Lagerdenken leicht gemacht

In jener eigenartigen Szene, die sich seit Jahren damit abmüht, den Islam nicht bloß als Folklore oder als harmlose Privatsache zu behandeln, sondern als das zu benennen, was er in seinen kanonischen Texten und in seiner historischen Praxis nun einmal ist, hat sich eine Zweiteilung herausgebildet, die weniger einer wissenschaftlichen Differenz als einer Art theatralischer Arbeitsteilung gleicht. Die eine Fraktion spricht unablässig von „politischem Islam“ und „Islamismus“, als handle es sich um eine bedauerliche Abweichung, eine Art ideologischen Unfall, den man durch geschickte Umerziehung und die Förderung einiger weniger reformwilliger Gestalten wieder einfangen könne. Die andere Fraktion besteht darauf, dass der Islam selbst eine umfassende Weltanschauung mit totalem Machtanspruch darstellt, in der Religion und Herrschaft, Gesetz und Glaube, Privatleben und öffentliche Ordnung von Anfang an untrennbar verschmolzen sind. Zwischen diesen beiden Positionen liegt weniger ein akademischer Streit als eine Frage der intellektuellen Redlichkeit: Ob man die Texte und die Mehrheitseinstellungen ernst nimmt oder ob man sie so lange umdeutet, bis sie der Wunschvorstellung einer friedfertigen, anpassungsfähigen Religion entsprechen, die sich irgendwie mit Grundrechten und säkularer Demokratie verträgt.

Die Wohltätigkeit des Umbiegens

Jene Stimmen, die sich um Begriffe wie „politischen Islam“ gruppieren und dabei gerne auf die wenigen „liberalen“ Muslime verweisen, die den Islam zur Religion der Barmherzigkeit erklären möchten, betreiben ein bemerkenswertes Kunststück. Sie nehmen den Koran und die Scharia, die an zahllosen Stellen Gehorsam, Überlegenheit der Gläubigen, Strafen für Apostasie, Ungleichheit der Geschlechter und die Unterwerfung der Nichtgläubigen fordern, und erklären, das alles sei bloß falsch verstanden worden. Der Islam sei im Kern Barmherzigkeit, man müsse ihn nur richtig lesen, historisch kontextualisieren, die medinensischen Verse gegenüber den mekkanischen relativieren oder einfach das Prinzip der Barmherzigkeit als hermeneutischen Schlüssel über alles andere stellen. So entsteht ein Islam, der auf Talkshow-Sofas und in ministeriellen Expertenrunden bestens funktioniert: vielfältig, reformierbar, kompatibel. Die Politik erhält dann die beruhigende Botschaft, der Islam sei eben kein Monolith, es gebe viele Islame, und mit den richtigen Gesprächspartnern – jenen, die den Islam „einfach so zurechtbiegen“ – ließe sich alles richten. Dass die etablierten Verbände und die große Mehrheit der Gläubigen diese Umbiegung als Häresie empfinden und die Reformer regelmäßig mit Drohungen überziehen, gilt dabei als Randerscheinung, als bedauerlicher Widerstand der Ewiggestrigen, nicht als Hinweis darauf, dass der Text und die Tradition dem Umbiegen erheblichen Widerstand entgegensetzen.

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Wenn die Texte eine andere Sprache sprechen

Die Ironie dieses Unterfangens liegt darin, dass ausgerechnet diejenigen, die den Islam retten wollen, indem sie ihn von seinem eigenen Regelwerk befreien, den Politikern eine Vielfalt predigen, die in den Einstellungen der Betroffenen selbst nur begrenzt vorkommt. Studien, die nicht in den Kategorien wohlwollender Deutung, sondern in denen empirischer Befragung arbeiten, zeichnen ein anderes Bild. Eine jüngere Erhebung des Motra-Monitors, gefördert unter anderem vom Bundeskriminalamt, kommt zu dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte der unter vierzigjährigen Muslime in Deutschland latent oder manifest islamismusaffin eingestellt ist, Scharia-Normen dem Grundgesetz vorzieht und antisemitische Vorurteile teilt.

Ältere Befragungen hatten bereits ergeben, dass nahezu die Hälfte der Muslime in Deutschland die Scharia für wichtiger hält als das deutsche Recht. Selbst unter angehenden islamischen Religionslehrern und Theologiestudierenden befürwortet ein Viertel eine Islamisierung des Rechtssystems.

Weltweit, so bereits die Pew-Untersuchungen vor mehr als einem Jahrzehnt, wollen in zahlreichen muslimischen Mehrheitsgesellschaften große Mehrheiten die Scharia als offizielles Gesetz. Die Reformer antworten darauf mit dem Hinweis, das seien eben die Falschen, die den Islam nicht richtig verstünden. Als hätte die Mehrheit der Gläubigen über Jahrhunderte hinweg einfach den falschen Islam praktiziert, während die wahre, barmherzige Lesart erst in europäischen Seminaren entdeckt worden wäre.

Das System und die einzelnen Gläubigen

Die zweite Position besteht darauf, eine Unterscheidung festzuhalten, die in der öffentlichen Debatte oft bewusst verwischt wird: Das eine ist der Islam als normatives System, als Korpus von Texten, Rechtsschulen, historischen Vorbildern und einem Herrschaftsanspruch, der jeden Lebensbereich durchdringt. Das andere sind die einzelnen Muslime, die dieses System in unterschiedlichem Grad verinnerlichen, ignorieren, umdeuten oder sogar verlassen. Diese Unterscheidung ist kein rhetorischer Trick, sondern eine Voraussetzung für jede ernsthafte Analyse. Sie verhindert, dass Kritik am Regelwerk automatisch zur Kollektivschuld jedes einzelnen Gläubigen wird. Zugleich verbietet sie die umgekehrte Illusion, die Existenz friedlicher, integrierter oder gar liberaler Muslime beweise bereits die Harmlosigkeit des Systems. Wenn ein erheblicher Teil der Gläubigen die strengen Regeln „voll mitträgt“, wie es die genannten Untersuchungen nahelegen, dann handelt es sich nicht um eine kleine Abweichlerminderheit, sondern um eine tragende Strömung. Der Islam als din wa dawla, als Einheit von Religion und Staat, als umfassende Ordnung, die Politik, Recht, Familie, Sexualität und das Verhältnis zu Andersgläubigen regelt, bleibt damit der Referenzrahmen, an dem sich auch jene messen lassen müssen, die ihn angeblich nur spirituell verstehen wollen.

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Die fortschreitende Islamisierung als Realitätscheck

Wer diesen Rahmen ernst nimmt, kommt zu einem anderen Schluss als jene, die der Politik die Vielfalt predigen. Der Islam trägt einen absoluten Machtanspruch in sich, der sich mit den Grund- und Menschenrechten einer offenen Gesellschaft nicht einfach versöhnen lässt, weil er diese Rechte nicht als vorstaatliche, individuelle Garantien anerkennt, sondern als nachgeordnete, widerrufbare Zugeständnisse, solange die eigene Gemeinschaft noch nicht die Deutungshoheit besitzt. Die fortschreitende Islamisierung – sichtbar in Parallelgesellschaften, in der Durchsetzung von Geschlechtertrennung, in der Priorisierung religiöser Normen vor staatlichen Gesetzen, in der wachsenden Zahl junger Menschen, die ein islamisches Theokratie-Modell für erstrebenswert halten – ist dann keine Verschwörungstheorie, sondern die logische Folge eines Systems, das Expansion und Normdurchsetzung nicht als Randerscheinung, sondern als Teil seines Selbstverständnisses betrachtet. Die erste Fraktion antwortet darauf mit der Hoffnung auf die wenigen Reformer und mit der Mahnung, man dürfe den Islam nicht pauschalisieren. Die zweite Fraktion hält fest, dass Pauschalisierung dort beginnt, wo man die Texte und die Mehrheitsmeinungen ignoriert und stattdessen eine Wunschreligion konstruiert, die den Bedürfnissen westlicher Diskurse besser entspricht als den eigenen Quellen.

Am Ende bleibt die Frage, welches Lager die größere Realitätsresistenz aufweist: jenes, das den Islam so lange umdeutet, bis er zur Barmherzigkeit wird, oder jenes, das darauf besteht, dass ein Regelwerk, das Politik und Religion für untrennbar erklärt, sich nicht durch wohlwollende Seminare in eine bloße Privatangelegenheit verwandeln lässt. Die Zahlen, die Texte und die historische Praxis sprechen eine deutlichere Sprache als die Sonntagsreden über Vielfalt. Ob diese Sprache gehört wird, entscheidet nicht über die Zugehörigkeit zu einem Lager, sondern darüber, ob die offene Gesellschaft ihre eigenen Voraussetzungen noch ernst nimmt oder sie einem Projekt opfert, das sich selbst als Religion der Barmherzigkeit ausgibt, während seine kanonischen Grundlagen etwas anderes verlangen.