Die giftigere Sorte des Verrats

Die Katastrophe, in der eine Zivilisation versinkt, entsteht selten allein aus dem Angriff ihrer erklärten Feinde. Feinde haben das Verdienst der Klarheit: sie wollen zerstören und sagen es oft genug. Tödlicher wirkt jene andere Arbeit, die im Namen der Kultur, des Intellekts und einer angeblich höheren Verantwortung geleistet wird. Sie besteht darin, im entscheidenden Augenblick Ausreden zu fertigen, Verhandlungen als Weisheit auszugeben, den Kampf selbst für unwürdig zu erklären und hinterher den Rückzug als Vergeistigung zu verkaufen. Feigheit in Seide gewickelt öffnet Tore wirksamer als jeder Rammbock. Sie spricht die Sprache der Gebildeten, zitiert die Klassiker, kennt die feinen Unterschiede und hält sich für unbestechlich, während sie die Stellung räumt. Man muss diesen Vorgang ohne die übliche Pietät betrachten. Die Nachwelt liebt es, den inneren Emigranten, den aristokratischen Beobachter, den Mann der Distanz nachträglich zu heiligen, als sei Abstand schon Widerstand gewesen. Abstand ist oft nur komfortable Zuschauerloge. Wer vom Stahlsturm geschrieben hat und dann, wenn die Epoche wirklich stürmt, lieber den Entwurf eines Friedenspapiers zirkulieren lässt, als die Konsequenz der eigenen Rhetorik zu tragen, liefert der Nachwelt ein Lehrstück. Nicht das Pathos der Feinde entscheidet, sondern die Erschlaffung jener, die sich für die letzten Hüter hielten.

Der Aristokrat im Hotel

Man denke an jene Figur, die den Typus mit beinahe lehrbuchhafter Präzision verkörpert. Ernst Jünger, gefeierter Chronist der Materialschlachten, Offizier im besetzten Paris, Bewohner besserer Hotels, Sammler von Käfern, Lesestoff und Stimmungen, bewegte sich im Umkreis des Militärbefehlshabers, in jenem Milieu, das zugleich Verwaltung der Okkupation und Flüsterzirkel einer möglichen anderen Ordnung war. Er kannte die Namen, hörte die Pläne, schrieb an einem Friedensaufruf, empfing Besuche von Verbindungsmännern und pflegte die Haltung dessen, der alles durchschaut und sich doch nicht die Hände schmutzig macht. Der 20. Juli und die Invasion im Westen fielen in Wochen, in denen das Deutsche Reich bereits in der Existenzkrise stand: der Osten fraß Divisionen, der Himmel gehörte den Bomberflotten, die Westfront war reif zum Aufbrechen. In solcher Lage wirkt der Impuls, Hitler zu beseitigen und mit den Gegnern zu verhandeln, für die einen als letzte Rettung, für die anderen als Desertion mit philosophischem Vorwand. Die Satire beginnt dort, wo der Krieger-Dichter den Tyrannenmord anderen überlässt, selbst aber die gefährliche Nähe sucht, ohne die letzte Bindung einzugehen. Er bleibt der Ästhet der Katastrophe. Er notiert, er beobachtet Dächer und Feuersbrünste, er speist, er wandert, er hält Distanz, als sei Distanz eine militärische Tugend. Als der Anschlag misslingt, als Verhaftungen und Selbstmorde die Pariser Dienststellen durchlaufen, erweist sich der Beobachter als Überlebenskünstler. Andere gehen an den Haken, andere richten die Waffe gegen sich. Der Aristokrat des Geistes übersteht den Sommer und darf später so tun, als habe bloße geistige Überlegenheit ihn gerettet. Das ist die Pointe, die keine Moralpredigt braucht: Wer den Kampf für unter seiner Würde hält, überlebt gern jene, die ihn noch führen.

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Nach Innen, wo es weicher ist

Und was wird aus solcher Haltung, wenn die braune Ordnung zusammengebrochen, die Städte Trümmer und die Nation in der demütigendsten Lage ihrer neueren Geschichte ist? Dann erfolgt die berühmte Wendung nach innen. Der Mann, der einst den Kampf als Form, den Schützengraben als Initiation und den Arbeiter als Gestalt einer neuen Welt beschrieb, entdeckt die chemische Annäherung, die private Mystik, den kontrollierten Rausch als vornehmeren Schauplatz. Albert Hofmanns Substanz tritt an die Stelle der Front. Sitzungen in schweizerischen und oberschwäbischen Zimmern, Notizen über Licht, Blau, aufgelöste Zeit und den Flug der Bilder ersetzen den Anspruch, in der Geschichte noch etwas zu wollen. Die Ironie ist so dick, dass sie beinahe komisch wirkt, wäre sie nicht symptomatisch. Der Autor von „In Stahlgewittern“ erklärt implizit, der eigentliche Krieg habe immer schon im Bewusstsein stattgefunden. Die äußere Niederlage wird zur Gelegenheit, den Schauplatz zu wechseln. Statt der Verantwortung für eine zertrümmerte Ordnung gibt es den Trip, statt der politischen Folge den inneren Kosmos. Man kann das als Altersweisheit verkaufen, als Absage an den Totalitarismus, als Rettung des Geistes vor der Ideologie. Man kann es auch nüchterner benennen: Wenn die Stunde vorbei ist, in der Haltungen noch Kosten verursachen, wird Innerlichkeit billig. Der Rückzug trägt den Geruch der nachträglichen Veredelung. Was im Sommer 1944 noch wie kluge Zurückhaltung aussehen konnte, wirkt im Frieden wie die Beichte eines Mannes, der den Ernstfall hinter sich gelassen hat und nun erzählt, er habe stets nur das Höhere gemeint. Die Nachkriegsjahrzehnte honorierten genau diese Wandlung. Sie liebten den Bekehrten, der nie ganz Bekenner gewesen war, den Soldaten, der rechtzeitig Dichter blieb, den Nationalisten, der rechtzeitig Europäer und Entomologe wurde.

Die Orden der Nachgeborenen

Die Bundesrepublik verstand ihr Geschäft. Sie verteilte Kreuze, Sterne, Schulterbänder, den Goethepreis unter Protest und Beifall, Ehrenbürgerschaften und die dauernde Aufmerksamkeit einer Öffentlichkeit, die den Skandal um die Person bereits als Qualitätsmerkmal nahm. Der letzte Träger des militärischen Pour le Mérite aus kaiserlicher Zeit wurde zur lebendigen Reliquie, an der sich konservative Kanzler ebenso wärmen konnten wie später bestimmte Ästheten der Postmoderne. Die Ehrung galt nicht dem Mann im Schützengraben von 1918 allein. Sie galt dem Überlebenden, der aus der Katastrophe eine literarische Form gemacht und der neuen Ordnung erlaubt hatte, sich an ihm zu rehabilitieren. Eine Gesellschaft, die ihre eigene Gründung auf dem Bruch mit dem Vorherigen errichtet, braucht Figuren, die den Bruch überbrücken, ohne ihn ganz zu leugnen. Der innerlich gewendete Krieger eignet sich dazu vortrefflich. Er erlaubt die Geste: Seht, auch das gefährliche Denken hat seinen Platz, sofern es am Ende privat, preisgekrönt und unschädlich geworden ist. Der Zynismus liegt in der Vollständigkeit des Arrangements. Dieselben Eliten, die den aktiven Verschwörer des Juli als Gewissen der Nation musealisierten, konnten den distanzierten Nachbarn des Komplotts als Geist feiern, der über den Parteien stand. Beides ergänzt sich. Der eine starb oder wurde gehängt und darf als Märtyrer der besseren Deutschen dienen. Der andere lebte lange, nahm Substanzen, schrieb über Annäherungen und durfte beweisen, dass Kultur den Untergang überdauert, wenn sie sich rechtzeitig vom Schlachtfeld verabschiedet. So entsteht eine offizielle Erinnerung, in der Feigheit vor dem Feind nicht Feigheit heißt, sondern Reife, und in der das Verlassen der Stellung als höhere Verantwortung erscheint.

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Das offene Tor

Die Lehre ist allgemeiner als jede einzelne Biographie. Zivilisationen gehen nicht nur zugrunde, weil Barbaren vor den Mauern stehen. Sie gehen zugrunde, weil hinter den Mauern Leute sitzen, die das Verteidigen für primitiv halten, sobald es unbequem wird. Sie erfinden Theorien der Unvermeidlichkeit, der moralischen Ambivalenz, der historischen Dialektik, der inneren Emigration. Sie erklären, der wahre Kampf spiele sich ohnehin auf einer anderen Ebene ab. Währenddessen wird das Tor nicht gehalten. Der Feind braucht dann weniger Kraft, als seine Propaganda behauptet. Es genügt die Mitarbeit jener, die sich für zu fein zum Wachdienst halten. Der Typus kehrt in jeder Epoche wieder: der Intellektuelle, der den Ernstfall kommentiert, bis der Ernstfall ihn überholt; der Konservative, der die Substanz preisgibt, um den Stil zu retten; der Krieger, der den Krieg nur noch als Metapher erträgt. Die Satire an diesem Typus besteht darin, dass er stets recht zu behalten scheint, weil er überlebt. Überleben wird mit Weisheit verwechselt. Wer den Brand von der Terrasse aus beschreibt und später den Orden dafür entgegennimmt, dass er schön beschrieben hat, gilt als Zeuge. Der Witz der Geschichte ist grausam und leise. Sie bestraft selten die offenen Feinde zuerst. Sie lässt oft jene übrig, die im entscheidenden Moment erklärten, Handeln sei unter ihrer Würde, und die hernach feststellen, die Würde habe sich als ausgesprochen haltbar erwiesen. Wer das ohne Illusion betrachtet, erkennt das eigentliche Gift: nicht der Hass des Gegners, sondern die elegante Weigerung, noch etwas zu riskieren, während noch etwas zu retten gewesen wäre.