Die Kunst der moralischen Gleichsetzung

Es gehört zu den eigentümlichen Merkmalen moderner Talkshows, dass jede historische Erfahrung, jede religiöse Tradition und jede kulturelle Besonderheit früher oder später in den Schredder einer moralischen Gleichmacherei geworfen wird. Dort werden Unterschiede sorgfältig entfernt, Bedeutungen abgeschliffen und historische Zusammenhänge entsorgt, bis nur noch ein handlicher Brei aus Schlagworten übrig bleibt. In dieser Form lässt sich dann nahezu alles mit allem vergleichen. Die Französische Revolution wird zum Vorläufer moderner Verkehrsberuhigung, mittelalterliche Klöster zu frühen Coworking-Spaces und religiöse Symbole verschiedener Traditionen werden zu austauschbaren Accessoires einer angeblich universellen Unterdrückungsgeschichte. Dass eine solche Methode weniger über die verglichenen Gegenstände aussagt als über die Gedankenwelt der Vergleichenden selbst, scheint dabei selten zu stören.

Besonders bemerkenswert wird dieses Verfahren, wenn es auf das Judentum angewandt wird. Acht Jahrzehnte nach der Befreiung der nationalsozialistischen Vernichtungslager sollte eigentlich bekannt sein, dass jüdische Religionssymbole in Europa nicht bloß Gegenstände theologischer Bedeutung sind. Sie tragen auch die Erinnerung an Jahrhunderte der Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich an den beispiellosen Versuch ihrer vollständigen Auslöschung in sich. Wer über die Kippa spricht, spricht daher nicht nur über ein Stück Stoff. Er spricht über eine religiöse Tradition, über Identität, über Sichtbarkeit und nicht zuletzt über die Freiheit, als Jude öffentlich erkennbar sein zu dürfen.

Gerade deshalb wirkt die Forderung nach einem Kippa-Verbot wie ein Lehrstück darüber, wie historische Sensibilität in ideologischen Debatten verloren gehen kann. Noch erstaunlicher wird die Angelegenheit, wenn die Begründung in einer Gleichsetzung der Kippa mit dem islamischen Kopftuch besteht. Denn die Logik eines solchen Vergleichs ähnelt jener eines Menschen, der ein Fahrrad und ein U-Boot für identische Verkehrsmittel hält, weil beide irgendwie der Fortbewegung dienen. Die Gemeinsamkeit existiert auf einem derart abstrakten Niveau, dass sie praktisch bedeutungslos wird.

Die Kippa erfüllt innerhalb des Judentums eine klar umrissene religiöse Funktion. Sie ist Ausdruck von Ehrfurcht und Demut vor Gott. Sie erinnert daran, dass über dem Menschen etwas Höheres steht. Ihr Symbolgehalt richtet sich nicht auf gesellschaftliche Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit, nicht auf Geschlechterrollen und nicht auf soziale Kontrolle. Sie ist ein religiöses Zeichen, das den Träger selbst an seine Beziehung zu Gott erinnert. Ob ein Jude eine Kippa trägt oder nicht, verändert weder den gesellschaftlichen Status anderer Menschen noch definiert es deren Rolle innerhalb der Gemeinschaft.

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Das islamische Kopftuch wiederum wird von seinen Trägerinnen höchst unterschiedlich verstanden. Viele Frauen betrachten es als Ausdruck ihrer Frömmigkeit, ihrer kulturellen Identität oder ihrer persönlichen religiösen Überzeugung. Zugleich lässt sich nicht leugnen, dass es in zahlreichen islamischen Gesellschaften auch eine politische und soziale Dimension besitzt. In Ländern wie dem Iran oder Afghanistan ist das Tragen keineswegs immer Ergebnis einer freien Entscheidung. Dort wird es staatlich oder gesellschaftlich erzwungen und dient als sichtbares Symbol eines Systems, das weibliche Selbstbestimmung begrenzt. Gerade deshalb ist die Debatte um das Kopftuch komplex und umstritten.

Doch genau diese Komplexität verschwindet, wenn alles unterschiedslos in einen Topf geworfen wird. Die Kippa wird dann zum jüdischen Pendant des Kopftuchs erklärt, obwohl beide aus völlig verschiedenen religiösen Traditionen stammen, unterschiedliche historische Entwicklungen durchlaufen haben und unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen erfüllen. Der Vergleich erzeugt den Eindruck intellektueller Tiefe, wo tatsächlich nur begriffliche Nachlässigkeit herrscht. Es handelt sich um jene Art von Argumentation, die in Fernsehstudios oft als mutiger Tabubruch gefeiert wird, obwohl sie bei näherer Betrachtung eher an die Entdeckung erinnert, dass ein Fisch und ein Vogel gleichermaßen Sauerstoff benötigen.

Die Verwechslung von Freiheit und Zwang

Besonders fragwürdig wird die Angelegenheit dort, wo freiwillige religiöse Praxis mit erzwungenen gesellschaftlichen Normen gleichgesetzt wird. Zwischen einem Symbol, das aus eigener Überzeugung getragen wird, und einer Bekleidungsvorschrift, deren Missachtung soziale Ächtung, staatliche Repression oder sogar Gewalt nach sich ziehen kann, besteht ein fundamentaler Unterschied. Wer diesen Unterschied ignoriert, verwechselt Freiheit mit Zwang und Gewissensentscheidung mit sozialer Kontrolle.

Die Geschichte Europas hätte eigentlich genügend Material geliefert, um solche Kategorien auseinanderzuhalten. Sie kennt religiöse Minderheiten, die gezwungen wurden, ihre Symbole abzulegen. Sie kennt Staaten, die Menschen vorschrieben, was sie glauben, sagen oder tragen durften. Und sie kennt die Folgen solcher Politik. Vor diesem Hintergrund erscheint die Idee eines Kippa-Verbots nicht als Fortschritt, sondern als bemerkenswerte Wiederaufnahme eines Denkens, das religiöse Sichtbarkeit als Problem betrachtet und staatliche Regulierung als Lösung.

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Die Talkshow als Fabrik der gedanklichen Kurzschlüsse

Fernsehdebatten besitzen eine eigentümliche Fähigkeit, komplizierte Fragen in Sätze von exakt jener Länge zu verwandeln, die zwischen zwei Werbeblöcken Platz finden. Differenzierung gilt als Zeitverschwendung, historische Kenntnisse als Belastung für den Gesprächsfluss und intellektuelle Präzision als Gefahr für die Einschaltquote. Das Ergebnis sind Aussagen, die in wenigen Sekunden ausgesprochen werden können, deren Widerlegung aber ganze Vorlesungen füllen würde.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik solcher Debatten. Nicht die Provokation selbst ist bemerkenswert, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgetragen wird. Der Eindruck entsteht, als seien religiöse Traditionen bloß austauschbare Bausteine eines vorgefertigten ideologischen Weltbildes. Wer genauer hinsieht, erkennt jedoch etwas anderes: Nicht die Kippa wird missverstanden. Missverstanden wird die Bedeutung von Religionsfreiheit selbst.

Denn Religionsfreiheit bedeutet nicht, alle religiösen Symbole für identisch zu erklären. Sie bedeutet auch nicht, jede Tradition unter denselben Verdacht zu stellen. Sie beginnt vielmehr mit der Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen, historische Erfahrungen ernst zu nehmen und Menschen die Freiheit zuzugestehen, ihren Glauben sichtbar zu leben. Gerade dort, wo diese Fähigkeit verloren geht, verwandelt sich aufgeklärte Kritik in bloße Karikatur ihrer selbst.