Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich

Es gehört zu den bemerkenswerten Eigenheiten moderner politischer Debatten, dass ausgerechnet jene Menschen, die bei jeder Gelegenheit vor Vereinfachungen warnen, oft mit einer erstaunlichen Leichtigkeit historische Vergleiche ziehen, die nicht einmal den elementarsten Belastungstests standhalten würden. Kaum erscheint irgendwo eine politische Entwicklung, die missfällt, kaum gewinnt eine Partei Stimmen hinzu, kaum wird eine Regierung als autoritär empfunden oder eine gesellschaftliche Strömung als bedrohlich wahrgenommen, tritt zuverlässig die historische Kavallerie in Gestalt der Jahre 1932 und 1933 auf den Plan. Die Vergangenheit wird aus dem Museum geholt wie ein altes Karnevalskostüm, das zwar längst nicht mehr passt, aber dennoch bei jeder Gelegenheit übergestreift wird. Der Nationalsozialismus dient dabei nicht als historischer Untersuchungsgegenstand, sondern als universeller Vergleichsbausatz, als politischer Schraubenzieher für jede denkbare Debatte. Was immer geschieht: Irgendwo muss doch ein neues Reich lauern. Und wenn keines zu finden ist, wird eines erfunden.

Besonders interessant ist dabei die kleine, aber äußerst aktive Gruppe jener Menschen, die sich selbst mit einer Ernsthaftigkeit betrachten, die sonst nur mittelalterlichen Heiligenviten oder nordkoreanischen Staatsbiographien eigen ist. Sie verstehen sich als Widerstandskämpfer gegen ein angebliches „IV. Reich“. Die Bezeichnung variiert gelegentlich. Mal ist es ein autoritärer Staat, mal eine Partei, mal die Europäische Union, mal eine Regierung, mal ein kultureller Zeitgeist. Der konkrete Gegenstand ist erstaunlich flexibel. Konstant bleibt lediglich die Überzeugung, man selbst befinde sich in einer historischen Situation, die irgendwie an die dunkelsten Jahre deutscher Geschichte erinnere. Die eigene politische Meinung erscheint dann nicht mehr als Meinung, sondern als Akt des Widerstands. Der Facebook-Kommentar wird zum Flugblatt der Weißen Rose, die missmutige Wortmeldung auf einer Vereinsversammlung zum Attentat des 20. Juli, und das Verfassen empörter E-Mails erhält den Charakter einer konspirativen Untergrundtätigkeit.

Man muss diese Form politischer Selbstinszenierung fast bewundern. Es gelingt ihr, den maximalen moralischen Ertrag bei minimalem persönlichem Risiko zu erzielen. Die historischen Widerstandskämpfer riskierten Freiheit, Eigentum, Familie und Leben. Die modernen Varianten riskieren gelegentlich einen missbilligenden Kommentar in sozialen Netzwerken. Dennoch wird mit einer Hingabe an historischen Größenvergleich gearbeitet, die selbst Napoleon peinlich gewesen wäre. Der eigene Alltag erscheint als Fortsetzung der Geschichte mit anderen Mitteln. Dass die Gestapo heute erstaunlicherweise Formulare verschickt, gegen die Einspruch eingelegt werden kann, dass Diktaturen neuerdings unabhängige Gerichte unterhalten, in denen Regierungen regelmäßig verlieren, und dass die Konzentrationslager offenbar durch Kommentarspalten ersetzt wurden, scheint dabei niemanden weiter zu irritieren.

TIP:  Wenn Respekt vor Religion zum Maulkorb wird

Dabei genügt bereits ein kurzer Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse der späten Weimarer Republik, um die Absurdität vieler dieser Analogien sichtbar werden zu lassen. Die Reichstagswahl vom Juli 1932 brachte der NSDAP rund 37 Prozent der Stimmen. Die KPD erreichte knapp 15 Prozent, wenige Monate später sogar deutlich mehr. Zusammengenommen entfiel damit auf zwei Parteien, die die bestehende Republik grundsätzlich ablehnten, mehr als die Hälfte der politischen Dynamik des Landes. Hinter diesen Zahlen standen keine bloßen Meinungsverschiedenheiten über Steuerpolitik, Verkehrskonzepte oder Klimastrategien. Hinter ihnen standen revolutionäre beziehungsweise totalitäre Bewegungen, die den demokratischen Verfassungsstaat überwinden wollten. Zwischen ihren paramilitärischen Organisationen tobten Straßenkämpfe. Die SA marschierte auf, der Rotfrontkämpferbund und andere kommunistische Milieus mobilisierten dagegen. Hunderte Menschen verloren in politischen Auseinandersetzungen ihr Leben. Gewalt war nicht die Ausnahme, sondern zunehmend Teil des politischen Alltags. Die Republik befand sich nicht in einer hitzigen Debatte. Sie befand sich in einem Zustand schleichenden Bürgerkriegs.

Wer diesen historischen Befund ernst nimmt, sollte bei Vergleichen vorsichtig werden. Die Bundesrepublik, Österreich oder andere europäische Demokratien mögen viele Probleme haben. Bürokratien können ersticken, Regierungen können irren, Eliten können arrogant sein, Medien können einseitig berichten, politische Entscheidungen können katastrophal ausfallen. Nichts davon ist ausgeschlossen. Aber zwischen politischem Ärger und einer Situation, in der organisierte Massenbewegungen mit Millionen Anhängern die Abschaffung der Demokratie betreiben und ihre Anhänger auf offener Straße erschlagen werden, besteht ein Unterschied von ungefähr derselben Größenordnung wie zwischen einem Sommergewitter und dem Ausbruch des Krakatau. Beides hat mit Wetter zu tun. Damit endet die Gemeinsamkeit allerdings weitgehend.

Doch gerade diese Unterschiede verschwinden regelmäßig hinter einer bemerkenswerten Kultur des historischen Kurzschlusses. In ihr genügt bereits die Existenz politischer Polarisierung, um von „1933“ zu sprechen. Als hätte die Geschichte lediglich auf einen einzigen Schalter reduziert werden können. Man stelle sich vor, Historiker würden auf diese Weise arbeiten. Jeder Konflikt zwischen zwei Staaten wäre automatisch ein neuer Dreißigjähriger Krieg. Jede Finanzkrise wäre eine neue Weltwirtschaftskrise. Jeder Feldzug wäre ein neues Stalingrad. Jeder überambitionierte Lokalpolitiker wäre ein neuer Caesar. Die Geschichtswissenschaft würde innerhalb weniger Tage zu einer Form von Horoskopkunde degenerieren.

TIP:  Nur eine Frage des Geschmacks

Die eigentliche Tragikomik besteht jedoch darin, dass diese inflationäre Verwendung historischer Analogien letztlich genau das zerstört, was sie angeblich schützen möchte: das historische Bewusstsein. Wenn alles Faschismus ist, ist am Ende nichts mehr Faschismus. Wenn jede Regierung eine Diktatur darstellt, verliert der Begriff der Diktatur seinen Sinn. Wenn jede politische Kontroverse als Widerstandskampf gegen ein neues Reich inszeniert wird, verschwinden die tatsächlichen historischen Erfahrungen jener Menschen, die wirklichen Totalitarismus erlebt haben. Die Vergangenheit wird nicht geehrt, sondern konsumiert. Sie wird zum politischen Kostümfundus.

Vielleicht wäre deshalb ein wenig historische Bescheidenheit angebracht. Die Geschichte ist kein Selbstbedienungsladen für moralische Aufwertung. Nicht jede politische Niederlage macht jemanden zum Dissidenten. Nicht jede unpopuläre Meinung verwandelt ihren Träger in einen Widerstandskämpfer. Nicht jede Regierungskritik ist ein Akt des Mutes. Und nicht jede politische Entwicklung, die Missfallen erzeugt, markiert den Beginn eines neuen Reiches.

Vor allem aber sollte endlich jener Satz rehabilitiert werden, der in politischen Debatten viel zu selten ausgesprochen wird: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Manches hinkt so stark, dass es eher in die orthopädische Abteilung gehört als in die Geschichtsschreibung. Die Weimarer Republik war eine spezifische historische Situation mit spezifischen Akteuren, spezifischen Konflikten und spezifischen Katastrophen. Wer sie verstehen möchte, muss ihre Einzigartigkeit ernst nehmen. Wer sie dagegen als universelle Schablone für jede aktuelle Aufregung verwendet, erklärt am Ende weniger die Gegenwart als vielmehr die eigene Vorliebe für dramatische Selbstinszenierungen.

Geschichte ist ein hervorragender Lehrer. Als Maskenbildner für politische Rollenspiele taugt sie hingegen nur sehr bedingt.