Die zarte Versuchung der „Gewaltromantik“

Es gehört zu den langlebigsten rhetorischen Kunstgriffen der politischen Selbstberuhigung, komplexe Konfliktlagen auf ein ästhetisches Missverständnis zu reduzieren: Was stört, wird zur „Romantik“ erklärt, und schon verliert es den Anspruch auf Ernsthaftigkeit. In diesem Fall also „Gewaltromantik“, ein Begriff, der so daherkommt, als hätte er sich zuvor im Feuilleton gekämmt und die Fingernägel gefeilt, um dann mit vornehmer Geste all jene zu pathologisieren, die den Eindruck gewonnen haben, dass es in bestimmten historischen Momenten nicht mehr genügt, höflich zu widersprechen. Romantik, das klingt nach Kerzenschein und Gitarrenakkorden, nach jugendlichem Überschwang und einer gewissen intellektuellen Unzurechnungsfähigkeit – und genau darin liegt die polemische Eleganz dieses Vorwurfs: Er entwertet, ohne sich argumentativ anstrengen zu müssen.

Dabei hat die gegenwärtige Debatte mit Romantik ungefähr so viel zu tun wie ein Feueralarm mit einem Liebesgedicht. Wer hier von Verklärung spricht, verwechselt entweder Diagnose mit Dekoration oder betreibt bewusst semantische Kosmetik. Die Frage, ob und wann militante Gegenwehr legitim ist, entsteht nicht aus einem Übermaß an revolutionärer Fantasie, sondern aus einem Mangel an Vertrauen in die Stabilität jener Strukturen, die sich selbst gern als unerschütterlich bezeichnen. Es ist die alte, unerquicklich nüchterne Einsicht, dass Institutionen zwar Normen formulieren, aber nicht immer deren Einhaltung garantieren. Und wo Garantien brüchig werden, beginnt das Nachdenken über Alternativen – nicht aus Abenteuerlust, sondern aus Vorsicht.

Antifaschismus als Notfallprogramm

Antifaschismus wird in wohltemperierten Diskursen gern als moralische Grundhaltung gehandelt, eine Art demokratisches Vitaminpräparat, das man regelmäßig einnimmt, um gesund zu bleiben. In ruhigeren Zeiten mag diese metaphorische Hausapotheke ausreichen. Doch sobald sich Symptome häufen – steigende Zahlen rechter Gewalt, eine Verrohung der Sprache, das allmähliche Verschieben des Sagbaren –, verwandelt sich die wohlmeinende Haltung in eine Frage der Handlungsfähigkeit. Dann ist Antifaschismus kein dekorativer Konsens mehr, sondern ein Notfallprogramm, dessen Ernsthaftigkeit sich nicht an wohlformulierten Stellungnahmen misst, sondern an der Bereitschaft, Risiken einzugehen.

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Der entscheidende Punkt liegt in der oft verdrängten Asymmetrie: Während die eine Seite die Eskalation betreibt, diskutiert die andere ihre Zulässigkeit. Das hat etwas von einer Feuerwehr, die zunächst klärt, ob Wasser moralisch vertretbar ist, während das Gebäude bereits in Flammen steht. Natürlich ist die Sorge vor einer Gewaltspirale nicht nur berechtigt, sondern zwingend notwendig. Doch sie wird zur Ausrede, wenn sie ausschließlich auf die Reaktion angewandt wird und nicht auf die Ursache. Gewalt entsteht selten im luftleeren Raum; sie ist, wie es in der einschlägigen Forschung trocken heißt, Teil eines „Interaktionsgeschehens“. Wer diesen Zusammenhang ausblendet, betreibt keine Analyse, sondern selektive Empörung.

Die beruhigende Illusion des funktionierenden Staates

Es zählt zu den Grundüberzeugungen moderner Demokratien, dass der Staat das Gewaltmonopol innehat und dieses zum Schutz aller Bürgerinnen und Bürger ausübt. Eine schöne Idee, in der Praxis jedoch gelegentlich von einer gewissen Unschärfe begleitet. Denn die Frage ist nicht, ob dieses Monopol existiert, sondern wie zuverlässig es angewendet wird – und vor allem für wen. Die wachsende Zahl von Übergriffen auf Minderheiten legt nahe, dass die Schutzfunktion des Staates zumindest punktuell porös geworden ist. Porös, wohlgemerkt, nicht verschwunden – was die Sache fast noch unangenehmer macht, weil es keine klare Zäsur gibt, sondern ein schleichendes Unbehagen.

In solchen Konstellationen entsteht eine eigentümliche Spannung: Einerseits wird weiterhin auf die Zuständigkeit staatlicher Institutionen verwiesen, andererseits mehren sich die Hinweise darauf, dass diese Zuständigkeit nicht immer in wirksamen Schutz übersetzt wird. Die Folge ist eine Art delegierter Hilflosigkeit: Man soll vertrauen, obwohl das Vertrauen empirisch unterfüttert immer schwerer fällt. Wer dann den Gedanken äußert, dass eine wehrhafte Zivilgesellschaft mehr sein könnte als ein wohlklingender Begriff, gerät schnell in den Verdacht, die Ordnung selbst zu gefährden. Ein paradoxer Vorwurf, bedenkt man, dass diese Ordnung gerade durch jene bedroht wird, gegen die sich die Wehrhaftigkeit richtet.

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Wehrhaftigkeit zwischen Moral und Muskelkater

Der Begriff der „wehrhaften Zivilgesellschaft“ besitzt eine bemerkenswerte Doppelbödigkeit. In Sonntagsreden wird er gern beschworen, als handele es sich um eine Mischung aus moralischer Standfestigkeit und demokratischer Fitness. Sobald jedoch konkrete Formen dieser Wehrhaftigkeit ins Spiel kommen, insbesondere solche, die über das Halten von Transparenten hinausgehen, verwandelt sich die Zustimmung in nervöses Räuspern. Wehrhaftigkeit ja, aber bitte ohne jede Form von physischer Konfrontation – ein Wunsch, der ungefähr so realistisch ist wie die Forderung nach einem Boxkampf ohne Körperkontakt.

Die Vorstellung, Minderheiten im Ernstfall „mit den eigenen Körpern“ zu schützen, ist dabei weniger heroisch als oft unterstellt wird. Sie beschreibt eine Situation, in der Menschen sich zwischen Angreifer und Angegriffene stellen, nicht aus Abenteuerlust, sondern weil keine andere Instanz rechtzeitig eingreift. Dass dies Risiken birgt, versteht sich von selbst; dass diese Risiken überhaupt notwendig erscheinen, ist der eigentliche Skandal. Die Alternative wäre eine Gesellschaft, in der solche Szenarien gar nicht erst entstehen – doch solange diese Alternative eher programmatisch als real ist, bleibt die Frage nach der konkreten Verteidigungsbereitschaft bestehen.

Die Eleganz der Distanz und ihre Kosten

Es gibt eine besondere Form intellektueller Eleganz, die darin besteht, sich von allen Extremen gleichermaßen zu distanzieren. Sie wirkt ausgewogen, vernünftig, beinahe staatsmännisch. In der Praxis jedoch läuft sie Gefahr, Unterschiede zu nivellieren, die politisch entscheidend sind. Wer jede Form von Gewalt gleichermaßen verurteilt, ohne ihre jeweiligen Kontexte zu berücksichtigen, betreibt eine moralische Gleichmacherei, die vor allem eines erreicht: Sie entlastet jene, die die ursprüngliche Eskalation betreiben, indem sie die Reaktion als gleichwertiges Problem darstellt.

Diese Art der Distanz hat ihren Preis. Sie schafft eine bequeme Beobachterposition, aus der heraus sich alles kritisieren lässt, ohne selbst in die Verlegenheit zu kommen, handeln zu müssen. Doch genau diese Bequemlichkeit steht im Zentrum der Kritik, die in der Debatte immer wieder aufscheint – man könnte auch sagen: Sie ist ihr unausgesprochener Motor. Denn hinter der polemischen Zuspitzung verbirgt sich eine durchaus ernste Frage: Was geschieht, wenn das Warten zur Strategie wird und die Verteidigung der offenen Gesellschaft auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben wird, an dem die Bedrohung „eindeutig genug“ ist?

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Schlussbetrachtung mit leichtem Augenrollen

Am Ende bleibt ein Befund, der sich weder in romantischen noch in apokalyptischen Bildern erschöpft. Die Diskussion über Militanz im Antifaschismus ist weniger ein Ausdruck von Radikalität als ein Symptom wachsender Verunsicherung über die Belastbarkeit demokratischer Strukturen. Sie oszilliert zwischen berechtigter Sorge vor Eskalation und ebenso berechtigter Sorge vor Passivität. Dass diese Spannung nicht auflösbar ist, dürfte die eigentliche Pointe sein – und vielleicht auch der Grund, warum sie so gern mit wohlklingenden Etiketten versehen wird.

Der Zynismus, der sich gelegentlich in diese Debatte einschleicht, hat dabei eine fast tröstliche Funktion: Er erinnert daran, dass die Wirklichkeit sich selten an die ästhetischen Vorlieben ihrer Betrachter hält. Zwischen der Sehnsucht nach Ordnung und der Erfahrung von Unordnung liegt ein Raum, in dem Entscheidungen getroffen werden müssen, die sich nicht vollständig in moralische Reinheit übersetzen lassen. Wer diesen Raum betritt, verliert unweigerlich ein Stück Unschuld – gewinnt dafür aber möglicherweise die Fähigkeit, das Offensichtliche nicht länger zu übersehen.