Es gehört zu den liebenswürdigsten Eigenheiten moderner Politik, dass sie einerseits den Anspruch erhebt, streng rational, wissenschaftlich fundiert und evidenzbasiert zu handeln, andererseits aber eine bemerkenswerte Anfälligkeit für jene Formen symbolischer Magie entwickelt, die man früher eher in Astrologenkalendern, Geheimbünden oder den Randspalten esoterischer Illustrierten vermutet hätte. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses Phänomen bei Zahlen. Zahlen sind schließlich keine bloßen Zahlen mehr. Sie besitzen heute Biografien, Gesinnungen und gelegentlich sogar eine strafrechtliche Vorgeschichte. Wer im 21. Jahrhundert eine Zahl betrachtet, blickt nicht mehr auf Mathematik, sondern auf ein potenzielles Ermittlungsverfahren.
Zu den bekanntesten Exemplaren dieser politischen Numerologie zählen die Zahlen 18 und 88. Die erste verdankt ihre Berühmtheit dem Umstand, dass der erste Buchstabe des Alphabets ein A und der achte ein H ist, wodurch sich die Initialen Adolf Hitlers ergeben. Die zweite Zahl setzt die Sache konsequent fort. Zweimal die Acht ergibt zweimal den achten Buchstaben, also HH, was wiederum als verschlüsselte Variante des berüchtigten Hitlergrußes interpretiert wird. Der mathematische Gehalt dieser Konstruktionen bewegt sich ungefähr auf dem Niveau eines Kreuzworträtsels in einer Regionalzeitung, doch ihre politische Karriere ist bemerkenswert. Zahlen, die jahrhundertelang unauffällig in Schulbüchern, Telefonnummern und Hausnummern ihr Dasein fristeten, wurden zu ideologischen Verdachtsmomenten befördert.
Nun wäre es unerquicklich, sich über solche Codes allzu sehr lustig zu machen. Schließlich existieren sie tatsächlich, werden tatsächlich verwendet und dienen tatsächlich der Kommunikation innerhalb bestimmter extremistischer Milieus. Die menschliche Spezies hat seit jeher Freude daran, Botschaften zu verschlüsseln, sei es in Runen, Geheimzeichen, Handschlägen oder Zahlenkombinationen. Die Geschichte politischer Bewegungen ist voller solcher Symbole. Interessanter wird die Angelegenheit allerdings dort, wo die Logik der Symbolik beginnt, sich selbstständig zu machen und plötzlich Zusammenhänge sichtbar werden, die vermutlich nie jemand geplant hat.
An dieser Stelle betritt eine Zahl die Bühne, die im deutschen Strafgesetzbuch einen durchaus prominenten Platz einnimmt: die 188. Ausgerechnet § 188 StGB regelt die Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens. Eine Vorschrift also, die den besonderen Schutz von Politikern vor ehrverletzenden Angriffen gewährleisten soll. Und nun geschieht etwas, das vermutlich jeden Verschwörungstheoretiker elektrisieren würde: Die Zahl 188 setzt sich aus einer 1 und zwei 8en zusammen. Mit anderen Worten: aus den beiden bekanntesten rechtsextremen Zahlencodes überhaupt.
Natürlich handelt es sich um einen Zufall. Einen derart offenkundigen Zufall sogar, dass seine Erwähnung bereits genügt, um vernünftige Menschen zum Schmunzeln zu bringen. Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, der deutsche Gesetzgeber habe heimlich numerologische Botschaften in seine Gesetzessystematik eingebaut. Die Paragraphennummerierung folgt historischen Entwicklungen, Novellierungen und legislativen Zufälligkeiten, nicht den Eingebungen eines obskuren Zahlenmystikers. Und doch besitzt die Konstellation eine gewisse komische Schönheit. Ausgerechnet jene Vorschrift, die Politiker vor Beschimpfungen schützen soll, trägt eine Zahl, deren Bestandteile bei konsequenter Anwendung derselben Symboldeutungsmethoden sofort Alarm auslösen müssten.
Hier offenbart sich ein grundsätzliches Problem symbolischer Interpretation. Wer lange genug nach versteckten Bedeutungen sucht, wird sie irgendwann überall finden. Die Welt verwandelt sich dann in ein gigantisches Sudoku ideologischer Verdachtsmomente. Hausnummern werden zu politischen Statements, Kennzeichen zu geheimen Manifesten und Geburtstage zu potenziellen Bekenntnissen. Die Realität beginnt, sich wie ein schlecht geschriebener Dan-Brown-Roman aufzuführen, in dem hinter jedem Straßenschild eine Weltverschwörung lauert.
Die politische Moderne hat eine eigentümliche Beziehung zu solchen Symbolen entwickelt. Einerseits erklärt sie unablässig ihre Überlegenheit gegenüber den Aberglaubenssystemen früherer Jahrhunderte. Andererseits erzeugt sie fortlaufend neue Formen säkularer Symbolgläubigkeit. Wo einst Hexenzeichen gesucht wurden, werden heute Codes entschlüsselt. Wo einst Theologen über die Bedeutung verborgener Zahlen in heiligen Texten stritten, analysieren heute Experten die ideologische Semantik von Hausnummern, Tattoos oder Nummernschildern. Der Mensch bleibt offenbar ein Wesen, das Muster erkennen möchte – selbst dort, wo keine existieren.
Besonders reizvoll wird die Angelegenheit im Umfeld des § 188. Denn diese Vorschrift steht seit Jahren im Zentrum kontroverser Debatten über Meinungsfreiheit, politische Kultur und die zunehmende Empfindlichkeit öffentlicher Akteure. Kritiker sehen in ihr gelegentlich eine Art juristischen Schutzschirm für Politiker, Befürworter hingegen ein notwendiges Instrument gegen Verrohung und gezielte Hetze. Unabhängig von der jeweiligen Position bleibt die Ironie bestehen, dass die Nummer des Paragraphen selbst unfreiwillig Stoff für jene Art von Assoziationsketten liefert, die andernorts mit großer Ernsthaftigkeit betrieben werden.
Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus bemerkte einst, dass die Wirklichkeit jene Satire hervorbringe, die man selbst nicht erfinden könne. Genau darin liegt der Reiz des § 188. Nicht weil seine Zahl irgendeine geheime Bedeutung hätte, sondern weil sie demonstriert, wie absurd die Welt wird, sobald man Symbolik über Vernunft stellt. Wer in jeder Zahlenfolge eine politische Botschaft vermutet, müsste konsequenterweise auch den Gesetzgeber unter Verdacht stellen. Wer das nicht tut, erkennt intuitiv den Unterschied zwischen tatsächlichen politischen Signalen und bloßen Zufällen. Genau an dieser Stelle endet die Numerologie und beginnt der gesunde Menschenverstand.
So bleibt am Ende lediglich die amüsante Beobachtung, dass die Republik gelegentlich über einen Sinn für Humor verfügt, den ihre Institutionen selbst niemals geplant haben. Ausgerechnet der Paragraph zum Schutz von Politikern trägt eine Nummer, die sich aus zwei der bekanntesten politischen Zahlencodes zusammensetzt. Das bedeutet selbstverständlich gar nichts. Aber es ist, zugegeben, doch irgendwie interessant. Oder?