Die Buchhandlung als Kalifat des Allesverfügbaren

Es gibt Institutionen, die sich jahrhundertelang damit schmückten, Bollwerke der Aufklärung zu sein. Bibliotheken gehörten dazu. Universitäten ebenfalls. Buchhandlungen sowieso. Zwischen den Regalen, so lautete die kulturelle Selbstbeschreibung Europas, wohne der Geist der freien Debatte, der vernünftigen Prüfung und des intellektuellen Wettstreits. Das Buch galt als Werkzeug der Erkenntnis. Der Buchhändler war, zumindest in der romantischen Vorstellung, eine Art säkularer Priester des Wissens. Dann kam das digitale Zeitalter, und aus dem Hüter des Geistes wurde der Verwalter eines gigantischen Warenlagers. Aus Bildung wurde Logistik. Aus Auswahl wurde Sortiment. Und aus dem Buchhändler ein Mensch, der im Wesentlichen erklärt, warum er unmöglich wissen könne, was er verkauft.

So gelangt man in jene eigentümliche Gegenwart, in der ein Kunde problemlos Schriften erwerben kann, die demokratische Gesellschaften als moralisch verkommen, religiös illegitim oder gar bekämpfenswert darstellen, während dieselbe Gesellschaft gleichzeitig stundenlange Debatten darüber führt, ob Kinderbücher ausreichend sensible Formulierungen enthalten. Die Prioritäten der Moderne sind bemerkenswert. Ein Märchenwolf wird mit Argwohn betrachtet, ein Dschihad-Theoretiker hingegen als Datenbankeintrag geführt. Die einen werden sprachlich entschärft, die anderen katalogisiert.

Der Fall der islamistischen Literatur in den Regalen eines großen Buchhändlers ist deshalb weniger ein Skandal als eine Momentaufnahme westlicher Selbstvergessenheit. Die eigentliche Pointe besteht nicht darin, dass die Werke dort auftauchten. Die Pointe besteht darin, dass niemand bemerkte, was dort auftauchte. Jahrzehntelang wurden die Schriften prominenter Ideologen des Politischen Islam in Europa analysiert, übersetzt, verbreitet und diskutiert. Sicherheitsbehörden beschäftigen sich mit ihnen. Wissenschaftler schreiben Monographien über sie. Terrororganisationen berufen sich auf sie. Aber irgendwo zwischen Warenwirtschaftssystem und automatisierter Bestellkette verschwanden ihre Inhalte hinter einer ISBN-Nummer.

Die Religion der Nichtzuständigkeit

Die große Weltanschauung des 21. Jahrhunderts ist weder Liberalismus noch Sozialismus. Es ist die Nichtzuständigkeit.

Jeder ist verantwortlich, solange Verantwortung abstrakt bleibt. Sobald sie konkret wird, beginnt das große Staffelrennen der Zuständigkeiten. Der Verlag verweist auf die Meinungsfreiheit. Der Händler verweist auf die Masse der Titel. Die Plattform verweist auf die Algorithmen. Der Algorithmus verweist auf die Daten. Die Daten wiederum verweisen auf niemanden.

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Am Ende steht ein bemerkenswertes Wunder moderner Organisationskultur: Ein Produkt erscheint, wird beworben, verkauft, gelagert, verrechnet, versendet und empfohlen, ohne dass sich irgendjemand für dessen Inhalt zuständig fühlt.

In dieser Hinsicht besitzt die Stellungnahme vieler Unternehmen fast schon literarische Qualität. Aufgrund der großen Zahl von Titeln könne nicht alles geprüft werden. Das ist zweifellos richtig. Es ist allerdings auch eine Erklärung, die ihre eigene Tragik enthält. Denn sie bedeutet nichts anderes, als dass die technische Fähigkeit zum Vertrieb die geistige Fähigkeit zur Kontrolle längst überholt hat. Das Warenhaus ist größer geworden als sein Verstand.

Man stelle sich dieselbe Argumentation in anderen Bereichen vor. Ein Restaurant serviert verdorbene Speisen und erklärt, bei der großen Zahl der Zutaten sei eine vollständige Prüfung leider unmöglich gewesen. Eine Fluggesellschaft versichert, man nehme Sicherheitsfragen sehr ernst, könne aber angesichts der Vielzahl technischer Komponenten nicht jede einzelne kontrollieren. Die Reaktionen wären überschaubar freundlich.

Im Kulturbetrieb dagegen wird dieselbe Logik häufig als Ausdruck professioneller Seriosität akzeptiert.

Die Bestseller des Ressentiments

Besonders faszinierend ist die geistige Architektur vieler islamistischer Schriften. Sie gleicht einer Mischung aus mittelalterlicher Theologie, moderner Verschwörungstheorie und politischer Agitationsliteratur.

Die Welt erscheint darin als gigantisches Drama aus Verrat, Unterdrückung und kosmischer Intrige. Hinter historischen Entwicklungen stehen dunkle Mächte. Gesellschaftliche Veränderungen werden nicht als Folge komplexer Prozesse verstanden, sondern als Ergebnis geheimer Absichten. Die Moderne ist nicht einfach eine Epoche, sondern ein Komplott. Der Westen nicht eine Zivilisation, sondern ein Feindbild. Die Juden nicht Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Meinungen, sondern eine metaphysische Sammelkategorie für alles Verhasste.

Die intellektuelle Struktur dieser Texte wirkt dabei erstaunlich vertraut. Wer ihre Argumentationsmuster von religiösen Begriffen befreit, erkennt rasch die klassische Mechanik des politischen Extremismus. Die Welt wird in Lager geteilt. Ambivalenzen verschwinden. Komplexität wird als Schwäche betrachtet. Zweifel gilt als Verrat. Moralische Reinheit ersetzt politische Vernunft.

Der Mensch erhält die angenehme Gewissheit, niemals selbst schuld zu sein. Schuld sind stets die anderen. Schuld ist die Gesellschaft. Schuld ist die Geschichte. Schuld sind Feinde, die überall wirken und nirgends sichtbar sind.

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Die Attraktivität solcher Weltbilder war stets dieselbe. Sie liefern Ordnung in einer verwirrenden Wirklichkeit. Sie verwandeln Unsicherheit in Gewissheit und Frustration in Mission.

Der seltsame Sonderstatus des Politischen Islam

Bemerkenswert ist allerdings die eigentümliche Zurückhaltung, mit der islamistische Ideologien in vielen westlichen Gesellschaften betrachtet werden.

Würde ein Autor von einer weltweiten jüdischen Steuerung der Politik sprechen, würde man die entsprechende Passage mit Recht als antisemitisch bezeichnen. Würde ein politischer Aktivist die demokratische Ordnung als illegitim erklären und ihre Ersetzung durch ein religiöses Herrschaftssystem fordern, entstünde vermutlich eine breite öffentliche Debatte. Würde ein Prediger Frauen auf ihre Rolle als gehorsame Hausfrauen reduzieren und ihre gesellschaftliche Sichtbarkeit als Problem betrachten, gäbe es empörte Leitartikel.

Beim Politischen Islam hingegen tritt häufig eine merkwürdige intellektuelle Schüchternheit ein. Begriffe werden vorsichtiger. Formulierungen werden weicher. Offensichtliche Konflikte werden als kulturelle Unterschiede beschrieben. Was anderswo als Reaktionismus gilt, erscheint plötzlich als Ausdruck religiöser Identität.

Die Folge ist eine eigentümliche Form der kulturellen Asymmetrie. Die gleichen gesellschaftlichen Milieus, die jede Form konservativer Abweichung im Westen mit mikroskopischer Präzision untersuchen, begegnen islamistischen Autoritäten bisweilen mit einer Nachsicht, die beinahe anthropologischen Charakter besitzt.

Man betrachtet sie wie seltene Tiere in einem Schutzgebiet. Man beobachtet sie. Man beschreibt sie. Man vermeidet jede hektische Bewegung.

Die große Entrümpelung

Wenn öffentliche Aufmerksamkeit entsteht, beginnt gewöhnlich die Phase der Entrümpelung.

Plötzlich verschwinden Titel. Datenbanken werden bereinigt. Sortimente angepasst. Prüfprozesse angekündigt. Pressemitteilungen formuliert.

Es ist die moderne Version des Frühjahrsputzes. Die Regale werden gereinigt, die Prinzipien bleiben unverändert.

Denn die eigentliche Frage lautet nicht, warum bestimmte Bücher auftauchten. Die eigentliche Frage lautet, warum niemand bemerkte, dass sie auftauchten.

Eine Gesellschaft, die ihre kulturellen Institutionen vollständig der Logik automatisierter Verfügbarkeit überlässt, darf sich über solche Überraschungen nicht wundern. Das Problem liegt nicht im einzelnen Buch. Das Problem liegt im System, das Inhalte zunehmend nach Lieferbarkeit statt nach Bedeutung behandelt.

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Die Digitalisierung hat das Versprechen universeller Verfügbarkeit erfüllt. Fast alles ist erhältlich. Fast nichts wird ausgewählt.

Das Zeitalter der grenzenlosen Regale

Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie der Geschichte.

Die Aufklärung kämpfte einst für die Freiheit des Buches gegen Zensur, Verfolgung und Verbote. Heute existiert das gegenteilige Problem. Nicht die Knappheit von Informationen bedroht die Urteilskraft, sondern ihre grenzenlose Verfügbarkeit.

Das Regal kennt keine Weltanschauung. Der Algorithmus besitzt keine Überzeugungen. Die Datenbank unterscheidet nicht zwischen Philosophie und Fanatismus. Sie erkennt lediglich Produkte.

In einer solchen Welt erscheint selbst der radikalste Ideologe nur noch als Autor unter vielen, versehen mit Coverbild, Lagerstatus und Versandoption.

Die Moderne hat damit einen erstaunlichen historischen Kreis geschlossen. Sie wollte Wissen demokratisieren und hat schließlich ein System geschaffen, in dem auch die Feinde der Demokratie bequem per Mausklick bestellt werden können.

Die Buchhandlung wird dadurch nicht zum Zentrum einer Verschwörung. Sie wird zum Symbol einer Kultur, die den Unterschied zwischen Offenheit und Gleichgültigkeit manchmal nicht mehr erkennt. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Satire: Nicht dass Fanatiker Bücher schreiben. Fanatiker haben immer Bücher geschrieben. Sondern dass hochentwickelte Gesellschaften ganze Abteilungen beschäftigen, um Diversität, Nachhaltigkeit, Sensibilität und Inklusion zu vermessen, während sie gleichzeitig überrascht feststellen, dass sich zwischen Kochbüchern und Reiseliteratur plötzlich die Gebrauchsanweisung für die religiöse Neuordnung der Welt befindet.

Das ist keine Tragödie. Für eine Tragödie wäre zu viel Bürokratie im Spiel. Es ist eine Komödie. Allerdings eine jener Komödien, bei denen das Publikum irgendwann unsicher wird, ob es noch lachen soll.