Die Quanten der Prioritäten

Es gibt Entscheidungen, die eine Universität trifft, weil sie muss. Es gibt Entscheidungen, die sie trifft, weil sie glaubt, sie müsse. Und es gibt Entscheidungen, die sie trifft, weil sie längst vergessen hat, wozu eine Universität ursprünglich einmal gegründet wurde. Die Streichung eines Bachelorstudiums für Quantenwissenschaften bei gleichzeitig bemerkenswerter Vitalität zahlreicher Lehrveranstaltungen rund um Diversität, Inklusion, Intersektionalität, Postkolonialismus, gesellschaftliche Transformation und die immergrüne Erforschung von Machtstrukturen gehört in jene faszinierende dritte Kategorie. Sie wirkt wie eine jener historischen Anekdoten, die man zunächst für Satire hält, bis jemand die offiziellen Studienpläne auf den Tisch legt.

Die Ironie dieser Entwicklung besitzt beinahe literarische Qualität. Während rund um den Globus Milliarden in Quantentechnologien investiert werden, während Forschungszentren um Talente konkurrieren, während Staaten ihre Hoffnungen auf neue Generationen von Physikern, Mathematikern und Informatikern setzen, erklärt eine europäische Universität faktisch, dass die Erforschung der fundamentalen Struktur der Realität leider nicht mehr in das Budget passt. Das Universum mag aus Quantenfeldern bestehen, aber Haushaltspläne bestehen offenbar aus anderen Teilchen. Vielleicht aus Diskursen. Vielleicht aus Narrativen. Vielleicht aus Förderanträgen, deren Wahrscheinlichkeit, bewilligt zu werden, mit jeder Erwähnung von Diversität und gesellschaftlicher Transformation exponentiell ansteigt.

Der Triumph des Verwaltungswissens

Bemerkenswert ist dabei weniger die Existenz einzelner Lehrveranstaltungen. Universitäten dürfen und sollen gesellschaftliche Entwicklungen erforschen. Die eigentliche Pointe liegt in der Hierarchie der Prioritäten. Wenn Mittel knapp werden, offenbart sich stets die wahre Werteskala einer Institution. In guten Zeiten kann jeder alles fördern. Erst in schlechten Zeiten entscheidet sich, ob eine Gesellschaft eher den Bauingenieur oder den Workshop-Koordinator benötigt, eher den Physiker oder den Diversity-Bericht, eher das Labor oder die Arbeitsgruppe zur Dekonstruktion historischer Narrativstrukturen.

Natürlich wird niemand ernsthaft behaupten, dass Quantenwissenschaften gegen Migrationssoziologie ausgespielt werden müssten. Das geschieht offiziell auch nicht. Offiziell handelt es sich stets um komplexe Budgetfragen, strategische Neuausrichtungen, organisatorische Anpassungen und andere Formulierungen aus jener sprachlichen Parallelwelt, in der Schließungen keine Schließungen und Kürzungen keine Kürzungen mehr sind. Doch außerhalb dieser Nebelbank bleibt die Tatsache bestehen: Das Studium, das sich mit den Gesetzen der Natur beschäftigt, verschwindet. Die Veranstaltungen, die sich mit den Gesetzen gesellschaftlicher Befindlichkeiten beschäftigen, bleiben.

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Es entsteht der Eindruck einer Bildungslandschaft, die zunehmend Experten für die Verwaltung von Diversität hervorbringt, während die Menschen, welche die nächsten Halbleiter, Laser, Quantencomputer oder Werkstoffe entwickeln könnten, höflich auf später vertröstet werden. Irgendwann, so scheint die Hoffnung zu lauten, wird ein Diversity-Manager den Quantencomputer schon irgendwie herbeidiskutieren.

Die große europäische Umkehrung

Europa besitzt inzwischen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Umkehrung von Ursache und Wirkung. Wirtschaftlicher Wohlstand wird nicht mehr als Voraussetzung kultureller und sozialer Projekte verstanden, sondern als deren selbstverständlich vorhandene Ausgangsbasis. Die Maschine soll laufen, während gleichzeitig das Interesse an ihrem Motor schwindet. Der Strom soll fließen, die Industrie produzieren, die Innovationen entstehen, die Steuereinnahmen sprudeln – doch die Aufmerksamkeit gilt zunehmend den Begleiterscheinungen des Wohlstands statt seinen Quellen.

Während in Asien neue Forschungszentren entstehen und in Nordamerika milliardenschwere Technologieprogramme gestartet werden, diskutiert der alte Kontinent mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit immer feinere Kategorien sozialer Identität. Es ist eine Entwicklung, die an einen Passagier erinnert, der während eines Transatlantikfluges eine leidenschaftliche Debatte über die Gestaltung der Menükarte führt, während im Cockpit langsam die Instrumente ausgebaut werden.

Der amerikanische Physiker Richard Feynman bemerkte einst, Wissenschaft sei der Glaube an die Unwissenheit von Experten. Gegenwärtig könnte man den Eindruck gewinnen, manche Institutionen hätten diesen Gedanken umgekehrt: Wissenschaft wird zunehmend durch den Glauben an die Expertise von Experten ersetzt, die über Wissenschaft sprechen, ohne sie selbst zu betreiben.

Die Ökonomie der moralischen Signale

Ein weiterer Aspekt verdient Aufmerksamkeit. Viele der heute besonders geförderten Bereiche erzeugen einen beträchtlichen Markt für Verwaltungsstrukturen, Beratungsleistungen, Gleichstellungsstrategien, Zertifizierungen, Berichte, Evaluierungen und Koordinationsstellen. Es handelt sich um Tätigkeiten, die selten Brücken bauen, Medikamente entwickeln oder Energieprobleme lösen, dafür aber hervorragend geeignet sind, weitere Berichte über die Notwendigkeit zusätzlicher Tätigkeiten derselben Art zu produzieren.

Der moderne Bürokratismus besitzt eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er reproduziert sich selbst. Der Ingenieur löst ein Problem und macht sich damit langfristig überflüssig. Der Administrator entdeckt ein Problem und schafft damit die Grundlage für neue Administrationsstellen. In dieser Hinsicht besitzt die Welt des Diversity-Managements einen evolutionären Vorteil, von dem selbst die erfolgreichsten Organismen der Erdgeschichte nur träumen konnten.

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Schrödingers Bachelor

So landet man schließlich bei einer Situation, die fast nach einem Experiment aus der Quantenmechanik klingt. Das Studium der Quantenwissenschaften existiert und existiert zugleich nicht. Es befindet sich gewissermaßen in einer administrativen Überlagerung. Erst der Blick in den Studienkatalog kollabiert die Wellenfunktion und offenbart die Realität: Der Studiengang ist verschwunden, die Seminare über Machtstrukturen sind weiterhin vorhanden.

Vielleicht wird eines Tages ein Historiker auf diese Epoche zurückblicken und sich wundern. Er wird feststellen, dass eine hochentwickelte Industriegesellschaft gleichzeitig davon überzeugt war, technologische Spitzenleistungen erzeugen zu wollen, während sie einen immer größeren Teil ihrer intellektuellen Energie auf die Analyse ihrer eigenen Diskurse verwendete. Er wird möglicherweise den Kopf schütteln und sich fragen, wie lange ein Kontinent von den wissenschaftlichen und technischen Leistungen früherer Generationen leben kann.

Und vielleicht wird er feststellen, dass die eigentliche Frage niemals laut gestellt wurde. Nicht ob Migrationssoziologie, Gender Studies, Global Studies oder ähnliche Fächer existieren sollten. Universitäten dürfen ein breites Spektrum an Themen behandeln. Die eigentliche Frage lautet vielmehr, warum in Zeiten knapper Ressourcen ausgerechnet jene Disziplinen unter Druck geraten, die neues Wissen über die materielle Welt erzeugen, während jene Bereiche florieren, deren wichtigstes Produkt häufig in immer neuen Interpretationen bereits bekannter gesellschaftlicher Phänomene besteht.

Eine Universität darf selbstverständlich selbst entscheiden, welche Prioritäten sie setzt. Sie sollte sich dann allerdings nicht wundern, wenn Beobachter gelegentlich die ketzerische Frage stellen, ob die Erforschung der Quantenstruktur des Universums möglicherweise doch einen etwas größeren Beitrag zur wirtschaftlichen und technologischen Zukunft leistet als die Ausbildung weiterer Experten für Diversity-Management, Gleichstellungskoordination und die fortgeschrittene Analyse hegemonialer Diskursformationen.

Nur so ein Gedanke. Ein ganz unmoderner Gedanke. Fast schon quantenmechanisch unwahrscheinlich.