Der Reformator und sein Schatten

Die Geschichte besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur kosmetischen Chirurgie. Aus Feldherren werden Staatsmänner, aus Eroberern Visionäre, aus Fanatikern Reformer. Kaum eine historische Figur wurde im deutschsprachigen Raum über Jahrhunderte hinweg so sorgfältig poliert wie Martin Luther. Der Mann von Wittenberg erscheint in Schulbüchern, Festreden und Jubiläumsveranstaltungen meist als sprachschöpferischer Bibelübersetzer, mutiger Kirchenrebell und geistiger Wegbereiter der Moderne. Die dunklen Seiten seines Denkens werden dabei häufig mit jener diskreten Zurückhaltung behandelt, die man sonst nur von Familien kennt, die einen besonders peinlichen Verwandten auf Hochzeitsfotos möglichst weit an den Rand stellen.

Dabei handelt es sich bei Luthers Judenfeindschaft keineswegs um eine nebensächliche Fußnote seines Werkes. Sie ist keine gelegentliche Entgleisung eines alternden Mannes, kein bedauerlicher Ausrutscher in einem ansonsten humanistischen Lebenswerk und schon gar nicht bloß eine Wiederholung jener Vorurteile, die ohnehin überall in Europa kursierten. Vielmehr begegnet man in seinen späten Schriften einem Autor, der den vorhandenen Antijudaismus seiner Zeit nicht nur übernimmt, sondern ihn mit theologischer Autorität, politischer Programmatik und sprachlicher Gewalt auflädt.

Es ist eine Sache, Vorurteile zu haben. Es ist eine andere, daraus ein politisches Aktionsprogramm zu entwickeln.

Genau das tat Luther.

Vom Missionar zum Vernichtungsphantasten

Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung seines Denkens. Der junge Luther hatte zunächst gehofft, Juden würden sich dem Protestantismus anschließen, sobald die vermeintlichen Irrtümer der katholischen Kirche beseitigt seien. Als diese Hoffnung sich nicht erfüllte, verwandelte sich die Enttäuschung zunehmend in Feindseligkeit. Aus dem enttäuschten Missionar wurde ein verbitterter Ankläger. Aus religiöser Polemik wurde eine regelrechte Obsession.

In „Von den Juden und ihren Lügen“ steigert sich diese Obsession zu einer Radikalität, die selbst vor dem Hintergrund des 16. Jahrhunderts auffällt. Luther fordert nicht lediglich Einschränkungen. Er fordert Zerstörung. Synagogen sollen verbrannt werden. Häuser sollen niedergerissen werden. Bücher sollen vernichtet werden. Eigentum soll beschlagnahmt werden. Religiöse Lehrer sollen zum Schweigen gebracht werden. Menschen sollen vertrieben werden.

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Wer diese Forderungen heute liest, erkennt darin keine theologischen Debatten mehr. Man erkennt ein Verfolgungsprogramm.

Die häufig vorgebrachte Verteidigung, Luther sei lediglich ein Kind seiner Zeit gewesen, wirkt dabei zunehmend unerquicklich. Selbstverständlich war das Europa des 16. Jahrhunderts von Antijudaismus geprägt. Doch nicht jeder Zeitgenosse formulierte systematische Programme zur Entrechtung und Vertreibung einer gesamten Bevölkerungsgruppe. Nicht jeder Zeitgenosse verfügte über Luthers Einfluss. Nicht jeder Zeitgenosse schrieb Texte, die über Jahrhunderte hinweg als moralische und religiöse Autorität zitiert wurden.

Gerade weil Luther kein gewöhnlicher Mensch war, kann er sich nicht hinter der Gewöhnlichkeit seiner Epoche verstecken.

Die Sprache der Entmenschlichung

Besonders erschreckend ist die Sprache, die Luther verwendet. Sie ist nicht die Sprache eines Gelehrten, der mit Argumenten überzeugen möchte. Sie ist die Sprache eines Mannes, der den Gegner moralisch vernichten will.

Juden erscheinen bei ihm nicht als Menschen mit falschen Überzeugungen. Sie erscheinen als Parasiten, Würmer, Plagen und Lasten. Die Entmenschlichung ist dabei kein Nebeneffekt, sondern die eigentliche Funktion der Rhetorik. Wer Menschen zu Schädlingen erklärt, erleichtert es dem Publikum, ihre Entrechtung als vernünftig und ihre Verfolgung als notwendig zu betrachten.

Jede Epoche entwickelt ihre eigenen Techniken der Ausgrenzung. Doch die Grundmechanik bleibt erstaunlich konstant. Zuerst wird eine Gruppe als Gefahr beschrieben. Anschließend wird ihre Menschlichkeit relativiert. Danach erscheinen Maßnahmen gegen sie plötzlich als Schutzmaßnahme. Genau dieses Muster findet sich bei Luther in bemerkenswerter Deutlichkeit.

Man könnte sagen, dass hier bereits jene geistige Infrastruktur entsteht, die spätere Generationen nur noch ausbauen mussten.

Der Reformator und seine unheimlichen Erben

An dieser Stelle beginnt die historische Kontroverse. Die Nationalsozialisten beriefen sich ausdrücklich auf Luther. Seine Schriften wurden neu aufgelegt. Seine Aussagen wurden zitiert. Seine Autorität wurde politisch ausgeschlachtet. Manche Historiker sehen darin eine direkte Traditionslinie, andere warnen vor vereinfachenden Erklärungen.

Doch selbst die vorsichtigste historische Betrachtung kommt an einer unbequemen Tatsache nicht vorbei: Die Nationalsozialisten glaubten, in Luther einen Verbündeten zu finden.

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Das allein sollte zu denken geben.

Es handelt sich um eine jener bitteren Ironien der Geschichte, die jeden Festredner ins Schwitzen bringen müssten. Der Mann, dessen Name für religiöse Erneuerung steht, wurde Jahrhunderte später von einem totalitären Regime als Kronzeuge seiner Judenpolitik präsentiert. Die Nationalsozialisten mussten Luther nicht verfälschen. Sie mussten ihn lediglich zitieren.

Das bedeutet nicht, dass Luther den Holocaust geplant hätte. Eine solche Behauptung wäre historisch unsinnig. Es bedeutet jedoch, dass seine Texte Elemente enthielten, die sich erstaunlich problemlos in moderne antisemitische Ideologien integrieren ließen.

Und genau darin liegt das eigentliche Problem.

Die Heiligenverehrung der Aufklärung

Erstaunlich ist weniger Luther selbst als die Beharrlichkeit, mit der seine Verehrer versuchen, dieses Kapitel zu relativieren. Oft entsteht der Eindruck, als würde jede Kritik an seinem Antisemitismus als Angriff auf die gesamte Reformation verstanden.

Doch historische Größe funktioniert nicht nach dem Prinzip eines Freispruchs. Ein bedeutender Mensch erhält keine moralische Generalamnestie. Die Übersetzung der Bibel hebt keine Hetzschrift auf. Sprachliche Genialität neutralisiert keine Forderung nach Verfolgung. Religiöser Mut verwandelt Hass nicht in Tugend.

Gerade moderne Gesellschaften sollten diese Erkenntnis eigentlich verinnerlicht haben. Sie behaupten schließlich, keine Heiligen mehr zu benötigen. Dennoch scheint der Reflex zur Heldenverehrung ungebrochen. Sobald eine historische Figur genügend Denkmäler besitzt, beginnt eine eigentümliche Form der moralischen Buchführung: Verdienste werden als Guthaben verbucht, Verfehlungen als bedauerliche Nebenkosten.

Doch Geschichte ist keine Bilanz. Menschen lassen sich nicht verrechnen.

Der Schatten, der bleibt

Martin Luther bleibt eine der bedeutendsten Figuren der europäischen Geschichte. Gerade deshalb muss auch sein Antisemitismus mit derselben Klarheit benannt werden wie seine Leistungen. Er war nicht bloß ein Reformator, der zufällig antisemitische Ansichten vertrat. Er war einer der einflussreichsten antisemitischen Autoren der europäischen Frühneuzeit.

Seine Schriften verliehen vorhandenen Vorurteilen eine religiöse Legitimation. Sie formulierten Forderungen nach Ausgrenzung, Enteignung und Vertreibung. Sie machten Hass anschlussfähig an politische Praxis. Sie gehörten zu jenen Texten, die zeigen, wie schnell religiöser Eifer in gesellschaftliche Feindseligkeit umschlagen kann.

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Vielleicht liegt darin die unbequemste Erkenntnis überhaupt. Nicht die Tatsache, dass Luther irrte. Menschen irren ständig. Sondern die Tatsache, dass ein Mann, der Millionen Menschen geistig befreien wollte, gleichzeitig bereit war, einer anderen Gruppe Freiheit, Sicherheit und Würde abzusprechen.

Der Reformator war ein Gigant seiner Zeit. Doch auch Giganten werfen lange Schatten. Und der Schatten, den Luther auf die Geschichte des europäischen Antisemitismus geworfen hat, gehört zu den dunkelsten.