Die Geisterbahn der Vernunft

Es gibt politische Entscheidungen, die den Eindruck erwecken, als hätten sich Kafka, Monty Python und ein besonders ambitionierter Controller in einem Sitzungssaal eingeschlossen und beschlossen, die Realität probeweise in Satire zu verwandeln. Die Wiener U5 gehört zweifellos in diese Kategorie. Ein milliardenschweres Infrastrukturprojekt wird gebaut, weitgehend fertiggestellt, technisch betriebsbereit gemacht – und anschließend für mehrere Jahre einfach nicht benutzt. Nicht etwa, weil ein Tunnel fehlt, eine Brücke eingestürzt wäre oder ein Bohrkopf im Erdreich verschollen ist. Nein. Die Schienen liegen, die Bahnsteige glänzen, die Rolltreppen könnten laufen, die Beleuchtung könnte eingeschaltet werden, die Züge könnten theoretisch verkehren. Doch stattdessen herrscht gespenstische Ruhe. Eine U-Bahn, die existiert, aber nicht fährt. Ein Bahnhof, der eröffnet werden könnte, aber nicht eröffnet wird. Infrastruktur als museales Ausstellungsstück. Die berühmte österreichische Gemütlichkeit hat damit eine neue Dimension erreicht: Sie fährt jetzt sogar mit einer Geschwindigkeit von exakt null Stundenkilometern.

Wenn Fertigstellung nicht mehr Fertigstellung bedeutet

In den vergangenen Jahrzehnten bestand die größte Sorge bei öffentlichen Bauprojekten meist darin, dass sie zu spät fertig würden. Die klassische Bauverzögerung gehörte beinahe zur kulturellen DNA großer Infrastrukturvorhaben. Nun scheint ein neuer Evolutionsschritt erreicht zu sein. Das Bauwerk wird rechtzeitig fertig – und gerade deshalb nicht eröffnet. Die eigentliche Verzögerung beginnt erst nach der Fertigstellung. Aus der Bauverzögerung wird eine Betriebsverzögerung, aus der technischen Fertigstellung ein administrativer Wartestand. Das erinnert an ein Restaurant, das sämtliche Speisen zubereitet, den Tisch deckt, den Wein entkorkt und anschließend erklärt, dass das Essen erst in vier Jahren serviert werde, weil die Stromrechnung ansonsten zu hoch ausfiele. Niemand würde eine derartige Logik im privaten Leben akzeptieren. Würde ein Autohändler erklären, das bereits bezahlte Fahrzeug bleibe aus Gründen der Budgetkonsolidierung noch einige Jahre im Schauraum stehen, wäre die Empörung grenzenlos. Im öffentlichen Sektor hingegen erhält dieselbe Denkweise einen offiziellen Projektstatus und wird mit nüchterner Verwaltungssprache versehen, bis selbst das Offensichtliche wie eine alternativlose Sachzwangentscheidung erscheint.

Die hohe Kunst, Geld auszugeben, um Geld zu sparen

Als Hauptargument werden die Betriebskosten angeführt. Ein mehrjähriger Parallelbetrieb von U2 und U5 verursache jährlich zusätzliche Millionenbeträge. Das klingt zunächst plausibel. Erst beim zweiten Nachdenken beginnt die eigentliche Komödie. Milliarden wurden investiert, damit eine Infrastruktur entsteht. Genau jene Infrastruktur soll anschließend stillgelegt bleiben, um vergleichsweise geringe laufende Kosten einzusparen. Das erinnert an jemanden, der ein luxuriöses Eigenheim errichtet, sämtliche Möbel kauft, den Garten bepflanzt, die Küche einbauen lässt und anschließend jahrelang im Auto schläft, um Heizkosten zu sparen. Buchhalterisch mag sich manches kurzfristig verschieben lassen. Volkswirtschaftlich wirkt das Bild dagegen bemerkenswert unerquicklich. Kapital, das bereits gebunden wurde, erzielt keinen Nutzen. Anlagen altern auch dann, wenn sie nicht benutzt werden. Technische Einrichtungen möchten regelmäßig betrieben, geprüft und gewartet werden. Rolltreppen rosten nicht aus Rücksicht auf Budgetdebatten langsamer, elektronische Systeme verlieren ihre Alterungsprozesse nicht deshalb, weil kein Fahrgast den Bahnsteig betritt. Infrastruktur besitzt die unangenehme Eigenschaft, auch im Stillstand Kosten zu verursachen.

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Die Geisterstation als neues Wahrzeichen

Der Begriff der Geisterstation besitzt eigentlich historischen Charme. Im geteilten Berlin standen einst Stationen leer, weil Mauern, Stacheldraht und politische Systeme den Verkehr verhinderten. Heute entsteht eine moderne Variante, allerdings ohne Mauer, ohne militärische Sperrzone und ohne ideologischen Großkonflikt. Die Station existiert schlicht deshalb, weil sie nicht benutzt werden soll. Das ist eine bemerkenswerte Errungenschaft moderner Verwaltungslogik. Wo früher historische Tragödien Geisterstationen schufen, genügt heute eine Budgetplanung. Architekturhistoriker werden sich eines Tages möglicherweise verwundert fragen, weshalb Anfang des 21. Jahrhunderts vollständig ausgestattete U-Bahn-Stationen jahrelang auf Fahrgäste warteten, obwohl ringsum Millionenstädte über Verkehr, Klimaschutz und öffentliche Mobilität diskutierten. Vielleicht wird dann vermutet, es habe sich um ein besonders avantgardistisches Kunstprojekt gehandelt. Der Titel könnte lauten: „Mobilität in Abwesenheit des Verkehrs.“

Das Wunder der gleichzeitigen Verkehrs- und Sparpolitik

Besonders reizvoll ist die Parallelität der politischen Botschaften. Einerseits wird der öffentliche Verkehr als Rückgrat der klimafreundlichen Stadtentwicklung präsentiert. Jede zusätzliche Fahrt mit Bus oder Bahn gilt als Beitrag zur Reduktion von Emissionen, zur Entlastung der Straßen und zur Verbesserung der Lebensqualität. Andererseits wird eine bereits vorhandene neue U-Bahn bewusst nicht eingesetzt. Das erzeugt eine faszinierende Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es ist ungefähr so, als würde eine Feuerwehr stolz ihre modernsten Löschfahrzeuge präsentieren und anschließend erklären, sie blieben bis 2030 vorsorglich in der Garage, weil der Dieselverbrauch andernfalls zu hoch wäre. Natürlich lässt sich jede Einzelentscheidung technisch begründen. Doch das Gesamtbild beginnt irgendwann eine unfreiwillige Komik zu entfalten, die jede satirische Überzeichnung fast überflüssig macht.

Der Parallelbetrieb als Schreckgespenst

Ein weiteres Argument betrifft die betriebliche Stabilität. Die bestehende U2 soll während der Sperre der S-Bahn-Stammstrecke eine zentrale Entlastungsfunktion übernehmen. Ein gleichzeitiger Mischbetrieb mit der vollautomatischen U5 sei technisch anspruchsvoll und könne Störungen verursachen. Dieses Argument besitzt durchaus technische Substanz und ist keineswegs von der Hand zu weisen. Dennoch offenbart es eine bemerkenswerte Ironie. Die moderne Automatisierung wird regelmäßig als Inbegriff höchster Zuverlässigkeit gepriesen. Gleichzeitig wird ihre Einführung hier vorsorglich verschoben, weil genau diese hochmoderne Technik den bestehenden Betrieb beeinträchtigen könnte. Das klingt ein wenig wie die Ankündigung eines Autoherstellers, das neue Bremssystem werde erst später eingebaut, weil es beim Bremsen Schwierigkeiten geben könnte. Technische Vorsicht ist selbstverständlich legitim. Doch sie erzeugt zwangsläufig die Frage, weshalb ein System bereits vollständig errichtet wird, wenn seine Nutzung noch jahrelang als zu riskant gilt.

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Der große Auftritt im Jahr 2030

Statt einer schrittweisen Inbetriebnahme soll das neue Liniennetz gewissermaßen mit einem Paukenschlag erscheinen. Die U5 übernimmt dann ihren Abschnitt vollständig, während die U2 auf ihre neue Strecke Richtung Matzleinsdorfer Platz wechselt. Aus planerischer Sicht besitzt dieses Konzept Eleganz. Alles greift gleichzeitig ineinander, sämtliche Linien erscheinen in ihrer endgültigen Form, das Netz wirkt aus einem Guss. Es ist das infrastrukturelle Pendant zur Generalprobe, die gleichzeitig Premiere sein möchte. Allerdings hat diese Inszenierung ihren Preis. Vier Jahre lang existiert ein fertiges Bauwerk ohne praktischen Nutzen. Die Bevölkerung finanziert gewissermaßen einen Theatervorhang, hinter dem die Kulissen bereits vollständig aufgebaut sind, während das Publikum draußen warten darf, bis sämtliche Schauspieler gleichzeitig ihre Plätze eingenommen haben.

Die Ökonomie des Wartens

Volkswirtschaftlich besitzt jede Investition einen einfachen Zweck: Sie soll Nutzen stiften. Straßen sollen befahren werden, Schulen sollen unterrichten, Krankenhäuser sollen behandeln und U-Bahnen sollen Menschen transportieren. Bleibt dieser Nutzen aus, entsteht eine merkwürdige Zwischenwelt. Die Investition existiert, ihre gesellschaftliche Rendite jedoch nicht. Jeder Monat ohne Betrieb ist ein Monat, in dem Zeitgewinne für Pendler ausbleiben, Verkehrsströme unverändert bleiben und die erhofften Vorteile lediglich in Projektpräsentationen existieren. Man könnte fast meinen, der Begriff „betriebsbereit“ habe eine neue Bedeutung erhalten. Er beschreibt nicht mehr den Zustand unmittelbarer Nutzbarkeit, sondern vielmehr die Fähigkeit, geduldig auf bessere politische Zeiten zu warten.

Verwaltung als eigene Naturgewalt

Es gibt Naturgesetze. Wasser fließt bergab. Feuer ist heiß. Schwerkraft wirkt zuverlässig. Und irgendwo zwischen Physik und Philosophie scheint sich inzwischen ein weiteres Gesetz etabliert zu haben: Je größer ein öffentliches Projekt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass seine Logik ausschließlich innerhalb der Verwaltungsakten vollständig verständlich erscheint. Außenstehende betrachten das Ergebnis und stellen verblüfft fest, dass eine neue U-Bahn nicht fährt, weil sie zu neu ist, zu teuer im Betrieb wäre und gleichzeitig noch nicht alt genug erscheint, um tatsächlich benutzt zu werden. Der gesunde Menschenverstand reagiert darauf zunächst mit Verwunderung, anschließend mit Kopfschütteln und schließlich mit jener resignierten Gelassenheit, die vermutlich das eigentliche Markenzeichen erfolgreicher Großstadtbewohner ist.

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Die Zukunft fährt später ein

Vielleicht wird die U5 im Jahr 2030 tatsächlich als hervorragend funktionierende, moderne und leistungsfähige Linie ihren Betrieb aufnehmen. Wahrscheinlich werden Fahrgäste sie rasch schätzen lernen, und die jahrelangen Diskussionen geraten allmählich in Vergessenheit. Zurück bleibt dennoch eine bemerkenswerte Episode der Infrastrukturgeschichte: der seltene Fall einer U-Bahn, deren größte Verzögerung nicht mehr im Bau lag, sondern in der politischen Entscheidung, sie trotz Fertigstellung nicht fahren zu lassen. Es ist eine Geschichte über Prioritäten, Budgetlogik, Verwaltungsdenken und die eigentümliche Fähigkeit moderner Bürokratien, selbst offensichtliche Widersprüche mit erstaunlicher Gelassenheit zu verwalten. Die Geisterstation wird damit weniger zum Symbol technischer Probleme als vielmehr zu einem Denkmal jener eigentümlichen Epoche, in der Fertigstellung nicht mehr bedeutete, dass etwas benutzt wird, sondern lediglich, dass es nun offiziell darauf warten darf, irgendwann einmal seinen eigentlichen Zweck zu erfüllen. In einer Stadt, die stolz auf ihren öffentlichen Verkehr ist, wirkt das wie eine besonders feinsinnige Form des Humors – allerdings mit einem Eintrittspreis, den längst alle Steuerzahler bereits bezahlt haben.