Die sanfte Verstaatlichung der Gegenmacht

Demokratien erzählen sich mit Vorliebe die Geschichte ihrer eigenen Ausgewogenheit. Sie schmücken sich mit der Vorstellung, dass sich Macht stets selbst begrenze, weil ihr an jeder Ecke unabhängige Kontrolleure gegenüberstünden: kritische Medien, freie Wissenschaft, unabhängige Gerichte, eine wachsame Öffentlichkeit und eine lebendige Zivilgesellschaft. Es ist ein beruhigendes Bild, beinahe pastoral in seiner Harmonie. Der Staat regiert, die Bürger beobachten, die Gerichte kontrollieren, die Parlamente debattieren und die Nichtregierungsorganisationen schlagen Alarm, sobald der Leviathan versucht, seine Muskeln allzu demonstrativ spielen zu lassen. So jedenfalls lautet die Erzählung, die in Sonntagsreden gepflegt wird. Weniger Aufmerksamkeit erhält jedoch ein Phänomen, das sich nahezu geräuschlos in das demokratische Gefüge eingeschlichen hat und dessen politische Sprengkraft bemerkenswert ist: die fortschreitende Verschmelzung staatlicher Macht mit jenen Organisationen, die sich selbst als deren unabhängige Kontrolleure verstehen. Der Begriff „Government-Organized Non-Governmental Organization“, kurz GONGO, wirkt zunächst wie ein sprachlicher Unfall, tatsächlich beschreibt er jedoch eine Entwicklung, deren Ironie kaum größer sein könnte. Eine Nichtregierungsorganisation, die ihre Existenz in erheblichem Umfang staatlicher Finanzierung verdankt, erinnert an einen Wachhund, dessen Futter, Hundehütte und Tierarzt vollständig vom Einbrecher bezahlt werden. Niemand behauptet ernsthaft, der Hund müsse deshalb zwangsläufig aufhören zu bellen. Doch es entsteht unweigerlich die Frage, gegen wen sich das Bellen künftig noch richtet.

Die Subvention als unsichtbare Leine

Moderne Demokratien haben eine bemerkenswerte Eigenschaft entwickelt: Sie bevorzugen keine offenen Abhängigkeiten mehr, sondern elegante. Wo früher direkte Weisungen erteilt wurden, genügen heute Förderrichtlinien, Projektanträge, Evaluierungsberichte und Budgetentscheidungen. Die moderne Leine besteht nicht aus Leder, sondern aus Haushaltsmitteln. Sie zieht nicht sichtbar am Halsband, sondern wirkt über Förderzusagen, Verlängerungen und institutionelle Planungssicherheit. Gerade darin liegt ihre Raffinesse. Niemand muss ausdrücklich Anweisungen erteilen. Niemand muss zum Telefon greifen und politische Loyalität einfordern. Das System organisiert sich weitgehend selbst. Organisationen entwickeln unbewusst jene Schwerpunkte, die förderfähig erscheinen. Studien entstehen bevorzugt dort, wo Finanzierung winkt. Kampagnen richten sich nach den politischen Strömungen, die weitere Mittel versprechen. Kritik konzentriert sich auffällig oft auf jene Bereiche, in denen sie politisch willkommen ist, während andere Themen bemerkenswert selten den Weg in Pressekonferenzen oder Gutachten finden. Der Zwang verschwindet, weil die Erwartung genügt. Die Anpassung erfolgt nicht unter Druck, sondern im Namen professioneller Projektplanung. Das Ergebnis wirkt dadurch umso überzeugender, weil niemand gezwungen wurde und dennoch fast alle dasselbe sagen.

Der Kreislauf der immer gleichen Gewinner

Aus dieser Konstruktion entsteht ein administratives Perpetuum mobile, dessen Eleganz beinahe Bewunderung verdient. Der Staat verteilt Fördermittel. Mit diesen Mitteln entstehen Organisationen, Forschungsprojekte, Kampagnen, Beratungsstellen und Expertennetzwerke. Diese liefern Studien, Handlungsempfehlungen und Problemanalysen, die politischen Handlungsbedarf nachweisen. Darauf folgen neue Gesetze, zusätzliche Behörden, umfangreichere Kontrollen und weiter steigende öffentliche Budgets. Mit den wachsenden Budgets steigen wiederum die Fördermöglichkeiten für eben jene Organisationen, die den Bedarf zuvor wissenschaftlich oder gesellschaftlich dokumentiert haben. Jeder Schritt legitimiert den nächsten. Jeder Bericht erzeugt neue Regulierung. Jede Regulierung erzeugt neue Förderprogramme. Jedes Förderprogramm schafft neue Institutionen. Es ist ein Kreislauf von fast mathematischer Perfektion. Die einzige Variable, die sich darin zuverlässig negativ entwickelt, ist die Belastbarkeit jener Bürger, Unternehmen und Steuerzahler, welche die Rechnung begleichen dürfen. Sie finanzieren gleichzeitig die Regulierung, die Bürokratie und häufig auch die Organisationen, welche die Verschärfung eben dieser Regulierung öffentlich einfordern.

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Die erstaunliche Karriere des moralischen Monopols

Besonders faszinierend ist dabei die moralische Immunität, mit der viele dieser Akteure auftreten. Wer sich selbst als Vertreter höherer Werte präsentiert, scheint sich automatisch außerhalb gewöhnlicher Interessenkonflikte zu bewegen. Während Unternehmen regelmäßig gefragt werden, wer ihre Geldgeber seien, welche wirtschaftlichen Interessen sie verfolgten und welche Gewinne sie anstrebten, gilt dieselbe Neugier gegenüber subventionierten Aktivisten bisweilen als geschmacklose Zumutung. Die Finanzierung durch öffentliche Mittel wird nicht als potenzieller Interessenkonflikt betrachtet, sondern nahezu als moralisches Gütesiegel. Offenbar verwandelt Steuergeld Interessen in Tugend und Lobbyismus in Gemeinwohl, sobald der richtige Antrag gestellt wurde. Der Begriff der Unabhängigkeit erhält dadurch eine bemerkenswert flexible Definition. Unabhängig ist demnach nicht mehr, wer wirtschaftlich unabhängig agiert, sondern wer sich auf die richtigen Werte beruft. Das Budget stammt zwar aus öffentlichen Haushalten, doch die moralische Selbstbeschreibung genügt offenbar, um jede Diskussion über mögliche Abhängigkeiten als unzulässigen Angriff auf die Zivilgesellschaft erscheinen zu lassen.

Wenn Verfahren zum politischen Werkzeug werden

Besonders heikel wird diese Entwicklung dort, wo Organisationen gleichzeitig politische Akteure, juristische Kläger, wissenschaftliche Berater und spätere Verhandlungspartner sind. Verfahren vor Gerichten dienen selbstverständlich dem Rechtsschutz. Sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil rechtsstaatlicher Kontrolle. Problematisch wird es jedoch, wenn gerichtliche Verfahren zugleich strategische Druckmittel innerhalb umfassender politischer Verhandlungen werden. Entsteht der Eindruck, dass Klagen nicht ausschließlich der Klärung rechtlicher Fragen dienen, sondern zugleich genutzt werden, um weitreichende politische oder wirtschaftliche Zugeständnisse auszuhandeln, beginnt sich die Architektur des Rechtsstaates zu verschieben. Selbst wenn sämtliche Vorgänge formell rechtmäßig bleiben, verändert sich ihre politische Wirkung erheblich. Gerichte werden dann nicht mehr ausschließlich Orte der Rechtsfindung, sondern Stationen innerhalb eines komplexen Verhandlungsprozesses, in dem juristische Unsicherheit zu einer eigenen Währung wird. Wer über ausreichende Ressourcen verfügt, kann Verfahren über Jahre führen. Wer investieren, bauen oder wirtschaften möchte, besitzt diese Zeit oft nicht. So entsteht ein asymmetrisches Machtverhältnis, das weniger auf demokratischer Legitimation als auf strategischer Ausdauer beruht.

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Das verschwundene Prinzip der institutionellen Distanz

Der Rechtsstaat lebt nicht allein von Gesetzen, sondern von Abstand. Zwischen Gesetzgeber und Verwaltung existiert Abstand. Zwischen Regierung und Gericht besteht Abstand. Zwischen Kontrolleur und Kontrolliertem ebenfalls. Diese institutionelle Distanz verhindert Machtkonzentration. Sie zwingt unterschiedliche Akteure dazu, einander kritisch zu beobachten. Genau diese Distanz beginnt jedoch zu verschwimmen, wenn Finanzierung, Beratung, Lobbyarbeit, Wissenschaft und politische Einflussnahme zunehmend innerhalb desselben Netzwerks stattfinden. Aus getrennten Institutionen wird ein eng verflochtenes Ökosystem, dessen Mitglieder häufig dieselben Konferenzen besuchen, dieselben Expertengremien besetzen, dieselben Förderprogramme verwalten und dieselben politischen Zielsetzungen teilen. Niemand muss sich verschwören. Das System benötigt keine geheimen Hinterzimmer und keine finsteren Masterpläne. Es genügt vollkommen, wenn sich alle Beteiligten gegenseitig bestätigen, fördern und zitieren. Aus einem offenen demokratischen Wettbewerb entsteht so schrittweise ein geschlossener Resonanzraum, in dem dieselben Argumente zwischen denselben Institutionen kreisen und dabei immer autoritativer wirken.

Der Bürger als Sponsor seiner eigenen Regulierung

Die eigentliche Satire dieser Konstruktion besteht darin, dass ausgerechnet der Bürger zum großzügigsten Förderer seiner eigenen Einschränkungen wird. Mit seinen Steuern finanziert er Behörden, die neue Auflagen entwickeln. Mit denselben Steuern finanziert er Organisationen, die diese Auflagen öffentlich einfordern. Anschließend finanziert er Gerichte, welche die Konflikte entscheiden, die aus diesen Auflagen entstehen. Schließlich finanziert er Förderprogramme, mit denen die wirtschaftlichen Schäden teilweise kompensiert werden, welche die Regulierung zuvor verursacht hat. Es handelt sich um eine Art administrativen Recyclingkreislauf, in dem Geld stets denselben Institutionen zufließt, während Verantwortung zuverlässig verdampft. Jeder verweist auf den anderen. Die Behörde auf die Studie. Die Studie auf den wissenschaftlichen Konsens. Der Konsens auf die NGO. Die NGO auf die Politik. Die Politik auf die Gerichte. Die Gerichte auf das Gesetz. Das Gesetz wiederum auf die gesellschaftliche Notwendigkeit, die zuvor in zahlreichen geförderten Studien festgestellt wurde. Ein demokratisches Mobile, das sich unermüdlich selbst antreibt und dessen einziger unbeweglicher Bestandteil der Steuerzahler bleibt, der am unteren Ende die Konstruktion festhält.

Der Wachhund mit Dienstmarke

Eine freie Gesellschaft benötigt selbstverständlich engagierte Umweltverbände, Menschenrechtsorganisationen, Sozialinitiativen und zahlreiche andere zivilgesellschaftliche Akteure. Gerade ihre kritische Distanz macht ihren Wert aus. Doch Distanz lässt sich nicht dauerhaft subventionieren. Wer überwiegend von jenem Staat lebt, dessen Entscheidungen kontrolliert werden sollen, befindet sich zwangsläufig in einem Spannungsverhältnis, das nicht durch moralische Erklärungen verschwindet. Es geht dabei keineswegs um Korruption oder unlautere Absichten. Viel gefährlicher ist der schleichende Verlust institutioneller Unabhängigkeit, weil er kaum wahrgenommen wird. Der Wachhund schläft nicht ein, weil ihn jemand betäubt hat. Er schläft ein, weil das Futter regelmäßig, die Hundehütte beheizt und der Napf stets gut gefüllt ist. Irgendwann beginnt er nicht mehr darüber nachzudenken, weshalb das Grundstück überhaupt bewacht werden sollte. Er bewacht es selbstverständlich weiterhin – allerdings zunehmend im Interesse des Eigentümers.

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Demokratie braucht Gegengewichte, keine Echokammern

Eine lebendige Demokratie zeichnet sich nicht dadurch aus, dass möglichst viele Institutionen dieselbe Meinung vertreten. Ihr Kennzeichen besteht vielmehr darin, dass unterschiedliche Interessen offen miteinander konkurrieren, einander widersprechen und sich gegenseitig begrenzen. Genau deshalb ist Transparenz über Finanzierungsquellen keine Schikane, sondern Voraussetzung politischer Glaubwürdigkeit. Ebenso notwendig erscheint eine klare institutionelle Trennung zwischen staatlicher Förderung und unmittelbarer politischer Einflussnahme. Organisationen, die aktiv Gesetzgebung gestalten, Verwaltungsentscheidungen beeinflussen oder strategische Verfahren führen, sollten ihre finanzielle Unabhängigkeit in besonderem Maße nachweisen können. Nicht weil zivilgesellschaftliches Engagement verdächtig wäre, sondern weil demokratische Legitimation niemals durch moralische Selbstzertifizierung ersetzt werden darf. Je größer der politische Einfluss, desto höher müssen die Anforderungen an Transparenz und Unabhängigkeit sein.

Die Kunst, das Nichtregierungsorgan staatlich zu organisieren

Vielleicht besteht die größte Ironie der Gegenwart darin, dass ausgerechnet jene Institutionen, die einst als Korrektiv staatlicher Macht entstanden, zunehmend selbst Teil derselben Machtarchitektur werden. Das Etikett „Nichtregierungsorganisation“ bleibt dabei sorgfältig erhalten, obwohl der finanzielle Kreislauf längst etwas anderes erzählt. Sprache erweist sich einmal mehr als geduldiges Material. Aus Abhängigkeit wird Partnerschaft, aus Lobbyismus gesellschaftliches Engagement, aus politischer Einflussnahme Verantwortung und aus der Finanzierung durch öffentliche Mittel ein Ausweis besonderer Unabhängigkeit. Die Demokratie besitzt bekanntlich einen bemerkenswerten Sinn für Humor. Sie schafft Organisationen, die den Staat kontrollieren sollen, bezahlt sie aus dem Staatshaushalt und wundert sich anschließend, wenn der Kontrollbericht ausgesprochen höflich formuliert ausfällt. Irgendwann verwandelt sich der einst bissige Wachhund tatsächlich in ein Haustier. Nicht weil ihm die Zähne gezogen wurden, sondern weil er gelernt hat, dass sich auch mit wedelndem Schwanz ausgezeichnet leben lässt. Die Demokratie verliert ihre Freiheit selten in einem dramatischen Donnerschlag. Weitaus häufiger verschwindet sie hinter Formularen, Förderanträgen, Evaluierungsberichten und Budgetbeschlüssen – begleitet vom zufriedenen Schnurren eines Systems, das sich selbst für den Gipfel pluralistischer Vielfalt hält, während es längst nur noch sein eigenes Echo bewundert.