Es gehört zu den bemerkenswertesten Eigenheiten moderner Gesellschaften, dass manche Tatsachen nicht deshalb bestritten werden, weil sie widerlegt wären, sondern weil ihre bloße Erwähnung bereits als unhöflich gilt. Es existieren Themen, bei denen weniger gefragt wird, ob eine Aussage zutrifft, sondern ob sie überhaupt ausgesprochen werden darf. Kaum ein Bereich illustriert diese eigentümliche Form der öffentlichen Etikette so eindrucksvoll wie die Diskussion über sozialen Zusammenhalt in kulturell stark fragmentierten Gesellschaften. Während in nahezu allen anderen Disziplinen selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Unterschiede Konsequenzen haben – unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Werte, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Erwartungen –, soll ausgerechnet die kulturelle Vielfalt einem Naturgesetz folgen, das allen übrigen Bereichen unbekannt geblieben ist: Je größer die Unterschiede, desto harmonischer das Zusammenleben. Wer diese Gleichung anzweifelt, gilt nicht als Skeptiker, sondern als Ketzer. Der gesellschaftliche Diskurs erinnert dabei an einen Zauberkünstler, der unablässig verkündet, zwei plus zwei ergebe fünf, und anschließend jede Rechenmaschine als extremistisch beschimpft.
Vertrauen entsteht nicht durch Verordnung
Sozialer Zusammenhalt ist kein Verwaltungsakt, kein Förderprogramm und schon gar kein Hashtag. Er ist das Ergebnis zahlloser unsichtbarer Bindungen, gemeinsamer Selbstverständlichkeiten, unausgesprochener Erwartungen und eines Grundvertrauens, das über Generationen gewachsen ist. Vertrauen bedeutet schließlich nichts anderes als die begründete Erwartung, dass sich unbekannte Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnlich verhalten werden wie man selbst. Wer eine rote Ampel respektiert, erwartet, dass andere dies ebenfalls tun. Wer Müll ordnungsgemäß entsorgt, geht davon aus, dass Nachbarn dies ebenfalls tun. Wer Steuern bezahlt, vertraut darauf, dass auch andere ihren Beitrag leisten. Diese Erwartung entsteht nicht aus dem Nichts. Sie ist das Produkt gemeinsamer Normen, gemeinsamer kultureller Prägungen und gemeinsamer sozialer Erfahrungen. Je größer jedoch die Unterschiede in Wertvorstellungen, Alltagsgewohnheiten, religiösen Überzeugungen, Sprachräumen und gesellschaftlichen Erwartungen werden, desto schwieriger wird diese gegenseitige Vorhersagbarkeit. Der Mensch beginnt vorsichtiger zu werden. Nicht aus Bosheit, sondern aus Unsicherheit. Vertrauen schwindet selten spektakulär. Es verdunstet langsam, beinahe geräuschlos, wie Wasser an einem heißen Sommertag.
Die Gesellschaft als Übersetzungsbüro
Mit jeder zusätzlichen kulturellen Distanz wächst der Übersetzungsaufwand. Jede Begegnung verlangt mehr Interpretation, mehr Rücksicht, mehr Erklärung. Was früher selbstverständlich war, wird erklärungsbedürftig. Welche Begrüßung ist angemessen? Welche Kleidung gilt als respektvoll? Welche Rolle spielen Frauen und Männer? Welche Lautstärke ist akzeptabel? Welche religiösen oder kulturellen Empfindlichkeiten müssen berücksichtigt werden? Eine Gesellschaft beginnt sich in ein permanentes Übersetzungsbüro zu verwandeln, dessen Mitarbeiter rund um die Uhr damit beschäftigt sind, Missverständnisse zu vermeiden. Das mag für einzelne Begegnungen bereichernd sein. Als Dauerzustand entwickelt sich daraus jedoch eine bemerkenswerte Erschöpfung. Menschen ziehen sich zurück. Sie bleiben lieber unter ihresgleichen, nicht weil sie andere hassen, sondern weil dort weniger erklärt werden muss. Das alltägliche Leben wird unkomplizierter. Die Soziologie beschreibt diesen Mechanismus seit Jahrzehnten mit Begriffen wie Homophilie oder assortativer Partnerwahl. Menschen suchen Nähe zu Menschen, die ihnen ähnlich sind. Dieselbe Sprache, ähnliche Erfahrungen, ähnliche Werte, ähnliche Erwartungen. Das ist weder moralisch noch unmoralisch. Es ist schlicht menschlich.
Die erstaunliche Karriere der abgesenkten Erwartungen
Besonders faszinierend ist die Wandlung gesellschaftlicher Erfolgskriterien. Früher galt ein Stadtviertel als gelungen, wenn es sauber, sicher, gepflegt, lebenswert und sozial stabil war. Heute genügt mitunter bereits die Feststellung, dass sich verschiedene Gruppen nicht gegenseitig bekämpfen. Das Ideal verschiebt sich unmerklich. Aus hoher Lebensqualität wird friedliche Koexistenz. Aus Zusammenleben wird Nebeneinanderleben. Aus Integration wird Konfliktvermeidung. Der Maßstab sinkt, während gleichzeitig die Selbstbeweihräucherung steigt. Wo früher gefragt wurde, weshalb ein Park verwahrlost oder weshalb öffentliche Plätze gemieden werden, lautet die modernisierte Erfolgsformel inzwischen, dass immerhin niemand mit Pflastersteinen beworfen wurde. Es ist die Kunst, Erwartungen so weit zu reduzieren, bis ihre Erfüllung zwangsläufig als Triumph erscheint. Wer die Messlatte tief genug in den Boden rammt, kann selbst kriechend olympische Rekorde aufstellen.
Der Staat als Dauertherapeut
Je geringer der natürliche gesellschaftliche Zusammenhalt wird, desto stärker wächst der Wunsch nach institutioneller Kompensation. Wo Vertrauen fehlt, entstehen Vorschriften. Wo gemeinsame Normen verschwinden, entstehen Handbücher. Wo gegenseitige Selbstverständlichkeit fehlt, entstehen Sensibilisierungskurse, Integrationsleitfäden, Diversitätsmanager, Moderationsstellen, Ombudsbüros, Antidiskriminierungsbeauftragte, Mediationsplattformen, Dialogforen und Kompetenzzentren, deren wichtigste Kompetenz darin besteht, weitere Kompetenzzentren zu beantragen. Der moderne Staat entwickelt sich schleichend vom Schiedsrichter zum Paartherapeuten einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich zunehmend fremd geworden sind. Das Bemerkenswerte dabei ist weniger die Existenz solcher Institutionen als die Tatsache, dass ihre Zahl mit jeder angeblich erfolgreich gemeisterten Integrationsphase weiter wächst. Offenbar erzeugt jeder gelöste Konflikt mindestens drei neue Koordinierungsstellen.
Das Tabu der menschlichen Natur
Besonders unerquicklich wird die Debatte dort, wo elementare Eigenschaften menschlichen Verhaltens plötzlich als moralische Verfehlungen behandelt werden. Menschen bevorzugen Familie gegenüber Fremden. Sie vertrauen Bekannten stärker als Unbekannten. Sie fühlen sich in vertrauten kulturellen Räumen wohler als in völlig unbekannten. Sie schließen Freundschaften häufiger mit Menschen ähnlicher Interessen, ähnlicher Bildung, ähnlicher Sprache und ähnlicher sozialer Herkunft. Diese Beobachtungen gelten in nahezu jeder wissenschaftlichen Disziplin als selbstverständlich. Erst wenn Kultur ins Spiel kommt, verwandeln sich dieselben Mechanismen scheinbar in gesellschaftliche Skandale. Die Realität wird moralisiert, anstatt erklärt zu werden. Der Mensch soll sich plötzlich so verhalten, wie sich noch nie ein Mensch verhalten hat, und falls dies misslingt, wird nicht die Theorie korrigiert, sondern der Mensch.
Die Industrie der wohlklingenden Begriffe
Natürlich besitzt jede Epoche ihre bevorzugten Euphemismen. Wo früher Parallelgesellschaften entstanden, spricht man heute von Vielfalt. Wo Unsicherheit wächst, heißt es Transformation. Wo Konflikte zunehmen, entstehen neue Chancen. Wo soziale Spannungen sichtbar werden, werden Dialogprozesse initiiert. Sprache wird zum Poliermittel gesellschaftlicher Risse. Je größer die Probleme erscheinen, desto freundlicher werden die Begriffe. Es entsteht der Eindruck, als könne eine Veränderung der Wortwahl die Wirklichkeit gleich mit verändern. Aus einem Schlagloch wird schließlich auch keine Komfortvertiefung, nur weil das Schild davor freundlicher formuliert ist.
Zwischen Realität und Wunschdenken
Keine Gesellschaft ist völlig homogen gewesen, keine Kultur frei von Wandel, keine Nation statisch. Geschichte besteht aus Austausch, Migration, Anpassung und Veränderung. Ebenso wenig lässt sich jedoch bestreiten, dass jeder Wandel Grenzen der Integrationsfähigkeit besitzt und dass sozialer Zusammenhalt nicht unbegrenzt elastisch ist. Vertrauen lässt sich nicht per Gesetz beschließen, Solidarität nicht verordnen und gemeinschaftliche Identität nicht per Broschüre verteilen. Sie entstehen langsam und können erstaunlich schnell verloren gehen. Gerade deshalb wäre eine nüchterne, wissenschaftlich fundierte Debatte notwendig, die weder romantisiert noch dämonisiert, sondern beschreibt, analysiert und differenziert. Doch stattdessen wird häufig eine Ersatzdebatte geführt, in der moralische Etiketten wissenschaftliche Argumente ersetzen und Gesinnungsbekundungen empirische Beobachtungen verdrängen.
Die Satire der Wirklichkeit
Vielleicht liegt die größte Ironie darin, dass ausgerechnet jene Gesellschaften, die sich selbst als besonders aufgeklärt verstehen, manche Fragen nur noch unter Ausschluss ihrer eigenen Aufklärung diskutieren können. Der Glaube an den offenen Diskurs endet erstaunlich häufig dort, wo Ergebnisse auftauchen könnten, die nicht zum gewünschten Weltbild passen. Wissenschaft wird begeistert zitiert, solange sie bestätigt, was ohnehin geglaubt wird. Liefert sie unbequeme Befunde, wird nicht über ihre Daten gesprochen, sondern über die Moral der Fragestellung. Auf diese Weise verwandelt sich der wissenschaftliche Diskurs langsam in eine Theateraufführung, bei der das Ende bereits vor Beginn feststeht und die Aufgabe der Schauspieler lediglich darin besteht, die vorher festgelegte Botschaft möglichst überzeugend zu rezitieren. Die Wirklichkeit allerdings besitzt einen unerquicklich eigensinnigen Charakter. Sie interessiert sich weder für politische Kampagnen noch für moralische Wunschlisten. Sie bleibt hartnäckig bei ihren Gesetzmäßigkeiten und erinnert mit beinahe boshaftem Humor daran, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt keine Werbebroschüre ist, sondern ein empfindliches Geflecht aus Vertrauen, gemeinsamen Normen, kultureller Nähe und gewachsener gegenseitiger Verlässlichkeit. Wer diese Voraussetzungen ignoriert, darf sich nicht wundern, wenn am Ende zwar die Rhetorik immer vielfältiger wird, der Zusammenhalt jedoch immer dünner.