Die große Jagd nach dem falschen Kiosk

Es gehört zu den eigentümlichen Leistungen moderner Demokratien, dass sie regelmäßig Institutionen hervorbringen, deren ursprünglicher Zweck so lange gedehnt, erweitert, umgedeutet und mit immer neuen Aufgaben versehen wird, bis am Ende kaum noch zu erkennen ist, wozu sie einst geschaffen wurden. Aussteigerprogramme sollten ursprünglich Menschen helfen, extremistische Milieus zu verlassen, Gewaltbereitschaft abzulegen und in ein normales gesellschaftliches Leben zurückzufinden. Man stellte sich darunter den ehemaligen Neonazi vor, der Hakenkreuztattoos entfernen lässt, den fanatischen Aktivisten, der den Irrweg politischer Radikalisierung erkennt, oder den ideologischen Sektierer, der den Weg zurück in die bürgerliche Welt sucht. Heute scheint die Aufgabe mancher dieser Einrichtungen jedoch darin zu bestehen, Bahnhofskioske zu überwachen, Zeitschriftenregale zu katalogisieren und die Bevölkerung über die Gefahren des Clown-Emojis aufzuklären. Der Extremismusbekämpfer des 21. Jahrhunderts gleicht weniger einem Kriminalisten als einem besonders nervösen Bibliothekar, der hinter jeder Zeitschrift einen Staatsstreich und hinter jedem Smiley die Vorhut einer autoritären Revolution vermutet.

Die Entwicklung besitzt eine gewisse innere Logik. Wer jahrelang vor dem Faschismus warnt und dann feststellen muss, dass die meisten Bürger erstaunlicherweise weiterhin ihrem Alltag nachgehen, Steuern zahlen, Fußball schauen und Grillabende veranstalten, gerät zwangsläufig in ein Problem. Die Warnung muss schließlich permanent aufrechterhalten werden. Eine Institution, die gegründet wurde, um eine Gefahr zu bekämpfen, lebt politisch und finanziell davon, dass diese Gefahr niemals endgültig verschwindet. Wo die Realität nicht genügend Material liefert, muss die Definition des Problems erweitert werden. Der Radius der Verdächtigkeit wächst dann wie ein Universum nach dem Urknall. Erst geraten radikale Gruppen ins Visier, dann politische Randströmungen, anschließend missliebige Publikationen, später bestimmte Begriffe, schließlich Symbole, Gesten und Emojis. Am Ende wird der politische Gegner nicht mehr an seinen Taten erkannt, sondern an seinem Zeitschriftenabonnement und seiner Tastatur.

Die Entdeckung des gefährlichen Kiosks

Besonders bemerkenswert ist die Vorstellung, dass frei erhältliche Zeitschriften plötzlich als Vorstufe gesellschaftlicher Gefährdung erscheinen. Die eigentliche Komik liegt dabei nicht einmal in der politischen Einordnung einzelner Publikationen. Über politische Richtungen lässt sich streiten, und über Medien ohnehin. Die eigentliche Pointe besteht darin, dass eine staatlich finanzierte Einrichtung den Eindruck vermittelt, der Erwerb legaler Zeitschriften könne bereits als auffälliges Verhalten gelten. Der Bahnhofskiosk wird damit zu einer Art ideologischer Gefahrenzone. Wo früher Tabakwaren, Reiseführer und Rätselhefte lagen, lauern nun angeblich geistige Sprengsätze. Die Demokratie, die einst stolz darauf war, Meinungsvielfalt auszuhalten, entdeckt plötzlich ihre Angst vor dem Zeitschriftenständer.

TIP:  Der Hohepriester der Betroffenheit bittet zum Tribunal

Man fühlt sich an jene historischen Epochen erinnert, in denen Obrigkeiten Listen unerwünschter Bücher führten. Natürlich handelt es sich heute nicht um Verbote. Moderne Demokratien bevorzugen subtilere Methoden. Niemand verbietet eine Publikation; man versieht sie lediglich mit einem moralischen Warnschild. Die betreffende Zeitschrift bleibt legal, aber ihr Leser wird implizit zum Verdachtsfall erklärt. Es ist die politische Kultur des erhobenen Augenbrauenpaares. Die Botschaft lautet nicht: „Dieses Medium ist verboten.“ Die Botschaft lautet vielmehr: „Dieses Medium darf gelesen werden, aber man sollte sich fragen, was das über den Leser aussagt.“

Gerade hierin liegt die eigentliche Verschiebung. Der Fokus verlagert sich von Handlungen auf Haltungen, von Taten auf Einstellungen, von Straftaten auf Vermutungen. Nicht mehr der Extremismus selbst steht im Zentrum, sondern die ideologische Vorfeldbeobachtung. Der Bürger wird zum Objekt politischer Charakterdiagnostik. Das erinnert weniger an liberale Demokratietheorie als an jene alte Versuchung aller ideologischen Systeme: den Menschen nach seinen Gedanken zu beurteilen, bevor er überhaupt etwas getan hat.

Die Wissenschaft des Verdachts

Besonders faszinierend erscheint dabei die intellektuelle Methodik, mit der solche Bewertungen oftmals vorgenommen werden. Wo früher umfangreiche Analysen, empirische Untersuchungen und sorgfältige Quellenarbeit erwartet wurden, genügt heute mitunter die Berufung auf jene digitale Wunderkammer namens Wikipedia. Das hat etwas zutiefst Zeitgenössisches. Die größte politische Herausforderung seit dem Untergang der Weimarer Republik wird mit denselben Quellen bearbeitet, die gewöhnlich zur Klärung der Frage dienen, wann genau Napoleon geboren wurde oder wie viele Staffeln eine Fernsehserie besitzt.

Der moderne Experte gleicht zunehmend einem Priester einer neuen Offenbarungsreligion, deren heilige Schrift täglich von anonymen Nutzern bearbeitet wird. Die Berufung auf Wikipedia besitzt dabei einen fast poetischen Charme. Ausgerechnet jene Plattform, deren Einträge ständig verändert werden und deren politische Schlagseite selbst Gegenstand zahlloser Debatten ist, wird zur letzten Instanz der politischen Wahrheitsfindung erhoben. Das erinnert an den Versuch, ein Kernkraftwerk mit den Bauanleitungen eines Überraschungseis zusammenzusetzen.

Die Ironie könnte größer kaum sein. Während politische Akteure ständig vor Desinformation warnen, entstehen manche Urteile über Medien offenbar auf einer Grundlage, die wissenschaftlichen Standards kaum standhalten würde. Die Diagnose erfolgt, bevor die Untersuchung begonnen hat. Das Urteil steht fest, bevor die Beweisaufnahme einsetzt. Der Verdacht wird zur Methode und die Methode zum Ergebnis.

TIP:  ... und dann ist alles gut

Der Aufstand der Emojis

Doch selbst die Debatte über Medien wirkt beinahe altmodisch im Vergleich zur eigentlichen Meisterleistung moderner Verdachtskultur: der Politisierung von Emojis. Hier erreicht die Gegenwart ihren satirischen Höhepunkt. Die Menschheit entwickelt künstliche Intelligenz, entschlüsselt das Genom, plant Missionen zum Mars und diskutiert Quantencomputer. Gleichzeitig beschäftigen sich staatlich finanzierte Einrichtungen mit der Frage, welche politische Gesinnung hinter einem Clownsgesicht steckt.

Der Clown wird zum Staatsproblem. Die Kiwi erhält ideologische Bedeutung. Das Handzeichen „Okay“, jahrzehntelang Symbol für Zustimmung, verwandelt sich in ein potenzielles Warnsignal. Der Adler, seit Jahrhunderten ein heraldisches Symbol zahlloser Staaten, gerät unter Generalverdacht. Die politische Semiotik beginnt sich von der Wirklichkeit zu lösen und entwickelt ein Eigenleben, das an mittelalterliche Dämonologie erinnert. Damals suchte man Teufelsspuren in Wolkenformationen und Tiergeräuschen. Heute entdeckt man extremistische Botschaften in Obstsorten und Smileys.

Die Folgen einer solchen Denkweise sind vorhersehbar. Je größer der Katalog verdächtiger Symbole wird, desto geringer wird seine Aussagekraft. Wenn Hakenkreuze, Clownsgesichter, Kiwis, Adler und Handzeichen in derselben Aufzählung erscheinen, verschwimmt der Unterschied zwischen tatsächlichem Extremismus und bloßer politischer Missbilligung. Das Verbotene verliert seine Schwere, weil es neben dem Banalen steht. Ausgerechnet der Kampf gegen echten Extremismus wird dadurch entwertet. Wer jede Geste zum Warnsignal erklärt, riskiert, dass am Ende niemand mehr auf Warnsignale achtet.

Die Republik der Gesinnungsinspektoren

Der eigentliche Kern des Problems liegt jedoch tiefer. Hinter solchen Listen, Glossaren und Verdachtskatalogen verbirgt sich ein bestimmtes Menschenbild. Es ist die Vorstellung, dass Bürger nicht als mündige Individuen betrachtet werden sollten, die unterschiedliche Medien lesen und sich anschließend selbst ein Urteil bilden können. Stattdessen erscheint der Mensch als permanent gefährdetes Wesen, das vor falschen Gedanken geschützt werden muss. Die Demokratie verwandelt sich schleichend von einer Ordnung freier Bürger in ein pädagogisches Projekt. Politik wird zur moralischen Betreuungseinrichtung.

In dieser Welt entsteht eine neue gesellschaftliche Figur: der Gesinnungsinspektor. Er kontrolliert nicht, was jemand tut, sondern was jemand lesen könnte. Er beobachtet nicht Straftaten, sondern Denkwege. Er bekämpft keine Gewalt, sondern potentielle Abweichungen vom ideologischen Konsens. Seine wichtigste Ressource ist nicht das Argument, sondern der Verdacht.

TIP:  Fußball und die Weltpolitik

George Orwell bemerkte einst, dass die orthodoxe Meinung einer Epoche häufig gerade deshalb mächtig sei, weil sie gar nicht mehr als Meinung wahrgenommen werde. Genau darin liegt die Gefahr solcher Entwicklungen. Nicht die Existenz politischer Überzeugungen ist problematisch, sondern ihre Verwandlung in administrative Kategorien. Sobald staatlich finanzierte Stellen beginnen, legale Medien nach ideologischer Erwünschtheit zu sortieren, verschiebt sich der Schwerpunkt von der offenen Debatte zur moralischen Klassifizierung.

Die Kunst des demokratischen Misstrauens

Die Geschichte liberaler Gesellschaften beruhte einst auf einem bemerkenswert einfachen Gedanken: Menschen dürfen irren. Sie dürfen schlechte Bücher lesen, fragwürdige Meinungen vertreten, unsinnige Theorien glauben und politische Positionen unterstützen, die anderen missfallen. Gerade deshalb existiert Meinungsfreiheit. Sie wurde nicht geschaffen, um populäre Ansichten zu schützen. Populäre Ansichten benötigen keinen Schutz. Geschützt werden sollen jene Ansichten, die unbequem, unpopulär oder irritierend erscheinen.

Die gegenwärtige Tendenz läuft in die entgegengesetzte Richtung. Sie ersetzt die offene Auseinandersetzung durch moralische Etikettierung. Statt Argumente zu widerlegen, werden Verdachtsräume geschaffen. Statt politische Gegner zu kritisieren, werden ihre Informationsquellen problematisiert. Statt Vertrauen in die Urteilskraft der Bürger zu setzen, wächst die Versuchung, sie vor den falschen Gedanken zu bewahren.

Am Ende entsteht eine paradoxe Situation. Einrichtungen, die vorgeben, die Demokratie zu schützen, übernehmen Denkweisen, die dem demokratischen Geist fremd sind. Sie bekämpfen nicht bloß Extremismus, sondern zunehmend Abweichung. Sie verteidigen nicht nur die Freiheit, sondern definieren zugleich ihre zulässigen Grenzen. Und sie warnen nicht mehr nur vor Feinden der offenen Gesellschaft, sondern vor Menschen, die am Bahnhofskiosk zur falschen Zeitschrift greifen.

So endet die große Jagd nach dem Extremismus bisweilen dort, wo sie niemals hätte beginnen dürfen: beim Verdacht gegen den Leser. Der Kiosk wird zum Tatort, der Clown zum Politikum, die Kiwi zum Risiko und die Meinungsfreiheit zu einem Gegenstand staatlicher Fürsorge. Die Satire besteht darin, dass all dies offenbar im Namen der Demokratie geschieht. Die Tragik besteht darin, dass manche diesen Widerspruch gar nicht mehr bemerken.