Es gibt historische Phasen, in denen sich Gesellschaften im Rückblick als tragisch, heroisch oder wenigstens als kohärent beschreiben lassen, und es gibt jene eigentümliche Zwischenzone, in der alles gleichzeitig geschieht: Fortschritt wird verkündet, Rückbau praktiziert, Stabilität beschworen und Dynamik verhindert, ein Zustand, der sich mit der Präzision eines Uhrwerks in monatlichen Zahlen niederschlägt, etwa dann, wenn 12.000 Industriearbeitsplätze verschwinden, regelmäßig, zuverlässig, beinahe beruhigend in ihrer Vorhersehbarkeit, als wäre der Verlust selbst zu einer planbaren Größe geworden, zu einer Art industriellem Grundrauschen, über dem die Rhetorik des Aufbruchs wie eine freundliche Hintergrundmusik liegt, und die Automobilindustrie, einst eine Ikone deutscher Selbstvergewisserung, hat seit 2019 rund 142.000 Stellen verloren, was nicht als Krise, sondern als Transformation etikettiert wird, ein sprachlicher Kunstgriff, der an die alte Einsicht erinnert, dass man nur die Begriffe ändern muss, um die Wirklichkeit erträglich erscheinen zu lassen, ein Prinzip, das bereits von George Orwell in anderer, weniger höflicher Form beschrieben wurde.
Der Glaube an die Zahl und die Verachtung ihres Ergebnisses
In diesem Kontext entfaltet sich die Energiewende als eine Art säkulares Heilsprojekt, finanziell ausgestattet mit Summen, die früher ausschließlich für Kriege oder den Wiederaufbau nach ihnen reserviert waren, und doch ohne deren klare Zieldefinition, denn während bereits rund 500 Milliarden Euro geflossen sind und die Endkosten auf mehrere Billionen geschätzt werden, bleibt die Frage nach der konkreten Wirkung bemerkenswert diffus, was dem Projekt eine fast metaphysische Qualität verleiht, als handle es sich weniger um eine technische Umstellung als um eine moralische Übung, deren Erfolg nicht an Ergebnissen, sondern an der Intensität des Glaubens gemessen wird, und so steht am Ende der Zwischenbilanz eine Verschiebung in der CO₂-Rangliste, die sich mit milder Ironie als unerwarteter Nebeneffekt beschreiben lässt, ein Resultat, das die Zahlen respektiert, aber ihre intendierte Bedeutung höflich ignoriert, ganz im Sinne jener bürokratischen Dialektik, in der Kennzahlen nicht mehr die Realität abbilden, sondern selbst zu einem Teil ihrer Inszenierung werden.
Die Elektrifizierung der Gewissensbisse
Besonders elegant materialisiert sich diese Dialektik in der Stromrechnung, jenem unscheinbaren Dokument, das inzwischen den Charakter einer moralischen Abrechnung angenommen hat, denn jede Kilowattstunde zum Preis von 35,6 Cent ist nicht nur ein energetischer, sondern auch ein ethischer Vorgang, ein kleiner Beitrag zur Rettung der Welt, der sich jedoch merkwürdigerweise nicht in einer entsprechenden Verbesserung der globalen Emissionslage niederschlägt, was die unangenehme Vermutung nahelegt, dass zwischen individueller Zahlungsbereitschaft und kollektiver Wirkung ein Zusammenhang besteht, der sich der linearen Logik entzieht, und so entsteht ein Zustand, in dem hohe Kosten nicht mehr als Problem, sondern als Beleg für Ernsthaftigkeit interpretiert werden, eine Haltung, die entfernt an religiöse Praktiken erinnert, bei denen das Opfer selbst zum Beweis der Wahrhaftigkeit wird.
Pädagogik der entgrenzten Erwartung
Währenddessen vollzieht sich im Bildungssystem eine Entwicklung, die sich weniger durch plötzliche Einbrüche als durch kontinuierliche Verschiebungen auszeichnet, und die Tatsache, dass nur noch etwa 60 Prozent der Jugendlichen grundlegende Kompetenzen erreichen, könnte als alarmierend gelten, wird jedoch häufig in einen größeren Kontext eingebettet, der so umfassend ist, dass die ursprüngliche Problematik darin beinahe verschwindet, und so entsteht eine Pädagogik, die zunehmend darauf abzielt, niemanden zurückzulassen, selbst wenn dies bedeutet, dass die Messlatte entsprechend angepasst werden muss, ein Verfahren, das kurzfristig inklusiv wirkt, langfristig jedoch eine eigentümliche Form der Exklusion erzeugt, nämlich die der Realität, die sich von wohlmeinenden Definitionen bekanntlich wenig beeindrucken lässt, ein Umstand, den bereits Wilhelm von Humboldt ahnte, als er Bildung nicht als Anpassung, sondern als Entfaltung verstand, ein Konzept, das im heutigen Kontext fast schon als exzentrisch gelten könnte.
Der Sozialstaat als literarisches Großprojekt ohne Schlusskapitel
Der Sozialstaat schließlich hat eine Dimension erreicht, die sich jeder einfachen Beschreibung entzieht und eher als fortlaufendes Epos verstanden werden muss, ein Text ohne Ende, geschrieben in der Sprache der Paragrafen, gegliedert in zwölf Sozialgesetzbücher mit über 3200 Bestimmungen und ergänzt durch hunderte Einzelleistungen, deren genaue Wirkung selbst von Fachleuten nicht mehr vollständig erfasst werden kann, was dem Ganzen eine fast schon postmoderne Qualität verleiht, in der die Vielzahl der Perspektiven die Möglichkeit einer abschließenden Bewertung ersetzt, und wenn jährlich 1,43 Billionen Euro in dieses System fließen, dann ist das weniger eine Zahl als eine Aussage über den Anspruch, jede denkbare Lebenslage zu erfassen und zu regulieren, ein Anspruch, der zwangsläufig an seine Grenzen stößt, sobald die Komplexität der Wirklichkeit jene der Regelwerke übersteigt, was offenbar längst der Fall ist, wie die vergeblichen Versuche zeigen, eine vollständige Bestandsaufnahme zu erstellen.
Exodus der Optionalität
In dieser Situation gewinnt die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte eine Bedeutung, die sich nicht allein in Zahlen ausdrücken lässt, sondern in ihrer Struktur verstanden werden muss, denn wenn ein Großteil der Auswandernden überdurchschnittlich gut ausgebildet ist, während die weniger mobile Bevölkerung deutlich geringere Qualifikationsprofile aufweist, dann handelt es sich nicht um einen zufälligen Austausch, sondern um eine Verschiebung der Potenziale, eine stille Abstimmung mit den Füßen, bei der nicht Ideologien, sondern Lebensrealitäten den Ausschlag geben, und Berichte aus Ländern wie der Schweiz oder Abu Dhabi wirken dabei wie Momentaufnahmen alternativer Ordnungen, in denen Effizienz, Planbarkeit und individuelle Entfaltung weniger als Gegensatz, sondern als Voraussetzung füreinander erscheinen, was im Vergleich eine irritierende Klarheit erzeugt, die sich nur schwer in die heimische Diskurslogik integrieren lässt.
Bürokratie oder die Poesie der Vorschrift
Am deutlichsten jedoch manifestiert sich die spezifische Rationalität dieses Systems in der Bürokratie, jener eigentümlichen Form von Textproduktion, die Realität nicht nur beschreibt, sondern hervorbringt, indem sie sie in Kategorien presst, Ausnahmen definiert und Verfahren festlegt, und wenn der Umfang der Gesetzgebung kontinuierlich wächst, während gleichzeitig der Ruf nach Vereinfachung lauter wird, dann liegt darin kein Widerspruch, sondern eine Konsequenz, denn jede Vereinfachung erzeugt neue Abgrenzungsprobleme, die ihrerseits geregelt werden müssen, ein perpetuum mobile der Normsetzung, das sich aus sich selbst heraus speist und dabei jährliche wirtschaftliche Verluste in dreistelliger Milliardenhöhe verursacht, ohne dass dies seinen Fortgang wesentlich beeinträchtigen würde, was darauf hindeutet, dass hier nicht Effizienz, sondern Konsistenz das leitende Prinzip ist, eine Konsistenz, die sich weniger an der Realität als an der inneren Logik des Systems orientiert.
BASF, Bauen und die Dialektik des Formulars
Besonders anschaulich wird diese Logik in konkreten Fällen, etwa wenn große Industrieunternehmen ihre Investitionen zunehmend ins Ausland verlagern, weil Genehmigungsverfahren, Energiekosten und regulatorische Unsicherheiten im Inland eine Planbarkeit nahezu unmöglich machen, oder wenn Bauprojekte sich über Jahre verzögern, weil jede denkbare Eventualität geprüft, dokumentiert und abgesichert werden muss, ein Prozess, der ursprünglich dem Schutz dienen sollte, inzwischen jedoch häufig selbst zum Risiko geworden ist, weil er Zeit, Ressourcen und letztlich auch Vertrauen bindet, und so entsteht eine Dialektik des Formulars, in der der Versuch, Fehler zu vermeiden, neue Fehlerquellen erzeugt, während die eigentliche Tätigkeit in den Hintergrund tritt, ein Zustand, der entfernt an Franz Kafka erinnert, dessen Figuren bekanntlich weniger an konkreten Hindernissen scheitern als an der Struktur der Verfahren selbst.
Die Effizienz als Verdachtsmoment
In einem solchen Umfeld wirkt Effizienz fast schon verdächtig, ein Relikt aus einer Zeit, in der Zielerreichung als ausreichend galt, während heute die Einhaltung aller denkbaren Regeln mindestens ebenso wichtig ist, und der Vergleich zwischen einer großen Behörde und einem globalen Technologieunternehmen, das mit weniger Mitarbeitern einen vielfach höheren Wert schafft, ist daher weniger ein Argument als eine Illustration, eine Momentaufnahme zweier unterschiedlicher Logiken, von denen die eine auf Skalierung und Innovation setzt, während die andere auf Absicherung und Vollständigkeit abzielt, und beide haben ihre Berechtigung, solange sie sich im Gleichgewicht befinden, was jedoch zunehmend fraglich erscheint.
Epilog: Die Eleganz der Selbstverwicklung
Am Ende bleibt eine Szenerie, die sich jeder einfachen moralischen Bewertung entzieht, weil sie aus guten Absichten, historischen Erfahrungen und realen Herausforderungen entstanden ist und dennoch Ergebnisse hervorbringt, die diese Absichten konterkarieren, ein System, das sich mit bewundernswerter Konsequenz selbst reguliert und dabei immer neue Ebenen der Komplexität erzeugt, bis schließlich die Steuerung selbst zum Problem wird, und vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Pointe dieser Entwicklung: dass sie nicht aus Mangel an Wissen oder Engagement resultiert, sondern aus deren Übermaß, aus dem Versuch, jede Unsicherheit zu eliminieren und jede Variable zu kontrollieren, ein Unterfangen, das notwendigerweise scheitern muss, weil die Wirklichkeit sich bekanntlich nicht vollständig normieren lässt, und so bleibt am Ende eine hochentwickelte, hochregulierte, hochreflektierte Gesellschaft zurück, die in bewundernswerter Präzision beschreibt, warum sie nicht mehr so recht funktioniert, und gerade darin eine Form von Perfektion erreicht, die man, je nach Temperament, als tragisch, komisch oder schlicht als konsequent bezeichnen kann.