Es gehört zu den eigentümlichen Ritualen moderner Gesellschaften, dass sie ihre größten Ängste regelmäßig verwechseln. Jahrzehntelang blickte die westliche Welt wie ein nervöser Hypochonder auf die Geburtenraten der Menschheit und sah am Horizont bereits Milliarden hungriger Münder, die den Planeten in einen kosmischen Selbstbedienungsladen verwandeln würden. Die Zukunft erschien als gigantische Warteschlange vor einer globalen Kantine: zu viele Menschen, zu wenig Ressourcen, zu viel Verbrauch, zu wenig Erde. Aus den Thinktanks und Konferenzsälen erklang die Liturgie der Endlichkeit. Der Mensch galt als biologischer Schädling seines eigenen Lebensraums. Die Menschheit wurde plötzlich wie eine Heuschreckenplage beschrieben – bloß mit höheren Bildungsabschlüssen und besseren PowerPoint-Präsentationen.
Der historische Triumph des berühmten Berichts des Club of Rome bestand dabei weniger in der Qualität seiner Prognosen als in seiner Fähigkeit, aus Spekulation eine säkulare Offenbarungsreligion zu formen. Die Apokalypse trat fortan im Gewand der Computersimulation auf. Priester wurden durch Experten ersetzt, Propheten durch Modelle, und statt göttlicher Strafen drohten nun Diagramme. Wer die Zukunft berechnete, durfte sie auch verkünden. Dennis Meadows und seine Mitstreiter lieferten keine bloße Studie; sie schufen ein modernes Jüngstes Gericht mit Datensätzen.
Und wie jede erfolgreiche Weltanschauung entwickelte auch diese ihre Heiligen, ihre Ketzer und ihre Tabus. Der Rückgang der Geburten galt plötzlich nicht mehr als Tragödie alternder Zivilisationen, sondern beinahe als moralische Leistung. Kinderlosigkeit erhielt den Status eines ökologischen Beitrags. Aus einer biografischen Besonderheit wurde eine planetarische Tugend. Der Mensch sollte sich zurücknehmen, am besten ganz verschwinden – allerdings möglichst erst nach der Pensionierung und nicht vor den Sommerferien.
In dieser merkwürdigen Atmosphäre tauchte eine Stimme auf, die nicht in die harmonische Choreografie der Weltuntergangsverwaltung passte. Gunnar Heinsohn sprach einen Satz aus, dessen Nüchternheit fast beleidigend wirkte: „Wo es zu viele junge Männer gibt, wird getötet.“
Ein Satz wie eine Ohrfeige in einem Raum voller Menschen, die gerade über CO₂-Zertifikate diskutieren.
Die verdrängte Mathematik der Gewalt
Es gibt Sätze, die deshalb provozieren, weil sie zu simpel erscheinen. Die moderne Intelligenz liebt Komplexität. Je undurchdringlicher eine Erklärung klingt, desto seriöser erscheint sie. Das ist die heimliche Eitelkeit der Expertenkultur. Eine Theorie, die jeder auf Anhieb versteht, gilt automatisch als verdächtig.
Heinsohns These besaß den Charme einer unangenehmen statistischen Binsenweisheit. Nicht Armut sei die eigentliche Triebkraft von Gewalt. Nicht Religion. Nicht Kolonialismus. Nicht die globale Ungerechtigkeit, jene Universalvokabel moderner Schuldverwaltung.
Sondern Demographie.
Genauer: ein Überangebot junger Männer.
Und plötzlich wurde aus Geschichte kein moralisches Theater mehr, sondern beinahe eine biologische Mechanik. Drei, vier oder fünf Söhne wachsen auf; gesellschaftlich brauchbare Positionen existieren aber nur für einen oder zwei. Der Rest steht vor einer mathematischen Kleinigkeit: Ehrgeiz verschwindet nicht bloß deshalb, weil keine Stellen ausgeschrieben sind.
Es ist eine grausame Rechnung. Der dritte Sohn besitzt dieselben Hormone, denselben Stolz, dieselbe Konkurrenzlust wie der Erstgeborene. Nur fehlt ihm eines: Platz.
Die Geschichte kennt dafür erstaunlich viele Lösungen. Revolutionen. Bürgerkriege. Eroberungen. Kolonisationen. Genozide. Migration.
Oder anders formuliert: Wenn der gesellschaftliche Fahrstuhl nur Platz für zwei Personen hat, aber acht junge Männer davorstehen, beginnt irgendwann jemand, die Türen einzutreten.
Europas eigene Vergangenheit war kein Meditationsseminar
Besonders unerquicklich für das moderne europäische Selbstbild ist die Tatsache, dass Heinsohns Theorie ausgerechnet Europas Geschichte hervorragend erklärt.
Die Gegenwart liebt den Gedanken, Gewalt sei etwas Exotisches. Irgendetwas Fremdes. Irgendetwas aus Regionen mit komplizierten Stammeskonflikten, religiösen Fanatikern oder zu wenig Demokratieseminaren.
Doch Europa war jahrhundertelang selbst eine gigantische Fabrik überschüssiger Söhne.
Nach der Pest stiegen die Geburtenzahlen dramatisch. Familien bekamen sieben oder acht Kinder. Europa produzierte Nachwuchs wie eine schlecht regulierte industrielle Großanlage. Das Ergebnis war keine friedliche Gemeinschaft kreativer Humanisten, die gemeinsam Shakespeare lasen und Vivaldi hörten.
- Es kamen Bauernkriege.
- Religionskriege.
- Dynastische Kriege.
- Kolonialkriege.
- Weltkriege.
Die berühmten spanischen „Secundones“, die Zweitgeborenen, zogen nach Südamerika und verwandelten ganze Kontinente in gigantische Tatorte imperialer Selbstverwirklichung. Die Schweiz exportierte ihre überschüssigen Söhne als Söldner. Europa löste sein Jugendproblem traditionell dadurch, dass man jungen Männern Schwerter in die Hand drückte und ihnen eine Richtung zeigte.
Der Mensch nennt das später Geschichte.
Der romantische Irrtum über Armut und Religion
Die moderne Debatte liebt psychologische Erzählungen. Gewalt müsse erklärt werden durch Kränkung, Benachteiligung, Ungleichheit oder Diskriminierung. Irgendwo müsse ein Trauma sitzen, das die Aggression hervorbringt.
Das klingt angenehm. Es klingt humanistisch. Es klingt nach Gesprächskreisen und Förderprogrammen.
Es hat nur einen Haken.
Viele der ärmsten Regionen der Welt sind keineswegs besonders kriegerisch. Viele religiöse Gesellschaften bleiben friedlich. Viele hochgebildete Gesellschaften dagegen entwickelten historisch einen nahezu industriellen Vernichtungsdrang.
Deutschland etwa war 1914 nicht gerade Somalia.
Manchmal wirkt die Suche nach komplizierten Ursachen wie die Verzweiflungstat einer Gesellschaft, die banale Tatsachen für unwürdig hält. Als wäre Statistik zu ordinär.
Dabei ist die Pointe unerquicklich: Junge Männer sind nicht deshalb friedlich oder aggressiv, weil sie eine bestimmte Religion besitzen oder weil sie bestimmte Theorien lesen.
Junge Männer konkurrieren.
Schon immer.
Überall.
Und zwar mit einer Energie, gegen die jede Motivationsrede wie eine Schlaftablette wirkt.
Der große Export überschüssiger Söhne
Doch hier beginnt die eigentliche Ironie der Gegenwart.
Während westliche Gesellschaften über ihre sinkenden Geburtenraten verzweifeln, exportieren andere Regionen weiterhin ihre überschüssigen Söhne.
Nicht aus Bosheit.
Nicht aus Verschwörung.
Sondern aus Demographie.
Europa wurde in den vergangenen Jahrzehnten zur historischen Kuriosität: eine alternde, kinderarme, saturierte Gesellschaft mit enormem Wohlstand und gleichzeitig schwindender eigener Jugend.
Und alternde Gesellschaften entwickeln sonderbare Illusionen. Sie glauben gern, junge Menschen seien automatisch Lösungen.
Arbeitskräfte.
Fachkräfte.
Beitragszahler.
Demographische Rettungspakete mit Puls.
Doch Demographie funktioniert nicht wie Möbelversand. Menschen kommen nicht als neutrale statistische Einheiten.
Wer Millionen junger Männer importiert, importiert eben nicht bloß Arbeitskraft. Es kommen auch Konkurrenzverhalten, Statuskämpfe, kulturelle Prägungen, Frustrationen und Erwartungen mit.
Diese Beobachtung gilt heute bereits fast als Ketzerei.
Dabei handelt es sich um nichts anderes als Anthropologie.
Europas neue Wehrlosigkeit
Heinsohns vielleicht bitterste Beobachtung betrifft allerdings nicht Afrika, den Nahen Osten oder Migration.
Sondern Europa selbst.
Die alten Gesellschaften des Westens haben ihren Youth Bulge verloren.
Sie besitzen nicht mehr zu viele Söhne.
Sie besitzen zu wenige.
Und plötzlich erscheint der Pazifismus in einem neuen Licht.
Vielleicht ist die Friedfertigkeit alter Gesellschaften gar nicht Ausdruck moralischer Überlegenheit. Vielleicht ist sie biologischer Luxus.
Wer durchschnittlich einen Sohn besitzt, betrachtet Krieg anders als jemand mit vier Söhnen.
Das klingt brutal.
Es ist brutal.
Die moderne Welt spricht gern von Werten, Prinzipien und historischen Lehren. Doch möglicherweise steckt hinter manchen Idealen etwas viel Prosaischeres: fehlende personelle Reserven.
Ein Staat mit wenigen Kindern entwickelt eine nahezu pathologische Risikoaversion. Er wird vorsichtig, defensiv, erschöpft.
Nicht aus Weisheit.
Sondern aus Mangel.
Das letzte Tabu
Vielleicht lag die eigentliche Provokation Gunnar Heinsohns niemals in seinen Zahlen.
Vielleicht lag sie darin, dass seine Theorie den Menschen entmoralisierte.
Denn moderne Gesellschaften lieben Erzählungen von Schuldigen und Unschuldigen. Sie brauchen Täter und Opfer. Gute und Böse.
Demographie dagegen ist unerquicklich.
Sie urteilt nicht.
Sie erklärt.
Und Erklärungen beleidigen oft die Eitelkeit der Gegenwart.
Denn plötzlich erscheint Geschichte nicht mehr als moralischer Roman, sondern als eine gigantische Warteschlange überschüssiger Söhne vor verschlossenen Türen.
Und irgendwo im Hintergrund sitzt die Zivilisation, blättert nervös in ihren Statistiken und tut so, als handle es sich bloß um Zahlen.
Bis die Zahlen eines Tages zurückrufen. Mit sehr lauter Stimme.
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