Grün vor Hass

Wenn Nationalfarben zum Feindbild werden

Es gibt politische Parteien, die über Steuern streiten, über Renten, Energiepreise, Außenpolitik oder den richtigen Verlauf einer Bahntrasse. Und es gibt politische Milieus, die sich seit Jahrzehnten an einem Stück Stoff abarbeiten. Kaum erscheinen Schwarz-Rot-Gold auf Balkonen, an Fenstern oder in den Händen jubelnder Fußballfans, beginnt irgendwo zuverlässig das große kulturpädagogische Räuspern. Was für die meisten Menschen schlicht die Flagge ihres Landes ist, wird dort augenblicklich zum psychologischen Problemfall erklärt, zur Vorstufe des Nationalismus, zum Symbol latenter Aggression oder gleich zum Warnsignal für den herannahenden Faschismus. Es ist ein bemerkenswertes Phänomen moderner Politik, dass ausgerechnet jene Kreise, die ständig Toleranz, Vielfalt und Akzeptanz einfordern, gegenüber dem eigenen Nationalstaat oft eine bemerkenswerte Intoleranz entwickeln. Die Nationalflagge gilt plötzlich nicht mehr als demokratisches Symbol eines freiheitlichen Gemeinwesens, sondern als verdächtiges Relikt, das möglichst diskret im Keller verschwinden sollte, sobald das letzte Fußballspiel abgepfiffen ist. Wer dennoch wagt, sich unbefangen zu Schwarz-Rot-Gold zu bekennen, sieht sich nicht selten dem Verdacht ausgesetzt, bereits den ersten Schritt auf einer schiefen Ebene getan zu haben, deren Endstation selbstverständlich irgendwo zwischen autoritärem Denken und historischer Wiederholung liegt. Eine derart lineare Geschichtsauffassung wäre in jedem anderen Zusammenhang Anlass für Heiterkeit, wird hier jedoch mit erstaunlichem Ernst vorgetragen.

Die erstaunliche Karriere eines Schimpfwortes

Besonders aufschlussreich wird dieses Verhältnis zum eigenen Land, wenn die Nationalflagge nicht nur abgelehnt, sondern ausdrücklich beschimpft wird. Wer Schwarz-Rot-Gold mit vulgären Bezeichnungen versieht, mag dies für mutigen Widerstand gegen vermeintlichen Nationalismus halten. Historisch betrachtet steht eine solche Wortwahl allerdings in einer weit unerquicklicheren Tradition, als vielen ihrer Verwender bewusst sein dürfte. Bereits die Feinde der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik verhöhnten die republikanischen Farben mit Schmähbegriffen, um deren Legitimität zu untergraben. Monarchisten verspotteten sie ebenso wie radikale Nationalisten, und besonders die Nationalsozialisten machten aus ihrer Verachtung für Schwarz-Rot-Gold keinen Hehl. Die demokratische Republik wurde nicht zufällig über ihre Farben angegriffen. Wer das Symbol der Republik entwürdigt, richtet sich letztlich gegen das Gemeinwesen selbst. Dass sich Jahrzehnte später dieselben sprachlichen Muster erneut finden, wenn auch aus völlig anderen politischen Lagern, gehört zu jenen Ironien der Geschichte, die jede ideologische Selbstgewissheit erschüttern müssten. Geschichte besitzt eben einen eigentümlichen Sinn für Sarkasmus. Sie verteilt ihre Wiederholungen nicht entlang heutiger Parteibücher, sondern entlang menschlicher Verhaltensmuster.

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Patriotismus als letzte verbotene Emotion

Bemerkenswert ist dabei weniger die Existenz radikaler Einzelstimmen als vielmehr das kulturelle Klima, das solche Ausfälle überhaupt ermöglicht. Während nahezu jede Form kollektiver Identität inzwischen als schützenswert gilt – regionale Herkunft, ethnische Zugehörigkeit, kulturelle Wurzeln, religiöse Gemeinschaften oder vielfältigste Identitätskonzepte –, scheint ausgerechnet die Identifikation mit dem demokratischen Nationalstaat unter Generalverdacht zu stehen. Wer stolz auf seine Region ist, gilt als heimatverbunden. Wer stolz auf seine Herkunft ist, wird für seine Authentizität gelobt. Wer stolz auf sein Land ist, muss dagegen häufig zunächst nachweisen, dass dieser Stolz ausschließlich verfassungsrechtlicher Natur sei, keinerlei historische Blindstellen aufweise und selbstverständlich jederzeit widerrufbar bleibe. Patriotismus ist damit zur einzigen gesellschaftlich akzeptierten Emotion geworden, für die regelmäßig eine schriftliche Unbedenklichkeitsbescheinigung verlangt wird. Ein derart asymmetrischer Maßstab wäre komisch, wenn er nicht längst politische Wirklichkeit geworden wäre.

Das schwierige Verhältnis zu Deutschland

Gerade innerhalb der politischen Grünen hat sich über Jahrzehnte ein bemerkenswert distanziertes Verhältnis zum Begriff Deutschland entwickelt. Aussagen, wonach mit Deutschland wenig anzufangen sei oder Patriotismus als unerquicklich empfunden werde, haben sich in der politischen Erinnerung längst angesammelt. Hinzu kommen symbolträchtige Auftritte einzelner prominenter Vertreter, die sich bei nationalen Symbolen demonstrativ zurückhielten oder sich von Begriffen wie Vaterland und Nation möglichst weit entfernten. Historisch fällt dabei auf, dass diese Haltung keineswegs selbstverständlich zur politischen Linken gehörte. Sozialdemokratische Politiker früherer Generationen verbanden demokratischen Patriotismus durchaus mit ihrer politischen Überzeugung. Schwarz-Rot-Gold war für sie gerade nicht Ausdruck nationalistischer Überheblichkeit, sondern Symbol der parlamentarischen Demokratie, der Freiheit und des Widerstands gegen autoritäre Bewegungen. Die Farben standen für die Revolution von 1848, für das Hambacher Fest und später für jene Kräfte, die sich sowohl gegen Nationalsozialismus als auch gegen kommunistische Diktatur stellten. Wer diese Tradition ausblendet und Schwarz-Rot-Gold lediglich als problematisches Accessoire betrachtet, amputiert einen wesentlichen Teil deutscher Demokratiegeschichte.

Moralische Überlegenheit ersetzt historische Bildung

Gerade in jüngeren politischen Milieus scheint historische Bildung zunehmend durch moralische Gewissheit ersetzt worden zu sein. Wer sich im Besitz der höheren Gesinnung glaubt, empfindet die Beschäftigung mit historischen Zusammenhängen oft als lästige Zumutung. Das erklärt, weshalb manche politische Aktivisten mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit Begriffe verwenden, deren historische Vorbelastung ihnen offenbar unbekannt ist. Der moralische Furor ersetzt die Kenntnis der Geschichte, und aus dieser Kombination entsteht jene eigentümliche Mischung aus Empörung und Ahnungslosigkeit, die mittlerweile zu einem festen Bestandteil öffentlicher Debatten geworden ist. Dabei wäre gerade politische Bildung dazu gedacht, solche historischen Parallelen überhaupt erkennen zu können. Wer jedoch ausschließlich in Kategorien von Gut und Böse denkt, verliert zwangsläufig den Blick für historische Ironien.

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Die Flagge als psychologischer Spiegel

Vielleicht liegt das eigentliche Problem ohnehin nicht in der Flagge, sondern in ihrer symbolischen Wirkung. Schwarz-Rot-Gold erinnert daran, dass Demokratie nicht im luftleeren Raum existiert. Jede demokratische Ordnung benötigt einen politischen Rahmen, eine staatliche Gemeinschaft und eine gewisse emotionale Bindung ihrer Bürger an eben diese Ordnung. Ohne ein Mindestmaß an gemeinsamer Identifikation zerfällt Demokratie zu einer bloßen Verwaltungsform. Wer deshalb bereits beim Anblick der Nationalfarben Unbehagen verspürt, offenbart möglicherweise weniger etwas über die Flagge als über das eigene Verhältnis zum demokratischen Gemeinwesen. Die Flagge wird zum Projektionsschirm innerer Konflikte. Aus einem Symbol gemeinsamer Freiheit wird ein Auslöser persönlicher Abwehrreflexe. Nicht Schwarz-Rot-Gold polarisiert, sondern der Blick darauf.

Der Fremdkörper im eigenen Gemeinwesen

Es gehört zu den bemerkenswertesten Widersprüchen moderner Politik, wenn politische Bewegungen einerseits den Anspruch erheben, Gesellschaft umfassend gestalten zu wollen, sich andererseits aber emotional von genau jener politischen Gemeinschaft distanzieren, deren Zukunft sie bestimmen möchten. Wer das eigene Land vor allem als Ansammlung historischer Schuld, struktureller Defizite und moralischer Fehlentwicklungen betrachtet, wird Schwierigkeiten haben, für dieses Gemeinwesen Begeisterung zu entwickeln. Die politische Mission verwandelt sich dann zunehmend in ein Erziehungsprojekt. Nicht mehr die Gesellschaft dient als demokratischer Souverän, sondern als dauerhaft therapiebedürftiges Objekt moralischer Korrektur. Kritik an konkreten Missständen gehört selbstverständlich zur Demokratie. Permanente Verachtung gegenüber den Symbolen dieser Demokratie dagegen führt in eine paradoxe Situation: Man möchte ein Land verändern, dessen Existenz als identitätsstiftende Gemeinschaft gleichzeitig möglichst bedeutungslos erscheinen soll.

Grün vor Hass

Vielleicht erklärt gerade dieses Spannungsverhältnis den eigentümlichen Furor, mit dem manche Vertreter dieser politischen Richtung auf Schwarz-Rot-Gold reagieren. Hinter der demonstrativen Ablehnung nationaler Symbole scheint bisweilen weniger politische Analyse als emotionale Abwehr zu stehen. Die Nationalflagge erinnert daran, dass Demokratie nicht allein aus universellen Idealen besteht, sondern auch aus konkreten historischen Erfahrungen, gemeinsamen Institutionen und einer politischen Gemeinschaft, die bereit ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wer diese Verbindung grundsätzlich ablehnt, gerät zwangsläufig in einen Konflikt mit den Symbolen eben dieser Ordnung. Aus der Distanz wird Geringschätzung, aus Geringschätzung Verachtung und aus Verachtung schließlich jene fast schon ritualisierte Aggression gegenüber allem, was an nationale Identität erinnert. So entsteht ein bemerkenswertes politisches Schauspiel: Ausgerechnet jene Kräfte, die sich selbst als Anwälte von Offenheit, Respekt und Vielfalt verstehen, entwickeln bisweilen die größte Intoleranz gegenüber den demokratischen Symbolen des eigenen Landes. Vielleicht wäre deshalb weniger politische Empörung als eine nüchterne Selbstbefragung angebracht. Nicht die Flagge leidet unter diesem Konflikt. Sie hängt seit fast zwei Jahrhunderten erstaunlich gelassen im Wind der Geschichte. Die eigentliche Unruhe entsteht dort, wo bereits ihre bloße Existenz heftige emotionale Reaktionen hervorruft. Schwarz-Rot-Gold bleibt dabei, was es seit den Freiheitsbewegungen des 19. Jahrhunderts war: das Symbol einer demokratischen Republik. Wer darin vor allem Anlass zur Beschimpfung findet, sagt am Ende vermutlich weit mehr über das eigene Verhältnis zur Demokratie aus als über die Flagge selbst.