Die Republik im Lastmanagement

Es gehört zu den bemerkenswerten kulturellen Leistungen Europas des frühen 21. Jahrhunderts, dass jede technische Errungenschaft früher oder später in eine moralische Verpflichtung verwandelt wird. Das Automobil wurde zur Verkehrswende, die Glühbirne zum Klimaproblem, die Heizung zur Gewissensfrage und nun droht selbst die Steckdose ihren Status als unschuldiges Möbelstück zu verlieren. Der Strom, einst Symbol industrieller Freiheit und grenzenlosen Fortschritts, entwickelt sich schrittweise zu einer Ressource, deren Nutzung erklärungsbedürftig wird. Die europäische Moderne, die einst davon träumte, Energie immer billiger, reichlicher und verlässlicher zu machen, scheint sich inzwischen darauf spezialisiert zu haben, den Bürgern beizubringen, warum sie weniger davon benötigen sollten.

Die jüngsten Pläne der Europäischen Union fügen sich nahtlos in dieses historische Panorama ein. Während Politiker, Technologiekonzerne und Zukunftspropheten seit Jahren die Segnungen künstlicher Intelligenz preisen, tritt nun ein kleiner, aber nicht ganz unwesentlicher Nebeneffekt zutage: Die Maschinen, die angeblich alle Probleme lösen werden, besitzen einen bemerkenswerten Appetit auf Elektrizität. Die digitale Revolution, die so oft als immaterielle, nahezu schwerelose Transformation beschrieben wurde, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Ansammlung gigantischer Hallen voller Server, die Tag und Nacht Energie verschlingen, Wärme produzieren und Kühlanlagen beschäftigen. Hinter jedem intelligenten Chatbot, hinter jeder automatisierten Analyse und hinter jeder KI-generierten Präsentation steht letztlich dieselbe profane Realität, die schon den Hochofen und die Aluminiumhütte begleitete: Strom muss irgendwo erzeugt werden.

Die Rückkehr der Knappheit

Die eigentliche Ironie liegt darin, dass Europa über Jahrzehnte hinweg eine Politik betrieb, deren offizielles Ziel die vollständige Elektrifizierung des Kontinents war. Autos sollten elektrisch fahren, Heizungen elektrisch arbeiten, industrielle Prozesse elektrisch funktionieren, Wasserstoff elektrisch produziert werden und die Digitalisierung selbstverständlich ebenfalls auf Elektrizität beruhen. Gleichzeitig wurden jedoch immer größere Teile der Stromerzeugung auf wetterabhängige Quellen umgestellt, deren wichtigste Eigenschaft darin besteht, nicht auf politische Absichtserklärungen zu reagieren. Der Wind liest keine Verordnungen. Die Sonne interessiert sich nicht für Legislaturperioden.

Das Ergebnis erinnert an jene literarischen Komödien, in denen ein Hausbesitzer gleichzeitig alle Fenster öffnet und die Heizung abschaltet, um anschließend überrascht festzustellen, dass die Raumtemperatur sinkt. Während die Nachfrage nach Strom in nahezu allen Bereichen wächst, wird die Versorgung zunehmend von Faktoren bestimmt, die sich der unmittelbaren Steuerung entziehen. Die Folge ist ein Konzept, das in energiepolitischen Dokumenten meist unter dem harmlosen Begriff „Flexibilität“ auftaucht. Flexibilität klingt modern, dynamisch und fortschrittlich. Tatsächlich handelt es sich oft um die höfliche Umschreibung für die Notwendigkeit, sich an Knappheit anzupassen.

TIP:  So etwas wie Palästina gibt es in der Geschichte nicht

In früheren Zeiten bestand die Aufgabe eines Energiesystems darin, den Verbrauchern jederzeit ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen. Heute besteht die Aufgabe zunehmend darin, die Verbraucher so zu organisieren, dass sie ihren Bedarf an die schwankende Verfügbarkeit anpassen. Der Unterschied mag semantisch erscheinen, ist jedoch fundamental. Früher passte sich das System dem Menschen an. Nun soll sich der Mensch dem System anpassen.

Der intelligente Stromzähler als pädagogisches Instrument

Besonders faszinierend ist dabei die Karriere des Smart Meters. Offiziell handelt es sich um einen intelligenten Stromzähler. Praktisch betrachtet entwickelt er sich zum digitalen Gouvernanteninstrument des 21. Jahrhunderts. Seine Aufgabe besteht nicht nur darin, Verbrauch zu messen, sondern ihn auch zu bewerten, zu analysieren und möglichst zu beeinflussen.

Der intelligente Stromzähler verkörpert eine bemerkenswerte kulturelle Verschiebung. Einst genügte es, eine Rechnung zu bezahlen. Künftig soll der Bürger aktiv am Energiemanagement teilnehmen, Lasten verschieben, Tarifmodelle studieren und sein Verhalten optimieren. Die Waschmaschine wird nicht mehr einfach eingeschaltet, wenn Wäsche vorhanden ist. Sie soll idealerweise dann laufen, wenn die Sonne gerade über Andalusien scheint oder ein Tiefdruckgebiet über der Nordsee ausreichend Wind produziert. Die private Lebensführung wird schrittweise in die Logik des Strommarktes integriert.

Man könnte darin einen Triumph moderner Technologie sehen. Man könnte allerdings auch feststellen, dass hochentwickelte künstliche Intelligenz eingesetzt wird, um Menschen mitzuteilen, wann sie Geschirr spülen dürfen.

Der satirische Gehalt dieser Entwicklung ist kaum zu übertreffen. Jahrhundertelang arbeitete die technische Zivilisation daran, Menschen von den Zwängen natürlicher Rhythmen zu befreien. Elektrisches Licht machte die Nacht nutzbar. Zentralheizungen befreiten vom Wetter. Moderne Infrastruktur schuf Unabhängigkeit von Tageszeiten und Jahreszeiten. Nun wird mit enormem technologischen Aufwand ein System errichtet, das Teile dieser Abhängigkeit wiederherstellt – allerdings in digitalisierter Form und mit Smartphone-App.

Die große Umkehrung des Fortschritts

Es gibt einen berühmten Satz von dem österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter über die schöpferische Zerstörung. Die europäische Energiepolitik scheint inzwischen eine besondere Variante dieses Prinzips entwickelt zu haben: die schöpferische Verkomplizierung. Probleme werden nicht mehr durch Überfluss gelöst, sondern durch Management.

TIP:  Der Mensch als Plastikmüllhalde

Anstatt Kraftwerke zu bauen, die Spitzenlasten problemlos abdecken können, entstehen Modelle, die Spitzenlasten vermeiden sollen. Anstatt Reserven auszubauen, werden Verhaltensänderungen organisiert. Anstatt die Energieversorgung an den Bedarf anzupassen, wird der Bedarf an die Versorgung angepasst. Die Gesellschaft tritt damit in ein Zeitalter ein, in dem die eigentliche Ressource nicht mehr Strom ist, sondern Anpassungsfähigkeit.

Besonders bemerkenswert erscheint dabei die politische Kommunikation. Die Bürger sollen sich als aktive Teilnehmer einer modernen Energiewirtschaft verstehen. Niemand wird offiziell aufgefordert zu verzichten. Niemand soll den Eindruck gewinnen, weniger Freiheit zu besitzen. Vielmehr wird erklärt, man könne Geld sparen, wenn man sein Verhalten ändere. Das ist zweifellos richtig. Allerdings konnte man auch früher Geld sparen, indem man weniger konsumierte. Die Neuheit besteht nicht in der ökonomischen Logik, sondern in der politischen Verpackung.

Die KI als elektrischer Leviathan

Im Zentrum des Ganzen steht die künstliche Intelligenz, jener neue technische Messias, dem inzwischen fast alle Hoffnungen der westlichen Welt übertragen werden. Sie soll Produktivität steigern, Fachkräftemangel lösen, Verwaltungsapparate modernisieren, wissenschaftliche Durchbrüche beschleunigen und möglicherweise sogar das Wetter besser vorhersagen. Kaum ein politisches Dokument kommt heute ohne die Beschwörung dieser digitalen Zukunft aus.

Gleichzeitig erzeugt dieselbe Technologie einen Energiehunger, der die bestehenden Systeme unter Druck setzt. Das erinnert an einen Arzt, der ein Medikament verschreibt und anschließend ein zweites Medikament benötigt, um die Nebenwirkungen des ersten zu behandeln. Die Lösung für die durch KI verursachten Belastungen besteht folgerichtig in noch mehr KI, die den Stromverbrauch überwachen, analysieren und optimieren soll.

Man könnte dies als technologischen Fortschritt interpretieren. Man könnte es ebenso als eine Art elektrisches Perpetuum mobile der Bürokratie verstehen, in dem jede Innovation neue Steuerungsmechanismen erforderlich macht, die wiederum neue Innovationen benötigen.

Die Zukunft als Tarifmodell

Vielleicht wird eines Tages ein Historiker auf diese Epoche zurückblicken und feststellen, dass Europa eine eigentümliche Vorstellung von Zukunft entwickelte. Andere Zivilisationen verbanden Fortschritt mit Geschwindigkeit, Macht, Produktivität oder Expansion. Europa verband Fortschritt zunehmend mit Koordination. Das Ideal war nicht mehr das Kraftwerk, das jede Nachfrage decken konnte, sondern der Verbraucher, der seine Nachfrage rechtzeitig reduzierte.

TIP:  Von der heiligen Empörung zur heiligen Einfalt

Die große Verheißung des industriellen Zeitalters lautete einst, dass Energie so reichlich verfügbar werden würde wie Wasser aus dem Hahn. Die Verheißung des digitalen Zeitalters scheint nun darin zu bestehen, dass Algorithmen dabei helfen werden, die Nutzung dieser Energie möglichst geschickt zu terminieren.

Vielleicht wird die Waschmaschine der Zukunft tatsächlich mit dem Stromnetz verhandeln, bevor sie ihre Arbeit aufnimmt. Vielleicht wird das Elektroauto höflich anfragen, ob eine Ladung gegenwärtig erwünscht ist. Vielleicht wird die Wärmepumpe ihre Betriebstemperatur mit Wetterdiensten, Netzbetreibern und Tarifalgorithmen abstimmen.

All dies mag technisch beeindruckend sein. Doch hinter der glänzenden Oberfläche bleibt eine einfache Frage bestehen: Warum benötigt eine hochentwickelte Industriegesellschaft immer ausgefeiltere Instrumente, um den Verbrauch ihrer Bürger zu steuern, wenn ihr eigentliches Ziel darin bestehen sollte, ausreichend Energie für alle bereitzustellen?

Die Antwort auf diese Frage dürfte über die Zukunft Europas mehr verraten als sämtliche Smart Meter, Algorithmen und Strategiepapiere zusammen. Denn am Ende jeder energiepolitischen Debatte steht nicht die Frage, wie intelligent die Steuerung geworden ist. Sondern ob genügend Strom vorhanden ist, wenn das Licht eingeschaltet wird.