Die große Reinigung des Unreinigbaren

Es gibt Institutionen, deren Existenzberechtigung so oft geprüft, verteidigt, kritisiert, reformiert, untersucht, neu strukturiert, evaluiert und anschließend wieder verteidigt wurde, dass irgendwann nicht mehr klar ist, ob sie eigentlich einem politischen Zweck dienen oder lediglich ihrer eigenen Verwaltung. In diese seltene Kategorie fällt jenes bemerkenswerte Gebilde internationaler Bürokratie, das unter dem Namen UNRWA seit Jahrzehnten eine Sonderstellung innerhalb der internationalen Organisationen einnimmt. Während gewöhnliche Behörden versuchen, Probleme zu lösen, besteht die eigentümliche Kunst mancher supranationaler Einrichtungen darin, Probleme zu verwalten, ihre Verwaltung zu dokumentieren und anschließend Berichte über die Dokumentation ihrer Verwaltung zu veröffentlichen. Die eigentliche Herausforderung liegt dabei nicht im Handeln, sondern in der Formulierung. Nichts geschieht einfach. Alles wird „adressiert“, „aufgearbeitet“, „evaluiert“, „kontextualisiert“ oder „in einen geeigneten Rahmen eingebettet“. Selbst ein Skandal erscheint dort weniger als Ereignis denn als administrativer Prozess mit mehreren Anhängen und einem begleitenden Workshop.

Vor diesem Hintergrund wirken die von Menschenrechtsaktivisten und Beobachtern vorgetragenen Vorwürfe gegen die Organisation beinahe wie ein Angriff auf die heilige Grundordnung internationaler Bürokratie. Die Behauptung, eine größere Zahl von Mitarbeitern könne Verbindungen zu einer islamistischen Terrororganisation gehabt haben, stellt nämlich nicht nur eine Sicherheitsfrage dar. Sie berührt das Fundament einer ganzen Kultur des institutionellen Selbstverständnisses. Denn die moderne internationale Verwaltung geht von einer beinahe theologischen Annahme aus: Wo ein offizielles Namensschild hängt, dort kann grundsätzlich nichts grundlegend falsch laufen. Fehler mögen vorkommen, Versäumnisse ebenfalls, Kommunikationsprobleme sogar regelmäßig. Aber strukturelle Fehlentwicklungen? Das wäre ungefähr so vorstellbar wie ein Feuerwehrmann, der Feuer für eine interessante Form von Wärme hält.

Die Kunst der selektiven Überraschung

Besonders faszinierend ist dabei das Schauspiel der institutionellen Überraschung. Kaum werden neue Vorwürfe bekannt, erhebt sich regelmäßig ein Chor tiefster Verwunderung. Man sei „erschüttert“. Man sei „besorgt“. Man nehme die Angelegenheit „äußerst ernst“. Es handelt sich um Formulierungen, die inzwischen ungefähr dieselbe Aussagekraft besitzen wie die Durchsage eines Bahnhofssprechers, dass ein Zug verspätet sei. Niemand erwartet etwas anderes.

Wenn schließlich Mitarbeiter entlassen werden, geschieht dies mit jener Mischung aus Entschlossenheit und Bedauern, die sonst nur bei der Schließung einer besonders verlustreichen Kantine zu beobachten ist. Die Öffentlichkeit soll erkennen, dass gehandelt wird. Gleichzeitig soll niemand auf die Idee kommen zu fragen, warum dieses Handeln erst jetzt erfolgt. Die Entlassung von mehreren Dutzend Personen wirkt dabei wie die politische Version eines Hausbesitzers, der nach zwanzig Jahren entdeckt, dass sich im Keller ein ausgewachsener Elefant befindet, und anschließend erklärt, man werde die Angelegenheit gründlich untersuchen.

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Die eigentliche Komik entsteht jedoch aus der Diskrepanz zwischen den Dimensionen der Vorwürfe und der Sprache ihrer Bearbeitung. Wo Kritiker von Netzwerken sprechen, antworten Institutionen mit Verfahrensrichtlinien. Wo Aktivisten Alarm schlagen, erscheinen Arbeitsgruppen. Wo von ideologischer Unterwanderung die Rede ist, wird ein neuer Compliance-Bericht angekündigt. Der moderne Verwaltungsapparat besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, selbst einen Vulkanausbruch in die Kategorie „ungewöhnliche geothermische Aktivität“ einzuordnen.

Die Republik der Experten und ihre Hohepriester

In den höheren Etagen internationaler Organisationen existiert zudem eine eigene soziale Schicht, eine Art transnationaler Beamtenadel. Seine Mitglieder wechseln mühelos zwischen Ministerien, Hilfswerken, Kommissionen, Sondermissionen und internationalen Konferenzen. Sie sprechen eine Sprache, die für Außenstehende wie eine Mischung aus Diplomatie, Betriebswirtschaft und liturgischem Gesang wirkt. Konflikte werden nicht gelöst, sondern moderiert. Probleme werden nicht beseitigt, sondern gemanagt. Misserfolge werden nicht eingestanden, sondern in komplexe Zusammenhänge eingebettet.

In dieser Welt gleicht die Karriere weniger einer beruflichen Laufbahn als einer Pilgerreise zwischen klimatisierten Konferenzräumen. Der Reisepass enthält mehr Visa als die Bibliothek einer juristischen Fakultät Gesetzeskommentare. Der durchschnittliche Bürger begegnet solchen Persönlichkeiten höchstens auf Gruppenfotos internationaler Gipfeltreffen und nimmt an, dort werde über die Zukunft der Menschheit entschieden. Tatsächlich wird häufig darüber diskutiert, welche Arbeitsgruppe den Entwurf eines Papiers vorbereiten soll, das später die Grundlage eines Konsultationsprozesses bilden könnte.

Gerät eine solche Person in die Kritik, entsteht sofort eine eigentümliche Spannung. Die Kritiker sehen eine politische Verantwortung. Die Verteidiger sehen eine respektable Karriere. Die betreffende Person selbst sieht meist einen komplexen Sachverhalt, der weiterer Erläuterung bedarf. So verwandelt sich jede Kontroverse in ein Ritual, bei dem niemand etwas gewusst haben will, obwohl gleichzeitig alle Beteiligten über bemerkenswert detaillierte Kenntnisse verfügen.

Der Marktwert der moralischen Verantwortung

Besonders eindrucksvoll wird das Schauspiel, wenn personelle Konsequenzen ins Spiel kommen. Die moderne Bürokratie hat nämlich eine bemerkenswerte Erfindung hervorgebracht: die bezahlte Verantwortungslosigkeit. In früheren Jahrhunderten verlor ein Beamter bei schwerem Fehlverhalten seinen Posten. Heute verliert er gelegentlich ebenfalls seinen Posten, erhält jedoch zusätzlich eine großzügige finanzielle Würdigung seiner langjährigen Verdienste.

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So entsteht jene faszinierende Situation, in der eine Organisation öffentlich erklärt, das Verhalten eines Funktionärs sei unvereinbar mit ihren Standards gewesen, während dieselbe Organisation ihm gleichzeitig eine Abfindung von 50.000 Dollar überweist. Das erinnert an einen Restaurantbesitzer, der einen Koch wegen ungenießbarer Speisen entlässt und ihm zum Abschied einen Preis für kulinarische Exzellenz verleiht.

Die Logik dahinter ist bestechend. Verantwortung soll sichtbar werden, aber nicht unangenehm. Konsequenzen sollen stattfinden, aber niemanden belasten. Die institutionelle Ordnung soll gewahrt bleiben, selbst wenn sie gerade offiziell eingestanden hat, dass etwas erheblich schiefgelaufen ist. Der moderne Verwaltungsstaat hat damit eine Form politischer Alchemie entwickelt: Er verwandelt Skandale in Personalmaßnahmen und Personalmaßnahmen in finanzielle Anerkennungen.

Die Moral der Unangreifbaren

Noch bemerkenswerter ist die Rolle jener moralischen Autoritäten, die innerhalb internationaler Institutionen häufig eine nahezu sakrale Stellung einnehmen. Ihre Aussagen werden nicht einfach bewertet, sondern interpretiert. Ihre Fehltritte gelten nicht als Fehltritte, sondern als Missverständnisse. Ihre Polemiken erscheinen als notwendige Zuspitzungen im Dienste einer höheren Sache.

Gerade deshalb entfalten Kontroversen um einzelne Funktionsträger oder Sonderberichterstatter eine so große Wirkung. Sie berühren den Mythos der moralischen Unfehlbarkeit. Denn die moderne politische Kultur liebt Heldenfiguren mit institutionellem Briefkopf. Wer im Namen der Menschheit spricht, soll möglichst wenig menschliche Schwächen zeigen. Tut er es doch, beginnt ein bemerkenswertes Schauspiel kollektiver Rationalisierung.

Plötzlich werden scharfe Bemerkungen zu Kontextfragen. Polemiken verwandeln sich in Kommunikationsprobleme. Geschmacklose Kommentare werden zu missverstandenen Formulierungen. Die Diskussion dreht sich nicht mehr um den Inhalt, sondern um die Interpretation des Inhalts. Der eigentliche Vorgang verschwindet hinter einer Wolke aus Stellungnahmen, Gegendarstellungen und Erläuterungen.

Die Kartographen des Absurden

Besondere Satire schreibt allerdings die Realität selbst, wenn Aktivisten beginnen, Netzwerke, Verbindungen und personelle Überschneidungen kartographisch darzustellen. Moderne Politik gleicht zunehmend einem gigantischen Organigramm, in dem jeder jeden kennt, mit jedem zusammengearbeitet hat oder irgendwann auf derselben Konferenz ein Buffet teilte. Die Folge ist eine Art geopolitischer Ahnenforschung, bei der Linien, Pfeile und Kästchen zu einem Kunstwerk administrativer Verwandtschaft anwachsen.

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Der Betrachter blickt auf solche Schaubilder wie auf mittelalterliche Darstellungen der Hölle. Überall Namen, Verbindungen, Beziehungen und Zuständigkeiten. Die zentrale Erkenntnis lautet dabei stets dieselbe: Die Welt internationaler Organisationen ist erheblich kleiner, als sie vorgibt. Wer lange genug in diesem Kosmos unterwegs ist, begegnet denselben Personen in immer neuen Funktionen, als handele es sich um eine Wandertheatergruppe, die lediglich ihre Kostüme wechselt.

Das ewige Schlusswort

Am Ende jeder solchen Affäre bleibt ein eigentümlicher Nachgeschmack zurück. Nicht weil alle Vorwürfe zwingend bewiesen wären oder alle Kritiker zwangsläufig recht hätten. Sondern weil die Reaktionen der Institutionen oft eine Wahrheit offenbaren, die weit über den konkreten Fall hinausreicht. Große Organisationen besitzen eine beinahe übernatürliche Fähigkeit zur Selbsterhaltung. Sie können Fehler eingestehen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Sie können Reformen ankündigen, ohne sich grundlegend zu verändern. Sie können Mitarbeiter entlassen und gleichzeitig ihre eigene Unschuld betonen.

Der eigentliche Gegenstand der Satire ist daher nicht eine einzelne Person, nicht eine einzelne Behörde und nicht einmal ein einzelner Skandal. Gegenstand der Satire ist eine politische Kultur, die jedes Problem zunächst in ein Formular verwandelt. Eine Kultur, in der Empörung standardisiert, Verantwortung verwaltet und Aufarbeitung organisiert wird. Eine Kultur, die selbst dann noch einen Ausschuss einsetzt, wenn das Gebäude bereits brennt.

Und während draußen die Welt lautstark über Schuld, Verantwortung, Terrorismus, Menschenrechte und politische Konsequenzen streitet, sitzt irgendwo eine Arbeitsgruppe zusammen und diskutiert die Formulierung des nächsten Zwischenberichts. Der Bericht wird später feststellen, dass weiterer Klärungsbedarf besteht. Das war vorhersehbar. In der internationalen Bürokratie ist Klärungsbedarf keine vorübergehende Erscheinung. Er ist ein Geschäftsmodell.