In einer Zeit, die sich noch immer auf die Fahnen der Aufklärung schreibt, hat sich ein Totalitarismus etabliert, der seine Vorgänger des zwanzigsten Jahrhunderts nicht durch größere Brutalität, sondern durch größere Flexibilität übertrifft. An die Stelle eines einzigen großen Narrativs, das die gesamte Gesellschaft auf ein utopisches Endziel hin ausrichtet, ist eine Vielzahl kleiner Narrative getreten, die jeweils ein partielles Gut zum alleinigen Maßstab erheben und damit das gesamte soziale Leben durchdringen. Gesundheitsschutz, Klimaschutz und der Schutz angeblich unterdrückter Minderheiten fungieren nicht mehr als begrenzte politische Ziele, sondern als universelle Rechtfertigungen für die umfassende Lenkung menschlichen Verhaltens. Dieser Totalitarismus trägt keine Uniformen und errichtet keine Konzentrationslager; er bedient sich der Sprache der Wissenschaft, der Fürsorge und der Empathie, um die Privatsphäre aufzulösen und die Menschen zu Objekten einer permanenten sozialen Ingenieurskunst zu machen. Seine Stärke liegt in der Fragmentierung: Wird ein Narrativ durch Erfahrung oder Kritik erschüttert, wächst an seiner Stelle ein neues hervor, das die gleiche Logik der totalen Kontrolle fortsetzt, nur unter anderem Vorzeichen. Die alten Regime forderten die Unterwerfung unter eine Wahrheit; das neue Regime fordert die Unterwerfung unter eine ständige Abfolge von Wahrheiten, die einander ablösen und doch stets dasselbe Ergebnis erzielen – die Ausdehnung staatlicher und gesellschaftlicher Verfügungsgewalt über den Einzelnen.
Die Allianz von politischem Szientismus und intellektueller Postmoderne
Was diesen Totalitarismus spezifisch postmodern macht, ist die paradoxe Verbindung zweier scheinbar unvereinbarer Strömungen. Auf der einen Seite steht der politische Szientismus, der wissenschaftliche Modelle und Expertenurteile zum absoluten Maßstab aller politischen Entscheidungen erhebt und die Menschen als physikalische Variablen behandelt, deren Verhalten sich durch die richtigen Eingriffe auf das allgemeine Gut hin steuern lässt. Auf der anderen Seite steht die intellektuelle Postmoderne, die jeden Universalitätsanspruch der Vernunft als Machtinstrument einer bestimmten Gruppe entlarvt und die Realität durch Simulationen von Interessen, Identitäten und „gelebten Erfahrungen“ ersetzt. Aus dieser Verbindung entsteht ein Herrschaftsapparat, der sich auf „die Wissenschaft“ beruft, solange sie die gewünschten Maßnahmen liefert, und auf die Relativität aller Standpunkte, sobald Kritik laut wird. Wenn biologische Tatsachen wie die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen als soziale Konstrukte deklariert werden, weil eine kleine Minderheit sich verletzt fühlt, dann dient die postmoderne Auflösung der Realität nicht der Befreiung, sondern der Durchsetzung neuer Sprachregeln und Denkverbote. Gleichzeitig liefert der Szientismus die technischen Mittel – Modelle, Prognosen, Daten – mit denen diese Verbote als notwendig für das Überleben der Menschheit oder des Planeten ausgegeben werden. Die Vernunft, einst das Instrument zur Begrenzung von Macht durch Argument und Evidenz, wird hier zum bloßen Werkzeug der jeweils herrschenden Expertengruppe. Ohne einen universellen Maßstab, der für alle Menschen gleichermaßen gilt, bleibt nur der Machtgebrauch übrig, der sich als Schutz tarnt und jede Gegenrede als Angriff auf das partielle Gut brandmarkt.
Die Mechanik der Massenbildung und das Verschwinden individueller Verantwortung
Der Erfolg dieses fragmentierten Totalitarismus erklärt sich nicht durch geheime Absprachen oder einzelne finanzstarke Akteure, sondern durch ein wiederkehrendes psychologisches und soziales Muster, das in unterschiedlichen Themenfeldern dieselbe Wirkung entfaltet. In Situationen diffuser Angst – sei es vor einem Virus, vor klimatischen Veränderungen oder vor angeblichen systemischen Ungerechtigkeiten – entsteht eine Bereitschaft, die eigene Urteilskraft an eine kollektive Deutung abzugeben. Diese Deutung wird von Experten und Medien als die einzig wissenschaftliche und moralische Wahrheit präsentiert, während abweichende Stimmen als egoistisch, gefährlich oder unwissend diffamiert werden. Die Menschen machen mit, auch wenn die Maßnahmen ihren wirtschaftlichen Interessen, ihren sozialen Bindungen und ihren früheren Überzeugungen zuwiderlaufen, weil die Teilnahme am kollektiven Narrativ das Gefühl von Sinn und Zugehörigkeit wiederherstellt. Lockdowns, die soziale Kontakte bis in die engsten Familienkreise hinein reglementierten und den eigenen Körper der Verfügungsgewalt des Staates unterstellten, fanden breite Zustimmung, obwohl der angerichtete Schaden an psychischer und physischer Gesundheit evident war. Ähnlich verhält es sich mit Forderungen nach radikalen Einschränkungen von Mobilität, Ernährung und Wohnen im Namen des Klimas oder mit Sprachregelungen, die biologische Realitäten durch Bekenntnisse zu sozialen Konstrukten ersetzen. Die Fragmentierung der Narrative ermöglicht es, dass jeder Einzelne stets ein neues Feindbild und ein neues Gut finden kann, an dem er sich beteiligen darf, ohne je die Gesamtheit der Kontrollmechanismen in Frage stellen zu müssen. Auf diese Weise wird die Selbstzerstörung individueller Autonomie zu einem gemeinschaftlichen Projekt, das sich selbst reproduziert.
Die Auflösung der Privatsphäre durch partielle Güter
Die Konsequenz dieses Regimes ist die systematische Beseitigung jeder Sphäre, die dem Zugriff der Gesellschaft und des Staates entzogen bleibt. Im Namen des Gesundheitsschutzes wurde der eigene Körper zum Gegenstand politischer Anordnungen, im Namen des Klimaschutzes werden Ernährungsgewohnheiten, Fortbewegungsarten und Wohnformen bis ins Detail reguliert, und im Namen des Minderheitenschutzes wird das gesprochene Wort zum potenziellen Vergehen. Keines dieser partiellen Güter ist per se illegitim; ihre Totalisierung jedoch verwandelt sie in Instrumente einer Herrschaft, die keine Grenze mehr anerkennt. Die Privatsphäre, einst als Schutzraum individueller Freiheit verstanden, gilt nun als verdächtig, weil sie sich der Erfassung durch Modelle und der Korrektur durch „woke“ Sensibilität entzieht. Technokratische Experten beanspruchen nicht nur Wissen über Fakten, sondern auch moralisches Wissen darüber, wie Menschen zu leben haben, um das jeweilige Gut zu verwirklichen. Die Postmoderne liefert dafür die ideologische Rechtfertigung: Da es keine objektive Realität und keine universelle Vernunft mehr gibt, zählt nur noch, welche Gruppe ihre Interessen als „Schutz“ formuliert und durchsetzt. Das Resultat ist eine Gesellschaft, in der die Menschen nicht mehr als vernunftbegabte Subjekte behandelt werden, sondern als Träger von Identitäten und Risikofaktoren, deren Verhalten permanent überwacht und korrigiert werden muss. Die vielen Köpfe des neuen Totalitarismus sorgen dafür, dass stets ein neues partielles Gut zur Hand ist, wenn das vorherige an Glaubwürdigkeit verliert – und dass die zugrundeliegende Logik der Kontrolle dabei niemals in Frage gestellt wird.
Der Rückzug von Freiheit und Aufklärung
Was sich hier vollzieht, ist kein Rückfall in voraufklärerische Zustände, sondern eine Perversion der Aufklärung selbst. Die Idee, dass Vernunft und Freiheit das gemeinsame Kennzeichen aller Menschen sind, wird durch die Betonung von Unterschieden – Kultur, Identität, Gruppenzugehörigkeit – ersetzt. Wo früher der gleiche Vernunftgebrauch als Grundlage gleicher Rechte diente, treten nun spezifische Rechte für spezifische Gruppen, die je nach Narrativ gewährt oder entzogen werden können. Die Machtausübung durch Wissenschaft und Politik kann nicht mehr durch Argument und Evidenz begrenzt werden, weil der Maßstab der universellen Vernunft als Relikt einer angeblich unterdrückenden Tradition gilt. Stattdessen regiert der reine Machtgebrauch, der sich als Schutz der jeweils aktuellen Krise tarnt. Die vielen Köpfe des neuen Totalitarismus sorgen dafür, dass dieser Prozess nie zum Stillstand kommt: Jede entlarvte Übertreibung wird durch eine neue Krise ersetzt, jede Kritik an einem Narrativ wird als Angriff auf ein anderes partielles Gut umgedeutet. Die Freiheit, die einst darin bestand, das eigene Leben selbstbestimmt zu führen, schrumpft auf die Freiheit zusammen, sich an der jeweils herrschenden Simulation der Realität zu beteiligen. Die Aufklärung, die einst die Mündigkeit des Einzelnen zum Ziel hatte, endet hier in einer Massenbewegung, die ihre eigene Entmündigung als moralischen Fortschritt feiert. Der neue Totalitarismus ist nicht das Ende der Geschichte, sondern die Fortsetzung der Macht unter den Bedingungen der Fragmentierung – und er wird so lange bestehen, wie es gelingt, die Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Unterwerfung unter die vielen Köpfe der Preis für ihr eigenes Überleben ist.