Die große Koalition der Widersprüche

Es gehört zu den bemerkenswerten Leistungen moderner westlicher Gesellschaften, dass sie politische und moralische Verrenkungen hervorgebracht haben, die selbst einem Zirkusakrobaten Schwindelgefühle bereiten würden. Besonders eindrucksvoll ist dabei jene eigentümliche Allianz, die sich in den vergangenen Jahren zwischen Teilen der radikalen Linken und den Vertretern religiös-konservativer bis fundamentalistischer Milieus herausgebildet hat. Auf den ersten Blick wirkt diese Verbindung so plausibel wie eine Vegetariervereinigung als Sponsor eines Schlachthofes. Bei näherer Betrachtung jedoch offenbart sich eine innere Logik, die zwar unerquicklich, aber durchaus nachvollziehbar ist. Die moderne Identitätspolitik hat die Welt in ein moralisches Schachbrett verwandelt, auf dem Menschen nicht mehr nach ihren Überzeugungen, Handlungen oder Werten beurteilt werden, sondern nach ihrer Position innerhalb eines angenommenen Systems von Macht und Unterdrückung. Wer als Opfer gilt, erhält automatisch einen moralischen Kreditrahmen, dessen Höhe praktisch unbegrenzt erscheint. Wer als privilegiert gilt, befindet sich dagegen dauerhaft im ideologischen Dispokredit. Damit wurde eine politische Mechanik geschaffen, die zwar elegant klingt, aber in der Praxis ungefähr so zuverlässig funktioniert wie ein Kompass in der Nähe eines Magneten.

Die Geburt eines neuen Heiligen

Lange Zeit war das Weltbild übersichtlich. Der klassische Gegner war leicht zu identifizieren: männlich, weiß, wohlhabend, konservativ und im Besitz einer Eigentumswohnung. Die gesellschaftliche Ordnung erschien als gigantische Maschine, deren Zahnräder ausschließlich von Menschen mit Krawatten bedient wurden. Dann veränderten Migration, Globalisierung und Identitätspolitik die politische Landschaft. Plötzlich trat eine neue Figur auf die Bühne: der muslimische Migrant. Er wurde zum Symbol historischer Schuld, kolonialer Versäumnisse und westlicher Selbstanklage. Seine tatsächlichen politischen oder religiösen Überzeugungen spielten dabei oft eine erstaunlich geringe Rolle. Entscheidend war seine Zuordnung zur Kategorie der Benachteiligten. Aus einem Menschen wurde ein Symbol. Aus einem Individuum wurde eine Projektionsfläche. Und Symbole haben bekanntlich den Vorteil, dass sie nicht widersprechen können.

Die Folgen waren vorhersehbar. Wer einmal als Vertreter einer unterdrückten Gruppe definiert worden ist, wird im identitätspolitischen Denken nur noch ungern als Träger problematischer Ansichten wahrgenommen. Jede Kritik erscheint sofort verdächtig. Wer auf Homophobie in konservativ-islamischen Milieus hinweist, gilt nicht selten als latent fremdenfeindlich. Wer über islamistischen Antisemitismus spricht, wird schnell gefragt, weshalb gerade dieses Thema so wichtig sei. Wer die Vereinbarkeit religiöser Rechtsvorstellungen mit einem säkularen Verfassungsstaat diskutieren möchte, findet sich rasch in der Rolle des Angeklagten wieder. Die Frage selbst wird zum Vergehen erklärt. Die Debatte wird ersetzt durch Verdachtsmanagement.

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Die Kunst der sprachlichen Nebelwerfer

Eine der größten politischen Innovationen der Gegenwart besteht darin, Probleme nicht zu lösen, sondern umzubenennen. Wo früher Konflikte sichtbar waren, entstehen heute Formulierungen. Wo Tatsachen unangenehm werden, erscheinen neue Begriffe. Sprache wird nicht mehr verwendet, um Wirklichkeit zu beschreiben, sondern um sie zu überdecken. Aus religiös motivierter Frauenunterdrückung wird kulturelle Identität. Aus aggressiver Homophobie wird ein Ausdruck sozialer Benachteiligung. Aus antisemitischen Demonstrationen werden komplexe Diskursräume. Die Realität verschwindet hinter einem Vorhang aus Begriffen, der so dicht gewebt ist, dass man irgendwann nicht mehr erkennt, ob sich dahinter überhaupt noch etwas befindet.

George Orwell hätte vermutlich anerkennend genickt. Nicht aus Zustimmung, sondern aus professioneller Bewunderung. Schließlich hatte er schon früh verstanden, dass politische Sprache oft dazu dient, Lügen glaubwürdig und Mord respektabel erscheinen zu lassen. Die moderne Variante verzichtet auf die groben Werkzeuge vergangener Ideologien. Sie arbeitet subtiler. Sie produziert keine Propaganda, sondern Sensibilität. Keine Verbote, sondern Narrative. Keine Zensur, sondern Kontextualisierung. Das Ergebnis bleibt jedoch ähnlich: Bestimmte Tatsachen werden gesellschaftlich unsichtbar gemacht.

Die Mathematik des Schweigens

Besonders unerquicklich wird die Angelegenheit, wenn Zahlen ins Spiel kommen. Zahlen besitzen eine unangenehme Eigenschaft. Sie sind vollkommen unbeeindruckt von moralischer Empörung. Sie ändern sich nicht, weil jemand sie problematisch findet. Sie lassen sich weder canceln noch therapieren. Studien, Umfragen und statistische Erhebungen zeigen seit Jahren, dass in Teilen konservativ-islamischer Milieus Einstellungen verbreitet sind, die mit den Grundprinzipien liberaler Demokratien nur schwer vereinbar erscheinen. Ablehnung sexueller Vielfalt, Zustimmung zu religiösen Vorrangansprüchen, antisemitische Ressentiments und patriarchale Geschlechterbilder sind keine Erfindungen rechter Stammtische, sondern wiederkehrende Befunde empirischer Forschung.

Die Reaktion vieler progressiver Milieus auf solche Erkenntnisse gleicht einem Meisterkurs im gepflegten Wegsehen. Man spricht über alles, nur nicht über den Inhalt. Über Methodik. Über historische Ursachen. Über soziale Benachteiligung. Über Diskriminierungserfahrungen. Über die psychologischen Folgen von Ausgrenzung. Alles wichtige Themen. Nur eben nicht das eigentliche Thema. Es erinnert an einen Feuerwehrmann, der bei einem Wohnungsbrand zunächst einen Vortrag über die historische Entwicklung der Architektur hält, während hinter ihm die Flammen aus den Fenstern schlagen.

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Die Allianz der verschiedenen Absichten

Das eigentlich Kuriose an dieser Konstellation besteht darin, dass beide Seiten völlig unterschiedliche Ziele verfolgen. Der linke Aktivist träumt von einer Gesellschaft maximaler Diversität, individueller Selbstverwirklichung und grenzenloser Identitätsentfaltung. Der religiöse Fundamentalist träumt häufig von einer Gesellschaft klarer Hierarchien, strenger Geschlechterrollen und religiöser Normierung. Der eine organisiert Workshops über Mikroaggressionen. Der andere hält Mikroaggressionen für Zeitverschwendung und bevorzugt Makroverbote. Der eine möchte traditionelle Strukturen auflösen. Der andere möchte sie restaurieren oder verschärfen.

Dennoch finden beide immer wieder zusammen. Nicht aufgrund gemeinsamer Visionen, sondern aufgrund gemeinsamer Gegnerschaften. Der Westen wird zum universellen Schuldigen erklärt. Die liberale Mehrheitsgesellschaft dient als gemeinsamer Gegner. Die Motive unterscheiden sich fundamental, die Richtung der Anklage bleibt identisch. Es handelt sich um eine politische Zweckgemeinschaft, die ungefähr so stabil ist wie ein Bündnis zwischen einem Brandschutzverein und einem Berufsbrandstifter. Solange beide dasselbe Gebäude kritisieren, funktioniert die Zusammenarbeit erstaunlich gut.

Die Opfer der Rücksichtnahme

Die eigentlichen Verlierer dieser Entwicklung sind selten jene Gruppen, in deren Namen gesprochen wird. Es sind liberale Muslime, die für Säkularismus, Aufklärung und individuelle Freiheit eintreten und sich zwischen zwei Fronten wiederfinden. Von Islamisten werden sie als Verräter betrachtet, von identitätspolitischen Aktivisten oft als störende Ausnahmeerscheinungen behandelt, die das schöne Schwarz-Weiß-Gemälde mit lästigen Grautönen verunreinigen. Es sind muslimische Frauen, die religiösen oder familiären Zwang ablehnen und feststellen müssen, dass ihre Erfahrungen gelegentlich weniger Aufmerksamkeit erhalten als die Gefühle jener, die ihre Unterdrückung als kulturelle Besonderheit betrachten möchten. Es sind homosexuelle Menschen, die erleben, dass die Verteidigung ihrer Rechte plötzlich relativiert wird, sobald die Diskriminierung aus der „richtigen“ Richtung kommt.

Hier zeigt sich die entscheidende Frage jeder politischen Moral: Gilt ein Prinzip universell oder nur selektiv? Ist Unterdrückung immer falsch oder lediglich dann, wenn sie vom vorgesehenen Täter ausgeht? Darf Antisemitismus nur dort kritisiert werden, wo er politisch bequem ist? Darf Frauenfeindlichkeit nur dann benannt werden, wenn kein kulturelles Missverständnis droht? In solchen Momenten endet die Theorie und beginnt die Wirklichkeit.

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Der Rückfall in moderner Verpackung

Vielleicht liegt die größte Ironie dieser Entwicklung darin, dass sich manche Strömungen, die sich selbst als Speerspitze des Fortschritts verstehen, zunehmend als Verteidiger vormoderner Denkweisen betätigen. Was einst als Kampf gegen Autorität begann, endet nicht selten in der Entschuldigung autoritärer Strukturen. Was als Befreiungsbewegung antrat, verteidigt plötzlich Systeme sozialer Kontrolle. Was Aufklärung versprach, relativiert Aufklärungswerte. Der Rückschritt erscheint nicht mehr im Gewand des Mittelalters, sondern in der Sprache von Diversity-Strategien, Sensibilitätsleitfäden und Antidiskriminierungsseminaren. Das macht ihn gesellschaftlich akzeptabler, aber nicht weniger rückschrittlich.

Vielleicht wäre bereits viel gewonnen, wenn ein alter und inzwischen fast verdächtig wirkender Gedanke wieder Anerkennung fände: Weder Mehrheit noch Minderheit besitzen automatisch Recht. Menschen haben recht oder unrecht aufgrund ihrer Argumente, ihrer Handlungen und ihrer Prinzipien. Nicht aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit. Wer jede Minderheit moralisch immunisiert, schafft keine gerechtere Gesellschaft. Er schafft lediglich neue Tabus. Und Tabus waren noch nie besonders hilfreich bei der Verteidigung von Freiheit.

Am Ende bleibt daher eine ernüchternde Erkenntnis. Toleranz bedeutet nicht, alles zu akzeptieren. Respekt bedeutet nicht, jede Überzeugung für gleich wertvoll zu halten. Und kulturelle Sensibilität bedeutet nicht, bei Unterdrückung höflich wegzusehen. Wer dies verwechselt, hat keinen Beitrag zur offenen Gesellschaft geleistet. Er hat lediglich ihre Verteidigung eingestellt. Allerdings mit ausgesprochen freundlichen Formulierungen, sorgfältig gendergerecht formulierten Absätzen und einem beeindruckenden Vorrat an moralisch einwandfreiem Vokabular. Der Niedergang von Prinzipien wirkt schließlich deutlich angenehmer, wenn er sprachlich professionell begleitet wird.