Europas neueste digitale Selbsttäuschung

Es gehört zu den liebgewonnenen Ritualen der europäischen Politik und Wirtschaft, in regelmäßigen Abständen festzustellen, dass man bei einer technologischen Revolution leider nicht anwesend war. Nachdem Suchmaschinen amerikanisch wurden, soziale Netzwerke amerikanisch wurden, Smartphones amerikanisch wurden, Cloud-Infrastrukturen amerikanisch wurden und künstliche Intelligenz überwiegend amerikanisch oder chinesisch wurde, folgt stets dieselbe Reaktion: die feierliche Ankündigung einer europäischen Alternative. Nicht vor dem Durchbruch, nicht während des Aufstiegs, sondern Jahre oder Jahrzehnte danach. Europa erscheint dabei wie ein Gast, der erst eintrifft, wenn das Fest längst vorbei ist, um anschließend zu erklären, wie die Veranstaltung eigentlich hätte organisiert werden sollen.

In diese ehrwürdige Tradition reiht sich nun „W Social“ ein, eine Plattform, die den Anspruch erhebt, Elon Musks X herauszufordern. Bereits diese Formulierung besitzt eine gewisse literarische Qualität, denn sie gehört eindeutig in das Genre der politischen Fantasie. Die eigentliche Leistung des Projekts besteht nicht darin, eine soziale Plattform geschaffen zu haben. Soziale Plattformen existieren bereits. Die eigentliche Leistung besteht darin, die bemerkenswerte europäische Überzeugung aufrechtzuerhalten, dass man verlorene technologische Schlachten durch moralische Überlegenheit nachträglich gewinnen könne. Wo Silicon Valley Unternehmen gründet, gründet Europa Arbeitskreise. Wo andere Netzwerkeffekte schaffen, formuliert Europa Werteerklärungen. Wo Unternehmer Milliarden Nutzer gewinnen, gewinnt Europa Zustimmung in Podiumsdiskussionen.

Die späte Rache der Bürokratie

Besonders aufschlussreich ist die Idee, sämtliche Nutzer mittels Reisepass oder Personalausweis zu identifizieren. Diese Vorstellung verrät mehr über Europa als tausend Sonntagsreden zur Digitalisierung. Denn während die digitale Welt immer schneller, globaler und dezentraler wird, bleibt die europäische Seele tief im Wartezimmer einer Behörde verankert. Der Kontinent blickt auf künstliche Intelligenz, autonome Systeme und globale Informationsnetzwerke und gelangt zu der Erkenntnis, dass das eigentliche Problem vermutlich in einem Mangel an Formularen liegt.

Die Vorstellung, Millionen Menschen würden sich freiwillig mit ihren Ausweisdokumenten registrieren, um anschließend auf einer bislang bedeutungslosen Plattform politische Diskussionen zu führen, besitzt etwas Rührendes. Sie erinnert an jene staatlichen Kulturprojekte, bei denen zunächst ein imposanter Verwaltungsapparat geschaffen wird und erst danach die Frage auftaucht, ob sich überhaupt jemand für das Ergebnis interessiert. Das Problem sozialer Netzwerke war nie ihre technische Zugänglichkeit. Das Problem war immer Aufmerksamkeit. Menschen gehen dorthin, wo andere Menschen bereits sind. Sie siedeln sich nicht auf digitalen Neubaugebieten an, nur weil dort die Datenschutzrichtlinien besonders vorbildlich formuliert wurden.

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Die Verwechslung von Moral und Markt

Der fundamentale Irrtum von Projekten wie „W Social“ besteht in der Annahme, dass Nutzer dieselben Prioritäten besitzen wie europäische Regulierungsbehörden. Tatsächlich zeigen Jahrzehnte digitaler Entwicklung das Gegenteil. Menschen bevorzugen Reichweite vor Prinzipien, Bequemlichkeit vor Idealen und Unterhaltung vor Tugend. Der durchschnittliche Nutzer wacht morgens nicht mit dem Gedanken auf, endlich eine Plattform zu finden, die sämtliche Datenschutzanforderungen des europäischen Rechtsraums erfüllt. Der durchschnittliche Nutzer möchte sehen, worüber gesprochen wird. Genau deshalb konzentriert sich öffentliche Aufmerksamkeit auf wenige dominante Plattformen.

Hier offenbart sich die eigentliche Tragikomödie des europäischen Digitalzeitalters. Der Kontinent verwechselt fortwährend moralische Erwünschtheit mit wirtschaftlicher Wahrscheinlichkeit. Weil eine Plattform respektvoller, datenschutzfreundlicher und zivilisierter wäre, entsteht die Hoffnung, sie müsse deshalb auch erfolgreicher werden. Doch die Geschichte der Technik liefert keinen einzigen Beleg für diese Annahme. Die erfolgreichsten Systeme waren selten die moralisch vorbildlichsten. Sie waren schlicht jene, die genügend Nutzer anzogen, um unverzichtbar zu werden.

Netzwerkeffekte besitzen eine gewisse Grausamkeit. Wer zu spät kommt, konkurriert nicht mit einer Idee, sondern mit hunderten Millionen Gewohnheiten. Gegen Gewohnheiten helfen keine Pressekonferenzen.

Der Kontinent der Gegenvorschläge

Besonders bemerkenswert ist die Symbolik des Namens. Das „W“ komme vor dem „X“ im Alphabet, heißt es. Es handelt sich um eine jener Begründungen, die vermutlich in keinem anderen Innovationszentrum der Welt als strategisches Argument präsentiert würden. Während andere Regionen über Marktanteile, Technologie, Skalierung oder Geschäftsmodelle sprechen, diskutiert Europa offenbar über die Reihenfolge von Buchstaben.

Darin liegt fast schon eine ungewollte Metapher für den Zustand des Kontinents. Europa hat sich daran gewöhnt, nicht mehr der Ort großer technologischer Durchbrüche zu sein, sondern der Ort ihrer Kommentierung. Die Zukunft wird nicht mehr gestaltet, sondern bewertet. Innovation erscheint nicht als Herausforderung, sondern als etwas, das zunächst reguliert, eingehegt, kontrolliert und moralisch geprüft werden muss. Das Ergebnis ist ein Kontinent, der immer häufiger Regeln für Technologien formuliert, die anderswo erfunden wurden.

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„W Social“ ist deshalb weniger eine neue Plattform als ein Symptom. Es verkörpert die Hoffnung, dass Europas digitale Bedeutung durch bessere Absichten zurückgewonnen werden könne. Doch Geschichte kennt keine Bonuspunkte für gute Absichten. Märkte vergeben keine Trostpreise für ethische Überlegenheit. Aufmerksamkeit lässt sich nicht verordnen.

Das vorhersehbare Ende

Wahrscheinlich wird die Plattform einige Monate lang Schlagzeilen produzieren. Es werden beeindruckende Zahlen von Registrierungen präsentiert werden. Experten werden über digitale Souveränität diskutieren. Politiker werden das Projekt als Beweis europäischen Gestaltungswillens loben. Vielleicht entstehen sogar einige lebhafte Debatten. Doch irgendwann wird sich jene unerbittliche Frage stellen, an der nahezu alle europäischen Social-Media-Projekte gescheitert sind: Warum sollte irgendjemand dort bleiben?

Die Antwort dürfte ausfallen wie so oft in der europäischen Technologiegeschichte: weil es sinnvoll wäre, weil es verantwortungsvoll wäre, weil es demokratisch wertvoll wäre, weil es datenschutzfreundlich wäre. Mit anderen Worten: aus sämtlichen Gründen, die noch nie ausgereicht haben, um ein globales Netzwerk zu etablieren.

Am Ende könnte „W Social“ als weiteres Exponat in jenem imaginären Museum europäischer Digitalpolitik landen, das inzwischen beträchtliche Ausmaße angenommen hat. Dort stünde es zwischen den zahlreichen Projekten, die beweisen sollten, dass Europa technologisch wieder aufholen werde, und die stattdessen vor allem belegten, wie schwer es ist, eine verlorene Epoche durch Pressemitteilungen zurückzugewinnen. Das eigentliche Problem Europas ist nämlich nicht, dass es keine Alternativen entwickelt. Das eigentliche Problem besteht darin, dass es Alternativen meist erst dann entwickelt, wenn die Geschichte längst weitergezogen ist.