Die Angst vor der Fahne

Es gibt in modernen Gesellschaften viele Ängste. Die Angst vor der Inflation. Die Angst vor dem Klimawandel. Die Angst vor dem sozialen Abstieg. Die Angst vor Kriegen, Pandemien, künstlicher Intelligenz und gelegentlich sogar vor natürlicher Intelligenz. Doch über all diesen Ängsten schwebt in bestimmten intellektuellen Milieus eine ganz besondere Furcht, die an metaphysische Dimensionen heranreicht: die Angst vor Menschen, die ihre Nationalhymne singen.

Nicht aggressiv. Nicht mit erhobener Faust. Nicht unter Trommelschlägen oder Kanonendonner. Sondern schlicht singend. Auf einem Fußballplatz. Vor einem Spiel.

Der gewöhnliche Bürger betrachtet dieses Schauspiel meist mit einer bemerkenswerten Gelassenheit. Er erkennt darin eine jahrhundertealte menschliche Gewohnheit. Menschen identifizieren sich mit Gemeinschaften. Mit Familien, Städten, Regionen, Vereinen, Nationen. Sie tragen Schals, Fahnen, Wappen oder Trikots. Sie jubeln bei Siegen und leiden bei Niederlagen. Die Menschheit hat dies in unterschiedlichsten Formen praktiziert, lange bevor der erste Politikwissenschaftler die Absicht entwickelte, eine PowerPoint-Präsentation darüber anzufertigen.

Doch dort, wo der normale Zuschauer einen Fußballfan erkennt, erkennt der professionelle Deuter gesellschaftlicher Entwicklungen bereits den Vorboten einer ideologischen Eiszeit. Wo andere einen Menschen sehen, der „Deutschland, Deutschland über alles“ gerade ausdrücklich nicht singt, weil die Hymne seit Jahrzehnten anders lautet, erkennt der Alarmexperte bereits eine mögliche Wiederkehr sämtlicher Katastrophen der europäischen Geschichte.

Die Fahne flattert. – Der Experte schwitzt.

Die Pathologisierung des Normalen

Es gehört zu den bemerkenswertesten kulturellen Leistungen der Gegenwart, dass vollkommen normale menschliche Regungen zunehmend wie medizinische Symptome behandelt werden. Heimatliebe wird zur Vorstufe der Fremdenfeindlichkeit erklärt. Stolz auf kulturelle Leistungen erscheint verdächtig. Das Wort „Ehre“ wird betrachtet wie ein radioaktives Isotop, das ausschließlich unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ausgesprochen werden darf.

Besonders faszinierend ist dabei die semantische Verwandlung alter Tugenden in neue Gefahrenstoffe.

Zusammenhalt galt einst als etwas Positives. Gesellschaften sollten zusammenhalten. Familien sollten zusammenhalten. Mannschaften sollten zusammenhalten. Selbst Staaten sollten gelegentlich zusammenhalten, insbesondere dann, wenn sie gerade existieren wollten.

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Heute begegnet man bisweilen der Vorstellung, Zusammenhalt könne problematisch sein, weil sich daraus ein Wir-Gefühl entwickeln könnte. Das Wir-Gefühl wiederum könnte zu Identität führen. Identität könnte Loyalität erzeugen. Loyalität könnte Stolz hervorbringen. Stolz könnte in Patriotismus münden. Und Patriotismus, so die Logik mancher Debattenbeiträge, sitzt bereits mit gepacktem Koffer auf dem Bahnsteig des Nationalismus.

Diese Argumentationskette besitzt eine eigentümliche Schönheit. Sie ähnelt jenen mittelalterlichen Theorien, nach denen das Trinken kalten Wassers zwangsläufig zur Pest führen musste. Jeder einzelne Schritt erscheint zunächst plausibel, bis man die Gesamtkonstruktion betrachtet und feststellt, dass zwischen Ursache und Wirkung ungefähr fünfzehn gedankliche Saltos geschlagen wurden.

Das Gespenst im Fußballstadion

Fußballstadien sind für diese Debatten besonders geeignet. Dort versammeln sich Menschenmengen. Menschenmengen wiederum gelten seit der Französischen Revolution als grundsätzlich verdächtig. Sie könnten Emotionen entwickeln.

Emotionen aber stellen für den modernen Experten eine Herausforderung dar. Sie sind unberechenbar. Sie lassen sich nicht durch Leitfäden moderieren. Sie folgen selten den Empfehlungen von Ethikkommissionen. Sie lesen keine wissenschaftlichen Begleitstudien.

Wenn Zehntausende gemeinsam singen, entsteht etwas, das der Soziologe als kollektive Identifikation bezeichnet und der normale Mensch schlicht als Stimmung.

Gerade darin liegt das Problem, denn Stimmung ist schwer kontrollierbar.

Die Zuschauer denken in diesem Augenblick nicht über historische Diskurse nach. Sie reflektieren nicht über die Dekonstruktion nationaler Narrative. Sie beschäftigen sich nicht mit den Fußnoten kulturwissenschaftlicher Fachaufsätze.

Sie freuen sich auf ein Fußballspiel.

Für manche Kommentatoren ist genau das beunruhigend.

Die Republik der Dauerwarnungen

Eine besondere Figur der Gegenwart ist der professionelle Warner.

Früher war seine Existenz an konkrete Gefahren gebunden. Es gab Feuer, Überschwemmungen oder feindliche Armeen. Heute muss die Warnung häufiger selbst die Gefahr ersetzen.

Die moderne Alarmkultur funktioniert dabei erstaunlich effizient. Sobald ein Phänomen auftaucht, das von Millionen Menschen als selbstverständlich empfunden wird, beginnt die Suche nach seinem verborgenen Bedrohungspotenzial.

Die Nationalhymne? Gefährlich.
Die Fahne? Problematisch.
Patriotismus? Kompliziert.
Zusammenhalt? Ambivalent.
Ehre? Schwierig.

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Wahrscheinlich würde selbst die gegenseitige Begrüßung mit einem freundlichen Händedruck irgendwann als möglicher Einstieg in autoritäre Sozialstrukturen analysiert werden.

Es entsteht eine eigentümliche Situation: Je normaler ein gesellschaftliches Verhalten ist, desto größer scheint mitunter das Bedürfnis zu sein, seine potenziellen Schattenseiten zu erforschen.

Die eigentliche Pointe besteht darin, dass diese permanente Problematisierung selten zu größerer Gelassenheit führt. Im Gegenteil. Sie erzeugt genau jene Nervosität, die sie angeblich bekämpfen möchte.

Patriotismus als kontrollierte Kernspaltung

Der Schriftsteller George Orwell bemerkte einst, Patriotismus sei von dem Wunsch geprägt, die eigene Lebensweise zu verteidigen, ohne sie anderen aufzuzwingen.

Nationalismus dagegen sei der Wunsch nach Macht über andere.

Die Unterscheidung ist weder neu noch besonders kompliziert.

Trotzdem gelingt es der öffentlichen Debatte regelmäßig, beide Begriffe in einen Mixer zu werfen und anschließend überrascht festzustellen, dass ein semantischer Smoothie entstanden ist.

Wer seine Nationalmannschaft unterstützt, möchte gewöhnlich kein Nachbarland erobern.
Wer eine Fahne schwenkt, plant meist keine Grenzrevision.
Wer die Hymne singt, bereitet selten einen Staatsstreich vor.

Die überwältigende Mehrheit der Menschen empfindet ihre nationale Zugehörigkeit ähnlich wie ihre regionale Herkunft oder ihre Vereinsmitgliedschaft: als Teil ihrer Identität, nicht als Waffe gegen andere.

Doch diese banale Erkenntnis besitzt den Nachteil, wenig Stoff für dramatische Fernsehdiskussionen zu liefern.

Die Elite und der gewöhnliche Fan

Zwischen Teilen der kulturellen Elite und großen Teilen der Bevölkerung hat sich über Jahrzehnte ein bemerkenswerter Graben entwickelt.

Auf der einen Seite stehen Menschen, die nationale Symbole vor allem durch die Brille historischer Katastrophen betrachten.

Auf der anderen Seite stehen Menschen, die nationale Symbole vor allem durch die Brille ihres Alltags betrachten.

Die einen sehen historische Lasten. Die anderen sehen ihre Mannschaft.
Die einen analysieren. Die anderen jubeln.
Die einen formulieren Warnungen. Die anderen bestellen noch ein Getränk.

Das bedeutet keineswegs, dass Geschichte vergessen werden sollte. Im Gegenteil. Geschichte sollte erinnert werden. Aber Erinnerung verliert ihren Wert, wenn sie sich von der Realität der Gegenwart vollständig ablöst und beginnt, selbst harmlose Erscheinungen als Vorboten kommender Unheile zu interpretieren.

TIP:  Danke für gar nichts

Wer überall Gespenster sucht, wird irgendwann jedes flatternde Stück Stoff für einen Drachen halten.

Das Recht auf Unkompliziertheit

Vielleicht liegt die tiefere Ursache dieser Debatten in einem grundsätzlichen Missverständnis über den Menschen.

Der Mensch ist kein akademisches Seminar. Er ist kein Forschungsprojekt. Er ist kein ständig zu korrigierendes gesellschaftliches Fehlprogramm.

Menschen suchen Zugehörigkeit. Sie suchen Geschichten. Sie suchen Symbole. Sie suchen Gemeinschaften, in denen sie sich wiedererkennen.

Darin liegt nichts Außergewöhnliches. Es ist vielmehr eine anthropologische Konstante, die älter ist als jede moderne Ideologie.

Wenn Tausende vor einem Fußballspiel ihre Hymne singen, dann geschieht meist etwas ausgesprochen Unspektakuläres.

Sie drücken aus, dass sie zu etwas gehören.

Nicht mehr.

Aber eben auch nicht weniger.

Und vielleicht besteht die eigentliche Ironie unserer Zeit darin, dass manche Beobachter ausgerechnet vor diesem harmlosen Bedürfnis eine Furcht entwickelt haben, die sie selbst kaum noch erklären können. So klammern sie sich an ihre Warnungen wie ein Schiffbrüchiger an eine verrottete Planke und hoffen, dass irgendwo hinter der nächsten Fahne doch noch die große Gefahr lauert.

Währenddessen wird im Stadion gesungen.

Die Fahne flattert.
Das Spiel beginnt.

Und die Republik überlebt erneut eine weitere Strophe der Nationalhymne.