre tatsächliche Größe hinausgeht. Nicht zahlenmäßige Mehrheit erzeugt politische Wirksamkeit, sondern Lautstärke, Vernetzung und moralischer Absolutheitsanspruch.

Die Hierarchie der Opfer

Vielleicht liegt das eigentliche Drama weniger im Antisemitismus selbst als in seiner bemerkenswert eleganten Tarnung. Antisemitismus hat eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt, seine Garderobe zu wechseln. Einst marschierte er in Uniformen, später versteckte er sich hinter nationalistischen Fahnen, heute trägt er mitunter Regenbogenfarben, spricht von Dekolonisierung, Intersektionalität und struktureller Gewalt und verwendet ein Vokabular, das ursprünglich für den Schutz von Minderheiten geschaffen wurde. Geschichte besitzt gelegentlich einen ausgesprochen schwarzen Humor.

Denn moderne Identitätspolitik operiert häufig mit einer moralischen Geografie, in der Menschen nicht mehr als Individuen erscheinen, sondern als Repräsentanten festgelegter Kollektive. Die Welt zerfällt in Unterdrücker und Unterdrückte, Privilegierte und Marginalisierte, Kolonisatoren und Kolonisierte. Je einfacher dieses Koordinatensystem ausfällt, desto eleganter verschwinden komplizierte historische Zusammenhänge. Komplexität gilt zunehmend als verdächtig, Differenzierung als Relativierung, historische Kenntnisse als störendes Hintergrundrauschen.

TIP:  Der Admiral und die Kunst der Präventivverteidigung

Innerhalb dieser Logik entwickelt sich eine regelrechte Opferhierarchie. Wer am unteren Ende dieser imaginären Skala verortet wird, erhält beinahe automatisch moralische Unfehlbarkeit. Wer weiter oben erscheint, verliert sie ebenso automatisch. Plötzlich entscheidet nicht mehr das konkrete Handeln über moralische Bewertung, sondern die vermutete Zugehörigkeit zu einer abstrakten Kategorie. Die Person verschwindet hinter dem Etikett.

Wenn Moral zur Ersatzreligion wird

Ideologien unterscheiden sich weniger durch ihre Inhalte als durch ihre Arbeitsweise. Fast jede beginnt mit berechtigter Kritik und endet irgendwann in dogmatischen Gewissheiten. Der Übergang erfolgt selten spektakulär. Er gleicht eher einer langsamen Versteinerung.

Wo einst Fragen gestellt wurden, entstehen Glaubenssätze. Wo Diskussionen stattfanden, entstehen Bekenntnisse. Wo Argumente ausgetauscht wurden, werden Loyalitäten überprüft.

Gerade darin erkennt die Expertise einen bemerkenswerten Mechanismus. Antizionismus erscheint in bestimmten politischen Milieus nicht mehr lediglich als politische Position, sondern zunehmend als moralischer Eignungstest. Zustimmung signalisiert Zugehörigkeit. Skepsis erzeugt Misstrauen. Differenzierung wirkt beinahe verdächtig.

Aus politischer Analyse entsteht Identitätsprüfung.
Aus Kritik entsteht Konformitätsdruck.
Aus Solidarität wird Gesinnungsverwaltung.

Ironischerweise reproduziert ein solcher Mechanismus genau jene Ausschlussstrukturen, gegen die man ursprünglich angetreten war.

Die Inflation der großen Begriffe

Noch nie standen der politischen Sprache derart viele Superlative zur Verfügung. Fast jede Auseinandersetzung bewegt sich augenblicklich zwischen Faschismus, Genozid, Apartheid, Kolonialismus und existenzieller Unterdrückung. Sprachliche Inflation funktioniert ähnlich wie wirtschaftliche Inflation: Je häufiger höchste Begriffe verwendet werden, desto geringer wird ihre tatsächliche Aussagekraft.

Wer jeden politischen Konflikt sofort in die Nähe historischer Menschheitsverbrechen rückt, entwertet letztlich genau jene Begriffe, die einst der Beschreibung einzigartiger Katastrophen dienten.

Hinzu kommt ein weiteres Phänomen moderner Diskurse: Schlagworte ersetzen zunehmend analytische Kategorien. Pinkwashing, Homonationalismus, Dekolonisierung oder strukturelle Gewalt besitzen durchaus wissenschaftliche Ursprünge und können wertvolle Perspektiven eröffnen. Problematisch wird ihre Verwendung dort, wo sie nicht länger der Analyse dienen, sondern jede weitere Analyse überflüssig machen sollen.

Ein Begriff erklärt plötzlich alles.
Wer alles erklärt, erklärt am Ende nichts mehr.

TIP:  Die Scherbe als letzte zivilisierte Form der gesellschaftlichen Erschöpfung

Die paradoxe Allianz

Kaum ein historisches Schauspiel besitzt größere satirische Kraft als die Beobachtung, dass sich progressive Bewegungen gelegentlich ausgerechnet mit politischen Kräften solidarisieren, deren Gesellschaftsmodell sämtliche eigenen Grundüberzeugungen beseitigen würde.

Homosexuelle Rechte.
Frauenrechte.
Religionsfreiheit.
Meinungsfreiheit.

All dies verschwindet erstaunlich schnell hinter geopolitischen Freund-Feind-Schemata.

Ausgerechnet dort, wo sexuelle Selbstbestimmung täglich verteidigt wird, erscheinen plötzlich Bewegungen als legitime Bündnispartner, deren Herrschaft genau diese Selbstbestimmung systematisch unterdrücken würde.

Die politische Vernunft wird dabei offenbar vom moralischen Kompass getrennt. Entscheidend scheint nicht mehr zu sein, wofür jemand tatsächlich steht, sondern ausschließlich, gegen wen sich die jeweilige Position richtet.

Der Feind des Feindes avanciert zum Ehrenmitglied des moralischen Fortschritts. Geschichte besitzt tatsächlich Sinn für Ironie.

Die Clubkultur als Echoraum

Politische Bewegungen entstehen selten ausschließlich in Parlamenten. Häufig wachsen sie dort, wo Kultur, soziale Netzwerke und persönliche Beziehungen ineinandergreifen. Gerade urbane Szenen entwickeln dabei enorme Multiplikatorwirkung.

Berlin erscheint in der Expertise als Beispiel einer internationalen Metropole, in der Aktivismus, Kultur, Universitäten, soziale Medien und Clubkultur eng miteinander verflochten sind. Ideen verbreiten sich hier weniger über Parteiprogramme als über Veranstaltungen, Influencer, Kunstprojekte und digitale Netzwerke.

Dadurch entsteht ein bemerkenswerter Verstärkungseffekt.

Eine These wird hundertfach wiederholt.
Wiederholung erzeugt Vertrautheit.
Vertrautheit ersetzt Überprüfung.
Überprüfung gilt irgendwann als Misstrauen.
Misstrauen wird moralisch verdächtig.
So verwandelt sich Überzeugung schleichend in Selbstverständlichkeit.

Der Verlust der universellen Maßstäbe

Der vielleicht tiefste Widerspruch moderner Identitätspolitik besteht darin, dass sie universelle Menschenrechte häufig durch gruppenspezifische Moral ersetzt. Menschenrechte galten ursprünglich unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Zugehörigkeit. Sie verloren ihre Gültigkeit nicht dadurch, dass jemand einer bestimmten Nation angehörte.

Sobald jedoch dieselbe Handlung unterschiedlich bewertet wird, abhängig davon, wer sie begeht, verschiebt sich der Maßstab.

Doppelte Standards entstehen selten aus Bosheit. Meist entstehen sie aus Überzeugung. Gerade deshalb bleiben sie häufig unsichtbar.

Wer sich selbst ausschließlich als Kämpfer gegen Diskriminierung versteht, hält sich kaum für anfällig gegenüber eigenen Vorurteilen.

TIP:  Wenn Martin Luther heute lebte...

Doch Geschichte zeigt immer wieder, dass moralische Selbstgewissheit einer der zuverlässigsten Produzenten neuer Blindheit ist.

Die Satire der Gegenwart

Vielleicht wird eine spätere Generation einmal mit einiger Verwunderung auf diese Epoche zurückblicken. Sie wird feststellen, dass ausgerechnet jene Generation, die jedes historische Unrecht aufarbeiten wollte, gleichzeitig neue ideologische Scheuklappen entwickelte. Dass ausgerechnet jene Bewegungen, die Vielfalt predigten, häufig erstaunliche Einförmigkeit des Denkens hervorbrachten. Dass ausgerechnet dort, wo Offenheit beschworen wurde, abweichende Perspektiven zunehmend als moralische Verfehlung erschienen.

Satire muss an dieser Stelle kaum noch übertreiben.

Die Wirklichkeit erledigt einen beträchtlichen Teil der Arbeit inzwischen selbst.

Eine Gesellschaft diskutiert stundenlang über inklusive Satzzeichen und scheitert gleichzeitig daran, antisemitische Feindbilder als solche zu erkennen, sobald sie sich in der Sprache des Aktivismus präsentieren.

Eine Bewegung kämpft gegen jede Form der Stereotypisierung und ersetzt sie durch neue Kollektivzuschreibungen.

Eine Kultur der Sensibilität entwickelt bemerkenswerte Unsensibilität gegenüber jenen, die nicht in das eigene ideologische Raster passen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Warnung der Berliner Expertise. Nicht darin, dass Antisemitismus plötzlich in bislang unbekannten Milieus auftaucht. Antisemitismus war niemals Eigentum einer politischen Richtung. Gefährlich wird vielmehr die Vorstellung, bestimmte Weltanschauungen seien aufgrund ihrer moralischen Selbstdarstellung grundsätzlich immun gegen Vorurteile. Genau in diesem Glauben beginnt jede ideologische Blindheit. Denn Vorurteile verschwinden nicht dadurch, dass sie ein progressives Etikett erhalten. Sie wechseln lediglich das Vokabular. Und manchmal geschieht dies so elegant, dass ausgerechnet diejenigen applaudieren, die sich für ihre entschiedensten Gegner halten.