Es gehört zu den bemerkenswerten Eigenheiten moderner westlicher Demokratien, dass sie sich mit wachsender Leidenschaft der Bekämpfung jener Symbole widmen, die sie einst hervorgebracht haben. Kaum ein Schauspiel illustriert diesen merkwürdigen Vorgang deutlicher als die regelmäßige Aufregung um das St.-Georgs-Kreuz in England. Jenes schlichte rote Kreuz auf weißem Grund, das über Jahrhunderte Kriege, Friedenszeiten, Seefahrten, Katastrophen und Triumphe überstanden hat, wird heute von Teilen der politischen und kulturellen Elite mit einer Mischung aus Misstrauen, Nervosität und moralischer Panik betrachtet, die einst eher religiösen Sekten oder mittelalterlichen Hexengerichten vorbehalten war. Die Flagge selbst hat sich dabei nicht verändert. Das Tuch besteht noch immer aus Stoff, die Farben sind dieselben, die Geschichte ebenfalls. Geändert hat sich lediglich die Wahrnehmung jener Menschen, die ihre eigene nationale Identität zunehmend als Problem betrachten und daher überall dort Gefahren wittern, wo gewöhnliche Bürger lediglich Verbundenheit mit ihrem Land ausdrücken möchten.
Die Szene bei Jeremy Vine wirkte deshalb fast wie eine kleine Momentaufnahme eines größeren kulturellen Dramas. Auf der einen Seite die Stimme eines Anrufers, der mit entwaffnender Einfachheit darauf hinwies, dass die Flagge Englands eben die Flagge Englands sei. Auf der anderen Seite jene inzwischen vertraute Haltung, die nationale Symbole nicht mehr nach ihrem Ursprung beurteilt, sondern nach den schlimmstmöglichen Assoziationen, die sich irgendein politischer Aktivist dazu ausdenken kann. Es ist eine bemerkenswerte Methode der Argumentation: Man erklärt zunächst, ein Symbol sei von unerwünschten Gruppen benutzt worden, und folgert anschließend, das Symbol selbst sei verdächtig. Nach derselben Logik müsste man die Demokratie abschaffen, weil Diktatoren gelegentlich von Demokratie sprechen, oder die Menschenrechte verbieten, weil auch autoritäre Regime entsprechende Formulierungen in ihre Verfassungen schreiben. Die Absurdität solcher Gedankengänge springt sofort ins Auge, sobald sie auf andere Bereiche angewendet werden. Im Falle nationaler Symbole jedoch scheint ein erheblicher Teil des politischen Betriebs jeden Sinn für Proportion verloren zu haben.
Die seltsame Hierarchie der Flaggen
Noch bemerkenswerter wird die Angelegenheit bei der Betrachtung jener Flaggen, die heute als uneingeschränkt respektabel gelten. In vielen Kommunen flattern Fahnen internationaler Organisationen, politischer Bewegungen oder transnationaler Anliegen mit offizieller Billigung über öffentlichen Gebäuden. Die Europaflagge wird als Ausdruck von Offenheit verstanden, die Regenbogenflagge als Zeichen von Vielfalt, die Flagge verschiedenster internationaler Solidaritätskampagnen als Beweis moralischer Sensibilität. Keine dieser Fahnen löst größere Besorgnis aus. Niemand warnt vor gesellschaftlichen Spannungen. Niemand befürchtet eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Niemand erklärt, die Bevölkerung könne sich durch ihre bloße Sichtbarkeit ausgegrenzt fühlen. Erst in dem Augenblick, in dem die Flagge des eigenen Landes auftaucht, beginnt das große Zittern. Plötzlich treten Sicherheitsbedenken auf den Plan wie Pilze nach einem Sommerregen. Verwaltungsvorschriften werden konsultiert. Risikoanalysen werden erstellt. Ausschüsse beraten. Experten äußern sich. Es entsteht der Eindruck, als handle es sich nicht um eine historische Nationalflagge, sondern um einen radioaktiven Gegenstand, dessen Berührung nur unter strengsten Schutzmaßnahmen erfolgen darf.
Diese bemerkenswerte Asymmetrie verrät mehr über die geistige Verfassung bestimmter politischer Milieus als über die Flagge selbst. Denn die Botschaft lautet letztlich: Jede Identität ist willkommen, solange sie nicht die historische Mehrheit betrifft. Jede Form kollektiver Zugehörigkeit verdient Respekt, solange sie nicht an die nationale Gemeinschaft erinnert. Patriotismus wird dabei mit einem Argwohn betrachtet, der an einen Gesundheitsinspektor erinnert, der in jeder Suppe sofort eine tödliche Vergiftung vermutet. Nationale Symbole müssen sich rechtfertigen. Internationale oder ideologische Symbole genießen dagegen einen Vertrauensvorschuss. Die paradoxe Folge besteht darin, dass die Zugehörigkeit zu entfernten Gemeinschaften gefeiert wird, während die Zugehörigkeit zur eigenen Nation zunehmend als peinliche Charaktereigenschaft erscheint.
Die Erfindung der Ausgrenzung
Besonders aufschlussreich ist die Behauptung, das St.-Georgs-Kreuz sei „vereinnahmt worden, um Ausgrenzung zu bedeuten“. Dieser Gedanke gehört zu jener Kategorie moderner politischer Aussagen, die umso überzeugter vorgetragen werden, je weniger sie einer nüchternen Überprüfung standhalten. Fast jedes bedeutende Symbol einer Nation wurde irgendwann von politischen Gruppen unterschiedlichster Art benutzt. Das gilt für Flaggen, Hymnen, historische Persönlichkeiten und sogar für die Sprache selbst. Wer aus einer solchen Tatsache den Schluss zieht, das Symbol sei dadurch dauerhaft kontaminiert, betreibt keine Analyse, sondern eine Form kultureller Enteignung.
Interessanterweise funktioniert dieses Prinzip ausschließlich in eine Richtung. Niemand käme auf die Idee, sämtliche linken Symbole zu verbannen, weil sich unter ihren Anhängern gewaltbereite Extremisten befanden. Niemand fordert die Abschaffung internationaler Organisationen, weil sich manche ihrer Unterstützer radikal äußern. Die Kollektivschuld wird selektiv angewandt. Sie trifft stets dieselben Objekte und dieselben Traditionen. Das nationale Symbol wird für die Handlungen einiger weniger verantwortlich gemacht, während andere Symbole von jeder Mitverantwortung freigesprochen werden. Es handelt sich um eine politische Theologie mit erstaunlich flexiblen Dogmen.
Die Scham als Staatsphilosophie
Unter der Oberfläche dieser Debatten verbirgt sich ein tieferer kultureller Wandel. Viele politische Funktionäre scheinen von der Überzeugung geprägt zu sein, dass nationale Geschichte vor allem eine Ansammlung von Verfehlungen sei. Die Vergangenheit erscheint nicht mehr als komplexes Erbe aus Erfolgen und Irrtümern, sondern als moralische Last, die ständig öffentlich bekannt werden muss. Patriotismus wird dadurch nicht als legitime Form der Zugehörigkeit verstanden, sondern als potenzieller Verdachtsmoment. Die Nation verwandelt sich von einer Gemeinschaft in ein Problemfeld. Das historische Gedächtnis wird zu einer endlosen Selbstanklage.
Diese Haltung produziert eine eigentümliche Form institutionalisierter Scham. Staaten, die über Jahrhunderte hinweg Parlamente entwickelten, Rechtsstaatlichkeit förderten, wissenschaftliche Innovationen hervorbrachten und globale kulturelle Beiträge leisteten, begegnen ihrer eigenen Existenz inzwischen häufig mit der Nervosität eines Angeklagten vor der Urteilsverkündung. Ausgerechnet jene Gesellschaften, die Freiheit und Pluralismus zu ihren höchsten Werten erklären, wirken zunehmend unsicher, sobald es um die eigene nationale Identität geht. Das Ergebnis ist eine paradoxe Situation: Je toleranter eine Gesellschaft sein möchte, desto intoleranter wird sie gegenüber den Symbolen ihrer eigenen historischen Kontinuität.
Das Recht auf gewöhnlichen Patriotismus
Der eigentliche Skandal besteht daher nicht darin, dass Menschen eine Flagge hissen. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass ein solcher Vorgang überhaupt einer Rechtfertigung bedarf. Die meisten Bürger verbinden mit ihrer Nationalflagge weder Aggression noch Überlegenheit. Sie denken an Sportereignisse, historische Erinnerungen, familiäre Traditionen, gemeinsame Erfahrungen und das schlichte Bewusstsein, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein. Das ist weder revolutionär noch gefährlich. Es ist eine der normalsten menschlichen Empfindungen überhaupt.
Die Vorstellung, nationale Verbundenheit müsse ständig gegen den Vorwurf der Intoleranz verteidigt werden, offenbart eine bemerkenswerte Entfremdung zwischen politischen Eliten und großen Teilen der Bevölkerung. Während gewöhnliche Menschen in einer Flagge ein Symbol gemeinsamer Zugehörigkeit erkennen, sehen manche Funktionäre bereits den Schatten kommender Konflikte. Wo Bürger Heimat empfinden, erkennen Bürokratien Risiko. Wo Menschen Zusammenhalt sehen, diagnostizieren Aktivisten Ausgrenzung. Die Flagge wird dadurch zum unfreiwilligen Symbol einer viel größeren kulturellen Auseinandersetzung: der Frage, ob Nationen noch das Recht besitzen, sich selbst zu mögen.
Am Ende bleibt eine schlichte Wahrheit bestehen, die trotz aller Expertengremien, Leitfäden, Sensibilisierungsseminare und Krisensitzungen erstaunlich widerstandsfähig ist: Eine Nation, die ihre eigene Flagge mit größerem Misstrauen betrachtet als die Fahnen beliebiger politischer Bewegungen, hat nicht ein Problem mit dem Symbol. Sie hat ein Problem mit sich selbst. Und keine noch so umfangreiche kommunale Verordnung wird jemals in der Lage sein, dieses Problem unter einem Stück Stoff zu begraben.