Die letzte Pommes Europas

Es gibt Nachrichten, die wirken auf den ersten Blick so belanglos, dass sie zwischen Wetterbericht und Kleinanzeigen verschwinden könnten. Und doch entfalten sie bei näherer Betrachtung eine eigentümliche Symbolkraft. Die Nachricht vom Verschwinden der Pommes frites aus den Bordbistros der Deutschen Bahn gehört zweifellos in diese Kategorie. Nicht Krieg, nicht Staatsbankrott, nicht Revolution. Nein. Pommes. Jene goldgelben Kartoffelstäbchen, die über Generationen hinweg treue Begleiter von Currywürsten, Raststättenkaffee und verspäteten Fernzügen waren, werden aus dem rollenden Speisewagen verbannt. Der Grund liegt selbstverständlich nicht in mangelnder Nachfrage. Auch nicht darin, dass plötzlich ein europaweites Gesundheitsbewusstsein ausgebrochen wäre. Verantwortlich ist vielmehr eine jener regulatorischen Kettenreaktionen, die nur in den klimatisierten Amtsstuben Brüssels entstehen können, wo der Verwaltungsgeist längst zu einer eigenständigen Naturgewalt geworden ist. Die Pommes selbst haben nichts verbrochen. Sie enthalten weder fluorierte Treibhausgase noch greifen sie aktiv die Ozonschicht an. Ihr einziges Vergehen besteht darin, tiefgekühlt transportiert werden zu müssen. Damit geraten sie in den Einflussbereich einer europäischen Verordnung, die den Einsatz bestimmter Kältemittel schrittweise beenden soll. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Nicht die Verordnung verbietet die Pommes, aber sie macht deren Existenz im Bordbistro so unpraktisch, dass sie am Ende trotzdem verschwinden. Es ist die moderne Form des Verbots. Niemand untersagt etwas direkt. Man schafft lediglich die Rahmenbedingungen, unter denen es aufhört zu existieren.

Die Bürokratie als schöpferische Kraft

Frühere Generationen stellten sich Bürokraten als graue Gestalten vor, die Formulare abstempeln und Akten sortieren. Dieses Bild ist hoffnungslos veraltet. Der moderne Regulierer ist ein gesellschaftlicher Architekt. Er baut keine Häuser, keine Brücken und keine Eisenbahnen, aber er gestaltet den Alltag von Hunderten Millionen Menschen bis in die Tiefen ihrer Speisekarten hinein. Die große Ironie besteht darin, dass die Europäische Union ursprünglich gegründet wurde, um Grenzen abzubauen. Heute produziert sie in beeindruckender Geschwindigkeit neue Grenzen: Grenzwerte, Richtlinien, Normen, Verordnungen, Prüfverfahren, Dokumentationspflichten und Zertifizierungsvorschriften. Die einstige Vision des freien Verkehrs von Waren und Menschen ist zunehmend ergänzt worden durch den freien Verkehr von Vorschriften. Während Züge gelegentlich ausfallen, verkehren neue Regelwerke mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit.

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Der Verwaltungsapparat besitzt dabei eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er kennt keinen natürlichen Endpunkt. Ein Unternehmer kann irgendwann sagen, sein Geschäft sei groß genug. Ein Künstler kann ein Werk vollenden. Ein Wissenschaftler kann eine Theorie abschließen. Die Bürokratie hingegen lebt vom permanenten Ausbau ihrer Zuständigkeiten. Wo ein Problem gelöst wird, entsteht sofort die Suche nach dem nächsten Problem. Das erklärt möglicherweise, weshalb die Geschichte Europas inzwischen nicht mehr als Folge politischer Epochen erscheint, sondern als chronologische Auflistung von Verordnungsnummern.

Die Philosophie der indirekten Verbote

Besonders faszinierend ist die Kunst des indirekten Verbots. Sie stellt eine Meisterleistung moderner Verwaltungskultur dar. Früher mussten Regierungen unangenehme Entscheidungen offen treffen und sich anschließend dem politischen Streit stellen. Heute genügt es, eine ausreichend komplexe Regulierung zu schaffen. Die Folgen ergeben sich dann scheinbar von selbst. Niemand verbietet den Bürgern die Pommes. Niemand verbietet den Eiswürfel. Niemand verbietet den gekühlten Softdrink. Man erhöht lediglich den technischen, finanziellen und administrativen Aufwand so lange, bis die Betroffenen selbst kapitulieren. Anschließend kann erklärt werden, niemand habe irgendetwas untersagt.

Es handelt sich um dieselbe Logik, mit der sich ein Gärtner rühmen könnte, niemals Blumen abgeschnitten zu haben, nachdem er lediglich Wasser, Erde und Sonnenlicht entfernt hat. Die Blumen verschwinden dann ganz von allein. Die Verantwortung trägt angeblich niemand. Schuld ist stets der Sachzwang, die Notwendigkeit, die Transformation oder irgendeine andere jener abstrakten Gottheiten, die in modernen Verwaltungssystemen an die Stelle konkreter Entscheidungen getreten sind.

Der Triumph der Symbolpolitik

Natürlich verfolgt die Verordnung ein ernsthaftes Ziel. Fluorierte Treibhausgase sind tatsächlich problematisch. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass moderne Kühltechnik sinnvoll sein kann. Doch genau hier beginnt die satirische Tragik der Angelegenheit. Denn während globale Emissionen weiterhin von den großen Industrie- und Schwellenländern bestimmt werden, wird der europäische Bürger Zeuge eines Schauspiels, bei dem ausgerechnet die Bordpommes zum Symbol des Fortschritts erklärt werden. Der Planet wird nicht gerettet, weil im ICE zwischen Hamburg und München keine Tiefkühlkartoffeln mehr lagern. Die Atmosphäre führt keine Statistik über Currywurstbeilagen. Dennoch entfaltet die Maßnahme eine politische Attraktivität, weil sie sichtbar ist. Sichtbarkeit ist die eigentliche Währung moderner Politik.

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Der französische Schriftsteller und Satiriker Georges Courteline bemerkte einst, Verwaltung sei die Kunst, Probleme zu schaffen, deren Lösung anschließend als Leistung verkauft werde. Dieser Gedanke wirkt heute beinahe prophetisch. Die Bürger erleben nicht die Milliardeninvestitionen in technische Innovationen, sondern das Fehlen der Pommes auf der Speisekarte. Die konkrete Erfahrung besteht im Verlust. Die abstrakte Begründung bleibt dagegen unsichtbar. Daraus entsteht jene eigentümliche Entfremdung, die viele europäische Gesellschaften zunehmend prägt.

Die Bahn als Spiegelbild Europas

Dass ausgerechnet die Deutsche Bahn zum Schauplatz dieser Entwicklung wird, besitzt fast literarische Qualität. Kaum eine Institution verkörpert die Widersprüche moderner Politik so eindrucksvoll wie das deutsche Eisenbahnsystem. Eine Organisation, die es gelegentlich schafft, Hochgeschwindigkeitszüge mit der zeitlichen Präzision mittelalterlicher Pilgerreisen zu betreiben, wird nun zum Vorreiter klimafreundlicher Gastronomie. Während Reisende über ausgefallene Anschlüsse, verspätete Züge und defekte Klimaanlagen informiert werden, kann gleichzeitig stolz verkündet werden, dass die Tiefkühlpommes verschwunden sind. Es ist, als würde ein sinkendes Schiff zuerst die Speisekarte überarbeiten.

Die Bahn handelt dabei durchaus rational. Die Kosten für neue Kühltechnik sind hoch, die Logistik wird einfacher, der Wartungsaufwand sinkt. Das Unternehmen reagiert auf wirtschaftliche Anreize, die durch politische Vorgaben geschaffen wurden. Genau deshalb ist die Angelegenheit so aufschlussreich. Sie zeigt, wie Regulierung funktioniert: nicht durch Befehle, sondern durch die Veränderung von Rahmenbedingungen. Die Entscheidung wirkt privatwirtschaftlich, ihre Ursachen sind politisch.

Das Europa der kleinen Verluste

Keine einzelne Verordnung verändert eine Zivilisation. Keine einzelne Vorschrift erschüttert eine Gesellschaft. Die eigentliche Wirkung entsteht durch die Summe unzähliger kleiner Eingriffe. Hier verschwindet eine Speisekarte, dort ein Produkt, anderswo eine Dienstleistung. Jede Maßnahme für sich erscheint vernünftig. Erst die Gesamtheit erzeugt ein Gefühl permanenter Bevormundung. Der Bürger soll möglichst nachhaltig reisen, nachhaltig heizen, nachhaltig essen, nachhaltig wohnen und nachhaltig konsumieren. Nachhaltigkeit entwickelt sich dabei vom sinnvollen Prinzip zur allgegenwärtigen Erziehungsmaßnahme.

Der eigentliche Konflikt verläuft daher nicht zwischen Klimaschutz und Klimaskepsis. Er verläuft zwischen technischer Problemlösung und administrativem Perfektionismus. Während Ingenieure versuchen, bessere Maschinen zu bauen, versucht die Bürokratie, bessere Menschen hervorzubringen. Die Geschichte zeigt jedoch, dass Gesellschaften selten durch Vorschriften begeistert werden. Begeisterung entsteht durch Innovation, Freiheit und praktische Verbesserungen. Niemand schwärmt von einem Formular. Niemand erzählt seinen Enkeln voller Stolz von einer besonders gelungenen Verwaltungsrichtlinie.

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Die Zukunft nach der Pommes

Vielleicht wird irgendwann tatsächlich die letzte Bordpommes Europas serviert werden. Vielleicht wird ein Zugbegleiter sie feierlich auf einem kleinen Teller präsentieren, während irgendwo in Brüssel eine Arbeitsgruppe über die klimatische Zukunft von Eiswürfeln diskutiert. Die Szene hätte das Zeug zu einer Groteske von Franz Kafka oder einer Satire von Evelyn Waugh. Der Reisende blickt auf die Currywurst, sucht vergeblich nach ihrer traditionellen Begleitung und erfährt, dass dies ein Beitrag zur Rettung des Planeten sei. Der Planet bemerkt davon vermutlich nichts. Der Reisende hingegen sehr wohl.

So bleibt die verschwundene Pommes weit mehr als eine kulinarische Randnotiz. Sie wird zum Symbol eines Europas, das zunehmend an die magische Kraft der Regulierung glaubt. Ein Europa, das jede Herausforderung mit einer neuen Vorschrift beantwortet und dabei gelegentlich übersieht, dass gesellschaftlicher Fortschritt nicht nur aus Verboten, Grenzwerten und Richtlinien besteht. Manchmal besteht er auch aus etwas so Profanem wie einer Portion Pommes im Bordbistro eines pünktlichen Zuges. Letzteres wäre freilich die deutlich größere Sensation.