Es gehört zu den unerquicklichsten Eigenschaften des modernen Menschen, dass er sich lieber vom Beton der Wirklichkeit die Stirn einschlagen lässt, als eine liebgewonnene Idee zu verabschieden. Die Naturgesetze gelten inzwischen vielen nur noch als unverbindliche Empfehlungen, historische Erfahrungen als toxische Narrative und offensichtliche Tatsachen als bösartige Gerüchte der jeweils anderen Seite. Wo früher der Narr wenigstens noch als Dorforiginal erkannt wurde, tritt er heute mit moralischer Überheblichkeit, akademischer Fußnote und der Miene eines frisch beförderten Erlösers auf. Die Gegenwart hat aus dem sturen Menschen eine moralische Institution gemacht. Wer früher schlicht unbelehrbar hieß, gilt heute als „standhaft“. Das klingt edler, obwohl der Unterschied ungefähr derselbe ist wie zwischen einem Leuchtturm und einem Einkaufswagen mit blockierter Lenkrolle.
Dabei war die Weltgeschichte stets großzügig mit Warnhinweisen. Ganze Reiche, Parteien, Bewegungen und Heilslehren haben sich an der Wirklichkeit zerschmettert wie Motten an einer Bahnhofslampe. Aber der Ideologe besitzt eine seltene Gabe: Er betrachtet den eigenen Zusammenstoß mit der Realität niemals als Niederlage der Theorie, sondern stets als moralisches Versagen der Welt. Die Realität hätte eben besser kooperieren müssen. Die Ernte blieb aus? Die Bauern sabotierten den Fortschritt. Die Wirtschaft kollabierte? Das Volk verstand die Vision nicht ausreichend. Die Gesellschaft zerfällt? Dann war die Gesellschaft eben noch nicht reif genug. Der ideologische Mensch ist der einzige Autofahrer der Welt, der bei jedem Frontalzusammenstoß empört aus dem Wrack steigt und erklärt, die Mauer habe sich unerwartet aggressiv verhalten.
George Orwell bemerkte einmal, manche Ideen seien so absurd, dass nur Intellektuelle daran glauben könnten. Der gewöhnliche Mensch besitzt nämlich meist noch einen Rest Selbsterhaltungstrieb. Er weiß instinktiv: Wenn ein Dach brennt, diskutiert man nicht über die soziale Konstruktion von Feuer. Der Intellektuelle dagegen veranstaltet zunächst ein Symposium zur historischen Diskriminierung des Wassers. Genau darin liegt die eigentümliche Tragikomödie der Ideologie: Sie ersetzt Beobachtung durch Glauben und Erfahrung durch Bekenntnis. Das Ergebnis erinnert häufig an einen veganen Wolfsexperten, der dem Rudel erklären möchte, Beutetiere seien eigentlich nur ein toxisches Ernährungskonstrukt.
Die große Karriere der Wirklichkeitsverweigerung
Man muss der Moderne allerdings zugutehalten, dass sie die ideologische Verblendung demokratisiert hat. Früher benötigte man wenigstens ein Parteibuch, eine Uniform oder einen philosophischen Zirkel mit schlechter Beleuchtung. Heute reicht ein Zugang zum Internet und die Bereitschaft, jeden Einwand als Angriff auf die Menschheit zu interpretieren. Die Wirklichkeit wird inzwischen nicht mehr widerlegt, sondern gemeldet. Statistik gilt als Gewaltform, Biologie als Meinung, Geschichte als redaktioneller Unfall. Der Mensch von heute lebt nicht mehr in einer gemeinsamen Realität, sondern in sorgfältig tapezierten Echokammern, deren Wände aus Empörung, Selbstgerechtigkeit und algorithmischer Dauererregung bestehen.
Besonders rührend ist dabei die infantile Erwartung, das Universum möge sich aus Rücksichtnahme den eigenen Gefühlen anpassen. Der ideologische Mensch ähnelt einem Kleinkind, das auf ein Stoppschild malt und anschließend erwartet, der Lastwagenverkehr werde nun respektvoll verschwinden. Scheitert dieses Vorhaben, entsteht sofort die große Liturgie der Schuldzuweisung. Dann sind „die Eliten“ schuld, „das System“, „der Kapitalismus“, „die Tradition“, „die Moderne“, „die Medien“, „die alten weißen Männer“, „die Jugend“, „die Vergangenheit“ oder notfalls Merkur im Rückwärtsgang. Nur niemals die eigene Idee. Die Idee bleibt sakrosankt, selbst wenn sie bereits rauchend in einem Straßengraben liegt.
Hier offenbart sich die eigentliche Funktion der Ideologie: Sie dient weniger der Erklärung der Welt als der seelischen Komfortheizung. Der ideologische Mensch möchte sich nicht orientieren, sondern entlasten. Wer eine allumfassende Theorie besitzt, muss nie mehr mühsam denken. Jeder Widerspruch wird automatisch einsortiert. Die Welt verwandelt sich in ein bequemes Puppentheater mit festen Rollen: hier die Guten, dort die Bösen, dazwischen ein moralisch illuminiertes Publikum mit gerecktem Zeigefinger. Die Komplexität der Wirklichkeit wird auf die intellektuelle Größe eines Kühlschrankmagneten reduziert.
Der Märtyrer mit dem Schutzhelm aus Pappe
Besonders faszinierend ist die heroische Pose des modernen Ideologen. Er betrachtet sich grundsätzlich als Widerstandskämpfer, selbst wenn er von Universitäten, Medienhäusern, Kulturinstitutionen und Konzernen gleichzeitig beklatscht wird. Noch nie wurde Konformismus mit solcher Leidenschaft als Rebellion inszeniert. Ganze Heerscharen identisch formulierter Individualisten marschieren unter Bannern der Vielfalt in dieselbe Richtung und halten sich dabei für furchtlose Dissidenten. Es ist die Revolution des Einheitsgesichts.
Dabei besitzt Ideologie eine bemerkenswerte Fähigkeit zur kosmetischen Selbstrettung. Scheitert eine Theorie hundertmal, gilt sie beim hundertundersten Versuch plötzlich als historisch notwendig. Kein Schiffbruch ist endgültig; man erklärt einfach das Meer zum Feind der Menschheit. Diese psychologische Verrenkung erreicht bisweilen olympische Qualität. Nach jeder Katastrophe wird die gleiche Idee mit neuem Etikett versehen, etwas sprachlich parfümiert und erneut verkauft. Der Mensch ist schließlich vergesslich, besonders wenn die Verpackung moralisch glänzt.
Das Komische daran wäre harmlos, hätte Ideologie nicht die unangenehme Eigenschaft, regelmäßig in sehr reale Trümmer zu münden. Denn Mauern sind nicht verhandelbar. Weder wirtschaftliche Realität noch menschliche Natur, weder Mathematik noch Biologie lassen sich dauerhaft durch Haltung beeindrucken. Die Wirklichkeit besitzt keinen Instagram-Account und reagiert nicht auf moralische Hashtags. Sie antwortet mit Inflation, Zusammenbruch, Gewalt, Hunger oder schlicht mit einem trockenen „Nein“. Die Naturgesetze sind die letzten Konservativen des Universums.
Die Mauer als pädagogische Einrichtung
Vielleicht müsste man die Mauer rehabilitieren. Nicht politisch, sondern philosophisch. Die Mauer ist die letzte ehrliche Instanz in einer Zeit universeller Ausreden. Sie diskutiert nicht, moralisiert nicht, twittert nicht und veranstaltet keine Panels zur Sensibilisierung des Aufpralls. Sie erfüllt stoisch ihren Zweck. Wer mit dem Kopf gegen sie rennt, lernt entweder etwas oder entwickelt eine Karriere als Aktivist. Die Mauer besitzt damit einen pädagogischen Wert, den viele Bildungseinrichtungen längst verloren haben.
Der alte Satz „Die Realität setzt sich durch“ klingt inzwischen fast subversiv. Denn die Gegenwart lebt von der Vorstellung, alles sei verhandelbar: Sprache, Wahrheit, Grenzen, Natur, Identität, Geschichte, sogar Logik. Doch am Ende triumphiert stets etwas erschreckend Altmodisches: die Tatsächlichkeit. Man kann Schwerkraft problematisieren, aber ein Sprung vom Dach bleibt ein empirisches Argument. Genau deshalb reagieren Ideologen auf Fakten oft wie Vampire auf Tageslicht. Nicht weil Fakten immer angenehm wären, sondern weil sie jede Erlösungsfantasie brutal entzaubern.
Nietzsche schrieb einmal, nicht der Zweifel mache wahnsinnig, sondern die Gewissheit. Der ideologische Mensch ist gerade deshalb gefährlich, weil er keinen Humor mehr besitzt. Humor setzt Distanz voraus, die Fähigkeit, auch die eigene Position lächerlich zu finden. Ideologie dagegen verlangt totale Ernsthaftigkeit. Der Fanatiker darf nicht lachen, denn jedes Lachen erzeugt einen Riss im heiligen Gebäude der Überzeugung. Deshalb sind autoritäre Bewegungen aller Art humoristisch meist so unerquicklich wie ein Steuerformular im Regen.
Und vielleicht liegt genau darin der letzte Überlebenstipp für Ideologen: weniger Pathos, mehr Beulen. Wer gelegentlich akzeptiert, dass der eigene Kopf nicht das Maß aller Dinge ist, erspart sich womöglich den endgültigen Frontalaufprall. Die Welt muss nicht immer recht haben, aber sie besitzt einen entscheidenden Vorteil gegenüber jeder Theorie: Sie existiert. Und gegen Existenz kommt selbst die brillanteste Ideologie nur schwer an. Die Wand bleibt härter. Das ist unerquicklich, unromantisch und von geradezu beleidigender Nüchternheit. Aber immerhin zuverlässig.