Das Fladenbrot als Kriegsverbrechen

In den digitalen Arenen der Gegenwart, wo Empörung in Sekundenschnelle zur Massenware wird und der Algorithmus jede Nuance zugunsten der lautesten Anklage zerschreddert, hat sich ein jüdisches Restaurant in New York City zum Schauplatz einer neuen Form von Kulturkampf erhoben. Der Vorwurf lautet nicht etwa auf überteuerte Speisen oder unfreundlichen Service, sondern auf Diebstahl in seiner sublimsten Gestalt: Das Haus serviert Pita, jenes unscheinbare, weiche Fladenbrot, das seit Jahrtausenden den Tisch der Levante bedeckt, und wird dafür als Räuber arabischen Kulturguts gebrandmarkt. Pro-palästinensische Schwärme auf TikTok und verwandten Plattformen, jene flüchtigen Formationen aus Empörung, Hashtags und halbverdauten Schlagworten, haben das Lokal ins Visier genommen, als handle es sich um die Plünderung eines Nationalheiligtums. Das Brot, das man in Jerusalem ebenso selbstverständlich bricht wie in Ramallah, in Beirut wie in Amman, wird plötzlich zur Beute erklärt, deren Besitz den Charakter eines Kriegsverbrechens annimmt. Die Anklage folgt einem inzwischen wohlvertrauten Ritual: Was Juden oder Israelis zubereiten, kann per definitionem nicht ihnen gehören; es muss geraubt sein, selbst wenn die Rezeptur älter ist als jede moderne Nationalstaatlichkeit und die Zubereitung über Generationen hinweg von Nachbarn geteilt wurde, die sich wechselseitig bekriegten und zugleich an denselben Tischen saßen.

Die Theologie des gestohlenen Hummus

Diese kulinarische Enteignungstheorie hat sich zu einer regelrechten Ersatzreligion verdichtet. In ihr gilt das Gericht nicht als Ergebnis von Handel, Migration, Eroberung und Alltagsleben, sondern als unveräußerliches Eigentum eines Kollektivs, das sich selbst als einzig legitimen Erben einer Landschaft inszeniert. Falafel, Hummus, Labneh, Arayes – all das, was über Jahrhunderte hinweg in den Küchen von Juden, Christen und Muslimen der Region entstand, wird rückwirkend nationalisiert und einem einzigen Narrativ unterworfen. Die Ironie entgeht den Anklägern vollständig: Dieselben Stimmen, die jede israelische Interpretation levantinischer Küche als Kolonialismus denunzieren, übersehen geflissentlich, dass die Küche selbst ein Palimpsest ist, überschrieben von Persern, Griechen, Römern, Arabern, Kreuzfahrern, Osmanen und britischen Mandatsbeamten. Pita ist kein Patent, das irgendwann im 20. Jahrhundert in Nablus angemeldet wurde. Es ist ein Grundnahrungsmittel, dessen Ursprünge sich im Dunkel der Bronzezeit verlieren und das Juden bereits in der Diaspora kannten, lange bevor moderne Identitätskonstruktionen den Anspruch auf ausschließliche Urheberschaft erhoben. Die Behauptung, ein New Yorker Lokal raube „arabisches Essen“, entlarvt sich als projektive Fantasie: Nicht das Brot wird gestohlen, sondern die Geschichte selbst wird zurechtgebogen, bis sie in das enge Korsett einer Opfererzählung passt, die keine geteilte Vergangenheit duldet.

TIP:  Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich

Authentizität als Waffe

Wer Speisen derart zwanghaft zum Mittel des Hasses macht, verrät weniger kulinarisches Wissen als eine tiefe Verachtung für die Wirklichkeit des Essens. Küchen kennen keine Reinheitsgebote der Ideologie. Sie vermischen, adaptieren, stehlen und bereichern sich gegenseitig, oft ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeiten späterer Generationen von Aktivisten. Das Wiener Schnitzel, das in Israel zum alltäglichen Komfortessen avancierte, verdankt seine Popularität aschkenasischen Einwanderern, die eine mitteleuropäische Spezialität in die Levante mitbrachten; dasselbe Schnitzel findet sich inzwischen in Ramallah auf Speisekarten, als sei es seit jeher ein Palästinenser gewesen. Burger und Pommes, Erzeugnisse amerikanischer Fast-Food-Kultur, werden dort ebenfalls angeboten, ohne dass irgendjemand auf die Idee käme, die Vereinigten Staaten der kulturellen Aneignung anzuklagen. Die Selektivität ist bezeichnend: Nur dort, wo Juden kochen, wird das Gericht zur Tatwaffe. Überall sonst herrscht pragmatischer Appetit. Diese Doppelmoral entlarvt den gesamten Diskurs als das, was er ist: kein ernsthafter Beitrag zur Gastronomiegeschichte, sondern ein Instrument der Delegitimierung. Essen wird nicht genossen, sondern als Beweisstück in einem moralischen Schauprozess vorgelegt, dessen Urteil bereits feststeht.

Der König von Ramallah und die Burger-Bar

Jenen, die Nahrungsmittel derart compulsiv in den Dienst des Ressentiments stellen, wäre ein kulinarischer Ausflug nach Ramallah zu empfehlen. Dort wartet „Schnitzel King“ mit einem als urpalästinensisch deklarierten Schnitzel auf, paniert und goldbraun, als hätte es nie einen Wiener Tafelspitz oder eine Prager Küche gegeben. Wenige Straßen weiter serviert „Burgers N’ Beyond“ authentische palästinensische Burger und Pommes frites, deren Rezeptur offenbar in den Olivenhainen Judäas entstanden sein muss und nicht in irgendeinem Diner des Mittleren Westens. Die Pointe schreibt sich von selbst: Dieselben Stimmen, die in Manhattan über gestohlenes Pita wettern, würden in Ramallah ohne mit der Wimper zu zucken das mitteleuropäische Fleischgericht und das amerikanische Brötchen verspeisen und darin keinen Widerspruch erkennen. Die Authentizität gilt nur in eine Richtung. Was der eigene Tisch bietet, ist Erbe; was der andere kocht, ist Diebstahl. Diese Logik ist so durchsichtig wie sie zynisch ist. Sie verwandelt den Teller in eine Landkarte, auf der Grenzen gezogen werden, die in der Küche selbst niemals existierten.

TIP:  Die verspätete Ankunft der Selbstverständlichkeit

Hunger nach Empörung

Am Ende bleibt ein Bild von bemerkenswerter Dürftigkeit. Eine Generation, die komplexe historische Verflechtungen auf fünfzehn Sekunden Video reduziert, erklärt Fladenbrot zum Kriegsgrund, während sie gleichzeitig die Hybridität der eigenen Konsumgewohnheiten ignoriert. Der TikTok-Mob, der vor einem New Yorker Lokal digital Sturm läuft, weil dort Pita gebacken wird, offenbart weniger Solidarität mit einem fernen Volk als die Sucht nach dem nächsten moralischen Kick. Essen, das Menschen seit jeher zusammenbrachte – oft gerade dort, wo Politik sie trennte –, wird zum Vorwand, sie weiter zu entzweien. Die Satire schreibt sich selbst, und sie schmeckt bitter. Wer den Teller zum Schlachtfeld erklärt, hat bereits verloren, noch bevor der erste Bissen genommen ist. Die Küche der Levante war immer größer als die Ideologien, die sie nachträglich für sich beanspruchen. Sie überlebt ihre Ankläger, so wie sie Eroberer, Vertreibungen und Restaurationen überlebt hat. Das Fladenbrot bleibt weich. Die Rhetorik, die es umgibt, ist hart und leer.