Die Liturgie der Verharmlosung

Es gibt in modernen Gesellschaften ein bemerkenswertes Schauspiel, das sich mit der Zuverlässigkeit eines schlecht gewarteten Uhrwerks wiederholt. Irgendetwas geschieht. Manchmal ist es ein Anschlag, manchmal eine Gewalttat, manchmal ein politischer Skandal, manchmal eine Entwicklung, die noch gestern als völlig undenkbar galt. Das eigentliche Ereignis dauert oft nur wenige Minuten. Die Nachgeschichte hingegen kann Wochen, Monate oder Jahre andauern. Denn kaum ist der Rauch verzogen, kaum sind die ersten Bilder gesendet und die ersten Fakten bekannt geworden, beginnt das eigentliche Ritual. Es ist ein gesellschaftliches Theaterstück, dessen Handlung längst feststeht und dessen Darsteller ihre Rollen mit der Routine alter Provinzschauspieler absolvieren. Niemand scheint das Drehbuch gelesen zu haben, und doch kennt jeder seinen Einsatz.

Die erste Stufe: Das ist nie passiert

Am Anfang steht die kategorische Verneinung. Das Ereignis existiert nicht. Es hat nie stattgefunden. Die Berichte seien falsch, die Quellen zweifelhaft, die Zeugen voreingenommen, die Bilder aus dem Zusammenhang gerissen. Der Rauch sei bloß Nebel gewesen, die Explosion vielleicht ein Missverständnis, die Tat lediglich eine Erfindung sensationeller Medien. Es ist die Phase des absoluten Dementis, jenes uralte menschliche Bedürfnis, die Wirklichkeit durch energisches Kopfschütteln zu besiegen.

Die Geschichte kennt unzählige Beispiele dafür. Der sowjetische Witz erzählte einst, dass in der UdSSR keine Hungersnot existiere, weil über Hungersnöte nicht berichtet werde. Der Mechanismus ist älter als jede Ideologie. Bereits der Philosoph Arthur Schopenhauer bemerkte, dass jede Wahrheit zunächst verlacht, dann bekämpft und schließlich als selbstverständlich betrachtet werde. Vor dem Verlachtwerden steht jedoch häufig eine andere Stufe: das hartnäckige Beharren darauf, dass überhaupt nichts geschehen sei.

Die zweite Stufe: Das passiert so gut wie nie

Sobald die Existenz des Ereignisses nicht länger bestritten werden kann, erfolgt die elegante Rückzugsbewegung. Nun heißt es nicht mehr, dass nichts passiert sei. Nun heißt es, dass es zwar passiert sei, aber praktisch nie vorkomme. Ein Einzelfall. Eine statistische Randnotiz. Eine Anomalie. Ein Ausrutscher der Geschichte.

In dieser Phase werden Zahlen zu Schutzschildern umgeschmiedet. Prozentwerte marschieren auf wie schwer bewaffnete Leibgarden der Interpretation. Aus einem konkreten Ereignis wird eine mathematische Fußnote gemacht. Wer auf den Vorfall verweist, bekommt Diagramme präsentiert. Wer über Opfer spricht, erhält Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Wer ein Problem erkennt, wird mit Tabellen beschossen.

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Dabei hat die Statistik eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie kann gleichzeitig wahr und vollkommen irrelevant sein. Für jemanden, der von einem herunterfallenden Klavier getroffen wurde, besitzt die Information, dass derartige Unfälle äußerst selten seien, meist nur begrenzten Trost.

Die dritte Stufe: Aber was ist mit den anderen Dingen?

Ist auch diese Verteidigungslinie gefallen, beginnt die große Olympiade des Vergleichens. Plötzlich treten sämtliche Probleme der Welt gleichzeitig auf die Bühne. Ja, dieses Ereignis habe stattgefunden. Aber was sei mit Kriegen? Was sei mit Hunger? Was sei mit Verkehrsunfällen? Was sei mit Krankheiten, Umweltverschmutzung, Armut, Korruption, Einsamkeit, Zahnstein und schlechtem Wetter?

Die Logik dieser Argumentation besitzt eine eigentümliche Schönheit. Wenn etwas Schlimmeres existiert, dann verliert offenbar jedes kleinere Problem seine Berechtigung. Nach dieser Denkweise dürfte sich niemand über einen Einbruch beklagen, solange irgendwo ein Vulkanausbruch stattfindet. Niemand dürfte über Korruption sprechen, solange es Krebs gibt. Niemand dürfte über Gewalt diskutieren, solange Sterne explodieren.

Das Universum selbst scheint nach dieser Auffassung eine gigantische Relativierungsmaschine zu sein. Alles wird klein, sobald man etwas Größeres danebenstellt. Ein Hausbrand erscheint belanglos neben einem Waldbrand. Ein Waldbrand wirkt bescheiden neben einem Krieg. Ein Krieg verblasst angesichts der kosmischen Hitzetode des Universums. Am Ende bleibt nur die philosophische Erkenntnis, dass ohnehin alles irgendwann vergeht und man deshalb vielleicht besser schweigen sollte.

Die vierte Stufe: Warum interessiert das überhaupt?

Wenn die Relativierung ihre Wirkung verliert, verschiebt sich der Fokus. Nun steht nicht mehr das Ereignis im Mittelpunkt, sondern die Person, die darüber spricht. Warum diese Beschäftigung? Warum diese Aufmerksamkeit? Warum diese Beharrlichkeit?

Plötzlich wird Neugier verdächtig. Interesse gilt als Indiz für schlechte Absichten. Wer Fragen stellt, muss etwas im Schilde führen. Wer ein Thema verfolgt, verfolgt vermutlich eine Agenda. Das Problem wird nicht länger untersucht; untersucht wird nun derjenige, der es erwähnt.

Es ist eine raffinierte Umkehrung. Der Scheinwerfer wird umgedreht. Nicht die Tat steht auf der Anklagebank, sondern die Wahrnehmung der Tat. Die Debatte verwandelt sich in ein psychologisches Gutachten über die Motive der Beobachter. Sigmund Freud hätte daran vermutlich seine Freude gehabt. Der Rest der Bevölkerung eher weniger.

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Die fünfte Stufe: So schlimm ist es doch gar nicht

Nun beginnt die Phase der Verkleinerung. Das Ereignis wird nicht mehr bestritten. Es wird nicht mehr relativiert. Es wird nicht mehr durch Ablenkung entschärft. Stattdessen wird seine Bedeutung geschrumpft wie ein Wollpullover im falschen Waschgang.

Man habe überreagiert. Man müsse die Dinge im Kontext sehen. Es gebe schließlich Grautöne. Nichts sei nur schwarz oder weiß. Alles sei kompliziert.

Natürlich ist fast alles kompliziert. Das Wetter ist kompliziert. Die Steuererklärung ist kompliziert. Die Quantenmechanik ist kompliziert. Doch Komplexität besitzt die unangenehme Eigenschaft, dass sie nicht automatisch Entwarnung bedeutet. Ein Problem bleibt ein Problem, selbst wenn es viele Fußnoten besitzt.

Die sechste Stufe: Eigentlich ist es gut

Hier erreicht das Schauspiel seinen kreativen Höhepunkt. Was zunächst nicht existierte, dann selten war, anschließend relativiert, hinterfragt und verharmlost wurde, erhält plötzlich eine positive Umdeutung.

Das Ereignis sei notwendig gewesen. Vielleicht sogar nützlich. Eventuell unvermeidlich. Möglicherweise ein Fortschritt.

Die bemerkenswerte Reise der Interpretation ist damit fast abgeschlossen. Das ursprünglich bestrittene Geschehen hat sich vom Phantom zum Tugendbeispiel entwickelt. Was am Montag noch als Erfindung galt, erscheint am Freitag als historischer Meilenstein.

George Orwell beschrieb in „1984“ die Fähigkeit totalitärer Systeme, Vergangenheit und Gegenwart ständig umzuschreiben. Die Realität müsse sich den politischen Bedürfnissen anpassen. Die moderne Variante wirkt oft subtiler. Die Fakten bleiben stehen, aber ihre moralische Bewertung macht akrobatische Verrenkungen, die jeden Zirkusartisten vor Neid erblassen lassen würden.

Die siebte Stufe: Die Reaktionäre sind das Problem

An diesem Punkt ist die Metamorphose vollständig. Nicht mehr das Ereignis gilt als problematisch, sondern die Empörung darüber.

Diejenigen, die sich aufregen, seien hysterisch. Diejenigen, die warnen, seien gefährlich. Diejenigen, die kritisieren, würden erst die eigentliche Krise erzeugen.

Das Feuer ist nicht mehr das Problem. Problematisch sind die Menschen, die „Feuer!“ rufen.

Es handelt sich um eine bemerkenswerte rhetorische Alchemie. Aus Kritikern werden Störenfriede. Aus Warnern werden Panikmacher. Aus Skeptikern werden Feinde der Vernunft. Die Realität verschwindet hinter der Debatte über die Reaktion auf die Realität.

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Die achte Stufe: Man sollte etwas gegen diese Leute tun

Das Finale besitzt stets einen leicht autoritären Beigeschmack. Wer sich weiterhin weigert, das offizielle Narrativ zu übernehmen, gilt nun als Risiko. Vielleicht müsse man seine Reichweite begrenzen. Vielleicht müsse man seine Aussagen kontrollieren. Vielleicht brauche es Maßnahmen, Programme, Beobachtung, Regulierung oder irgendeine andere Form wohlmeinender Korrektur.

Der Kreis schließt sich.

Aus einem Ereignis wurde zunächst ein Nicht-Ereignis. Dann eine Seltenheit. Dann eine Nebensache. Dann ein Verdacht gegen jene, die darüber sprechen. Danach eine Bagatelle. Anschließend ein Fortschritt. Schließlich ein Vorwand, gegen die Kritiker vorzugehen.

Die eigentliche Ironie liegt darin, dass dieses Muster so oft wiederkehrt, dass es beinahe beruhigend wirkt. Es besitzt etwas Tröstliches, wie das Auftreten eines vertrauten Bühnenstücks. Die Kulissen ändern sich, die Akteure wechseln, die Schlagzeilen rotieren, die Ideologien tauschen ihre Plätze. Doch die Dramaturgie bleibt erstaunlich konstant.

Vielleicht besteht die größte Leistung moderner öffentlicher Debatten darin, dass sie selbst die absurdesten Wendungen mit vollkommen ernstem Gesichtsausdruck vortragen können. Ein mittelalterlicher Hofnarr hätte dafür Gelächter geerntet. Heute erscheinen derartige Verrenkungen häufig als Leitartikel, Expertengremium oder Pressekonferenz.

Und so wird das nächste Ereignis kommen, wie das nächste Kapitel eines längst bekannten Romans. Die ersten Kommentare werden erscheinen, die ersten Dementis werden folgen, die ersten Relativierungen werden vorbereitet. Das Publikum kennt jede Szene bereits auswendig und spielt dennoch jedes Mal aufs Neue mit.

Der Vorhang fällt nie wirklich. Er hebt sich lediglich für die nächste Aufführung.