Es gehört zu den eigentümlichsten politischen Leistungen der späten Bundesrepublik, dass sie eine Kultur hervorgebracht hat, in der fast alles erlaubt scheint – außer eine unironische Zuneigung zum Eigenen. Man darf sich zu Landschaften bekennen, zu Küchen, Fußballvereinen, Streamingserien, internationalen Identitäten, globalen Narrativen, urbanen Mikro-Subkulturen und den dreiundvierzig Schattierungen der individuellen Selbstbeschreibung. Nur bei einer gewissen schlichten Feststellung – dass Völker, Nationen und kulturelle Kontinuitäten vielleicht nicht bloß lästige Verwaltungsfehler der Geschichte seien – beginnt sofort das große Räuspern. Dann hebt sich der Zeigefinger wie von selbst. Dann erscheinen Gesichter, auf denen sich jene Mischung aus moralischer Ergriffenheit und administrativer Müdigkeit ausbreitet, die in politischen Kreisen mittlerweile den Charakter eines Berufsausweises angenommen hat. Es ist der Gesichtsausdruck des Menschen, der eine Nation verwaltet, ohne jemals ganz zuzugeben, dass er ihren Fortbestand eigentlich für einen historischen Betriebsunfall hält.
Vor diesem Hintergrund wirkten die Äußerungen von Bärbel Bas weniger wie ein Ausrutscher als wie eine besonders unverblümte Momentaufnahme. Nicht wegen ihrer Radikalität – die eigentliche Pointe liegt vielmehr darin, dass sie etwas aussprach, was vielerorts längst stillschweigend als kulturelle Betriebsphilosophie existiert. Der eigentliche Skandal lag nicht im Inhalt, sondern im Wegfall der höflichen Tarnung. Man kennt diese Formeln: Vielfalt, Offenheit, gesellschaftlicher Wandel, neue Realität. Worte, die inzwischen einen eigentümlichen Charakter angenommen haben. Sie funktionieren wie die Duftkerzen des politischen Sprachgebrauchs: süßlich, beruhigend und vor allem dazu geeignet, jede konkrete Frage nach Inhalt und Konsequenz in aromatische Nebelschwaden aufzulösen.
Die seltsame Karriere des deutschen Unbehagens am Deutschen
Der moderne politische Diskurs hat eine bemerkenswerte Eigenart entwickelt: Er behandelt nationale Identität ungefähr so, wie ein viktorianischer Haushalt einen verrückten Onkel behandelte. Man weiß, dass er existiert. Man weiß, dass er zur Familie gehört. Aber am liebsten wird er im oberen Stockwerk versteckt, und wenn Besucher kommen, spricht niemand über ihn.
In Frankreich, Italien, Polen oder selbst in Staaten mit weit jüngeren nationalen Traditionen würde die Vorstellung, die eigene Bevölkerung als kulturell zu traditionell, zu homogen oder zu sehr sie selbst zu betrachten, eine gewisse Irritation auslösen. Nicht zwingend Empörung; eher jenes stille Erstaunen, das Menschen empfinden, wenn jemand plötzlich beginnt, gegen seine eigene Wohnung zu argumentieren. Man stelle sich einen Architekten vor, der erklärt, Häuser seien im Grunde problematisch und langfristig wäre eine Auflösung in zufällig zusammengewehte Baumaterialien der eigentliche Fortschritt.
Doch in Deutschland besitzt die Sache eine besondere historische Färbung. Hier entstand über Jahrzehnte ein eigentümlicher politischer Reflex: Das Nationale wurde nicht bloß relativiert, sondern pädagogisch exorziert. Jede Form des Eigenen geriet unter Generalverdacht. Die Geschichte stand als ewiger Gerichtsvollzieher im Raum. Und irgendwann schien sich daraus eine seltsame Schlussfolgerung zu ergeben: Weil frühere Generationen an nationalistischer Übersteigerung litten, müsse die Gegenwart sicherheitshalber jede Form kollektiver Selbstachtung in Quarantäne schicken.
Die Satire des Ganzen liegt darin, dass sich ausgerechnet darin wieder etwas zutiefst Deutsches offenbart: die Neigung zum Absoluten. Wenn schon Selbstkritik, dann totale Selbstkritik. Wenn schon Aufarbeitung, dann bis zur kulturellen Selbstverdampfung. Der Deutsche, so könnte ein böswilliger Beobachter formulieren, neigt selbst beim Zweifel an sich selbst noch zu deutscher Gründlichkeit.
Das Einheitsbraun und die Kunst des moralischen Farbmanagements
Besonders bemerkenswert ist die Wortwahl. „Einheitsbraun“ – ein Begriff, der nicht einfach eine Beschreibung darstellt, sondern bereits ein moralisches Urteil in Tarnkleidung transportiert. Braun ist in Deutschland kein neutraler Farbton. Braun ist politische Strahlung. Braun ist historischer Sondermüll. Braun ist die Farbe, die in Debatten nicht beschreibt, sondern verurteilt.
Darin offenbart sich eine bemerkenswerte rhetorische Technik. Es genügt längst nicht mehr, eine Position falsch zu nennen. Sie muss atmosphärisch kontaminiert werden. Das erinnert an mittelalterliche Vorstellungen von Dämonologie: Nicht die Argumente stehen im Mittelpunkt, sondern die Austreibung böser Geister. Wer sich auf kulturelle Kontinuität beruft, bewegt sich plötzlich in einer semantischen Geisterbahn, in der an jeder Ecke historische Gespenster aufspringen.
Die Pointe ist dabei fast literarisch: Je weniger präzise Begriffe verwendet werden, desto größer ihre politische Schlagkraft. Denn Unschärfe besitzt einen entscheidenden Vorteil. Gegen Nebel lässt sich schwer diskutieren. Wer nachfragt, was konkret gemeint sei, gilt bereits als verdächtig. Das moderne politische Vokabular funktioniert manchmal wie ein Zaubertrick: Entscheidend ist nicht, was gesagt wird, sondern dass niemand wagt, die Mechanik zu betrachten.
Die große Entmaterialisierung der Nation
Dabei lohnt sich eine fast altmodische Frage: Was genau ist eigentlich so verwerflich an kultureller Kontinuität? Nationen bestanden historisch nie aus biologisch reinen Laborversuchen, sondern aus langen Prozessen der Vermischung, Entwicklung, Aneignung und Veränderung. Das Banale daran macht es fast unanständig. Kulturen verändern sich ständig. Aber sie bleiben dennoch erkennbar.
Nur die Bundesrepublik scheint stellenweise eine neue Theorie zu entwickeln: Identität existiert nur noch als individueller Besitzstand, niemals als kollektive Wirklichkeit. Das Kollektive darf sich auflösen; das Individuelle soll sich entfalten. Eine bemerkenswerte Asymmetrie. Man könnte sie als philosophischen Fortschritt betrachten. Oder als einen jener Momente, in denen eine Gesellschaft beginnt, die Statik ihres eigenen Hauses für Unterdrückung zu halten.
In der satirischen Überhöhung erscheint bereits die Zukunft: Ein Land voller Menschen, die unendlich vielfältig, vollkommen offen und radikal individuell sind – und die dennoch alle exakt dieselben Formeln benutzen. Überall Vielfaltserklärungen, Integrationsgipfel, Aktionswochen, Dialogformate und Veranstaltungen mit Titeln wie „Gemeinsam verschieden gemeinsam stark gemeinsam Zukunft“. Eine Gesellschaft maximaler Unterschiedlichkeit, die bemerkenswert einheitlich klingt.
Das Schweigen der politischen Statisten
Noch bemerkenswerter als die Aussagen selbst erscheint häufig das Schweigen danach. Die moderne Politik besitzt eine eigene Kunstform: das geräuschlose Verschwinden von Kontroversen. Früher hätte ein öffentlicher Streit begonnen. Heute entsteht eher eine Atmosphäre kollektiver Geräuschdämmung. Man hört gewissermaßen das vorsichtige Schleichen politischer Funktionäre über Teppichboden.
Besonders interessant wirkt dabei das Verhältnis zwischen CDU und SPD. Einst existierten Unterschiede. Heute entsteht gelegentlich der Eindruck zweier Theatergruppen, die verschiedene Kostüme tragen, aber dasselbe Stück aufführen. Der eine spricht etwas energischer, der andere etwas sanfter; der eine trägt konservative Vokabeln, der andere progressive; doch beim zentralen Drehbuch scheinen beide oft erstaunlich einig: Wandel ist alternativlos, Identität verdächtig und Skepsis ein Fall für die politische Verkehrsüberwachung.
Vielleicht erklärt das auch die eigentümliche Gereiztheit vieler Debatten. Denn Menschen reagieren selten nur auf politische Maßnahmen. Sie reagieren auf das Gefühl, dass bestimmte Fragen gar nicht mehr gestellt werden dürfen. Das eigentliche Unbehagen entsteht dort, wo Diskussionen nicht entschieden, sondern moralisch vorab beendet werden.
Der heitere Ernst einer erschöpften Republik
Und hier wird die Angelegenheit beinahe tragikomisch. Denn die Bundesrepublik wirkt oft wie ein Land, das ununterbrochen über Offenheit spricht und gleichzeitig panische Angst vor offenen Diskussionen entwickelt. Ein Land, das Vielfalt feiert, aber geistige Uniformität erstaunlich zuverlässig produziert. Ein Land, das ständig historische Lehren beschwört und gelegentlich übersieht, dass zu diesen Lehren auch gehört, Machtfragen und gesellschaftliche Entwicklungen offen zu verhandeln.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Satire. Nicht in einzelnen Aussagen. Nicht in einzelnen Politikern. Sondern in einer politischen Kultur, die sich selbst für radikal pluralistisch hält und dabei manchmal den Charme einer moralischen Hausordnung entwickelt.
Karl Kraus schrieb einst: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.“ Der Satz besitzt heute eine fast unheimliche Aktualität. Denn vielleicht erlebt die Gegenwart nicht den Triumph großer Ideen, sondern eher die Herrschaft großer Formeln. Und Formeln haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie beginnen irgendwann, ihre Benutzer zu denken.
Bis dahin bleibt die Republik beschäftigt – mit Aktionswochen, Haltungsseminaren, Dialogformaten und der ewigen Suche nach jener idealen Gesellschaft, in der Herkunft keine Rolle mehr spielt, Tradition nur noch Folklore ist und Identität sich in administrativ betreute Vielfalt auflöst. Ein Projekt von geradezu deutscher Konsequenz: die methodische Abschaffung des Problems durch Abschaffung seines Gegenstandes.
Eine gewisse Ironie läge darin, dass selbst dieser Vorgang vermutlich irgendwann als typisch deutsch gelten würde. Und dann begänne alles wieder von vorn.