Die verrottete Planke

Politiker haben die bemerkenswerte Eigenschaft, Niederlagen als Missverständnisse, Krisen als Übergangsphasen und den eigenen Verbleib im Amt als staatsbürgerliche Notwendigkeit zu interpretieren. Je tiefer die Zustimmungswerte sinken, desto höher steigt häufig das Pathos. Es ist eine politische Naturkonstante, vergleichbar mit der Gravitation oder der Steuererklärung. Sobald die Macht zu entgleiten droht, verwandelt sich der gewöhnliche Parteifunktionär in einen selbsternannten Hüter der Ordnung, dessen Rücktritt angeblich den Untergang der Zivilisation nach sich ziehen würde. Die Geschichte ist voll von Staatsmännern, die ihre Unersetzlichkeit mit einer Inbrunst verkündeten, die bei näherer Betrachtung vor allem eines verriet: die panische Angst vor dem Verlust des Dienstwagens.

In diese ehrwürdige Tradition reiht sich auch jene Erklärung ein, in der Keir Starmer verkündet, er werde nicht gehen. Das Land dürfe nicht in das Chaos eines Führungswettbewerbs gestürzt werden. Dies geschehe nicht aus Eitelkeit, nicht aus Sturheit, sondern aus Pflichtgefühl. Die Formulierung ist von jener klassischen Eleganz politischer Rechtfertigungsrhetorik, die seit Jahrhunderten gepflegt wird. Der Politiker spricht von Verantwortung, während das Publikum sich fragt, ob nicht eher die Verantwortung vor ihm davonläuft. Das Amt erscheint nicht als Position auf Zeit, sondern als moralische Last, die der Betroffene heldenhaft auf sich nimmt. Der Rücktritt wird zum Akt verantwortungsloser Flucht umgedeutet, das Festhalten am Sessel hingegen zur selbstlosen Opfergabe an die Nation.

Die letzte Bastion gegen das Chaos

Es ist bemerkenswert, wie oft das Chaos in politischen Reden auftaucht. Chaos lauert angeblich stets hinter der nächsten Tür. Chaos droht bei Neuwahlen. Chaos droht bei Rücktritten. Chaos droht bei Reformen. Chaos droht bei deren Ausbleiben. Der politische Diskurs ähnelt bisweilen einer mittelalterlichen Predigt über die Hölle: Überall Gefahren, überall Abgründe, überall die Möglichkeit des Zusammenbruchs – und zufällig steht stets derselbe Mann an der einzigen Brücke über den Abgrund.

Der Gedanke, dass eine moderne Demokratie eine Führungswahl möglicherweise überstehen könnte, erscheint in solchen Momenten nahezu revolutionär. Man gewinnt den Eindruck, die politischen Institutionen eines Landes seien nichts weiter als ein Kartenhaus, das ausschließlich durch die Anwesenheit eines einzelnen Parteivorsitzenden zusammengehalten werde. Fiele er fort, würden Parlament, Verwaltung, Gerichte, Streitkräfte, Zentralbank und Wetterdienst vermutlich gleichzeitig kollabieren. Die Geschichte liefert allerdings eine gewisse Anzahl von Gegenbeweisen. Staaten haben Könige verloren, Kaiser verloren, Diktatoren verloren und gelegentlich sogar Finanzminister verloren. Die meisten haben überlebt.

TIP:  Die neue Unschuld der alten Parolen

Das Pflichtgefühl als Tarnkappe

Besonders reizvoll ist der Verweis auf das Pflichtgefühl. Pflichtgefühl gehört zu jenen Wörtern, die in der Politik ähnlich funktionieren wie Knoblauch in der Küche: Es überdeckt nahezu jeden anderen Geruch. Hinter Pflichtgefühl verschwinden Ehrgeiz, Karriereinstinkt, Fraktionsarithmetik und die schlichte Tatsache, dass Macht einen gewissen Suchtfaktor besitzt. Kaum jemand möchte nach Jahren im Rampenlicht wieder auf den Zuschauerplätzen sitzen. Der Mensch ist nun einmal kein Wesen, das freiwillig auf Bedeutung verzichtet.

Schon der französische Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand bemerkte einst, Politik sei die Kunst, sich so lange wie möglich auf dem Rücken der Ereignisse zu halten. Die moderne Variante besteht darin, den eigenen Verbleib als patriotischen Dienst darzustellen. Das Amt wird nicht behalten, weil man es behalten möchte. Es wird behalten, weil die Nation es verlangt. Dass die Nation darüber gelegentlich eine andere Auffassung hat, ist ein Detail, das den dramaturgischen Effekt nur stören würde.

Der Schiffbrüchige und die Planke

Tatsächlich drängt sich bei solchen Erklärungen ein anderes Bild auf. Nicht das des unbeugsamen Kapitäns auf der Brücke eines sturmgepeitschten Schiffes, sondern jenes des Schiffbrüchigen, der sich an eine bereits halb verrottete Planke klammert und dabei erklärt, sein Festhalten sei ausschließlich dem Schutz des Atlantiks geschuldet. Die Planke knarrt bedrohlich. Das Meer wird unruhiger. Die Möwen kreisen bereits mit professionellem Interesse. Doch der Schiffbrüchige versichert unermüdlich, dass jede Diskussion über einen Wechsel des Schwimmholzes unverantwortlich wäre.

Hier offenbart sich die eigentliche Komik der Macht. Sie verleiht ihren Besitzern eine eigentümliche Perspektive. Von außen betrachtet wirkt das Festhalten oft verzweifelt. Von innen betrachtet erscheint es heldenhaft. Der Mann am Steuer sieht sich als Garant der Stabilität. Die Passagiere beginnen hingegen zu diskutieren, ob das Schiff möglicherweise gerade wegen des Steuermanns auf Grund läuft.

Die hohe Kunst des politischen Selbstporträts

Politische Selbstdarstellungen folgen seit Jahrhunderten denselben Mustern. Niemand verteidigt seine Position mit dem Argument, die Aussicht auf Bedeutung sei angenehm. Niemand erklärt, man wolle den Platz behalten, weil man sich inzwischen an die Privilegien gewöhnt habe. Stattdessen entstehen monumentale Selbstporträts moralischer Pflichterfüllung. Der Politiker erscheint als letzter Wächter der Ordnung, als tragischer Held gegen die Mächte des Chaos, als einsamer Atlas, der das Himmelsgewölbe der Nation auf seinen Schultern trägt.

TIP:  Im Versuchslabor des grünen Doktors Mabuse

Oscar Wilde hätte vermutlich seine Freude daran gehabt. Er schrieb, dass Bescheidenheit die höchste Form der Eitelkeit sei. In der Politik erreicht diese Kunstform gelegentlich olympische Dimensionen. Je größer die Krise, desto feierlicher wird die Erklärung der eigenen Unverzichtbarkeit. Die Rhetorik erhebt sich zu Höhen, in denen Sauerstoff und Selbstzweifel gleichermaßen knapp werden.

Die Demokratie als erstaunlich robustes Wesen

Dabei liegt die eigentliche Stärke demokratischer Systeme gerade darin, dass niemand unersetzlich ist. Das ist ihre vielleicht wichtigste und zugleich am häufigsten vergessene Eigenschaft. Demokratien beruhen nicht auf Heldenverehrung, sondern auf Austauschbarkeit. Regierungen kommen und gehen. Parteiführer steigen auf und ab. Minister verschwinden in den Fußnoten der Geschichte. Die Institutionen bleiben.

Wenn daher ein Politiker erklärt, sein Rücktritt würde das Land ins Chaos stürzen, verrät diese Aussage häufig mehr über sein Selbstbild als über den Zustand des Landes. Demokratien sind erstaunlich robuste Wesen. Sie überstehen Skandale, Wirtschaftskrisen, Kriege, schlechte Regierungen und gelegentlich sogar besonders überzeugte Politiker.

Und so bleibt am Ende jener leicht ironische Eindruck, der viele politische Abschiedsverweigerungen begleitet: Nicht die Nation hält sich am Staatsmann fest, sondern der Staatsmann an der Nation. Nicht das Land fürchtet den Wechsel, sondern der Amtsinhaber. Die verrottete Planke wird mit staatsmännischer Würde umklammert, während feierlich verkündet wird, dies geschehe ausschließlich aus Pflichtgefühl. Das Meer rauscht zustimmend. Die Möwen lachen.