Es gehört zu den ältesten und zuverlässigsten Traditionen der Politik, Opfer zu fordern, die andere zu bringen haben. Kaum eine gesellschaftliche Erscheinung besitzt eine vergleichbare historische Kontinuität. Von den Fürstenhöfen der frühen Neuzeit über die revolutionären Komitees des 19. Jahrhunderts bis zu den Ministerien und Talkshowstudios der Gegenwart zieht sich ein roter Faden durch die Geschichte: Die Rechnung wird regelmäßig an jene weitergereicht, die weder die Speisekarte gestaltet noch das Festmahl bestellt haben. Wenn daher ein prominenter Politiker erklärt, die Bürger müssten „endlich bereit sein, Opfer zu bringen“, stellt sich zunächst nicht die Frage nach dem Opfer, sondern nach dem Adverb. Endlich? Das Wort wirkt wie ein kleines sprachliches Meisterwerk. Es suggeriert, bisher habe eine Bevölkerung in einer Art gesellschaftlichem Wellnessbereich gelebt, umgeben von staatlich subventionierten Schaumbädern, betreut von Beamten mit Silbertabletts und versorgt mit kostenlosem Champagner aus dem Bundeshaushalt. Die Realität wirkt stellenweise etwas weniger luxuriös.
Die verwöhnte Bevölkerung
Der moderne deutsche Staatsbürger ist ein bemerkenswertes Wesen. Er finanziert einen Staat, dessen fiskalische Kreativität regelmäßig neue Höchstleistungen hervorbringt. Einkommensteuer, Mehrwertsteuer, Energiesteuern, Rundfunkabgaben, Sozialversicherungsbeiträge, kommunale Gebühren und zahllose weitere Belastungen sorgen dafür, dass von jedem erwirtschafteten Euro ein beachtlicher Teil zunächst durch die Hände des Staates wandert. Die Abgabenquote gehört seit Jahren zu den höchsten der industrialisierten Welt. Doch offenbar genügt dies nicht, um als opferbereit zu gelten.
Man gewinnt gelegentlich den Eindruck, als werde die Steuerzahlung inzwischen ähnlich bewertet wie die Atmung. Beides wird als Selbstverständlichkeit betrachtet, für die niemand Anerkennung verdient. Würde morgen ein Bürger erklären, er habe vier Jahrzehnte lang einen erheblichen Teil seines Einkommens an den Staat abgeführt, würde dies vermutlich ähnlich aufgenommen wie die Mitteilung, man habe regelmäßig Sauerstoff konsumiert. Schön, gut, weiter im Programm. Das eigentliche Opfer beginnt offenbar erst dort, wo zusätzliche Belastungen hinzukommen.
Die Kunst des permanenten Verzichts
Besonders bemerkenswert ist die politische Umdeutung des Verzichts. Einst galt Wohlstand als Ziel staatlichen Handelns. Regierungen wurden daran gemessen, ob die nächste Generation besser lebte als die vorherige. Heute scheint gelegentlich die umgekehrte Logik vorzuherrschen. Sinkende Kaufkraft wird zur ökologischen Tugend erklärt, steigende Energiekosten zur moralischen Bewährungsprobe, wirtschaftliche Einbußen zur Investition in eine bessere Zukunft, deren Ankunft zuverlässig auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird.
Der Bürger erlebt dabei eine eigentümliche Transformation. Aus dem Souverän wird ein pädagogisches Projekt. Er soll lernen, weniger zu konsumieren, weniger zu fahren, weniger zu heizen, weniger zu fliegen, weniger Fleisch zu essen, weniger Ansprüche zu stellen und im Idealfall auch weniger Fragen zu stellen. Der moderne Verzicht besitzt dabei eine fast religiöse Dimension. Früher wurden Opfer den Göttern dargebracht, heute werden sie statistischen Zielwerten geopfert. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, dass die antiken Gottheiten gelegentlich wenigstens Regen schickten.
Die bemerkenswerte Definition von Solidarität
Besonders faszinierend erscheint die Entwicklung des Solidaritätsbegriffs. Solidarität bedeutete einst die gegenseitige Unterstützung innerhalb einer Gemeinschaft. Inzwischen scheint sie häufig eine Einbahnstraße geworden zu sein. Von bestimmten Gruppen werden Opfer verlangt, während andere vor allem als Empfänger dieser Opfer auftreten.
Seit mehr als einem Jahrzehnt erlebt Deutschland eine intensive Migration. Millionen Menschen sind ins Land gekommen, viele mit ehrlichen Hoffnungen und legitimen Erwartungen. Gleichzeitig entstanden Herausforderungen, die selbst wohlwollende Beobachter nicht ernsthaft bestreiten können. Wohnungsmarkt, Bildungssystem, Sozialstaat, innere Sicherheit und Integrationsfähigkeit stehen unter erheblichem Druck. Dennoch wird jede Diskussion über diese Belastungen oft behandelt, als handele es sich um eine geschmacklose Störung der politischen Harmonie.
Dabei ist die eigentliche Frage erstaunlich schlicht: Wie viele Lasten kann eine Gesellschaft dauerhaft tragen, ohne ihre Stabilität zu gefährden? Statt diese Frage offen zu diskutieren, wird häufig die moralische Keule hervorgeholt. Wer Belastungen benennt, gilt rasch als unsolidarisch. Wer Belastungen verursacht, erscheint dagegen gelegentlich als Schutzbefohlener. Das ist politisch bequem, aber intellektuell wenig überzeugend.
Die Sicherheit als Luxusgut
Noch interessanter wird die Debatte beim Thema öffentliche Sicherheit. Über Jahrzehnte galt sie als eine der grundlegenden Aufgaben des Staates. Heute scheint sie gelegentlich als eine Art Premiumdienst betrachtet zu werden, dessen Verfügbarkeit regional unterschiedlich ausfällt.
In zahlreichen Städten haben sich bestimmte Orte einen Ruf erworben, der in offiziellen Broschüren selten erwähnt wird. Bahnhöfe, Parks, Problemviertel und manche öffentliche Verkehrsmittel entwickeln nach Einbruch der Dunkelheit eine Atmosphäre, die nur besonders lebensfrohe Optimisten als idyllisch beschreiben würden. Die Reaktion offizieller Stellen folgt oft einem vertrauten Muster. Zunächst wird bestritten, dass überhaupt ein Problem existiert. Anschließend wird erklärt, das Problem sei komplex. Schließlich wird mitgeteilt, dass jene, die auf das Problem aufmerksam machen, selbst Teil des Problems seien.
Es handelt sich um eine bemerkenswerte Form politischer Alchemie. Unsicherheit wird durch Sprachregelungen in Sicherheit verwandelt. Statistische Auffälligkeiten werden zu Wahrnehmungsproblemen erklärt. Wer sich unwohl fühlt, hat nicht etwa Anlass dazu, sondern lediglich die falsche Wahrnehmung. Es ist die triumphale Herrschaft der Interpretation über die Erfahrung.
Die Schule als gesellschaftliches Labor
Ähnlich verhält es sich im Bildungsbereich. Schulen gelten traditionell als Orte des Lernens, der Integration und des sozialen Aufstiegs. Doch vielerorts berichten Lehrer, Eltern und Schüler von Konflikten, die mit kulturellen Spannungen, Sprachproblemen und Gruppenbildungen zusammenhängen. Die Berichte variieren regional, doch das Grundmuster ist bekannt.
Besonders auffällig ist dabei die Diskrepanz zwischen offizieller Rhetorik und alltäglicher Erfahrung. Während politische Sonntagsreden die Schule als Erfolgsmodell der Integration feiern, suchen zahlreiche Eltern nach Wegen, ihre Kinder genau diesen Schulen zu entziehen. Die Flucht in andere Bezirke, Privatschulen oder alternative Bildungsangebote ist längst kein Randphänomen mehr. Es entsteht die paradoxe Situation, dass dieselben gesellschaftlichen Eliten, die öffentlich die Vorzüge bestimmter Entwicklungen preisen, privat oft erhebliche Anstrengungen unternehmen, um deren unmittelbare Auswirkungen zu vermeiden.
Die Moral der oberen Stockwerke
Hier offenbart sich ein weiteres interessantes Phänomen. Die Forderung nach Opfern stammt selten von Menschen, die selbst existenzielle Opfer bringen müssen. Sie kommt häufiger aus den oberen Stockwerken der Gesellschaft, aus politischen, administrativen und medialen Milieus, deren wirtschaftliche Absicherung vergleichsweise robust ist.
Der Beamte mit sicherer Pension empfiehlt Gelassenheit angesichts wirtschaftlicher Unsicherheit. Der Politiker mit Dienstwagen erklärt die Notwendigkeit steigender Mobilitätskosten. Der Kommentator mit gutem Gehalt lobt die befreiende Wirkung des Konsumverzichts. Der Funktionär fordert Resilienz von Menschen, deren Monatsbudget bereits durch die nächste Stromrechnung bedroht wird.
Natürlich geschieht dies stets in bester Absicht. Die Geschichte kennt kaum gefährlichere Formulierungen als diese drei Worte.
Die Republik der Dauerbewährung
So entsteht allmählich das Bild einer Gesellschaft, die sich in einem permanenten Bewährungstest befindet. Ständig soll sie etwas Neues aushalten. Höhere Kosten. Geringere Leistungen. Mehr Unsicherheit. Mehr Belastung. Mehr Verzicht. Mehr Geduld. Mehr Verständnis.
Bemerkenswert ist dabei nicht einmal die Forderung selbst. Jede Gesellschaft verlangt ihren Mitgliedern Opfer ab. Bemerkenswert ist vielmehr die völlige Selbstverständlichkeit, mit der diese Forderung formuliert wird. Als sei es eine historische Ausnahmeerscheinung, dass Menschen bereits erhebliche Lasten tragen. Als habe die Bevölkerung bislang ein Leben zwischen Hängematte und Champagnerempfang geführt.
Vielleicht liegt hierin die eigentliche Ursache wachsender politischer Entfremdung. Nicht in einzelnen Entscheidungen, sondern im Tonfall. Nicht in konkreten Maßnahmen, sondern in der Haltung. Bürger sind erstaunlich belastbar. Sie akzeptieren Einschränkungen, wenn sie deren Sinn erkennen. Sie bringen Opfer, wenn sie Fairness wahrnehmen. Sie tragen Lasten, wenn sie das Gefühl haben, dass diese Lasten gerecht verteilt werden.
Was sie weniger schätzen, ist die Belehrung, sie hätten bisher noch gar keine Opfer gebracht.
Denn irgendwann beginnt selbst der geduldigste Steuerzahler zu ahnen, dass er möglicherweise seit Jahren die Rechnung eines Festes bezahlt, zu dem er niemals eingeladen war. Und dass ausgerechnet jene Gäste, die am reichhaltigsten vom Buffet gegessen haben, nun erklären, es sei endlich Zeit für etwas mehr Opferbereitschaft.