Es gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen der modernen politischen Kommunikation, dass ganze Gesellschaften in die Rolle ewiger Statisten ihrer eigenen Geschichte gedrängt werden können. Kaum ein Konflikt der Gegenwart wird so beharrlich in moralischen Schwarz-Weiß-Tönen erzählt wie jener zwischen Israelis und Palästinensern. In den Schlagzeilen erscheinen regelmäßig zerstörte Häuser, Flüchtlingslager, militärische Operationen, Trauerzüge und verzweifelte Menschen. Das Leid ist real, die Bilder sind real, die Toten sind real. Weniger präsent ist jedoch die unbequeme Frage, wie eine Tragödie entsteht, die sich über Generationen fortsetzt. Denn Geschichte beginnt selten dort, wo die Kamera eingeschaltet wird. Sie beginnt Jahrzehnte früher, in Entscheidungen, Ablehnungen, Irrtümern, Illusionen und politischen Fehlkalkulationen, deren Rechnung irgendwann jemand bezahlen muss. Die eigentliche Tragik besteht darin, dass die Rechnung meist nicht bei denjenigen landet, die sie verursacht haben, sondern bei jenen, die niemals gefragt wurden.
Die Kunst der verpassten Gelegenheiten
Im Jahr 1922 wurde das britische Mandatsgebiet Palästina faktisch geteilt. Der überwiegende Teil des Territoriums östlich des Jordans wurde zu Transjordanien, dem späteren Jordanien. Damit waren bereits rund drei Viertel des ursprünglichen Mandatsgebiets einem arabischen Staat zugeordnet. Was westlich des Jordans verblieb, sollte Jahrzehnte später Gegenstand eines weiteren Teilungsversuchs werden. Als die Vereinten Nationen 1947 einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsahen, geschah etwas, das sich wie ein wiederkehrendes Motiv durch die folgenden Jahrzehnte ziehen sollte: Die eine Seite akzeptierte einen unvollkommenen Kompromiss, die andere lehnte ihn ab. Ablehnung allein wäre noch keine historische Katastrophe gewesen. Staaten dürfen Vorschläge zurückweisen. Doch die Ablehnung wurde durch den Versuch ersetzt, die Frage militärisch zu lösen. Es ist eine der großen Ironien der Geschichte, dass Kriege häufig genau jene Realität hervorbringen, die sie verhindern sollten. Wer 1947 keinen kleineren jüdischen Staat akzeptieren wollte, sah sich wenig später einem größeren gegenüber.
Die große Abwesenheit des palästinensischen Staates
Nach dem Krieg von 1948 und den Waffenstillstandsabkommen von 1949 geschah etwas, das heute erstaunlich selten thematisiert wird. Das Westjordanland wurde von Jordanien annektiert, Gaza von Ägypten kontrolliert. Fast zwei Jahrzehnte lang existierte dort kein palästinensischer Staat. Noch bemerkenswerter ist, dass seine Gründung von den arabischen Regierungen auch nicht ernsthaft betrieben wurde. Die internationale Debatte des 21. Jahrhunderts vermittelt gelegentlich den Eindruck, als sei die palästinensische Staatlichkeit seit jeher das zentrale Ziel der Region gewesen. Die historische Wirklichkeit wirkt deutlich komplizierter. Offenbar war die Existenz Israels für viele Akteure das größere Problem als das Fehlen eines palästinensischen Staates. Ein paradoxer Zustand, der in der politischen Logik des Nahen Ostens erstaunlich lange Bestand hatte.
Die Revolution gegen die falschen Besatzer
Als 1964 die PLO gegründet wurde, standen Gaza unter ägyptischer und das Westjordanland unter jordanischer Kontrolle. Wer daher erwartet hätte, die neue Organisation werde ihre politische Energie auf die Errichtung eines palästinensischen Staates in diesen Gebieten konzentrieren, wurde enttäuscht. Die Programmatik richtete sich nicht gegen Kairo oder Amman. Sie richtete sich gegen Israel. Bereits hier zeigte sich ein Muster, das bis heute zahlreiche Debatten prägt: Die Frage, was aufgebaut werden soll, wurde oft von der Frage verdrängt, was beseitigt werden soll. Nationen gedeihen jedoch selten durch Negation allein. Ein politisches Projekt, dessen Identität vor allem im Widerstand gegen etwas besteht, läuft Gefahr, irgendwann zu vergessen, wofür es eigentlich existiert.
Wiederholung als politische Strategie
1967 kam der nächste Krieg. Dann 1973. Wieder wurden militärische Lösungen gesucht. Wieder scheiterten sie. Die Geschichte des arabisch-israelischen Konflikts liest sich stellenweise wie ein Theaterstück, dessen Regisseure ständig dieselbe Szene aufführen und dennoch jedes Mal ein anderes Ende erwarten. Albert Einstein wird oft der Satz zugeschrieben, Wahnsinn sei, immer wieder dasselbe zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Ob Einstein dies tatsächlich gesagt hat, bleibt umstritten. Dass der Nahe Osten jahrzehntelang praktische Feldforschung zu diesem Gedanken betrieb, hingegen kaum. Jede Niederlage verschob die politische Realität weiter zugunsten Israels. Jede Niederlage wurde jedoch selten als Anlass zur grundlegenden Neubewertung der eigenen Strategie verstanden. Stattdessen entwickelte sich eine politische Kultur, in der die Verantwortung für Fehlschläge bevorzugt an andere delegiert wurde.
Oslo und die Rückkehr der alten Geister
Als 1993 der Oslo-Prozess begann, schien für einen kurzen historischen Augenblick die Vernunft einen Platz am Verhandlungstisch gefunden zu haben. Israel erkannte die PLO an. Die internationale Gemeinschaft sprach von Hoffnung, Versöhnung und einem neuen Zeitalter. Solche Formulierungen entstehen regelmäßig in klimatisierten Konferenzräumen, weit entfernt von Bushaltestellen und Marktplätzen. Während Diplomaten Frieden entwarfen, explodierten in Israel Busse, Cafés und Restaurants durch Selbstmordattentate. Der Friedensprozess entwickelte sich zu einem merkwürdigen Schauspiel, in dem Verhandlungen und Terror nebeneinander existierten wie zwei Orchester, die gleichzeitig unterschiedliche Symphonien spielen.
Die Angebote, die niemand wollte
Besonders unerquicklich für viele Beobachter bleibt die Geschichte der gescheiterten Friedensangebote. Im Jahr 2000 legte Ehud Barak gemeinsam mit amerikanischer Vermittlung ein Angebot vor, das nach Darstellung zahlreicher Beteiligter die Grundlage für einen palästinensischen Staat auf nahezu dem gesamten Westjordanland und Gaza geschaffen hätte. Yassir Arafat lehnte ab. Es folgte die Zweite Intifada. Im Jahr 2008 präsentierte Ehud Olmert erneut weitreichende Vorschläge. Auch diese führten nicht zu einer Einigung. Natürlich existieren unterschiedliche Bewertungen der konkreten Inhalte dieser Angebote. Doch selbst bei großzügigster Betrachtung bleibt die Frage bestehen, weshalb jede historische Weggabelung regelmäßig in dieselbe Richtung führte. Die Antwort darauf wird selten diskutiert, weil sie unangenehm ist. Sie würde nämlich nahelegen, dass politische Fehlentscheidungen nicht ausschließlich auf einer Seite des Konflikts zu finden sind.
Gaza und das Experiment der Hoffnung
2005 zog sich Israel vollständig aus dem Gazastreifen zurück. Soldaten gingen. Siedler gingen. Die Welt beobachtete ein politisches Experiment. Sollte sich Gaza entwickeln, investieren, aufbauen und vielleicht den Beweis liefern, dass friedliche Koexistenz möglich ist? Die Antwort fiel anders aus. Hamas übernahm die Kontrolle. Raketenangriffe wurden zum Alltag. Aus der Hoffnung entstand eine neue Frontlinie. Die Vorstellung eines friedlichen Nachbarn verwandelte sich in eine Sicherheitsbedrohung. Spätestens nach dem 7. Oktober 2023, als Israel das schwerste Massaker an Juden seit dem Holocaust erlebte, wurden viele der früheren Annahmen innerhalb Israels endgültig beerdigt. Wo einst Optimismus stand, sitzt heute tiefes Misstrauen. Auch das gehört zu den langfristigen Folgen politischer Entscheidungen.
Die unbequeme Frage nach der Verantwortung
Die europäische Diskussion besitzt eine bemerkenswerte Eigenheit. Sie stellt nahezu ununterbrochen die Frage, was Israel tun müsse. Diese Frage ist legitim. Demokratien müssen kritisiert werden dürfen. Regierungen müssen hinterfragt werden. Militärische Entscheidungen müssen diskutiert werden. Doch auffällig bleibt die asymmetrische Verteilung moralischer Erwartungen. Während Israel regelmäßig aufgefordert wird, seine Politik zu ändern, wird deutlich seltener gefragt, welche Verantwortung palästinensische Eliten für die Lage ihres eigenen Volkes tragen. Welche Folgen hatten hundert Jahre strategischer Fehlentscheidungen? Welche Konsequenzen hatte die systematische Ablehnung von Kompromissen? Welche Auswirkungen hatten Korruption, Autoritarismus, Terrorismus und politische Maximalforderungen? Es ist erstaunlich, wie oft diese Fragen im Nebel moralischer Vereinfachungen verschwinden.
Die Realität, die nicht ins Narrativ passt
Besonders störend für einfache Weltbilder ist die Existenz von rund zwei Millionen arabischen Staatsbürgern Israels. Sie wählen, studieren, kandidieren für politische Ämter, arbeiten als Richter, Ärzte, Unternehmer, Professoren und Offiziere. Auch Drusen und Tscherkessen sind integraler Bestandteil des Staates. Diese Realität bedeutet keineswegs, dass Israel frei von Problemen, Diskriminierung oder gesellschaftlichen Spannungen wäre. Welcher Staat könnte das schon von sich behaupten? Sie widerlegt jedoch die populäre Behauptung, der Konflikt lasse sich auf eine simple Formel kolonialer Unterdrückung reduzieren. Die Wirklichkeit besitzt die unangenehme Eigenschaft, komplizierter zu sein als politische Slogans.
Die Rechnung kommt immer beim Volk an
Am Ende bleibt die vielleicht tragischste Erkenntnis. Die Menschen, die heute in Gaza, im Westjordanland oder in Flüchtlingslagern leben, haben die Entscheidungen von 1947 nicht getroffen. Sie haben die Kriege von 1948, 1967 oder 1973 nicht begonnen. Sie saßen weder in den Hauptquartieren der PLO noch in den Führungsgremien der Hamas. Dennoch tragen sie die Folgen all dieser Entscheidungen. Die Geschichte des palästinensischen Volkes ist deshalb nicht nur eine Geschichte von Vertreibung, Krieg und Besatzung. Sie ist auch eine Geschichte politischer Führungen, die wiederholt Chancen ausschlugen, Illusionen kultivierten und Niederlagen als Strategie missverstanden. Der Preis dafür wird bis heute bezahlt. Nicht von Generälen, Präsidenten oder Revolutionären. Sondern von gewöhnlichen Menschen, die immer wieder hören, sie stünden kurz vor der Befreiung, während ihre Realität von Generation zu Generation schwieriger wird. Vielleicht liegt genau darin die bitterste Satire des gesamten Konflikts: Diejenigen, die den höchsten Preis entrichten, besitzen meist den geringsten Einfluss auf die Entscheidungen, die ihn verursacht haben.