Die ewige Metamorphose des Vorurteils

Der Antisemitismus besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Tarnung. Kaum eine andere Form der Menschenfeindschaft versteht es so meisterhaft, ihre Garderobe zu wechseln, ihre Sprache zu erneuern und ihre alten Reflexe hinter den neuesten Schlagworten der jeweiligen Epoche zu verbergen. Er gleicht einem Schauspieler, der seit Jahrhunderten dieselbe Rolle spielt, aber vor jeder Aufführung ein anderes Kostüm anlegt. Einmal erscheint er als religiöser Fanatismus, dann als rassische Theorie, später als revolutionäre Gesellschaftskritik und schließlich als moralische Empörung. Das Bühnenbild verändert sich, die Requisiten werden ausgetauscht, die Slogans modernisiert. Nur die zentrale Figur bleibt dieselbe: der Jude als Projektionsfläche für alles, was eine Gesellschaft an sich selbst nicht sehen möchte.

Das Beruhigungsmittel Erinnerung

Es gehört zu den großen Ironien der europäischen Geistesgeschichte, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich ihrer historischen Aufarbeitung so gern rühmen, regelmäßig an den einfachsten Lektionen der eigenen Vergangenheit scheitern. In zahllosen Gedenkveranstaltungen wird beschworen, man habe gelernt, man habe verstanden, man habe die richtigen Schlüsse gezogen. Die offiziellen Reden sind makellos. Die Mahnmale werden gepflegt. Die Kränze liegen pünktlich bereit. Und dennoch genügt ein Blick auf die Gegenwart, um festzustellen, dass Erinnerung keineswegs Immunität erzeugt. Im Gegenteil. Mitunter scheint das Ritual des Erinnerns geradezu als Beruhigungsmittel zu dienen. Wer oft genug „Nie wieder“ sagt, entwickelt möglicherweise die tröstliche Illusion, dass sich die Geschichte schon aus Höflichkeit an die Gedenkreden halten werde.

Die Kultur der eleganten Ausgrenzung

Dabei beginnt gesellschaftliche Ausgrenzung selten mit offenen Drohungen. Sie beginnt fast immer mit kulturellen Signalen. Mit Distanzierungen. Mit Boykotten. Mit der Behauptung, bestimmte Menschen seien zwar formal noch Teil der Gemeinschaft, sollten aber besser nicht mehr auftreten, nicht mehr sprechen, nicht mehr eingeladen werden und möglichst wenig Sichtbarkeit genießen. Die moderne Variante der Ächtung trägt dabei gern den Anzug moralischer Überlegenheit. Niemand erklärt offen, jemanden ausschließen zu wollen. Man erklärt lediglich, warum dieser Ausschluss leider unvermeidbar sei. Das Ergebnis bleibt identisch. Lediglich die Begründung wird eleganter formuliert.

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Wenn Kunst zum Grenzposten wird

Besonders auffällig ist dabei die Verwandlung kultureller Räume. Kunst, Wissenschaft und Musik galten einst als Bereiche, in denen politische Konflikte zumindest zeitweise zurücktreten konnten. Heute entwickeln sich manche dieser Institutionen zunehmend zu ideologischen Tribunalen. Der Künstler wird nicht mehr nach seinem Werk beurteilt, sondern nach seinem Pass. Der Wissenschaftler nicht nach seinen Argumenten, sondern nach seiner Herkunft. Der Musiker nicht nach seiner Musik, sondern nach seiner vermeintlichen symbolischen Bedeutung. Ausgerechnet jene Milieus, die jahrzehntelang gegen Kategorisierung, Etikettierung und kollektive Zuschreibungen kämpften, entdecken plötzlich eine erstaunliche Begeisterung für eben diese Methoden, sobald die richtigen Zielpersonen gefunden sind.

Die Wiederkehr des Boykotts

Dabei wirkt vieles wie eine Neuinszenierung sehr alter Szenen. Der Chor der Ausgeschlossenen wird nicht kleiner, weil er sich für fortschrittlich hält. Die Mechanik bleibt dieselbe. Wer ausgeschlossen werden soll, wird zunächst moralisch delegitimiert. Anschließend wird seine Teilnahme an öffentlichen Debatten als Zumutung dargestellt. Danach folgt die Forderung nach kultureller Isolation. Schließlich erscheint die Ausgrenzung selbst als Akt der Tugend. Der Boykott wird zur Humanität erklärt, die Diskriminierung zum Zeichen besonderer Sensibilität erhoben und die Verweigerung des Dialogs als Ausdruck eines höheren moralischen Bewusstseins gefeiert. Die Geschichte der Intoleranz ist reich an solchen rhetorischen Kunststücken.

Die große Verkehrung

Besonders bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der sich dabei Täter- und Opferrollen verschieben können. Kaum ein politischer Mechanismus funktioniert zuverlässiger als die moralische Umkehrung. Wer lange genug als Aggressor bezeichnet wird, erscheint irgendwann tatsächlich als solcher. Wer oft genug beschuldigt wird, beginnt sich rechtfertigen zu müssen. Wer permanent unter Generalverdacht gestellt wird, verliert irgendwann die Möglichkeit, überhaupt noch als Individuum wahrgenommen zu werden. Die Person verschwindet hinter dem Symbol. Der Mensch wird zur Chiffre. Die konkrete Biografie wird durch ein politisches Etikett ersetzt. Was einst Vorurteil genannt wurde, erscheint plötzlich als aufgeklärte Analyse.

Die Fortschrittsillusion

Hier offenbart sich eine eigentümliche Form moderner Selbsttäuschung. Viele Zeitgenossen betrachten Antisemitismus ausschließlich in seiner historischen Uniform. Sie erwarten Stiefel, Fahnen vergangener Regime und die bekannten Parolen des 20. Jahrhunderts. Taucht derselbe Hass jedoch in neuer Sprache auf, wird er nicht erkannt. Der Wolf trägt diesmal keinen Schafspelz. Er trägt einen Universitätsausweis, einen Festivalpass oder einen Hashtag. Er spricht die Sprache der Menschenrechte, während er selektiv entscheidet, für wen diese Rechte gelten sollen. Er beruft sich auf universelle Moral und schafft gleichzeitig moralische Ausnahmezonen. Er erklärt sich zum Gegner jeder Diskriminierung und praktiziert dabei eine Diskriminierung, die er lediglich anders benennt.

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Die Macht der Gleichgültigen

Die eigentliche Tragik liegt jedoch nicht bei den Lauten, sondern bei den Stillen. Jede Epoche kennt ihre Radikalen. Wirklich folgenreich wird deren Einfluss erst durch die schweigende Mehrheit. Durch jene, die nichts bemerken wollen. Die nichts sehen. Die nichts hören. Die jede Warnung für Übertreibung halten. Die überzeugt sind, dass sich Probleme schon irgendwie von selbst erledigen werden. Das Schweigen war noch nie neutral. Es wirkt wie ein politisches Schmiermittel. Es lässt gesellschaftliche Entwicklungen reibungslos weiterlaufen, während die Beteiligten sich einreden, gar nicht beteiligt zu sein.

Das Privileg des Wegsehens

So entsteht jenes eigentümliche Klima, in dem Menschen überrascht reagieren, wenn Betroffene von Bedrohung sprechen. „Davon habe ich nichts bemerkt“, lautet dann die häufigste Antwort. Tatsächlich ist dieser Satz weniger eine Entschuldigung als eine Diagnose. Wer von einem Problem nicht betroffen ist, besitzt die Freiheit, es zu übersehen. Die Gleichgültigkeit tarnt sich als Unwissenheit. Das Wegsehen wird zur Tugend der Bequemen. Die Realität verschwindet nicht, weil sie ignoriert wird. Sie wird lediglich für jene unsichtbar, die sich ihre Unsichtbarkeit leisten können.

Die modernisierte Feindschaft

Der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts erscheint deshalb oft nicht als Wiederkehr der Vergangenheit, sondern als deren Modernisierung. Er verwendet neue Vokabeln, neue Symbole und neue Narrative. Doch unter der frischen Lackierung arbeitet dieselbe alte Maschine. Sie produziert Misstrauen, Ausgrenzung und moralische Entmenschlichung. Die Technik wurde verfeinert, die Verpackung verbessert und das Marketing professionalisiert. Der Inhalt blieb erstaunlich konstant.

Der Irrtum der moralisch Selbstgewissen

Vielleicht liegt gerade darin die beunruhigendste Erkenntnis. Die Geschichte wiederholt sich nicht, weil Menschen nichts gelernt hätten. Sie wiederholt sich oft, weil Menschen glauben, bereits alles gelernt zu haben. Zwischen Erinnerungskultur und historischem Verständnis besteht ein Unterschied. Gedenken ist keine Versicherung gegen Irrtum. Bildung garantiert keine Weisheit. Moralische Überzeugungen schützen nicht automatisch vor moralischen Verfehlungen. Wer überzeugt ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, entwickelt manchmal die geringste Bereitschaft zur Selbstprüfung.

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Die Gegenwart des alten Hasses

Der alte Hass marschiert deshalb nicht als Gespenst aus vergangenen Jahrhunderten durch die Straßen. Er kommt als Zeitgenosse. Er liest dieselben Zeitungen, benutzt dieselben Smartphones, besucht dieselben Kulturveranstaltungen und spricht dieselbe Sprache wie seine Umgebung. Seine größte Stärke besteht nicht in seiner Lautstärke. Seine größte Stärke besteht darin, dass er von vielen nicht mehr als das erkannt wird, was er ist. Und vielleicht beginnt jede ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Problem genau dort: bei der unbequemen Einsicht, dass Vorurteile nicht verschwinden, nur weil sie modern formuliert werden.